Glaubt mir kein Wort

Nachgelassene Satire
 
 
be.bra Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. Oktober 2016
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8393-2121-8 (ISBN)
 
Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 war Peter Ensikat einer der prägenden Autoren des deutschen Kabaretts. Jetzt veröffentlicht die Schriftstellerin Bastienne Voss eine Auswahl von bislang ungedruckten Texten aus dem Nachlass ihres langjährigen Lebensgefährten. Diese kabarettistischen Glanzstücke zeugen von Ensikats Fähigkeit, die Realität provokant und sarkastisch, aber immer humorvoll, auf den Punkt zu bringen - egal ob es um Politik oder um die Absurditäten des Alltags geht.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 0,61 MB
978-3-8393-2121-8 (9783839321218)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Peter Ensikat (1941-2013) war ein deutscher Schriftsteller und Kabarettist. Bis 1974 arbeitete er als Schauspieler in Dresden und Ostberlin, später avancierte er zu einem der meistgespielten Kabarettautoren in der DDR. Von 1999 bis 2004 war er künstlerischer Leiter des Kabaretts "Die Distel". Vielen galt er als "Dieter Hildebrandt des Ostens".

Bastienne Voss, geb. in Berlin, absolvierte die Spezialschule für Musikerziehung Gerhart Hauptmann in Wernigerode und studierte nach dem Abitur Schauspiel und Gesang in Dresden. Sie spielte in einigen Fernsehserien sowie an verschiedenen Theatern, zuletzt 1999 bis 2006 am Kabarett Die Distel in Berlin. Seit 2006 arbeitet sie außerdem als freie Buchautorin, 2007 erschien ihr Roman "Drei Irre unterm Flachdach" (Hoffmann und Campe), 2010 "Mann für Mann" (Piper).
  • Intro
  • Titel
  • Impressum
  • Inhaltsverzeichnis
  • Glaubt mir kein Wort
  • Auch im Sozialismus gab es warme Mittelplätze
  • Uns gab's nur einmal - vor und hinter der Gardine
  • Im Herzen der Deutsche zur Einigkeit neigt
  • Ein bisschen Krieg braucht dieses Land zum leben
  • Endlich angekommen - Die neue deutsche Normalität
  • Woher kommt der Mensch und wozu
  • Gebet
  • Auf der Kante liegen (Nachwort)
  • Zu einigen Personen
  • Enthaltene Texte
  • Autor/Herausgeberin

Auch im Sozialismus gab es warme Mittelplätze


Lied vom Mittel-maß-halten


Schlaf, mein Sohn, den guten Schlaf.

Nur wer schläft, mein Sohn, ist brav.

Träume solltest du vermeiden -

Träume machen unbescheiden.

Glaub mir, Held sein ist kein Spaß.

Du, mein Sohn, bleib Mittelmaß.

Werde mittel-schlecht oder mittel-gut,

werde mittel-feig, hab nur Mittel-mut.

Mach's, mein Sohn, dir stets bequem -

Mittelmaß lebt angenehm.

 

Erste Lehre: Du darfst nicht auffallen, weder durch Kleidung und Haarschnitt noch durch Intelligenz. Trage, was alle tragen, sage, was alle sagen, und schlage, wen alle schlagen, damit du nicht geschlagen wirst. Merke: Lieber ein mittelmäßiges Gehalt, als jede Woche Kritik und Selbstkritik.

 

Sicher wirst du so nicht groß.

Aber Größe macht dich bloß

unbeliebt für kleine Leute.

Das galt früher, das gilt heute:

Helden enden tragisch nur.

(Das beweist die Literatur.)

Achte, wenn du gehst, gehen die andern mit?

Achte, wenn du gehst, auf den kurzen Tritt.

In der Mitte ist's bequem - Mittelmaß lebt angenehm.

 

Zweite Lehre: Du sollst dir kein Vorbild machen.

Merke: Gute Beispiele verderben die Mitte!

 

Drum, Sohn, erreg dich nicht.

Bleibe ein bescheidenes Licht.

Trage nicht dein Herz zu Markte -

Helden kriegen Herzinfarkte.

Unsereins stirbt niemals aus.

Unsereiner hat es raus:

Lässt die andern vor, bleibt im Hintergrund,

wird zwar nie berühmt, aber bleibt gesund.

In der Mitte ist's bequem -

Mittelmaß lebt angenehm.

 

Dritte Lehre: Auch im Sozialismus gibt es noch warme Mittelplätze. Und die Helden fahren nicht immer die besten Autos. Die ersten werden die letzten sein, aber Mitte hat immer Schwein.

1972

 

Vergessen


Geht's Ihnen auch so mit Ihren Gedanken?

Ich sauf wie ein Loch und vergesse zu schwanken.

Als Kind hab ich jeden Mann Papa genannt,

den eigenen hab ich nicht wiedererkannt.

Und einmal, da wär ich erstickt fast beim Essen -

ich hatte das Schlucken ganz einfach vergessen,

vergessen, vergessen .

 

All meine Lehrer sind sehr früh gestorben.

Ich hab Ihnen jeglichen Lehrplan verdorben.

Mein Lehrmeister plagte sich auch mit mir ab.

Ich überstand's, aber er liegt im Grab.

Ich lebe und bilde mich fort auf Kongressen,

auf welchen, das hab ich schon vorher vergessen,

vergessen, vergessen .

