Der eiserne Gustav

Ungekürzte und kommentierte Ausgabe
 
 
Null Papier Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Januar 2018
  • |
  • 1046 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96281-332-1 (ISBN)
 
*** Ungekürzte und kommentierte Ausgabe *** Berlin, zwischen Weltkrieg und Weimar. Der sturköpfige Gustav Hackendahl, ein Berliner Original wie aus dem Bilderbuch und von allen nur ob seiner Strenge gegen sich und andere 'eiserner Gustav' genannt, betreibt ein kleines Fuhrunternehmen. In den Wirren der Kriegszeit und ihrer Folgen kämpft er als Kutscher ums Überleben. Doch das Schicksal meint es nicht leicht mit ihm: Seine Familie ist zerstritten, mit den Kindern liegt er überkreuz, sein Unternehmen ist vom sich abzeichnenden Erfolg des Automobils bedroht. Wie um es sich und der Welt noch einmal zu zeigen, macht er sich auf eine letzte Reise mit seiner Kutsche: Berlin-Paris-Berlin soll die Route sein. Ein versöhnlicherer Roman von Fallada, der in der Figur des Gustav Hackendahl wenigstens ein 'bissken' trotzigen Optimismus verbreiten kann. Der Stoff wurde bereits zweimal vortrefflich verfilmt: mit Heinz Rühmann und mit dem unvergessen Gustav Knuth in den Hauptrollen. Null Papier Verlag

Hans Fallada (21. Juli 1893-5. Februar 1947), eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, war ein deutscher Schriftsteller. Sein nüchterner, objektiver Stil, in dem er seine fiktionalen Berichte über meist scheiternde Gestalten verfasste, macht ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der 'Neuen Sachlichkeit'.
  • Deutsch
  • 3,03 MB
978-3-96281-332-1 (9783962813321)

5 - Der Schlüssel


Auf dem Flur hör­te Ha­cken­dahl wie­der den Schim­mel mah­nend klop­fen und ras­seln. Das Lieb­lings­tier des Herrn war ver­wöhnt, es for­der­te sich sein Ex­tra­fut­ter. Nein, es war nicht in Ord­nung mit dem Schim­mel und mit dem Erich auch nicht: Es war mit dem Herrn des Hau­ses nicht in Ord­nung! Nach au­ßen pein­li­che Ge­rech­tig­keit und Pf­licht­treue, aber eine hal­be Stun­de frü­her stand er auf und schüt­te­te dem Schim­mel eine Ex­tra­ra­ti­on, heim­lich, ehe der Fut­ter­meis­ter Ra­bau­se kam. Alle sei­ne Kin­der gal­ten ihm gleich, aber wenn der Erich schmei­chel­te und nicht abließ, so lach­te er schließ­lich, la­chend ge­währ­te er ihm, was er den an­de­ren brum­mig ab­schlug.

Er hat­te bei sich ge­meint, dies sei nicht schlimm, nie­mand konn­te sei­nem Her­zen be­feh­len, wen es lie­ber ha­ben soll­te. Aber es war schlimm, es war kei­ne Ord­nung, ja, es war so­gar wi­der die Ord­nung, die mensch­li­che und die gött­li­che, den Be­weis des­sen trug er in der Hand.

Er trug ihn in der Hand, zwi­schen zwei spit­zen Fin­gern trug er den Schlüs­sel, wie einen Zau­ber­schlüs­sel, des­sen Wir­kung man noch nicht ge­nau kennt, mit dem man vor­sich­tig um­ge­hen muss. Es ist ein Zau­ber­schlüs­sel, er schließt dem ei­ser­nen Gu­stav neue Er­kennt­nis­se auf. Kein Va­ter­herz kann ei­sern sein, es ist Bo­den, der im­mer neu ge­pflügt wird; man­che von den Pflug­fur­chen ver­ge­hen nie wie­der.

