Was wir im Feuer verloren

 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. April 2017
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1555-3 (ISBN)
 
Argentinien ist ein Land, das heute den viel beschworenen Untergang der Mittelschicht erlebt. Gewalt zieht in den Alltag ein. Traditionen verlieren ihre Gültigkeit und die Gegenwart wird zur Zumutung. Mariana Enríquez schreibt über den Zerfall der Familien, erzählt von Freunden, die sich im Alltag bekriegen, von Häusern, in denen es spukt und in denen Menschen verschwinden. Sie erzählt von Mädchen, die sich selbst verbrennen, von einem Mann, der sich in den dunklen Seiten des Internets verirrt hat und für die Welt verloren ist. Enríquez' Stimme ist ruhig, gelassen - als sei dies alles ganz normal. Und so erzeugt die Autorin eine enorme Wirkung, entwirft das Zerrbild einer Gesellschaft kurz vor dem Kollaps, einer Demokratie am Abgrund. Mariana Enríquez steht in der Erzähltradition von Borges und Cortázar und doch sind ihre Erzählungen ganz gegenwärtig. Sie gehört zu den wichtigsten Stimmen der jungen lateinamerikanischen Literatur.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 0,80 MB
978-3-8437-1555-3 (9783843715553)
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Mariana Enríquez wurde 1973 in Buenos Aires geboren. Die Journalistin und Schriftstellerin gilt als eine der aufregendsten Stimmen Lateinamerikas. Die vorliegenden Erzählungen wurden z. T. vorab in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften in Argentinien und den USA veröffentlicht.

DER SCHMUTZIGE JUNGE


Meine Familie hält mich für verrückt, weil ich in unsere alte Familienvilla in Constitución gezogen bin, das Haus meiner Großeltern väterlicherseits, ein massiger Steinbau in der Calle Virreyes mit grün lackierten Eisentüren, Jugendstilornamenten und alten Mosaikböden, die so glatt gewetzt sind, dass ich auf ihnen eine Schlittschuhbahn eröffnen könnte, sollte ich jemals auf die Idee kommen, sie zu bohnern. Aber ich war seit jeher in dieses Haus verliebt, und ich weiß noch, wie wütend ich als Kind war, als es an eine Anwaltskanzlei vermietet wurde, wie sehr ich die Räume mit den hohen Fenstern und den Innenhof vermisste, der mir wie ein geheimer Garten erschien, wie enttäuscht ich war, dass ich an der Eingangstür vorübergehen musste und nicht mehr nach Belieben eintreten konnte. Meinen Großvater, einen schweigsamen Mann, der selten lächelte und nie mit mir spielte, vermisste ich kaum. Als er starb, vergoss ich keine Träne. Ich weinte viel mehr, als wir nach seinem Tod das Haus verloren, zumindest für einige Jahre.

Nach den Anwälten zog eine zahnärztliche Gemeinschaftspraxis ein, danach wurde es an ein Reisemagazin vermietet, das in weniger als zwei Jahren pleiteging. Das Haus war schön und komfortabel und für sein Alter erstaunlich gut erhalten, aber niemand, oder doch kaum jemand, wollte sich in diesem Viertel niederlassen. Das Reisemagazin tat das nur, weil die Miete für die damalige Zeit sehr günstig war. Aber nicht einmal das rettete sie vor dem schnellen Bankrott, und sicher war es auch nicht hilfreich, dass die Büros geplündert wurden: Sämtliche Computer, eine Mikrowelle und sogar ein schwerer Fotokopierer verschwanden.

Constitución ist das Viertel rund um den Bahnhof, an dem die Züge aus dem Süden ankommen. Im neunzehnten Jahrhundert lebte hier die Aristokratie von Buenos Aires, deshalb gibt es solche Häuser wie das meiner Familie - und auch auf der anderen Seite des Bahnhofs, in Barracas, finden sich zahlreiche dieser Villen, die zu Hotels oder Altenheimen umgebaut wurden oder allmählich verfallen. 1887 flohen die adeligen Familien vor dem Gelbfieber in den Norden der Stadt. Nur wenige kehrten zurück, eigentlich fast niemand. Mit der Zeit konnten die Familien wohlhabender Geschäftsleute, wie die meines Großvaters, die steinernen Häuser mit den Wasserspeiern und den Bronzetürklopfern erwerben. Aber das Viertel erholte sich nie wieder von dieser Flucht, es verfiel, galt als unpopulär.

