Der Trinker

Ungekürzte und kommentierte Ausgabe
 
 
Null Papier Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. März 2018
  • |
  • 300 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96281-320-8 (ISBN)
 
Ein Kleinbürger säuft sich ins Verderben. In nur knapp zwei Wochen schrieb Fallada seinen - wie viele meinen - persönlichsten Roman nieder, während er wieder einmal im Gefängnis einsaß, weil er seine Frau im Suff misshandelt hatte. Im Lichte des unbarmherzigen Nazi-Regimes und der sich abzeichnenden Kriegsniederlage zeichnet der Autor hier leicht erkennbar seine eigene Geschichte auf. Der schwer alkoholabhängige, kleine Unternehmer Erwin Sommer befindet sich auf dem absteigenden Ast: Der Teufelskreis aus Suff, wirtschaftlichem Niedergang und permanenter Existenzangst hat ihn erfasst. Als er für unzurechnungsfähig erklärt und schließlich in eine 'Heilanstalt' eingewiesen wird, erkennt er, dass die Schrecken draußen nichts sind gegen die Tyrannei der Ärzte, Paragrafen und Pfleger. 'Solange ich schreibe, vergesse ich die Gitter vor dem Fenster' [Fallada] Keiner konnte die Abgründe des Menschen so beschreiben wie Fallada in seiner schnörkellosen Prosa. *** Ungekürzte und kommentierte Ausgabe *** Null Papier Verlag

Hans Fallada (21. Juli 1893-5. Februar 1947), eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, war ein deutscher Schriftsteller. Sein nüchterner, objektiver Stil, in dem er seine fiktionalen Berichte über meist scheiternde Gestalten verfasste, macht ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der 'Neuen Sachlichkeit'.
  • Deutsch
  • 2,18 MB
978-3-96281-320-8 (9783962813208)

1


Ich habe na­tür­lich nicht im­mer ge­trun­ken, es ist so­gar nicht sehr lan­ge her, dass ich mit Trin­ken an­ge­fan­gen habe. Frü­her ekel­te ich mich vor Al­ko­hol; al­len­falls trank ich mal ein Glas Bier; Wein schmeck­te mir sau­er, und der Ge­ruch von Schnaps mach­te mich krank. Aber dann kam eine Zeit, da es mir schlecht zu ge­hen an­fing. Mei­ne Ge­schäf­te lie­fen nicht so, wie sie soll­ten, und mit den Men­schen hat­te ich auch man­cher­lei Miss­ge­schick. Ich bin im­mer ein wei­cher Mensch ge­we­sen, ich brauch­te die Sym­pa­thie und Aner­ken­nung mei­ner Um­welt, wenn ich mir das auch nicht mer­ken ließ und stets sehr selbst­be­wusst und si­cher auf­trat. Das Schlim­me­re war, dass ich das Ge­fühl be­kam, auch mei­ne Frau wen­de sich von mir ab.

Es wa­ren zu­erst un­merk­li­che Zei­chen, Din­ge, die ein an­de­rer ganz über­se­hen hät­te. Zum Bei­spiel ver­gaß sie, mir bei ei­nem Ge­burts­tag in un­se­rem Hau­se Ku­chen an­zu­bie­ten; ich esse zwar nie Ku­chen, aber frü­her bot sie mir trotz­dem stets wel­chen an. Und dann war ein­mal drei Tage lang ein Spinn­web in mei­nem Zim­mer über dem Ofen. Ich ging alle Zim­mer ab, aber in kei­nem gab es ein Spinn­web, nur in mei­nem. Ich woll­te ei­gent­lich ab­war­ten, wie lan­ge sie es so trei­ben wür­de mir zum Är­ger, aber am vier­ten Tage hielt ich es nicht mehr aus und sag­te es ihr. Da­rauf wur­de das Spinn­web ent­fernt. Ich sag­te es ihr na­tür­lich ziem­lich scharf. Ich woll­te mir um kei­nen Preis mer­ken las­sen, wie sehr ich un­ter die­sen Krän­kun­gen und mei­ner Ver­ein­sa­mung litt.

