Rituale der Vergeltung

Die Todesstrafe in der deutschen Geschichte - 1532-1987
 
 
wbg Academic in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2020
  • |
  • 1312 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-534-74614-9 (ISBN)
 
Richard Evans' monumentale Studie über die Geschichte der Todesstrafe erstreckt sich von 1532, dem Jahr in dem die Constitutio Criminalis Carolina erlassen wurde, bis zur Abschaffung der Todesstrafe in der DDR 1987. Einst als Methode zur Wiederherstellung der göttlichen Ordnung und der Verbrechensbekämpfung angesehen, wurde die Hinrichtung immer mehr zu einem Symbol und Ausdruck staatlicher Autorität, bis sie im 20. Jahrhundert schließlich vollständig aufgegeben wurde.
Epochenübergreifend legt der renommierte Historiker dar, wie sich Diskurs, Recht und Kultur in Bezug auf die Todesstrafe in Deutschland veränderten. Die individuellen Biographien der Scharfrichter sowie die Tötungs- und Folterpraktiken spiegelten ebenso die jeweilige Zeit und Einstellung wider wie das vorherrschende Strafrecht oder der Umgang mit dem Tod als biologisches und soziales Ereignis. Nicht nur für Deutschland liefert diese einmalige Analyse somit wertvolle interdisziplinäre Erkenntnisse zum Thema Todesstrafe.
  • Deutsch
  • Darmstadt
  • |
  • Deutschland
  • 6,56 MB
978-3-534-74614-9 (9783534746149)
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Sir Richard J. Evans gilt als der britische Fachmann für moderne deutsche und europäische Geschichte. Er ist nicht nur Professor an der Universität Cambridge, sondern leitet auch das renommierte Wolfson College. Er wurde mit dem Wolfson Literary Award for History ausgezeichnet.
Vorwort 13
Eiführung 29

Erster Teil
1. Theater der Grausamkeit 59
2. Blutige Riten 98
3. Ein vernünftiges Maß an Schmerz 147
4. Abschiedslieder und Moralreden 193

Zweiter Teil
5. Rad, Schwert und Beil 241
6. Von der Reform zur Revolution 298
7. Restauration und Wandel 353

Dritter Teil
8. Die Scharfrichter des Volks 435
9. Die Kultur der Peinlichkeit 488
10. Die Wiederkehr des Abolitionismus 545

Vierter Teil
11. Ein Neuanfang? 595
12. "Die Todesstrafe praktisch abgeschafft!" 641
13. "Mörder unter uns" 692

Fünfter Teil
14. "Gesundes Volksempfinden" 739
15. Das Dritte Reich und seine Scharfrichter 783
16. Von der Einzelhinrichtung zur Massenvernichtung 826

Sechster Teil
17. Vermächtnisse des Schreckens 883
18. "Im Interesse der Menschlichkeit" 958
Schlussbetrachtung 1040
Im Text und in den Anmerkungen verwendete Abkürzungen 1091
Anmerkungen 1092
Bibliographie 1223
Personenregister 1279
Sach- und Ortsnamenregister 1292
Quellennachweis der Abbildungen 1311

Vorwort


Dieses Buch behandelt die Geschichte der Todesstrafe. Der Titel Rituale der Vergeltung zeigt an, dass sich die Todesstrafe von anderen Formen staatlich sanktionierten Tötens - auf dem Schlachtfeld, in Konzentrationslagern, durch «Todesschwadronen» oder «Verschwindenlassen» - in zwei Punkten unterscheidet: Zum einen setzt sie stets ein wie immer auch entleertes rechtlich vorgeschriebenes Ritual voraus; für gewöhnlich ist die mit der Vollstreckung der Todesstrafe verbundene Zeremonie sehr ausgeklügelt, um dem Vorgang eine nachdrückliche Aura der Legitimität zu verleihen. Das Ritual der Hinrichtung ist fast immer irgendwie öffentlich gewesen, und sei es nur dadurch, dass es in Verfahrensordnungen schriftlich fixiert war oder durch das Medium der Presse bekannt gegeben wurde. Folglich befasst sich das Buch im Großen und Ganzen weder mit staatlich veranlassten Morden noch mit Massenexekutionen in Zeiten innerer Unruhen oder militärischer Konflikte. In seinem Mittelpunkt steht vielmehr die Rolle des Strafrechts in der Zivilgesellschaft. Natürlich ist es mitunter schwer, hier die Grenzen zu ziehen, und zumal in den 1940er Jahren beginnen sie vollends zu verschwinden. Gleichwohl hat es sie fast immer gegeben, und das vorliegende Buch respektiert sie so weit wie möglich.

