Tee mit dem Teufel

Als deutscher Militärarzt in Afghanistan
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85075-8 (ISBN)
 
Bundeswehrarzt Reinhard Erös brach nach Afghanistan auf, um den Kriegsopfern zu helfen. Er, der das Land seit Jahren kennt, gründete Bildungseinrichtungen für Mädchen und Frauen und sorgt bis heute für das Überleben der Flüchtlinge.
Es sind keine verklärenden Erzählungen aus 1001 Nacht, wenn der Bayer mit dem dunklen Schnurrbart von seinen Erlebnissen in Afghanistan berichtet. Erfahrung mit Land und Leuten besitzt er wie kaum ein anderer: Bereits 1987 ließ er sich vom Dienst freistellen, um mit seiner Frau und vier Kindern im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet zu leben. Ein Kind starb dabei. Unter permanenter Bedrohung und in der Illegalität betreute er über 10 000 Menschen. Selbst den Taliban rang er Respekt ab, weil er im Krieg gegen die Sowjetunion unter Lebensgefahr die Zivilbevölkerung ärztlich versorgte. Er gründete Schulen für 1000 Flüchtlingsmädchen, in denen ausschließlich Frauen unterrichten. Er schildert die Entwicklung von der Emanzipation der Afghaninnen in den siebziger Jahren bis zu den schrecklichen Szenen heute.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 5,19 MB
978-3-455-85075-8 (9783455850758)
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Zu Haus in Afghanistan


Neujahrsmorgen 2002. Ein strahlend blauer Himmel begrüßt uns am Grenzübergang Torkham am Khyber-Pass. Es ist dieses kräftige dunkle und doch strahlende Blau, wie ich es nur aus Afghanistan kenne. Als der Herrgott die Welt erschuf und sich entscheiden musste, wo er den Lapislazuli, diesen schönsten aller Halbedelsteine, vergraben sollte, hatte er keine andere Wahl: Afghanistan, das Land mit dem blauesten aller Himmel.

Zwei nagelneue japanische Pick-ups rasen auf uns zu, eine staubige Wolke zieht hinter ihnen her. Ein Dutzend schwer bewaffneter junger Männer mit langen Haaren und bartlosen, grimmigen Gesichtern springt von der Ladefläche und kommt näher. Ich zähle zehn Kalaschnikow-Maschinenpistolen und zwei Panzerfäuste in ihren Händen. Für einen unbeteiligten Zuschauer hätte die Szene einen bedrohlichen Charakter, doch nicht für mich und schon gar nicht für meinen Freund und Begleiter Alem. Es sind nämlich seine Männer – unsere bewaffnete Begleitung für die weitere Reise. Jetzt haben sie uns erkannt; ihr grimmiger Gesichtsausdruck schlägt plötzlich in Freude und Lachen um.

»Wie geht es euch, wie war die Fahrt?« Minutenlanges Umarmen statt Händeschütteln, offener Blick, ehrliche Freude. Ich bin wieder zu Hause – in meinem Afghanistan. Diesmal ist es aber ein ganz anderes Gefühl, das mich befällt, denn es ist ein anderes Afghanistan, in das ich heute, zu Beginn eines neuen Jahres, einreise. Ein Afghanistan ohne sowjetische Besatzungstruppen, ohne Bürgerkrieg und ohne Taliban-Regime. Ich habe heute ein Land betreten, welches erstmals seit über zwanzig Jahren wieder berechtigte Hoffnung schöpft, Frieden zu finden. Die auch körperlich spürbare freudige Hoffnung in den Gesichtern der jungen Männer und aller Menschen um uns herum springt wie ein Funke auf mich über. Ein unbeschreibliches Gefühl von Glück und Vorfreude. Denn ich komme ja nicht als Besucher, Tourist oder Journalist zu diesen wunderbaren Menschen, sondern als einer, der am Aufbau dieses kaum vorstellbar zerstörten und geschundenen Landes mithelfen will.

