Der Tote auf dem Thron

 
 
Das Neue Berlin (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 18. September 2015
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  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-360-50123-3 (ISBN)
 
Während der "Fledermaus"-Premiere geschieht ein Mord hinter den Kulissen. Peter Brückner, im Herbst 1946 noch freiwilliger Polizeihelfer, bekommt seinen ersten Kriminalfall. Wichtige Spuren sind verwischt, weil der Tote noch während der Vorstellung, die auf keinen Fall platzen sollte, in die Requisitenkammer geschleift worden war. Niemand will den Getöteten kennen. Brückner steht vor einem Berg rätselhafter Spuren und Aussagen. Da ist die Kinderärztin, die seltsame Geschäfte betreibt, da ist der Requisiteur mit seiner krankhaften Furcht. Der Kreis der Verdächtigen ist groß. Und hinzu kommt das wunderliche Verhalten des Schauspielers Wüsterle, der Brückner arge Kopfschmerzen bereitet. Aber mit seinem pedantisch exakten Assistenten Becker klärt Brückner diesen Mord auf. Zuerst bauen sie das zusammenhanglose Mosaik ihrer Ermittlungen, wagen Hypothesen, die schon dicht ans Ziel reichen, bis zuletzt der Täter dem Leser präsentiert wird.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,02 MB
978-3-360-50123-3 (9783360501233)
Fritz Erpenbeck (1897 - 1975) nahm, nach dem Militärdienst im Ersten Weltkrieg sowie einer Schlosserausbildung, Schauspielunterricht und hatte Engagements am Lessingtheater und an der Piscator-Bühne in Berlin, wo er später als Regisseur und Dramaturg arbeitete. Nach seiner Emigration in die Sowjetunion kehrte er 1945 nach Deutschland zurück, trat der SED bei und war lange Zeit Chefredakteur der Zeitschriften "Theater der Zeit" und "Theaterdienst" sowie Mitbegründer des Henschel Verlages. Seit 1951 leitete er die Hauptabteilung Darstellende Kunst und Musik beim Ministerrat der DDR und war ab 1959 Chefdramaturg der Berliner Volksbühne. Danach lebte er als freier Schriftsteller und erhielt für sein Schaffen zahlreiche Auszeichnungen.

Peter Brückner erzählt

1

Eben hatte der letzte Akt der »Fledermaus« begonnen. Ich saß im Stadttheater auf meinem Dienstplatz. Da kam der Bühnenmeister Ewalt leise zu mir, zupfte an meinem Ärmel und flüsterte mir zu: »Kommen Sie schnell mit nach hinten, Herr Brückner, es ist etwas Schreckliches passiert!«

Ich folgte ihm möglichst unauffällig.

Doch bevor ich weiterberichte, muß ich etwas richtigstellen. Der Ausdruck »Dienstplatz« stimmt nicht ganz. Mein Freund, der Theaterdirektor Ernst Hendrik, mit dem ich im letzten Jahr der Naziherrschaft illegal zusammengearbeitet hatte, kannte meine Liebe zum Theater. Ich durfte, wann immer ich wollte und Zeit hatte, bei Proben zusehen, und bei Premieren saß ich auf meinem Stammplatz in der zweiten Reihe des Parketts links außen. »Nummer dreiundzwanzig, wie Theodor Fontane«, scherzte Hendrik, »und fast ebenso kritisch.«

Ich war überdies, wenn man es genau nimmt, auch nicht offiziell im Dienst unserer im Aufbau befindlichen Polizei. Verantwortliche Stellen überprüften noch meine Vergangenheit.

Außer meinem Freund Ernst Hendrik bürgte für mich ein alter, verdienter Genosse, der Bürgermeister Karl Oschack. Er war es auch, der gleich nach dem Wechsel der amerikanischen Besatzungsmacht mit der sowjetischen kurzerhand eine recht fragwürdig entstandene Ortspolizei auflöste, um sie durch politisch zuverlässige Männer zu ersetzen. Dazu sollte es bereits organisatorische Richtlinien geben, die bis zur Bezeichnung von Dienstgraden, Zuständigkeiten und Uniformvorschriften reichten; nur waren sie damals noch nicht bis zu uns durchgedrungen. Trotzdem haben wir, soweit ich es überblicke, nur wenige ernste Fehler gemacht.