Ha­cken­dahl steht jetzt vor sei­nem Schreib­tisch; er weiß nicht ge­nau, wie er hier­her­ge­kom­men ist, aber nun ist er hier, und es gibt kein Zu­rück­wei­chen mehr. Gibt es das über­haupt je? Ein preu­ßi­scher Un­ter­of­fi­zier weicht nicht zu­rück, er sieht dem Feind ins Auge, er greift an! Ha­cken­dahl blickt auf den Schreib­tisch, es ist ein großes Stück aus hel­ler Ei­che, viel ge­schnitzt, die gel­ben Mes­sing­be­schlä­ge zei­gen Lö­wen­mäu­ler.

In solch ein Lö­wen­maul stößt er den Schlüs­sel, er dreht ihn im Schloss, sie­he da, der Schlüs­sel schließt. Es über­rascht ihn nicht, er hat es nie an­ders er­war­tet, als dass die­ser von ei­nem Schlos­ser an­ge­fer­tig­te Schlüs­sel sei­ne Schreib­tisch­schub­la­de schlie­ßen wür­de. Und er tut es nun also auch - Ha­cken­dahl sieht in die Lade. Plötz­lich fällt ihm ein, dass frü­her, als die Kin­der noch klei­ner wa­ren, rechts vorn im­mer ein Block aus braun­rot ge­brann­tem Zu­cker lag. Je­den Sonn­tag, nach dem Es­sen, tra­ten die Kin­der hier vor der Lade an. Der Va­ter hielt Ge­richt über die Wo­che, mit dem Mes­ser schnitt er Stücke von dem Zucker­block ab, je nach Ar­tig­keit, klei­ne­re und grö­ße­re. Er hat­te das für gut und ge­sund ge­hal­ten; in sei­ner Ju­gend war Zu­cker et­was Kost­ba­res ge­we­sen, man glaub­te da­mals, dass er große Kräf­te ver­lieh. Ha­cken­dahl hat­te star­ke Kin­der ha­ben wol­len .

Spä­ter hat­te sich her­aus­ge­stellt, dass dies falsch ge­we­sen war. Der Zahn­arzt hat­te er­klärt, vie­les Zu­cker­es­sen ver­der­be den Kin­dern die Zäh­ne. Ha­cken­dahl hat­te es gut ge­meint, hat­te es aber falsch ge­macht. Das war oft so im Le­ben: Man mein­te es gut und mach­te es doch falsch. Vi­el­leicht wuss­te man nicht ge­nug, hat­te zu we­nig ge­lernt. Mit Erich hat­te er es auch gut ge­meint und hat­te es falsch ge­macht. Er war nicht streng ge­nug ge­we­sen, und nun hat­te er einen Dieb zum Soh­ne, das Schlimms­te, was es gibt: einen Haus­dieb, einen Bur­schen, der El­tern und Ge­schwis­ter bes­tiehlt .

Der Mann vor der Schreib­tischla­de stöhnt auf. Sein Stolz ist ge­trof­fen, sei­ne Sau­ber­keit ist schmäh­lich be­schmutzt; wenn der Sohn stiehlt, kann der Va­ter nicht ohne Ma­kel sein! Er hat, wäh­rend er hier steht, ein sehr ge­nau­es Ge­fühl für die er­bar­mungs­los ver­rin­nen­de Zeit, er hat es vier Uhr schla­gen hö­ren. Er muss hin­un­ter in den Stall, Füt­tern und Put­zen der Pfer­de be­auf­sich­ti­gen. In ei­ner hal­b­en Stun­de kom­men schon die ers­ten Nacht­drosch­ken von ih­rer Tour zu­rück, er muss mit ih­nen ab­rech­nen. Er hat kei­ne Zeit, hier ta­ten­los zu ste­hen und über einen miss­ra­te­nen Sohn zu grü­beln.

Ja­wohl, er müss­te jetzt das Geld in den Lein­wand­beu­tel­chen nach­zäh­len, er müss­te den Fehl­be­trag fest­stel­len und den Sohn ver­neh­men. Dann das Füt­tern be­auf­sich­ti­gen und das Put­zen, an­span­nen las­sen, ab­rech­nen . Er tut nichts von al­le­dem, er schüt­telt nach­denk­lich ein Lein­wand­beu­tel­chen, So­phie hat mit ro­tem Fa­den in Kreuz­stich »10 Mark« dar­auf ge­stickt, das Beu­tel­chen ent­hält Gold­stücke, Zehn­mark­stücke .

