Ein Mann will nach oben

Ungekürzte und kommentierte Ausgabe
 
 
Null Papier Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Januar 2018
  • |
  • 1059 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96281-326-0 (ISBN)
 
*** Ungekürzte und kommentierte Ausgabe *** Die Berliner Variante des 'großen Gatsby' - mit weniger Glamour, aber mit mehr Berliner Schnauze. Der 16jährige Waisenjunge Karl Siebrecht kommt nach Berlin, um die Stadt zu erobern. Er will als selbstständiger Unternehmer seinen Zipfel von der Wurst. Um sich zu finanzieren, nimmt er zunächst auch illegale Aufträge an. So lernt er auch die Schattenwelt Berlins, jenseits wilhelminischer Prüderie und preußischem Zackzack kennen. Das Buch bietet ein buntes Gemenge aus zwanzig Jahren deutscher Geschichte. Karl trifft auf Bonzen, Politiker, korrupte Polizisten, kleine Gauner und Huren mit großem Herz. Der Leser erlebt, wie sich Karl nach jedem Scheitern wieder aufrafft. Er ist unerschütterlich. Der Stoff wurde Ende der 70er sehr erfolgreich als TV-Mehrteiler verfilmt. In den Hauptrollen: Mathieu Carrière, Ursela Monn und Rainer Hunold Null Papier Verlag

Hans Fallada (21. Juli 1893-5. Februar 1947), eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, war ein deutscher Schriftsteller. Sein nüchterner, objektiver Stil, in dem er seine fiktionalen Berichte über meist scheiternde Gestalten verfasste, macht ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der 'Neuen Sachlichkeit'.
  • Deutsch
  • 3,40 MB
978-3-96281-326-0 (9783962813260)

3. Abschied von der Jugend


Der Tag war grau, es woll­te nicht hell wer­den. Am Fens­ter der Schlaf­stu­be stand Karl Sieb­recht, sah hin­aus in den klei­nen Gar­ten, des­sen kah­le Bäu­me von im­mer neu­en Stö­ßen des No­vem­ber­win­des er­zit­ter­ten, sah über den Gar­ten fort, zu der Rück­sei­te des We­de­kind­schen Hau­ses . Hin­ter ihm pack­te Min­na An­zü­ge und Wä­sche in einen Rei­se­korb. Sie hielt eine Hose aus gelb­li­chem ge­ripp­tem Samt in die Höhe und sag­te: »Dann ist da noch Va­ters Man­che­s­ter­ho­se, die ist noch ganz gut. Wenn du ein biss­chen wächst, wird sie dir pas­sen!«

»Pack bloß nicht zu viel ein, Min­na!«, rief, ohne sich um­zu­wen­den, der Jun­ge un­ge­dul­dig. »Was soll ich mit all dem Zeug?«

»Es ist schon nicht zu viel Zeug da, Karl!«, ant­wor­te­te Min­na trü­be und leg­te die Hose in den Korb. Sie griff nach ei­nem Stoß Wä­sche.

Der Jun­ge hielt in der Hand­flä­che ver­bor­gen einen klei­nen run­den Ta­schen­spie­gel. Von der kah­len, lee­ren Rück­wand des Pas­to­ren­hau­ses sah er un­ge­dul­dig em­por zum vor­win­ter­li­chen Him­mel, auf dem sich graue, lo­cke­re Wol­ken jag­ten. Er fleh­te um eine, um eine hal­be Mi­nu­te Son­nen­schein .

An sei­nem Steh­pult, mit der Aus­ar­bei­tung der Sonn­tags­pre­digt be­schäf­tigt, stand der Pas­tor We­de­kind - ihm fuhr der im Spie­gel ge­fan­ge­ne Son­nen­strahl zu­erst blit­zend ins Auge. »Da ist doch wie­der die­ser in­fa­me Ben­gel mit sei­nem Ta­schen­spie­gel zu­gan­ge!«, rief er, em­pört auf­fah­rend. »Und so was am Tage, nach­dem wir sei­nen Va­ter zur Ruhe ge­lei­tet ha­ben!«