 

Freundinnen hatte ich auch ziemlich viele,

bloß welche wie hieß, hatt ich nie im Gefühle.

Und eine, die nahm ich dann schließlich zur Frau.

Nur welche das war - ach, ich weiß nicht genau.

Ich habe mit ihr oft getrunken, gegessen .,

doch was das Dritte war, hab ich vergessen,

vergessen, vergessen .

 

Sehn Sie, das hat nun für mich sehr viel Gutes -

wenn ich mich verpflichte, denkt keiner: er tut es.

Und wenn es gilt, kernige Reden zu halten,

dann red ich ganz offen vom Chef, diesen alten .

Am nächsten Tag lädt er mich mittags zum Essen

und da ist die Sache natürlich vergessen,

vergessen, vergessen .

 

Sagen Sie selbst - bin ich nicht zu beneiden?

Ich kann mich von morgens bis abends gut leiden.

Vergangenheit, Zukunft - was geht mich das an?

Es gibt genug andre, die denken schon dran.

Sie sitzen und schwitzen und planen und messen -

ich freu mich, wie kann man sich so weit vergessen,

vergessen, vergessen .

 

Ich kann mich jedermann angenehm machen.

Ich kann über jeden Witz hundertmal lachen.

Ich kann auch tagtäglich die Presse durchwandern,

für mich ähnelt gar keine Zeitung der andern.

Auch Losungen find ich ganz einfach zum Fressen,

die kann ich beim Lesen schon wieder vergessen,

vergessen, vergessen .

 

Die Schlussstrophe, die ist die schönste von allen,

die ist mir bloß grad, die ist mir bloß grad,

die ist mir bloß gerade entfallen .

1970

 

Alltägliche Maskerade


Treten Sie näher, treten Sie ran -

hier gibt es Masken für jedermann!

Begräbnis, Versammlung, Kritik - einerlei -

wenden Sie sich an den Maskenverleih!

Nicht auf den Anzug und nicht auf das Kleid

schaut man in unserer heutigen Zeit.

Zum richtigen Anlass das richtige Gesicht -

mehr braucht der Erfolgreiche heutzutag nicht.

 

Aber meine lieben Mitmienen, das, was Ihnen an Wandlungsfähigkeit angeboren und anerzogen ist, reicht nicht mehr für den taktischen Umgang mit Menschen und Vorgesetzten. Die Zeiten sind vorbei, da man dem Chef einfach dort hineinkroch, wo er keine Augen hat. Die Hosen sind enger geworden und der Blick weiter. Deshalb geben Sie Ihrem Gesicht schon am frühen Morgen einen leichten Anflug von Klassenstandpunkt, der Ihrem Chef die Gewissheit vermittelt, dass Sie das ND gelesen haben. Die Sekretärin aber streifen Sie mit jenem gänzlich unpolitischen Blick, der sie vergessen lässt, dass sie was anhat. Sollte sie allerdings schon älter oder nicht Ihr Typ sein, behalten Sie den Klassenstandpunkt ruhig bei.

Dann legen Sie die Stirn in Dauerkrause, schicken Sie die Pupillen von Zeit zu Zeit seufzend zum Wechselrahmen, als hielten Sie stille Zwiesprache mit dem Vorbild dort oben, und atmen Sie hörbar ein und aus. Auch leises Schnarchen wird Ihnen dann noch als unermüdliche Tätigkeit ausgelegt werden.

Sollte Ihr Chef Sie gegen Feierabend trotzdem noch nach den unerledigten Akten fragen, verleihen Sie Ihrem Gesicht jenen unfehlbaren Ausdruck gekränkter Parteilichkeit, der da besagt: Wie kann man nach dem letzten Plenum nur noch nach alten Akten fragen! Und schon ist er beschämt. Denn wenn Ihr Chef wirklich arbeitet, dann kann er das ganze ND gar nicht gelesen haben.

Bei der nächsten Gelegenheit wird er Sie befördern, denn Rausschmeißen geht ja nicht. Also: gut maskiert, ist halb befördert.

In kritischen Situationen aber geben Sie Ihrem Gesicht jene undurchdringlich-überlegene, jedoch nach allen Seiten offene Entschlossenheit, keine Meinung zu äußern, bevor die Mehrheitsverhältnisse klar sind.

Sollten Sie mit der Verkehrspolizei zu tun haben, üben Sie Ihr Gesicht in Demut. Blicken Sie immer zum Polizisten auf, auch wenn er kleiner ist als Sie. Beim Autoschlosser hilft kein Gucken. Hier müssen Sie spucken.

 

Treten Sie näher, treten Sie rein -

mit unsern Masken wahren Sie den Schein!

Die Unschuld vom Lande für spät in der Nacht,

wenn Ihre Frau Ihnen Vorwürfe macht.

Ein einziger Blick, und die Frau ist geknickt -

hat man denn dafür die Nacht durch gebückt

am Schreibtisch vor Akten und sowas gehockt,

damit, wenn man heimkommt, die Frau auch noch bockt?!

 

Ja, meine lieben Brüder im Mienenspiel, auch Ihr ganz privates Glück hängt entscheidend von der Kunst Ihrer Maske ab. Die richtigen Falten im überarbeiteten Gesicht lassen jeden fremden Lippenstift verschwinden und anschließend von den Mitleidstränen der beschämten Gattin hinweg spülen.

Für die Kinder aber reicht der stetige Vorwurf im Blick -...

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