Die Liebesnachricht

Roman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11232-5 (ISBN)
 
Drei Schwestern, eine schwedische Kleinstadt und ein geheimnisvoller Mann .

Mariana ist die älteste von drei Schwestern, die zusammen in einer schwedischen Kleinstadt leben. Der Vater, ein Schausteller, wurde vor Jahren tot auf seinem eigenen Karussell gefunden. Doch im Ort spricht niemand darüber. Bis der schöne und mysteriöse Amnon aus San Francisco auftaucht und plötzlich wieder Bewegung in die kleine Gemeinschaft kommt. Mariana wird zu Amnons Vertrauten, was einigen Leuten ganz und gar nicht zu gefallen scheint. Sie beginnt, das Geheimnis um ihre Familie aufzudecken, doch am Ende findet sie noch etwas viel Wichtigeres heraus: nämlich wie nah Liebe und Verzeihen beieinander liegen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 0,79 MB
978-3-641-11232-5 (9783641112325)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Maria Ernestam, geboren 1959, begann ihre Laufbahn als Journalistin. Sie hat lange Jahre als Auslandskorrespondentin für verschiedene schwedische Zeitungen in Deutschland gearbeitet. Mittlerweile sind zehn hoch gelobte Romane von ihr in vierzehn Ländern erschienen. "Der geheime Brief" und "Das verborgene Haus" waren in Skandinavien Bestseller und standen auch in Deutschland wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Maria Ernestam lebt mit ihrem Mann in Stockholm und hat zwei erwachsene Kinder.

Prolog

Mein Vater starb auf dem Pferderücken. Seine Schuhe waren schmutzig, und an den Händen trug er weiße Handschuhe.

Der Tag, an dem das passierte, war von ganz besonderer Art. Nach wochenlangen Regengüssen an der Westküste hatten die Menschen resigniert und rechneten mit Ferien in den eigenen vier Wänden. Doch dann kam er plötzlich, dieser Morgen, an dem wir alle mit dem Gefühl erwachten, etwas sei geschehen, und sehr bald merkten, dass dieses Gefühl zutraf, denn die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel.

Bald bewegte sich die in den Gärten zum Trocknen aufgehängte Wäsche im Wind, und in der Bäckerei waren die Rosinenbrötchen schon am Vormittag ausverkauft. Decken wurden aus den Schränken geholt, die Rasenmäher summten hinter den Zäunen, die Zutaten zu einer Mahlzeit im Freien wurden besorgt. Die Menschen lächelten einander an und sagten »endlich«, sie trugen leichte Kleider und kurzärmlige Hemden, die bisher unbenutzt geblieben waren. Die Hitze war so willkommen, dass sie erträglich schien. Boote verließen den Hafen in Richtung der Inseln, Jugendliche kletterten auf den Felsen herum und berührten gegenseitig ihre noch weißen Körper.

Zu Hause bei uns war die Stimmung anders als sonst. Papa zauberte beim Frühstück für uns, aber er war nicht bei der Sache und konnte weder mich noch meine Schwestern an der Nase herumführen. Sein Gesicht war starr wie eine Theatermaske, und später hörten wir seine erregte Stimme, die aus allen Zimmern gleichzeitig zu kommen schien. Was in der Nacht passiert war, hing noch immer voll stechender Spannung in der Luft, und als wir mit unseren Badesachen unter dem Arm zum Meer loszogen, war Mamas Gesicht unglücklich, obwohl sie zu lächeln versuchte.

Am Strand wimmelte es von Menschen, aber nur sehr wenige badeten, und als wir ins Wasser liefen, begriffen wir, warum. Die Feuerquallen hatten die Bucht erobert. In dichten Schwärmen trieben sie herum und zogen ihre brennenden Fäden hinter sich her. Wir fanden eine freie Stelle, mussten aber steif wie die Zinnsoldaten im Wasser stehen, und trotz aller Vorsicht verbrannte ich mich. Die Haut an meinen Beinen tat sofort weh, und bald schon blühte roter Ausschlag auf. Trotzdem wollte keine von uns nach Hause gehen. So blieben wir bis zum späten Nachmittag, liefen auf den Felsen herum, versuchten noch einmal, ins Wasser zu gehen, ließen uns von der Sonne wärmen und sahen zu, wie das Meer zur Ruhe kam.