Und es wird immer schlimmer.

Aber wenn man weiß, wie man sich im Viertel bewegen muss, wenn man dessen Dynamik zu den verschiedenen Zeiten kennt, ist es nicht gefährlich. Oder nicht ganz so gefährlich. Zum Beispiel weiß ich, dass ich freitagabends rund um die Plaza Garay in die Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Gruppen von Kriminellen geraten kann: Die Kleindealer der Calle Ceballos verteidigen ihr Territorium gegen Eindringlinge und verfolgen ihre ewigen Schuldner; die Junkies, die sich das Hirn weggefixt haben, fühlen sich von allem und jedem provoziert und greifen mit Flaschen an; und die müden, besoffenen Transvestiten verteidigen ihr Fleckchen Erde ebenfalls. Ich weiß, dass ich auf dem Nachhauseweg auf der Avenida mit größerer Wahrscheinlichkeit überfallen werde als in der Calle Solís, und das, obwohl die Avenida hell erleuchtet und die Calle Solís dunkel ist, weil es dort nur wenige Laternen gibt, von denen die meisten kaputt sind: Man muss das Viertel kennen, um diese Strategien zu entwickeln. Zweimal bin ich auf der Avenida schon ausgeraubt worden; beide Male rannten Jungen an mir vorbei, rissen mir die Handtasche weg und warfen mich zu Boden. Beim ersten Mal bin ich zur Polizei gegangen und habe Anzeige erstattet; beim zweiten Mal wusste ich schon, dass es sinnlos ist, weil die Polizei den Jugendlichen im Gegenzug für Gefälligkeiten, die diese ihnen erweisen, die Avenida für ihre Raubzüge freigegeben hat - drei Blocks bis zur Autobahnbrücke. Man muss ein paar grundlegende Dinge berücksichtigen, um sich ungestört durchs Viertel bewegen zu können, und ich beherrsche sie alle aus dem Effeff, obwohl natürlich immer etwas Unvorhergesehenes passieren kann. Wichtig ist, keine Angst zu haben, sich ein paar unentbehrliche Freunde zu schaffen, stets die Nachbarn zu grüßen, auch wenn sie Kriminelle sind - vor allem, wenn sie Kriminelle sind -, erhobenen Hauptes zu gehen und wachsam zu sein.

Ich mag dieses Viertel. Niemand versteht, warum. Ich schon: Hier fühle ich mich scharfsichtig, wagemutig und hellwach. Es gibt nicht mehr viele Orte wie Constitución in der Stadt, die, von den Randbezirken einmal abgesehen, reicher und liebenswerter geworden ist, dicht bebaut und gewaltig zwar, aber ein Ort, an dem es sich leicht leben lässt. In Constitución ist das Leben alles andere als einfach, aber es ist schön mit seinen ehemals vornehmen Ecken, die wie verlassene Tempel sind, bevölkert von Ungläubigen, die nicht einmal wissen, dass zwischen diesen Mauern einst zu alten Göttern gebetet wurde.

Auch hier leben viele Menschen auf der Straße. Nicht so viele wie auf der Plaza Congreso, etwa zwei Kilometer von meinem Haus entfernt: Dort haben sie, direkt vor dem Kongresspalast, ein richtiges Camp errichtet, das von den Behörden ostentativ ignoriert wird, jedoch so unübersehbar ist, dass jede Nacht Grüppchen von Freiwilligen Essen ausgeben, die Kinder medizinisch betreuen, im Winter Decken und im Sommer kaltes Wasser verteilen. In Constitución sind die Obdachlosen mehr auf sich gestellt, Hilfe kommt nur selten. Direkt bei mir gegenüber, vor einem Eckhaus, das früher einmal als Lagerraum diente und dessen Fenster und Türen jetzt zugemauert sind, damit es nicht besetzt werden kann, lebt eine junge Frau mit ihrem Sohn. Sie ist schwanger, in den ersten Monaten, obwohl man das bei den drogenabhängigen Müttern im Viertel nie genau wissen kann, weil sie so ausgemergelt sind. Der Junge dürfte etwa fünf sein, er geht nicht zur Schule, sondern treibt sich den ganzen Tag in der U-Bahn herum, wo er im Tausch gegen Heiligenbildchen von San Expedito Geld erbettelt. Das weiß ich, weil ich eines Tages auf dem Weg von der Innenstadt nach Hause mit ihm in derselben Bahn gefahren bin. Er hat eine sehr beunruhigende Masche: Zuerst gibt er den Leuten ein Heiligenbildchen, dann nötigt er sie, ihm die Hand zu schütteln, ein kurzer, klebriger Händedruck. Die Leute zeigen weder Mitleid noch Widerwillen. Der Junge ist verdreckt und stinkt, aber ich habe nie erlebt, dass jemand so mitleidig war, um ihn von der U-Bahn mit nach Hause zu nehmen, zu baden und das Jugendamt zu informieren. Die Leute geben ihm die Hand und kaufen ihm ein Heiligenbildchen ab. Er blickt immer finster drein und spricht mit rauer Stimme; meistens ist er erkältet, und manchmal steht er mit anderen Kinder aus der U-Bahn oder aus dem Viertel zusammen und raucht.