Vorerst ohne dienstlichen Kontakt mit den Kollegen der Kriminalpolizei, bearbeitete ich hauptsächlich Fälle schweren Betrugs, Diebstahls, Schwarzhandels und widerrechtlicher Besetzung fremden Wohnraums. Das alles war bislang für mich vom gesellschaftlichen Hintergrund und den Motiven her ziemlich unkompliziert gewesen. Auch als mich der Theatermeister Ewalt auf die Bühne rief, ahnte ich noch nicht, daß ich drei Minuten später mit meinem ersten »großen Fall« konfrontiert werden würde.

Die »Fledermaus« war eine Festvorstellung anläßlich der Sechshundertjahrfeier der Stadt, der zweite Akt, das turbulente Fest beim Prinzen Orlofsky, der Höhepunkt. Dazu hatte man sich etwas Hübsches ausgedacht. Der Bürgermeister wirkte auf der Bühne mit; er bekam in einer eigens zu diesem Zweck verfaßten und mit Johann-Strauß-Musik unterlegten Szene vom Ballett einen großen goldenen Schlüssel überreicht. Der impulsive Beifall zeigte, was mich sehr freute, wie beliebt oder zumindest geachtet mein Freund bereits geworden war und wie sehr den Zuschauern diese symbolische Einlage gefiel.

Doch ich muß, damit alles Weitere verständlich wird, zuvor einige Tatsachen erwähnen, denn sicherlich gibt es heute nicht mehr allzu viele Menschen, die sich an die alltäglichen Gegebenheiten, sozusagen an die Atmosphäre der damaligen Zeit, noch lebhaft genug erinnern.

An der mühevollen Aufbauarbeit waren damals rund sechsunddreißigtausend Einwohner unserer Stadt beteiligt, großenteils gutwillig, zum Teil auch widerstrebend, alle aber unter großen Opfern. Wir waren sogar verhältnismäßig glücklich daran, denn die Kriegsschäden an Gebäuden, Brücken und Straßen betrugen nach den Schätzungen der Sachverständigen nur knapp dreißig Prozent. (Es gab in der Stadt keine militärischen Objekte und größeren Industriebetriebe.) Die Menschen hungerten und froren; der zählebige Schwarzmarkt zersetzte die Moral; das städtische Krankenhaus und zwei Hilfslazarette in Schulgebäuden waren überfüllt, und es fehlte an Ärzten, Medikamenten und Wäsche. Viele Kinder, blaß und unterernährt, streunten umher, denn die Schulen waren bis auf zwei immer noch geschlossen; es gab keine geeigneten Lehrer, denn die übrig gebliebenen waren fast durchweg braun bekleckert. Mit der Polizei sah es zunächst nicht viel anders aus, obwohl sich überraschend viele Bewerber meldeten: zumeist jugendliche Abenteurer, Heimkehrer ohne Beruf, Arbeitsscheue und ehemalige Nazis, dagegen nur ganz wenige überzeugte Antifaschisten. Diese brachten jedoch mehr guten Willen als Eignung mit. Später erkannten wir, wie richtig wir handelten, konsequent nur bewährte Antifaschisten einzustellen, mochten sie anfangs auch noch so unerfahren und ungeschickt sein; unsere neue Polizei war, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sauber und blieb es.

Man verzeihe mir, daß ich soeben unwillkürlich ein bißchen ins Fachsimpeln geraten bin, statt, wie ich wollte, einige notwendige Einzelheiten über das Zustandekommen der Festvorstellung mitzuteilen, während der das Verbrechen geschah.

Die Idee stammte von meinem Freund Ernst Hendrik. Das Stadttheater war intakt geblieben, denn - so kuriose Dinge gab es - nachdem Goebbels den »totalen Krieg« verkündet hatte und die Schließung sämtlicher Bühnen Deutschlands angeordnet worden war, wurde Hendrik mit einigen nicht in der Rüstungsindustrie verwendbaren Schauspielern als Nachtwächter eingesetzt. So blieben das Gestühl und der Dekorationsfundus unverheizt, und die in den Keller verlagerten Bestände der Kostümkammer wurden nicht geplündert. Einige ausgezeichnete Schauspieler und Sänger, von denen später noch im Zusammenhang mit dem Verbrechen die Rede sein wird, hatten sich 1944 wegen der Bombengefahr aus Großstädten in unsere Gegend abgesetzt und waren, als der tatkräftige Hendrik sofort nach der Befreiung zu spielen begann, gern zu ihm gekommen, zumal damals an Reisen ohnehin nicht zu denken war.