Einige Meter hinter dem stählernen Grenztor erkenne ich die Zollstation und – ich traue meinen Augen nicht – auch den Zöllner wieder. Vor mir steht derselbe kleinwüchsige, verschmitzt, aber durchaus freundlich grinsende afghanische »Beamte«, der mir noch vor wenigen Wochen, damals mit langem Bart und Turban auf dem geschorenen Kopf, als Taliban-Zöllner ein Taliban-Visum ausgestellt hatte. Jetzt ist der Bart ab, die Kopfhaare sind gewachsen, und der Turban ist durch ein Pakoll, die unter den Taliban verpönte typisch afghanische filzige Rundmütze, ersetzt. Voller Stolz erkennt auch er mich wieder. Er bietet mir, wie schon bei meinem letzten Besuch noch zu Talibans Zeiten, eine Tasse mit Kardamom gewürzten Tschin Tschai (grüner Tee), das afghanische Nationalgetränk, an.

Ahmed, der Zöllner, sprudelt geradezu über vor Freude, als er mir erklärt, wie glücklich er jetzt, nach der Niederlage der Taliban, sei, als »Chef« der Grenzabteilung eines freien Afghanistans ausländische Gäste in seiner Heimat begrüßen zu dürfen. Und ganz besonders stolz sei er, heute erstmals einem »Alman«, einem Deutschen, ein Visum ausstellen zu dürfen. Welcher Zollbeamte in der so genannten zivilisierten Welt begrüßt so gastlich einen ausländischen Besucher? Afghanistan, jetzt spätestens erkenne ich dich wieder.

Wir fahren los. Eine abenteuerliche Fahrt auf einer abenteuerlich schlechten Straße nach Jalalabad, der Hauptstadt der ostafghanischen Provinz Nangahar, beginnt. Schon wenige Kilometer hinter der Grenze ragen graubraune Ruinen aus dem Gelb der Steinwüste. Menschenleere Dörfer säumen unseren Weg. Zerstörte Lehmhäuser so weit das Auge reicht. Ich bilde mir ein, noch den Geruch verbrannter Erde in der Nase zu spüren und Rauch aus den bizarren Gebilden aufsteigen zu sehen. Verbrannte Erde zu hinterlassen – das war das Ziel jahrelanger Luftschläge der sowjetischen Besatzungstruppen.

Zerstörte Dörfer und Städte

Die G.T. Road, die Great-Trunk-Straße aus dem 19. Jahrhundert, durchzieht Afghanistan von Ost nach West. Sie verbindet das ehemals britisch-indische Kolonialreich mit Europa und reicht bis nach Istanbul. Während der zehnjährigen Sowjetherrschaft in Afghanistan von 1979 bis 1989 hatte die Straße eine Schlüsselfunktion bei den militärischen Landoperationen im Osten des Landes. Damit die sowjetischen Militärkonvois ungestört die Strecke Kabul-Jalalabad-pakistanische Grenze passieren konnten, mussten die Dörfer längs der Straße zerstört und unbewohnbar gemacht werden. Zu oft waren die sowjetischen Truppen aus den Dörfern beschossen worden oder in Hinterhalte geraten.

Auch heute kann man diese Ruinen und ehemaligen Dörfer nicht gefahrlos betreten. Tausende von sowjetischen Landminen und Blindgängern warten unter Steinen und Sand auf Opfer. Dreizehn Jahre nach dem Abzug der Besatzungstruppen. – »The war is not over when the shooting stops«, ein grauenvoll wahrer Satz. So genannte moderne Kriege sind eben noch lange nicht vorbei, wenn das Schießen zu Ende ist.

Da tauchen plötzlich abseits der Straße Zelte auf. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass es keine richtigen Zelte sind, sondern Hunderte blauer Plastikhütten mit der Aufschrift »UNHCR«. Ein Flüchtlingslager für so genannte IDP – internal displaced persons –, wie der UN-Jargon Flüchtlinge im eigenen Land benennt. Und zwischen den Zelten herrscht reges menschliches Treiben. Ich bitte unseren Fahrer anzuhalten. Kaum habe ich den Pick-up verlassen, rennen Kinder auf uns zu. Barfüßig und in zerlumpten Hemdchen und Hosen, viel zu dünn der Stoff für den Winter, umringen uns im Nu zwei, drei Dutzend dieser erbärmlich anzuschauenden Gestalten. In jedem anderen Land der Dritten Welt würde man jetzt bettelnde Arme und flehende Blicke erwarten. Nicht so in Afghanistan.