Zu Hause bat ich meine Mutter um Rat. Mit zerstreuter Miene strich sie eine Salbe auf meine Haut und rührte dann wieder die Erdbeergrütze um. Mein Vater ließ sich nicht blicken, und als ich nach ihm fragte, trug sie mir auf, das Backblech mit dem Zwieback zu überwachen, was mir wie eine Strafe für etwas erschien, das ich nicht getan hatte. Ihr Gesicht machte mir Angst, doch als meine Schwestern dazukamen und sie anfing, Märchen zu erzählen, wich die Wirklichkeit eine Zeit lang einer anderen Welt, und ich hoffte, dass am Abend alles doch noch ein glückliches Ende finden würde.

Nach einer Weile hörten wir, wie an die Haustür geklopft wurde. Mama lief die Treppe hinunter und kam mit einer Frau zurück, die wir nicht sonderlich gut kannten und deren Mann im Stall arbeitete. Kaum hatte sie uns erblickt, fing sie an, hastig eine Menge Fragen zu stellen. Wir seien doch sicher alle tüchtige Reiterinnen und könnten erzählen, warum wir Pferde liebten und wo wir so viel gelernt hätten?

Etwas an ihr steigerte mein Unbehagen nur noch. Ihre Hände jagten über ihre Haare und ihre Bluse, sie roch nicht gut und packte uns an Armen und Schultern, um uns auf unsere Stühle zu drücken. Meine Schwestern zappelten, und ich wäre ebenfalls am liebsten weggelaufen, aber bei jedem Versuch wurden wir erneut ins Gespräch einbezogen. Ob es schön sei, Sommerferien zu haben, was wir denn so tagsüber machten und wie weit wir schwimmen könnten.

»Und Mariana, du bist ja vielleicht groß geworden. Spielst du noch immer so viel mit den Marionetten? Und ihr anderen, hilft euch jemand, wenn ihr Theater spielen wollt?«

Mama bot ihr etwas zu trinken an und ersparte uns damit die Antwort. Die Finger der Frau bewegten sich auf der Tischplatte im Kreis, und ich hatte Angst, sie könnte Spuren hinterlassen, die niemals verschwinden würden. Sie fragte Mama, ob viele Leute in den Laden kämen, und Mama klang nervös, als sie antwortete. Der Kloß in meinem Hals wuchs, und ich wollte gerade ein weiteres Mal aufstehen, als unser Gast offenbar eine Entscheidung traf. Ich solle warten, sagte sie, das hier gehe uns alle an. An diesem Tag sei etwas Seltsames passiert. Etwas Schreckliches geradezu.

Ihre Augen waren wässrig und rot unterlaufen, aber ich musste doch hineinstarren, als sie sagte, ihr Mann sei keiner, der sich etwas aus den Fingern sauge. Er lese lieber die Zeitung statt Märchen. Aber als er an diesem Tag von der Arbeit gekommen sei, habe er einfach nur krank ausgesehen, bis er ihr endlich gestanden habe, etwas Unfassbares erlebt zu haben.

Aus der Ferne hörten wir das Geräusch eines Motors und etwas, das klang wie ein eingesperrter Vogel, der immer wieder gegen ein Gitter flatterte. Mama fragte, was denn geschehen sei, und jetzt wollten auch wir Kinder es hören. Die Frau zupfte an einem Faden in der Tischdecke. In ihrem Mundwinkel war ein wenig Spucke zu sehen, als sie sagte, jemand habe drüben beim Stall einen Baum gefällt.

»Der war viel zu groß geworden, und das kann gefährlich sein, wenn die Herbststürme einsetzen. Aber als sie noch bei der Arbeit waren, verfehlte jemand den Baum. Die Axt traf den Arm des Mannes, der neben ihm stand.«

Aus dem Herd quoll Rauch, und als ich das Blech herausnahm, war der Zwieback verkohlt. Die Frau am Tisch redete weiter mit vor Erregung schriller Stimme. Es habe entsetzlich geblutet. Jemand habe ein Hemd um die Wunde gebunden, aber das habe nicht geholfen. Ihr Mann sei losgelaufen, um das Auto zu holen, und als er zurückgekommen sei, habe er es gesehen.