Aber es blieb nicht da­bei. Bald kam die Sa­che mit dem Fuß­ab­tre­ter. An je­nem Tage hat­te ich Schwie­rig­kei­ten auf mei­ner Bank ge­habt, zum ers­ten Male hat­ten sie mir eine Geld­aus­zah­lung ver­wei­gert; es hat­te sich wohl her­um­ge­spro­chen, dass ich Ver­lus­te er­lit­ten hat­te. Der Bank­vor­ste­her, ein Herr Alf, tat sehr lie­bens­wür­dig, sprach von vor­über­ge­hen­den Schwie­rig­kei­ten und er­bot sich so­gar, mit sei­ner Zen­tra­le we­gen ei­nes Son­der­kre­dits für mich zu te­le­fo­nie­ren. Ich lehn­te das na­tür­lich ab, ich war lä­chelnd und si­cher wie im­mer ge­we­sen. Aber ich hat­te gut ge­merkt, dass er mir die­ses Mal nicht wie sonst meist eine Zi­gar­re an­ge­bo­ten hat­te, die­ser Kun­de lohn­te ihm das wohl nicht mehr.

Sehr nie­der­ge­drückt ging ich durch einen schwer her­ab­rau­schen­den Herbst­re­gen nach Hau­se. Ich war noch gar nicht in ei­gent­li­chen Schwie­rig­kei­ten; es war nur eine ge­wis­se Sta­gna­ti­on in mei­nen Ge­schäf­ten ein­ge­tre­ten, die zu je­nem Zeit­punkt mit ei­ni­gem Elan si­cher noch zu über­win­den ge­we­sen wäre. Aber ge­ra­de die­sen Elan ver­moch­te ich nicht auf­zu­brin­gen, ich war zu nie­der­ge­drückt von all dem stum­men Miss­fal­len, dem ich be­geg­ne­te.

Als ich nach Hau­se kam (wir woh­nen et­was vor der Stadt in ei­ge­ner Vil­la, und die Stra­ße dort­hin ist noch nicht aus­ge­baut), woll­te ich vor der Tür mei­ne schmut­zi­gen Schu­he rei­ni­gen, doch ge­ra­de heu­te fehl­te der Fuß­ab­tre­ter. Är­ger­lich schloss ich auf und rief ins Haus nach mei­ner Frau. Es dun­kel­te schon, aber nir­gends sah ich Licht, und Mag­da kam auch nicht. Ich rief wie­der und wie­der, aber nichts er­folg­te. Ich be­fand mich in ei­ner höchst fa­ta­len Si­tua­ti­on: Ich stand im Re­gen vor der Tür mei­ner ei­ge­nen Vil­la und konn­te nicht ins Haus, woll­te ich nicht Vor­platz und Die­le är­ger­lich be­schmut­zen, und das al­les, weil mei­ne Frau ver­ges­sen hat­te, den Fuß­ab­tre­ter hin­aus­zu­le­gen, und zu ei­ner Zeit nicht zur Stel­le war, wo ich, wie sie ge­nau wuss­te, von der Ar­beit heim­kam.

Schließ­lich muss­te ich mich über­win­den: Ich ging vor­sich­tig auf Ze­hen­spit­zen ins Haus. Als ich mich auf einen Stuhl in der Die­le setz­te, um die Schu­he aus­zu­zie­hen, und da­für Licht mach­te, sah ich, dass all mei­ne Vor­sicht nichts genützt hat­te: Auf dem zart­grü­nen Dielen­tep­pich wa­ren die häss­lichs­ten Fle­cke ent­stan­den. Ich habe Mag­da im­mer ge­sagt, dass solch ein emp­find­li­ches Re­se­dagrün nichts für die Die­le sei, aber sie hat­te ja ge­meint, wir bei­de sei­en ja wohl alt ge­nug, ein biss­chen auf­zu­pas­sen, und die Else (un­ser Dienst­mäd­chen) be­nüt­ze ja so­wie­so den Hin­ter­ein­gang und sei ge­wohnt, im Hau­se auf Pan­tof­feln zu ge­hen. Ich zog sehr är­ger­lich mei­ne Schu­he aus, und ge­ra­de als ich den zwei­ten aus­zog, sah ich Mag­da, die eben aus der Tür kam, die die Kel­ler­trep­pe ver­deckt. Der Schuh ent­glitt mir und fiel mit Pol­tern auf den Tep­pich, einen wei­te­ren ab­scheu­li­chen Fleck ma­chend.