Durch die verschmutzten, schmalen Gesichter strahlt mir ein Lachen entgegen, das zunächst unwirklich und fehl am Platz erscheint. Armut ist nicht überall auf der Welt die zwingende Voraussetzung für »Asozialität und Kriminalität«. Mir kommt ein Buch des französischen Schriftstellers Dominique Lapierre in den Sinn. In »Stadt der Freude« beschreibt er seinen Aufenthalt im ärmsten und am dichtesten bevölkerten Viertel Kalkuttas. »In dieser Hölle«, so Lapierre, »habe ich mehr Liebe, mehr Anteilnahme und letztendlich mehr Glück gefunden als in den Nobelgegenden der reichen Städte des Okzidents.«

Armut, Hunger und Elend haben aus diesen afghanischen Flüchtlingskindern weder Bettler noch gar kleine Gauner oder Diebe gemacht. Sie freuen sich einfach über den Besuch eines »Farangi«, eines Fremden und Ausländers, in ihrem Zuhause und zeigen mir stolz ein altes, schrottreifes Fahrrad. Zu dritt setzen sie sich auf das klapprige Gestell und umkreisen mich unter dem Beifall ihrer Spielkameraden. Dann gesellen sich Erwachsene zu uns, natürlich ausschließlich Männer. Auch ihnen sieht man die Armut sofort an. Ihr Shalwar Kamiz, das knielange Hemd mit den weiten Pluderhosen darunter, ist zerschlissen und verschmutzt. Man ahnt die dünnen Beine und Arme darunter. Aus den hageren, ausgemergelten Gesichtern grüßt uns ein offenes, freundliches »Salam aleikum«. Sie laden uns auf einen Tee ein. Ich frage Alem, meinen Begleiter, ob wir denn die Einladung dieser armen Menschen annehmen können. Wir setzen uns zu ihnen, trinken Tee und hören zu.

Es sind Bauern aus dem Norden. Wie viele sie sind, wissen sie nicht genau, etwa zweitausend Familien. Auch das ist typisch für die Welt der Afghanen: Nicht die Kopfstärke eines Dorfes ist wichtig oder entscheidend, sondern die Zahl der Familien. Vor anderthalb Jahren haben sie ihre Dörfer verlassen – nicht der Taliban wegen, diese haben sie in ihren Dörfern nur selten zu Gesicht bekommen. Und wenn einmal Taliban auftauchten, dann haben der Malik (der Bürgermeister) und der Mullah (der von den Dorfbewohnern gewählte und bezahlte Islamlehrer) die Dinge schon geregelt. Und die »Araber«, wie sie die Al Qaida nennen, haben sie vor mehr als zehn Jahren zum letzten Mal während des »Jihad«, des heiligen Krieges gegen die »Shurawi«, die gottlosen kommunistischen Sowjets, in den Bergen gesehen. Nein, weder die Taliban noch die Araber haben sie vertrieben; es war der Hunger.

Die jahrelange Dürre hat ihre Felder ausgetrocknet, die Ernten bleiben seit drei Jahren aus. Um nicht zu verhungern, mussten sie ihre Heimat verlassen und wollten nach Pakistan fliehen; doch die Grenzen waren geschlossen. Seither haben sie immer wieder versucht, nach Pakistan zu gelangen – vergeblich. Die Grenzübergänge sind noch immer geschlossen, und seit dem »Krieg der Amerikaner«, wie sie den Kampf der Antiterror-Allianz gegen Al Qaida und gegen die Taliban nennen, versperren pakistanische Truppen auch die beschwerlichen und gefährlichen Fluchtwege über die Berge. Dreimal die Woche kommt ein Tankwagen ins Lager und versorgt sie mit Trinkwasser, denn Wasser ist Mangelware in dieser Steinwüste. Und regelmäßig erhalten sie von einer UN-Organisation Bohnen, Brot, Speiseöl, Tee, Zucker und Kerosin für ihre Öfchen. Verhungern müssen sie nicht. Die Saudis haben vor einem Jahr auch eine Moschee und eine »Madrassa« (Koranschule für Jungen) im Lager gebaut. Der Mullah wird von den Saudis bezahlt und unterrichtet ausschließlich den Koran. Eine Schule für Mädchen gibt es nicht. Aber auch in ihren Dörfern zu Hause im Norden haben nur wenige Mädchen eine Schule besucht.

Wenn jemand krank wird, müssen sie ihn...

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