Das andere gemeinsame Merkmal jeder Form von Todesstrafe ist ihr Vergeltungscharakter. Unter den vielen Argumenten, die für die Todesstrafe vorgebracht wurden, stehen Abschreckung und Schutz der Gemeinschaft an oberster Stelle. Doch sind diese Gründe immer wieder bestritten oder angezweifelt worden, auch von Befürwortern der Todesstrafe. Im Wesentlichen ist das stärkste und dauerhafteste Motiv der Hinrichtung zu allen Zeiten die Vergeltung gewesen, die Ansicht, dass nur der Tod die einzig adäquate Sühne für gewisse Verbrechen sein kann, das Gefühl, dass mildere Strafen unzureichend sind, die Überzeugung, dass, wer die schwersten Verbrechen begeht, dafür die äußerste Strafe erleiden muss: den Tod. In der Volkskultur ist diese Einstellung in dem hier behandelten Zeitraum fast immer vorhanden. Auch von großen Teilen der Eliten wurde sie verschiedentlich geteilt und beeinflusste die Schriften von Juristen, Strafrechtlern und Philosophen. Noch heute dient sie als Begründung für die Forderung nach der Todesstrafe.1

Der Staat hat keine größere Gewalt über seine Bürger als die, sie zu töten. Dieses Buch erzählt, welchen Gebrauch der Staat in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert bis heute von dieser Gewalt gemacht hat. Es besteht aus sechs etwa gleich langen Teilen, die sich in insgesamt achtzehn Kapitel gliedern. Der erste Teil entwirft den Schauplatz der Handlung und untersucht die «traditionellen» öffentlichen Todesstrafen in der frühen Neuzeit und die mit ihnen verbundenen Rituale und kulturellen Deutungen. Er berücksichtigt den historischen Wandel, besonders im Hinblick auf die Reformen des «aufgeklärten» 18. Jahrhunderts, verfolgt aber primär einen thematischen Ansatz. Der zweite Teil behandelt das 19. Jahrhundert bis zur Einigung Deutschlands 1870/ 71. Er erzählt, wie die öffentlichen Strafen reformiert und dann nach und nach abgeschafft wurden, und versucht, den Gründen hierfür nachzugehen. Als die Todesstrafe in eine Krise geriet, fanden, vor allem 1848 und 1870, große Grundsatzdebatten über sie statt. Das Buch betrachtet die unterschiedlichen Ideen und Theorien, die diese Debatten leiteten, berichtet von den persönlichen Erfahrungen und Motiven der Männer, die die Todesstrafe vollstreckten, und versucht zu erklären, warum zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gegenden Deutschlands mehr Menschen hingerichtet wurden als zu anderen Zeiten und in anderen Gegenden. Der dritte Teil führt diese Themen in einer Mischung aus Erzählung und Analyse in die Zeit des Kaiserreichs von 1871 bis 1918 weiter. Der vierte Teil behandelt die Weimarer Republik und verfolgt in Politik und Kultur dieser Zeit das Geschick der Todesstrafe und die Kämpfe um ihre Abschaffung. Mit Hitlers «Drittem Reich» erfuhren Prinzip und Praxis der Todesstrafe eine ungeheure Ausweitung: Der fünfte Teil beschreibt die Gründe dafür und nimmt den historischen Vorgang unter die Lupe. Schließlich untersucht der sechste Teil, welches Vermächtnis die Todesstrafe im Dritten Reich der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik hinterlassen hat und inwiefern sich die mörderische Praxis des Nationalsozialismus von der einer jüngeren Diktatur unterschied oder nicht unterschied, nämlich der des kommunistischen Regimes in der DDR, das mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 zusammenbrach.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Ende des Kalten Krieges hat die Politik des Leibes neue Bedeutung gewonnen; und eine Methode, die Staaten der Welt einzuteilen, besteht in der Unterscheidung zwischen denen, die die körperliche Unversehrtheit ihrer Bürger angreifen, und denen, die es nicht tun. Für das Verständnis der Entstehung solcher Unterschiede kann es hilfreich sein, wenn wir das Beispiel eines einzigen Landes über einen längeren Zeitraum betrachten und die Bedingungen prüfen, die zu bestimmten Zeiten die staatliche Verletzung der Leibesgrenzen begünstigt und zu anderen erschwert haben. Eingerahmt werden die achtzehn Kapitel des Buches von einer längeren Einleitung und einer Schlussbetrachtung, die das Thema auf einen größeren theoretischen Rahmen beziehen und einige Lehren aus ihm ableiten - sowohl für die gegenwärtige Praxis als auch für unsere Versuche, Verbrechen und Strafe in früheren Zeiten zu verstehen.