»Pass doch ein biss­chen auf, Er­win!«, rief Mag­da sehr är­ger­lich. »Wie der schö­ne Tep­pich wie­der aus­sieht. Kannst du dir nicht an­ge­wöh­nen, die Füße or­dent­lich ab­zu­tre­ten?!«

Die of­fe­ne Un­ge­rech­tig­keit in die­sem Vor­wurf em­pör­te mich, aber noch hielt ich an mich. »Wo in al­ler Welt hast du bloß ge­steckt?«, frag­te ich, sie noch im­mer an­star­rend. »Ich habe min­des­tens zehn­mal nach dir ge­ru­fen!«

»Ich war bei der Zen­tral­hei­zung im Kel­ler«, sag­te Mag­da kühl. »Aber was hat das mit mei­nem Tep­pich zu tun?«

»Es ist eben­so gut mein Tep­pich wie der dei­ne«, ant­wor­te­te ich er­regt. »Ich habe ihn wirk­lich nicht ger­ne be­schmutzt. Aber wenn kein Ab­tre­ter vor der Tür liegt .!«

»Es liegt kein Ab­tre­ter vor der Tür? Na­tür­lich liegt er vor der Tür!«

»Es liegt kei­ner da­vor!«, rief ich mit Nach­druck. »Bit­te, über­zeu­ge dich selbst!«

Aber sie dach­te gar nicht dar­an, vor die Tür zu ge­hen. »Wenn Else eben ver­ges­sen hat, ihn hin­zu­le­gen, so hät­test du die Schu­he gut auf dem Vor­platz aus­zie­hen kön­nen! Je­den­falls hät­test du nicht den einen Schuh hier mit sol­chem Plumps auf den Tep­pich zu wer­fen brau­chen!«

Ich sah sie, stumm vor Är­ger, nur em­pört an. »Ja«, sag­te sie, »da schweigst du. Wenn man dir Vor­wür­fe macht, schweigst du. Aber mir machst du stän­dig Vor­wür­fe .«

Ich fand kei­nen rech­ten Sinn in die­sen Wor­ten, aber ich sag­te doch: »Wann habe ich dir Vor­wür­fe ge­macht?«

»Eben erst«, ant­wor­te­te sie rasch. »Ein­mal, weil ich auf dein Ru­fen nicht ge­kom­men bin, und ich muss­te doch nach der Hei­zung se­hen, weil Else heu­te ih­ren frei­en Nach­mit­tag hat. Und dann, weil der Ab­tre­ter nicht vor der Tür liegt. Aber ich kann doch un­mög­lich bei all mei­ner Ar­beit auch noch jede Klei­nig­keit, die Else zu tun hat, kon­trol­lie­ren.«

Ich nahm mich zu­sam­men. Ich fand im stil­len, Mag­da hat­te in al­len Punk­ten un­recht, aber laut sag­te ich: »Wir wol­len uns nicht strei­ten, Mag­da. Ich bit­te dich, mir zu glau­ben, dass ich die Fle­cke nicht mit Ab­sicht ge­macht habe.«

»Und du glau­be mir«, ant­wor­te­te sie, noch im­mer ziem­lich scharf, »dass ich dich we­der mit Ab­sicht habe ru­fen noch mit Ab­sicht habe war­ten las­sen.«

Ich schwieg dazu. Bis zum Abendes­sen hat­ten wir uns bei­de wie­der ziem­lich in der Ge­walt, eine ganz ver­nünf­ti­ge Un­ter­hal­tung kam so­gar zu­stan­de, und plötz­lich hat­te ich den Ein­fall, eine Fla­sche Rot­wein, die mir ir­gend­je­mand mal ge­schenkt hat­te und die seit Jah­ren im Kel­ler stand, her­auf­zu­ho­len. Ich weiß wirk­lich nicht, wie­so ich auf die­se Idee kam. Vi­el­leicht lös­te das...

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