Kleiner Mann - was nun?

Ungekürzte und kommentierte Ausgabe
 
 
Null Papier Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Januar 2018
  • |
  • 532 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96281-329-1 (ISBN)
 
*** Überarbeitete und kommentierte Ausgabe *** Diese Gesichte ist auch die Geschichte unserer Großeltern. Der schwer schuftende Verkäufer Johannes Pinneberg und seine Freundin Lämmchen erwarten ein Kind. Zwischen den Weltkriegen, in Zeiten von Unsicherheit, Wirtschaftskrise und Inflation kämpfen Sie in Berlin ums Überleben. Wenn die mittellose, um Zweckoptimismus bemühte Lämmchen sich sorgt, dass die mangelhafte Ernährung ihrer Milch schaden könnte, und damit ihrem Kinde, möchte man als Leser nur noch weinen. So war Deutschland mal. Null Papier Verlag

Hans Fallada (21. Juli 1893-5. Februar 1947), eigentlich Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen, war ein deutscher Schriftsteller. Sein nüchterner, objektiver Stil, in dem er seine fiktionalen Berichte über meist scheiternde Gestalten verfasste, macht ihn zu einem der wichtigsten Vertreter der 'Neuen Sachlichkeit'.
  • Deutsch
  • 2,19 MB
978-3-96281-329-1 (9783962813291)

1. Pinneberg erfährt etwas Neues über Lämmchen und fasst einen großen Entschluss


Es ist fünf Mi­nu­ten nach vier. Pin­ne­berg hat das eben fest­ge­stellt. Er steht, ein nett aus­se­hen­der, blon­der jun­ger Mann, vor dem Hau­se Ro­then­baum­stra­ße 24 und war­tet.

Es ist also fünf Mi­nu­ten nach vier, und auf drei vier­tel vier ist Pin­ne­berg mit Lämm­chen ver­ab­re­det. Pin­ne­berg hat die Uhr wie­der ein­ge­steckt und sieht ernst auf ein Schild, das am Ein­gang des Hau­ses Ro­then­baum­stra­ße 24 an­ge­macht ist. Er liest:

Dr. Se­sam
Frau­en­arzt
Sprech­stun­den 9-12 und 4-6

Eben! Und nun ist es doch wie­der fünf Mi­nu­ten nach vier. Wenn ich mir noch eine Zi­ga­ret­te an­bren­ne, kommt Lämm­chen na­tür­lich so­fort um die Ecke. Lass ich es also. Heu­te wird es schon wie­der teu­er ge­nug.

Er sieht von dem Schild fort. Die Ro­then­baum­stra­ße hat nur eine Häu­ser­rei­he, jen­seits des Fahr­damms, jen­seits ei­nes Grün­strei­fens, jen­seits des Kais fließt die Stre­la, hier schon hübsch breit, kurz vor ih­rer Ein­mün­dung in die Ost­see. Ein fri­scher Wind weht her­über, die Bü­sche ni­cken mit ih­ren Zwei­gen, die Bäu­me rau­schen ein we­nig.

So müss­te man woh­nen kön­nen, denkt Pin­ne­berg. Si­cher hat die­ser Se­sam sie­ben Zim­mer. Muss ein klot­zi­ges Geld ver­die­nen. Er wird Mie­te zah­len . zwei­hun­dert Mark? Drei­hun­dert Mark? Ach was, ich habe kei­ne Ah­nung. - Zehn Mi­nu­ten nach vier!

Pin­ne­berg greift in die Ta­sche, holt aus dem Etui eine Zi­ga­ret­te und brennt sie an.

Um die Ecke weht Lämm­chen, im plis­sier­ten wei­ßen Rock, der Roh­sei­den­blu­se, ohne Hut, die blon­den Haa­re ver­weht.