»Was denn?«

Meine jüngste Schwester konnte sich nicht beherrschen. Die Frau wandte ihren Blick von mir ab und richtete ihn jetzt auf meine Schwester. Ein Tropfen aus meinen noch immer nassen Haaren lief langsam über meinen Hals, meinen Nacken, zwischen den Schulterblättern und dann weiter mein Rückgrat hinab. In der Stille, die nun entstand, hörten wir sie plötzlich. Die Musik.

»Was er gesehen hat? Ja, das kann ich dir erzählen, meine Kleine. Er sah die Männer, mit denen er zusammengearbeitet hatte. Aber es war einer zu viel. Sie hatten zu fünft an dem Baum gearbeitet, und als mein Mann dann im Auto saß, sah er fünf Männer auf sich zukommen. Vier, die gingen, und einen fünften, den einer der anderen trug. Mein Mann hielt den Wagen an und blinzelte einige Male, und dann schaute er noch einmal hin. Jetzt waren es nur noch vier.«

Die Frau leerte ihr Glas und sagte, es könne ja jemand dazugekommen sein, während ihr Mann unterwegs gewesen sei. Aber er habe eben gespürt, dass es … etwas anderes war. Mama erkundigte sich nach dem Verletzten. Unser Gast schüttelte den Kopf. Keine Ahnung. So schlimm sei es sicher nicht gewesen. Und wir sollten verzeihen, wenn sie ein wenig überspannt wirke, aber sie müsse es einfach irgendwem erzählen. Hier an der Küste seien Visionen und Trugbilder ja nichts Ungewöhnliches, das müsse sie doch wissen, ihr Großvater sei schließlich Pastor gewesen. Aber man sei dennoch verblüfft, wenn es dann dazu käme.

Als sie Atem holte, war sie noch deutlicher zu hören, die Musik. Meine Schwestern sahen verwirrt aus, und die Frau redete immer weiter, bis Mama offenbar genug hatte. Sie bot an, die Besucherin zur Tür zu bringen, und als die beiden verschwanden, hörte ich Mama sagen, nicht nur die dunklen Winternächte seien von Magie und Spuk erfüllt. Wir sollten doch nur an Mittsommer denken, was man da alles in Brunnen und auf Wiesen finden könne. Die rätselhaften Begleiter würden oft gesehen, wenn es auf dem Meer oder im Gebirge stürme. Dann stehe der geheimnisvolle Fremde plötzlich am Steuer oder auf einem Felsen.

Meine Mutter kam zurück und fing an, Dinge aus dem Kühlschrank zu nehmen. Sie kehrte uns den Rücken zu und sagte dabei, vielleicht habe der Verletzte einfach einen guten Schutzengel gehabt. Meine kleinen Schwestern liefen aus der Küche, ohne weitere Fragen zu stellen. Ich nuckelte an einer Haarsträhne. Meine Arme kamen mir kraftlos und schwer vor, und mein Herz hämmerte, obwohl ich ganz still saß. Mama sagte nichts weiter, und am Ende stand ich ebenfalls auf und lief die Treppen hinunter, in unseren Laden und dann aus der Tür.

Das Gras war jetzt feucht wie am frühen Morgen. In einem vergessenen Eimer war das Wasser von tanzenden Insekten bedeckt, und alles schien vom Duft der Hagebutten erfüllt. Ich sah unser Haus, den unebenen Weg zum Dorf, umgeben von Feldern und Wald, als ob ich durch ein Bilderbuch wanderte, und ich fing an, ein kleines Gedicht aufzusagen, um nicht in Tränen auszubrechen. Das Zebra gern zum Trinkloch geht, wo ihr auch seine Streifen seht. Das Zebra gern zum Trinkloch geht, wo ihr auch seine Streifen seht …

Kein Mensch war zu sehen. Niemand hatte sich von dem Geräusch anlocken lassen. An sich wäre ich lieber überall gewesen, nur nicht hier, wo die Musik, die sonst immer vertraut klang, jetzt mit ihren Disharmonien schrill und bedrohlich klang. Ich wusste plötzlich, dass der Rattenfänger ein Lied spielte, um mich tief in die Erde zu locken, dorthin, wo jedes »alles wird gut« seine Bedeutung verloren hätte. Die Musik wurde immer lauter, aber ich hätte sie trotzdem mit meinem Schrei übertönen können, wenn ich nur...

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