Ernst Hendrik gab Stücke, deren Text- und Rollenbücher sich im Theaterarchiv vorfanden und die in der Nazizeit (meist wegen jüdischer Autoren oder Komponisten) nicht aufgeführt werden durften. Leider waren viele personell nicht zu besetzen, denn das Ensemble war sehr uneinheitlich und wies manche Lücke auf. Vor allem gab es nur einen sehr dürftigen Chor, im Orchester fehlten Bläser, aber auch Streicher, doch merkwürdigerweise war das Ballett, besonders im weiblichen Teil, überkomplett.

Es war also eine recht kühne Idee, die Ernst Hendrik dem für alles Musische sehr aufgeschlossenen Bürgermeister Oschack vortrug, als dieser die Sechshundertjahrfeier der Stadt vorzubereiten begann, nämlich die künstlerisch anspruchsvolle Operette »Fledermaus« als Festvorstellung zu inszenieren. Die Idee war wirklich kühn, aber gut. In der Bevölkerung bestand wie überall im Lande ein wahrer Hunger nach heiterer Unterhaltung, die von der Alltagsmisere ablenkte und wie in diesem Fall geeignet war, die demokratische Stadtverwaltung, die durch kluge Maßnahmen schon einiges Vertrauen gewonnen hatte, populärer zu machen.

Das Publikum, vorsorglich eingemummt in Mäntel, dicke Pullover und Schals, war in bester Stimmung. Der Beifall nach dem zweiten Akt hielt nicht nur, weil man sich die Hände warmklatschen wollte, lange an, sondern war auch ungewöhnlich stark. Sicherlich hatte das noch eine andere Ursache: Man applaudierte vielen Verwandten und befreundeten oder bekannten Bürgern der Stadt, die unbezahlt im Chor, im Orchester oder als Statisten mitwirkten; Bürgermeister Karl Oschack wurde sogar als »Solist« hervorgerufen.

Die Pause war sehr kurz, eben hinreichend, um die Dekoration des Festsaals wegzuräumen und für den dritten Akt die Kulissen des »fidelen Gefängnisses« aufzustellen. Im Foyer und in den Wandelgängen war es zugig, und das Restaurant, ebenfalls kalt, hatte damals noch nichts zu bieten, nur unentwegte Raucher von Selbstgebautem, Machorka oder schwarzgehandelten Zigaretten hielten sich dort einige Minuten lang auf.

Ich war auf meinem Platz sitzen geblieben. Auf der Bühne oder in einer der Garderoben, wo ich mich sonst oft während der Pausen aufhielt (denn die Theaterleute zählten mich »zur Familie«), hätte ich heute nur gestört. Dort gab es, abgesehen von der Premierennervosität dieser ungewöhnlichen Festvorstellung, eine zusätzliche Belastung. Die etwa dreißig freiwilligen Chorsänger und Komparsen aus der Stadt - also ausgesucht höflich zu behandeln - bereiteten dem Inspizienten, den Beleuchtern, dem Theatermeister und den fieberhaft tätigen Bühnenarbeitern allerlei Ärger. In verständlicher Neugier von Laien liefen und krochen sie in allen Ecken, Winkeln und Gängen herum, standen überall im Wege, setzten sich unbekannten Gefahren aus und benahmen sich trotz aller geflüsterten Bitten und Mahnungen des verzweifelten Inspizienten geräuschvoll. Nach dem letzten Fallen des Vorhangs am Ende des zweiten Akts kostete es wertvolle Minuten, bis es gelang, die Schlachtenbummler von der Bühne und aus den Gängen in den ihnen als Aufenthaltsraum zugewiesenen Chorsaal zu komplimentieren.

All das konnte ich mir lebhaft vorstellen, und später, als meine dadurch wesentlich erschwerte Ermittlungstätigkeit einsetzte, wurde es mir bestätigt. Wäre es nicht doch vielleicht besser gewesen, wenn ich in der Pause das Bühnenhaus aufgesucht hätte? Nein, die Tat hätte ich wohl kaum verhindern können. Überdies ist es sinnlos, nachträglich solche Erwägungen anzustellen, die Bluttat war nun einmal geschehen.

Gong! Der Vorhang hob sich zum letzten Akt. Stille, erwartungsvoll heiter. Und schon klang das erste Gelächter auf, als der Gefängnisdirektor Frank, sichtlich beschwipst, hereinkam, sich in seinen Sessel fallen ließ, umständlich eine dicke Zigarre anzündete und sich hinter einem vorgehaltenen Zeitungsblatt verkroch, durch das die Zigarre schnörgelnd ein Loch brannte. Noch beschwipster kam der Gefängniswärter Frosch herein - mit Applaus begrüßt, denn er war einer der beliebtesten...

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