Der Son­nen­fleck war schon über die Stu­ben­de­cke fort­ge­tanzt, er glitt, von dem miss­bil­li­gen­den Blick des Geist­li­chen ver­folgt, am Ka­chel­ofen hin­ab und blieb einen Au­gen­blick auf der Stirn der Frau Pas­tor ru­hen. Sie schlug nach ihm, als sei er eine läs­ti­ge Flie­ge. »Eri­ka!«, rief der Geist­li­che ent­rüs­tet. »Eri­ka! So­fort gehst du - -«

Den Geist­li­chen, der zwi­schen Fens­ter und Tisch ge­tre­ten war, traf ein zwei­tes Mal das Licht des No­vem­ber­ta­ges, dies­mal be­strahl­te es die flei­schi­ge Ba­cke. Er fuhr mit dem Kopf zu­rück, und der gol­de­ne Fleck ließ sich auf der Tisch­plat­te nie­der, ge­ra­de vor Eri­kas hä­keln­den Hän­den. Er zit­ter­te ein we­nig hin und her, schob sich nahe an die Hän­de her­an, be­rühr­te, ver­gol­de­te, um­spiel­te die Fin­ger - - »So­fort gehst du in das Sieb­recht­sche Haus und sagst dem in­fa­men Ben­gel, dass ich mir die­sen Un­fug ver­bit­te - ein für alle Mal! Ich sei em­pört, dass er heu­te, an ei­nem sol­chen Tage - ich mei­ne, nach ei­nem sol­chen Tage - -«.

»Ja­wohl, Papa!«, sag­te Eri­ka und lös­te mit ei­nem leich­ten Be­dau­ern ihre Hän­de aus dem Licht­gruß. Sie ging zur Tür.

»Aber in zwei Mi­nu­ten bist du wie­der hier!«, be­fahl die nicht ganz so ah­nungs­lo­se Mut­ter.

»Ja­wohl, Mama!«

»Ach nein, lass mich lie­ber selbst ge­hen!«

Doch war Eri­ka schon aus der Stu­be. Lei­se und ei­lig lief sie die Trep­pen hin­un­ter, trat in den win­d­er­füll­ten Gar­ten, schwang sich, ihre lan­gen Rö­cke rück­sichts­los raf­fend, über das Mäu­er­chen, das die bei­den Gär­ten trenn­te, und lief durch den Sieb­recht­schen auf den Schup­pen zu, in dem so­wohl spär­li­ches Gar­ten­ge­rät ver­wahrt wur­de, als auch den Hüh­nern mit Stan­gen und Nes­tern eine Stät­te des Ver­wei­lens be­rei­tet war.

Nicht nur den Hüh­nern. Denn als sie in das hal­be Dun­kel hin­ein­frag­te »Karl?«, ant­wor­te­te er so­fort: »Ria!«, und der Freund zog sie an der Hand zu ei­ner Kar­re. »Setz dich, Ria! Ich habe di­rekt zu Gott ge­be­tet, um einen Mo­ment Son­ne! Ich glau­be ja sonst nicht an Gott, aber dies­mal -«

»Dies­mal hast du Va­ter schön wü­tend ge­macht! Ich soll dir sa­gen .«

»Lass ihn! Es war das letz­te Mal, Ria!« Mit ei­ner ge­wis­sen Fei­er­lich­keit wie­der­hol­te der Jun­ge: »Es war das letz­te Mal. Ich gehe fort, Ria! Ganz fort!«

»Du, Karl? Wa­rum denn - -? Wer soll mir dann mei­ne Schul­ar­bei­ten ma­chen?! Ich blei­be be­stimmt zu Os­tern kle­ben! Bleib doch hier, Karl, bit­te!«

»Ich muss fort, Ria! Ich gehe nach Ber­lin!«

»Ach, Karl, warum denn? Hier ist es doch auch ganz schön - manch­mal -!«

»Ich will was wer­den, Ria!«

»Und wenn ich dich bit­te, Karl?! Bleib hier, Karl! Ich bit­te dich!«

»Es geht nicht, Ria, es muss sein!«

Ei­nen Au­gen­blick schwieg sie, auf ih­rer Kar­re hockend. Er, vor ihr ste­hend, zu ihr nie­der­ge­beugt, sah ge­spannt in ihr dämm­ri­ges, doch hel­les Ge­sicht. Dann stampf­te sie mit dem Fuß auf. »Also geh, geh doch in dein ol­les Ber­lin!«, rief sie zor­nig. »Wa­rum gehst du denn nicht? Ich bin froh, wenn du gehst! Du bist ge­nau­so ein ek­li­ger Jun­ge wie alle an­de­ren!«