»Tag, Jun­ge. Es ging wirk­lich nicht eher. Böse?«

»Kei­ne Spur. Nur, wir wer­den end­los sit­zen müs­sen. Es sind min­des­tens drei­ßig Leu­te rein­ge­gan­gen, seit ich war­te.«

»Sie wer­den ja nicht alle zum Dok­tor ge­gan­gen sein. Und dann sind wir ja an­ge­mel­det.«

»Siehst du, dass es rich­tig war, dass wir uns an­ge­mel­det ha­ben!«

»Na­tür­lich war es rich­tig. Du hast ja im­mer recht, Jun­ge!« Und auf der Trep­pe nimmt sie sei­nen Kopf zwi­schen die Hän­de und küsst ihn stür­misch. »O Gott, bin ich glück­lich, dass ich dich mal wie­der­ha­be, Jun­ge. Den­ke doch, bei­na­he vier­zehn Tage!«

»Ja, Lämm­chen«, ant­wor­tet er. »Ich bin auch nicht mehr brum­mig.«

Die Tür geht auf, und im halb­dunklen Flur steht ein wei­ßer Sche­men vor ih­nen, bellt: »Die Kran­ken­schei­ne!«

»Las­sen Sie einen doch erst mal rein«, sagt Pin­ne­berg und schiebt Lämm­chen vor sich her. »Üb­ri­gens sind wir pri­vat. Ich bin an­ge­mel­det. Pin­ne­berg ist mein Name.«

Auf das Wort »pri­vat« hin hebt der Sche­men die Hand und schal­tet das Licht auf dem Flur ein. »Herr Dok­tor kommt so­fort. Ei­nen Au­gen­blick, bit­te. Bit­te, dort hin­ein.«

Sie ge­hen auf die Tür zu und kom­men an ei­ner an­de­ren, halb of­fen­ste­hen­den vor­bei. Das ist wohl das ge­wöhn­li­che War­te­zim­mer, und in ihm schei­nen die drei­ßig zu sit­zen, die Pin­ne­berg an sich vor­bei­kom­men sah. Al­les schaut auf die bei­den, und ein Stim­men­ge­wirr er­hebt sich: »So was gib­t's nicht!« - »Wir war­ten schon län­ger!« - »Wozu zah­len wir un­se­re Kas­sen­bei­trä­ge?!« - »Die fei­nen Pin­kels sind auch nicht mehr wie wir.«

Die Schwes­ter tritt in die Tür: »Sei­en Sie man bloß ru­hig! Herr Dok­tor wird ja ge­stört! Was Sie den­ken, ist nicht. Das ist der Schwie­ger­sohn von Herrn Dok­tor mit sei­ner Frau. Nicht wahr?«

Pin­ne­berg lä­chelt ge­schmei­chelt, Lämm­chen strebt der an­de­ren Tür zu. Ei­nen Au­gen­blick ist Stil­le.

»Nu bloß schnell!« flüs­tert die Schwes­ter und schiebt Pin­ne­berg vor sich her. »Die­se Kas­sen­pa­ti­en­ten sind zu ge­wöhn­lich. Was die Leu­te sich ein­bil­den für das biss­chen Geld, das die Kas­se zahlt .«

Die Tür fällt zu, der Jun­ge und Lämm­chen sind im ro­ten Plüsch.

»Das ist si­cher sein Pri­vat­sa­lon«, sagt Pin­ne­berg. »Wie ge­fällt dir das? Schreck­lich alt­mo­disch, fin­de ich.«

»Mir war es gräss­lich«, sagt Lämm­chen. »Wir sind doch sonst auch Kas­sen­pa­ti­en­ten. Da hört man mal, wie die beim Arzt über uns re­den.«

»Wa­rum regst du dich auf?« fragt er. »Das ist doch so. Mit uns klei­nen Leu­ten ma­chen sie, was sie wol­len .«

»Es regt mich aber auf .«

Die Tür öff­net sich, eine an­de­re Schwes­ter kommt: »Herr und Frau Pin­ne­berg bit­te? Herr Dok­tor lässt um einen Au­gen­blick Ge­duld bit­ten. Wenn ich un­ter­des die Per­so­na­li­en auf­neh­men dürf­te?«