Einmal sind wir abends zusammen von der U-Bahn-Station bis zu meinem Haus gegangen. Er hat kein Wort mit mir gesprochen, aber wir haben uns Gesellschaft geleistet. Ich habe ihm ein paar dumme Fragen gestellt, nach seinem Alter und seinem Namen, aber er hat mir nicht geantwortet. Er ist kein niedliches oder freundliches Kind. Aber als ich an meiner Haustür angekommen war, hat er sich von mir verabschiedet.

»Tschau, Nachbarin«, sagte er zu mir.

»Tschau, Nachbar«, antwortete ich.

Der schmutzige Junge und seine Mutter schlafen auf drei Matratzen, derart verschlissen, dass sie übereinandergelegt so dick sind wie eine gewöhnliche Matratze. Die Mutter bewahrt die wenigen Kleidungsstücke in schwarzen Müllsäcken auf und hat einen Rucksack voller anderer Dinge, die ich nie zu Gesicht bekomme. Sie hängt den ganzen Tag an der Ecke herum und bettelt mit düsterer, eintöniger Stimme. Ich mag die Mutter nicht. Nicht nur, weil sie verantwortungslos ist, weil sie Paco raucht und sich mit der Asche ihren schwangeren Bauch verbrennt oder weil ich noch nie gesehen habe, dass sie ihren Sohn, den schmutzigen Jungen, freundlich behandelt hätte. Da ist noch etwas an ihr, was ich nicht mag. Ich habe meiner Freundin Lala davon erzählt, während sie mir bei sich zu Hause die Haare schnitt. Es war der letzte Montag der Sommerferien. Lala ist Friseurin, arbeitet aber schon seit einiger Zeit nicht mehr in einem Salon; sie sagt, sie mag keinen Chef über sich. In ihrer Wohnung verdient sie mehr und hat ihre Ruhe. Als Friseursalon ist Lalas Wohnung nicht optimal. Heißes Wasser zum Beispiel gibt es nur unregelmäßig, weil der Durchlauferhitzer nicht immer richtig funktioniert, und manchmal trifft mich, wenn sie mir nach dem Färben die Haare wäscht, plötzlich ein kalter Wasserstrahl, dass ich aufschreie. Dann verdreht sie die Augen und erklärt mir, die Klempner seien alle Betrüger, knöpften ihr einen Haufen Geld ab und ließen sich dann nicht mehr blicken. Ich glaube ihr.

»Diese Frau ist ein Monster, Schätzchen«, schreit sie, während sie mir mit ihrem alten Föhn fast die Kopfhaut verbrennt. Auch als sie mir mit ihren dicken Fingern durch die Strähnen fährt, tut sie mir weh. Vor Jahren hat Lala beschlossen, eine Frau und Brasilianerin zu sein, aber geboren ist sie als Mann und Uruguayer. Jetzt ist sie die beste Friseurin unter den Transsexuellen des Viertels und geht nicht mehr anschaffen: Als sie noch auf dem Strich war, erwies sich ihr falscher portugiesischer Akzent als sehr nützlich, um Männer anzulocken, jetzt nützt er ihr nichts mehr. Aber das ist egal, sie hat ihn sich so angewöhnt, dass sie manchmal am Telefon portugiesisch spricht oder, wenn sie aufgebracht ist, die Arme hebt und Pombagira um Rache oder Gnade bittet. Das ist ihre persönliche Candomblé-Gottheit, der sie in einer Ecke des Zimmers, in dem sie Haare...

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