»Aber, Ria!«, rief er ganz be­stürzt. »Sei doch nicht so! Ver­steh doch, dass ich fort muss! Hier kann ich nie et­was wer­den!«

»Ich muss gar nichts ver­ste­hen! Du willst wohl bloß weg, weil du uns alle über hast, mich auch - und ich habe ge­dacht, du möch­test mich ein biss­chen gern .« Bei den letz­ten Wor­ten ver­sag­te ihr fast die Stim­me. Sie sprang von ih­rer Kar­re auf und zog sich tiefer in das Dun­kel des Schup­pens zu­rück, da­mit er nicht ihre Trä­nen se­hen soll­te. Sie scheuch­te eine Hen­ne von ih­rem Nest auf, die mit lau­tem Pro­test ga­ckernd aus der Tür flüch­te­te.

Karl Sieb­recht hat­te ihre Hand ge­fasst und strei­chel­te sie un­ge­schickt. »Ach, Ria, Ria«, bat er. »Nimm es doch nicht so! Ich muss doch wirk­lich fort. Hier soll­te ich Haus­die­ner im Ho­tel Ho­hen­zol­lern wer­den.«

»Das tust du nicht, Karl, un­ter kei­nen Um­stän­den!«

»Und ich will doch viel wer­den, und dann kom­me ich wie­der.«

»Dau­ert es lan­ge, bis zu wie­der­kommst?«

»Es dau­ert wohl sei­ne Zeit, Ria - ziem­lich lan­ge!«

»Und dann, Karl -?«

»Dann fra­ge ich dich viel­leicht et­was, Ria .!«

Pau­se. Dann sag­te das Mäd­chen lei­se: »Was willst du mich denn fra­gen, Karl?«

Er wag­te es nicht. »Es ist noch so lan­ge hin, Ria! Erst muss ich et­was ge­wor­den sein.«

Und sie, ganz lei­se flüs­ternd: »Frag es doch schon jetzt, Karl. Bit­te!«

Er zö­ger­te. Dann zog er vor­sich­tig et­was aus der In­nen­ta­sche sei­nes Jacketts. »Weißt du, was das ist?«

»Was soll das sein?«

»Das ist eine von den Blu­men, Ria«, sag­te er fei­er­lich, »die du in Va­ters Grab ge­wor­fen hast. Ich neh­me sie mit nach Ber­lin und wer­de sie im­mer bei mir tra­gen!«

Der Wind jag­te mit Schnee ver­misch­ten Re­gen zur Tür­öff­nung her­ein. Sie dräng­te sich en­ger an ihn, sie flüs­ter­te angst­voll: »Das ist doch eine To­ten­blu­me, Karl!«

»Aber ich habe sie von dir, Ria, sie bringt mir be­stimmt Glück! Und hier habe ich einen klei­nen Ring von mei­ner Mut­ter - willst du den nicht tra­gen, Ria, da­mit du im­mer an mich denkst?!«

»Ich darf doch kei­nen Ring von dir tra­gen. Va­ter wür­de es nie er­lau­ben!«

»Du kannst ihn tra­gen, wo dein Va­ter ihn nicht sieht. Ich tra­ge dei­ne Blu­me auch auf dem Her­zen!«

Sie schwie­gen eine Wei­le. Dann flüs­ter­te sie: »Ich dan­ke dir für den Ring, Karl. Ich will ihn im­mer tra­gen.«

Und wie­der Schwei­gen. Nahe sa­hen sie sich in die blas­sen Ge­sich­ter, ihre Her­zen klopf­ten sehr. Nach ei­ner Wei­le flüs­ter­te Sieb­recht: »Möch­test du mir wohl einen Kuss zum Ab­schied ge­ben, Ria?«

Sie sah ihn an. Dann hob sie lang­sam die Arme...

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