Aber er zählt den In­halt nicht nach, er geht we­der zum Sohn noch in den Stall, er ist in Erin­ne­run­gen ver­sun­ken. Sei­ne Mi­li­tär­zeit hat ihn zum Mann ge­macht, sie hat ihm Grund­sät­ze ge­ge­ben, al­les, was er spä­ter er­leb­te, im tä­ti­gen bür­ger­li­chen Da­sein, es gab Bei­spie­le da­für in der Mi­li­tär­zeit, Richt­li­ni­en. Er er­in­ner­te sich so man­chen Die­bes in den Mann­schafts­stu­ben, es gab un­ver­bes­ser­li­che Ker­le, die ih­ren Ka­me­ra­den im­mer wie­der den Ta­bak oder die von Haus ge­schick­ten Würs­te stahlen. Da gab es erst Stu­ben­kei­le, er­bar­mungs­lo­se Prü­gel mit dem Kop­pel­schloss, in der dunklen Nacht, auf den nack­ten Hin­tern, wäh­rend das Ge­sicht mit ei­nem Woi­lach1 ver­deckt wur­de. Aber auch ohne das hät­te kein Un­ter­of­fi­zier Ohren für sol­ches Ge­schrei ge­habt .

Half aber die Kei­le nicht, war der Dieb wirk­lich un­ver­bes­ser­lich, ein Feind sei­ner Ka­me­ra­den, so gab es die Ent­eh­rung vor of­fe­ner Front, die Ver­set­zung zu ei­nem Straf­ba­tail­lon - Schan­de und Schmach. Ka­me­ra­den, ja, ein Ka­me­rad war et­was Gu­tes - aber war ein Va­ter nicht viel­leicht doch noch mehr? War es nicht viel ge­mei­ner, einen Va­ter zu be­steh­len als einen Ka­me­ra­den? Der alte Ha­cken­dahl steht zö­gernd, er sieht sei­nen Sohn vor sich, in drei Stun­den hat der sei­ne Schul­sa­chen zu neh­men und ins Gym­na­si­um zu ge­hen. Es ist fast un­mög­lich, sich aus­zu­den­ken, dass der Sohn nicht ins Gym­na­si­um ge­hen wird, nie wie­der, die­ser sein Stolz, sein Ehr­geiz! Und doch - es muss ja sein! Er sieht den Sol­da­ten vor der Front, einen ganz be­stimm­ten Sol­da­ten, mit ei­ner großen, höck­ri­gen, blei­chen Nase. Trä­nen lie­fen über sei­ne Ba­cken, aber er­bar­mungs­los sprach die Stim­me des Of­fi­ziers fort, das end­gül­ti­ge, un­wi­der­ruf­li­che, ver­dam­men­de Ur­teil über den Mann und Dieb .

Es darf kein Weich­sein ge­gen das ei­ge­ne Herz ge­ben; dass es das ei­ge­ne Fleisch und Blut ist, das sün­dig­te, än­dert nichts: Ein Dieb ist ein Dieb. Sie ha­ben ihn den ei­ser­nen Gu­stav ge­tauft, wohl halb im Spott, weil er so starr­köp­fig sein kann. Aber man kann aus ei­nem Spott­na­men auch einen Ehren­na­men ma­chen.

Und schon zählt er, und nur, als er die Höhe der feh­len­den Sum­me fest­ge­stellt hat, hält er einen Au­gen­blick be­stürzt inne. So viel .? Es kann doch nicht sein .! Aber es ist so - noch mehr Schan­de und Schmach! Das kann nicht nur ver­trun­ken sein, sieb­zehn Jah­re, und plötz­lich sieht der Va­ter hin­ter dem blas­sen, be­weg­li­chen, klu­gen Ge­sicht sei­nes Soh­nes die Frat­zen von Wei­bern, käuf­li­chen Wei­bern, je­dem sau­be­ren Man­ne ein Ekel! Sieb­zehn Jah­re .!

Mit ei­nem Ruck stößt er die...

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