»Bit­te«, sagt Pin­ne­berg und wird gleich ge­fragt: »Wie alt?«

»Drei­und­zwan­zig.«

»Vor­na­me: Jo­han­nes.«

Nach ei­nem Sto­cken: »Buch­hal­ter.«

Und glat­ter: »Im­mer ge­sund ge­we­sen. Die üb­li­chen Kin­der­krank­hei­ten, sonst nichts. - So­viel ich weiß, bei­de ge­sund.«

Wie­der sto­ckend: »Ja, die Mut­ter lebt noch. Der Va­ter nicht mehr, nein. Kann ich nicht sa­gen, wor­an er ge­stor­ben ist.«

Und Lämm­chen: »Zwei­und­zwan­zig. - Emma.«

Jetzt zö­gert sie: »Ge­bo­re­ne Mör­schel. - Stets ge­sund. Bei­de El­tern am Le­ben, bei­de ge­sund.«

»Also einen Au­gen­blick noch. Herr Dok­tor ist so­fort frei.«

»Wozu das al­les nö­tig ist«, brummt er, nach­dem die Tür wie­der zu­fiel. »Wo wir doch nur .«

»Ger­ne hast du es nicht ge­sagt: Buch­hal­ter.«

»Und du nicht das mit der ge­bo­re­nen Mör­schel!« Er lacht. »Emma Pin­ne­berg, ge­nannt Lämm­chen, ge­bo­re­ne Mör­schel. Emma Pin­ne.«

»Bist du stil­le! O Gott, Jun­ge, ich müss­te noch ein­mal ganz un­be­dingt. Hast du eine Ah­nung, wo das hier ist?«

»Also, das ist doch im­mer die­sel­be Ge­schich­te mit dir .! Statt dass du vor­her .«

»Aber ich bin, Jun­ge. Ich bin wirk­lich. Noch auf dem Rat­haus­markt. Für einen gan­zen Gro­schen. Aber wenn ich auf­ge­regt bin .«

»Also Lämm­chen, nimm dich doch einen Au­gen­blick zu­sam­men. Wenn du wirk­lich eben erst .«

»Jun­ge, ich muss .«

»Ich bit­te«, sagt eine Stim­me. In der Tür steht Dok­tor Se­sam, der be­rühm­te Dok­tor Se­sam, von dem die hal­be Stadt und die vier­tel Pro­vinz flüs­tern, dass er ein wei­tes Herz hat, man­che sa­gen auch, ein gu­tes Herz. Je­den­falls hat er eine volks­tüm­li­che Bro­schü­re über se­xu­el­le Pro­ble­me ver­fasst, und dar­um hat Pin­ne­berg den Mut ge­habt, ihm zu schrei­ben und sich und Lämm­chen an­zu­mel­den.

Die­ser Dok­tor Se­sam steht also in der Tür und sagt: »Ich bit­te.«

Dok­tor Se­sam sucht auf sei­nem Schreib­tisch nach dem Brief. »Sie ha­ben mir ge­schrie­ben, Herr Pin­ne­berg. Sie kön­nen noch kei­ne Kin­der brau­chen, weil das Geld nicht reicht.«

»Ja«, sagt Pin­ne­berg und ist schreck­lich ver­le­gen.

»Ma­chen Sie sich im­mer schon ein biss­chen frei«, sagt der Arzt zu Lämm­chen und fährt dann fort: »Und nun möch­ten Sie einen ganz si­che­ren Schutz wis­sen. Ja, einen ganz si­che­ren .«

Er lä­chelt skep­tisch hin­ter sei­ner gol­de­nen Bril­le.

»Ich habe in Ihrem Buch ge­le­sen«, sagt Pin­ne­berg, »die­se Pes­soirs .«

»Die­se Pessa­re«, sagt der Arzt, »ja, aber sie pas­sen nicht für jede Frau. Und dann ist es im­mer et­was um­ständ­lich. Ob Ihre Frau das Ge­schick hat .«

Er sieht zu ihr hoch. Sie hat sich ein biss­chen aus­ge­zo­gen, nur so an­ge­fan­gen, die Blu­se und den Rock. Mit...

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