Die Todesstrafe ist ein sehr spezifisches Thema, das jedoch gleichzeitig mit vielen anderen Bereichen der menschlichen Geschichte und des menschlichen Erlebens zusammenhängt. Dieses Buch will ihr wie einem roten Faden in den letzten viereinhalb Jahrhunderten der deutschen Geschichte nachgehen. Diese Art der Annäherung an die Vergangenheit hat sich seit Ende der 1980er Jahre bei vielen Historikern und Historikerinnen durchgesetzt. Sie verabschieden sich von globalen Mustern und Großtheorien und konzentrieren sich zunehmend auf die Untersuchung des Kleinmaßstäblichen, wobei sie häufig das Marginale, Irrationale oder scheinbar Triviale zum Gegenstand ihrer Forschung machen. Anstatt Tiefenstrukturen zu ergründen, nehmen sie lieber die Oberflächentextur der Geschichte in den Blick: Sprache, Geste, kurze dramatische Ereignisse. Dabei fasziniert sie besonders stark das Gewalttätige, Irrationale, Ungewöhnliche: Massaker und Konflikte, Volksunruhen, Geistererscheinungen, Aberglauben und Wahnvorstellungen.2 Viele Historiker und Historikerinnen meinen, dass das Studium einer kleinen Gemeinschaft, eines einzelnen Aufstands, eines bestimmten Ereignisses, eines besonderen Textes, einer historischen Familie, einer persönlichen Beziehung oder eines gewöhnlichen Menschen uns oft mehr über die Vergangenheit verraten kann, als es die weiträumigen Teleologien der 1960er und 1970er Jahre, vom Marxismus bis zur Modernisierungstheorie, jemals vermocht haben. Der große Detektiv Sherlock Holmes pflegte zu sagen, dass ihm «die Beobachtung von Kleinigkeiten» den Schlüssel zu kriminalistischen Rätseln liefere.3 Das generalisierende, sozialwissenschaftliche Herangehen an die Geschichte, das in den 1970er und 1980er Jahren so verbreitet war und in vieler Hinsicht in der deutschen Geschichtsschreibung noch heute dominiert, hat gewiss viele Vorzüge; einer seiner gravierenden Nachteile ist jedoch, dass es die kulturelle Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart verwischt, sodass die Andersartigkeit und Individualität der Vergangenheit verloren geht. Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, wie der berühmte Anfang von Leslie Hartleys Roman The Go-Between (Der Zoll des Glücks) feststellt: Dort machen sie alles anders. Durch einen Besuch in diesem fremden Land können wir unsere Vorstellung davon erweitern, was es heißt, Mensch zu sein, und vielleicht einen besseren Einblick in die Grenzen und Möglichkeiten der menschlichen Situation gewinnen. So verfolgt dieses Buch unter anderem das Ziel, wieder das Gefühl für die Andersartigkeit der Vergangenheit zu wecken. Unser Verständnis muss einen phantasievollen Sprung vollziehen, wenn es Mentalitäten erfassen will, die dem Europäer von heute bei der ersten Begegnung abstoßend und grotesk anmuten. Bei dieser Aufgabe können dem Historiker die Befunde der strukturalen Anthropologie behilflich sein, die ein gut Teil ihrer geistigen Anstrengungen auf vergleichbare Arbeiten über nichteuropäische Gesellschaften gerichtet hat. Und bedeutende Gesellschaftstheoretiker und Philosophen, namentlich Michel Foucault, Norbert Elias und Philippe Ariès, haben Interpretationsschemata und begriffliche Werkzeuge bereitgestellt, die ebenfalls von Nutzen sein können und die in der Einleitung und der Schlussbetrachtung dieses Werks ausführlich erörtert werden. Wenn die soziale Großtheorie heute in Bedrängnis und Misskredit geraten ist, so heißt dies nicht, dass die Theorie als solche über Bord geworfen werden muss. Das Scheinwerferlicht, das der Historiker auf kleine Bereiche des Alltagslebens in der Vergangenheit gerichtet hat, bedarf der Ergänzung durch die generelle Erhellung der weiteren historischen...

»Richard Evans hat ein großartiges und wichtiges Buch geschrieben.« Joachim Whaley, Times Literary Supplement

»>Rituale der Vergeltung< ist ein Standardwerk ersten Ranges. Evans Gesamtschau fördert neue Ergebnisse auf der Grundlage intensiver Archivrecherchen zutage und fügt sehr unterschiedliche Forschungsergebnisse zusammen.« Rebekka Habermas, taz

»Das bedeutende und reich dokumentierte Buch besticht durch seine plastische und klar analysierende Sprache. Evans kennt nicht nur die Quellen, sondern auch die hiesige Forschungslandschaft. Die deutsche Kulturgeschichte und Rechtsgeschichte ist durch dieses Werk außerordentlich bereichert worden. Insgesamt bleibt der Eindruck einer großen Leistung, eines energischen und von kritischer Sympathie zeugenden Versuches, alte Problemlagen neu zu überdenken: >Rethinking German History<.« Michael Stolleis, FAZ

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