Sechs Wochen im Herbst

 
 
Ulrike Helmer Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. September 2018
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-89741-959-9 (ISBN)
 
Als Jan ins Dorf zurückzieht, gerät die Welt von Pferdefreundin Katta ins Wanken. Erstens ist sie gerade frisch getrennt, zweitens bringt ihr Exmann seine neue Gattin mit - und diese Maria sucht ausgerechnet Kattas Nähe! Wie die beiden Frauen schließlich gemeinsam die Zügel in die Hand nehmen, um einen schlimmen Verdacht aufzuklären, erzählt diese abgründige, von Hufschlag und Heuduft begleitete Geschichte über Menschen und ihre mysteriösen Geheimnisse.
  • Deutsch
  • Roßdorf
  • |
  • Deutschland
  • 1,66 MB
978-3-89741-959-9 (9783897419599)
weitere Ausgaben werden ermittelt
BETTINA ELPERS wurde 1969 in Frankfurt am Main geboren und lebt im Hintertaunus. Von Haus aus Mittelalter-Historikerin, arbeitete sie als Sprachtrainerin, Dozentin, Lehrerin und in der Personalberatung. Die Begeisterung für Pferde begleitet sie schon lange. Sie reitet seit ihrem zwölften Lebensjahr und hält seit zwanzig Jahren ein eigenes Pony. "Sechs Wochen im Herbst" ist ihr erster Roman.

Maria


Maria Mortau hatte sich bei ihrem schnellen Rückzug durch die Tannen an der Hand verletzt. Dabei hatte sie die Frau gespannt erwartet und war trotzdem erschrocken, als sie an ihr vorüberging, mit diesen seltsam aufgefächerten Fingern, und dann hatten sie sich in die Augen gesehen, hatten im wahren Sinne des Wortes einen Augen-Blick ausgetauscht. Das wäre lustig, wenn sie jemandem davon erzählen könnte! Maria betrachtete den Kratzer, der sich vom kleinen Finger über den Handballen schräg nach unten zum Handgelenk zog. Sie versuchte das heruntertropfende Blut abzulecken, aber es kam zu viel.

Oder hatte die andere sie gar nicht wahrgenommen?

Konnte man in die Augen eines Menschen blicken, ohne dass er es bemerkte? Das war eher unwahrscheinlich, oder?

Schließlich fand sie in ihrer Tasche noch ein sauberes Taschentuch und wickelte es um die Hand, die nun auch wehtat. Wie sollte sie ihr das jemals erklären können? Entschuldigen Sie, ich war am Gärtnern, im Herbst ist ja immer so viel zu tun im Garten. Sie könnte sich über sich selbst lustig machen und beide würden lachen.

Aber wem konnte sie jetzt und heute davon erzählen? Ein nasser Zweig streifte ihr die Kapuze vom Kopf und kaltes Wasser lief ihr den Nacken hinunter. Sie schüttelte sich.

Egal. In nicht einmal zwei Monaten würde das Kind zur Welt kommen. Sie sollte sich darauf konzentrieren, glücklich zu sein. Langsam ging sie zum Haus zurück. Es war riesig und protzig und stand von Tannen dunkel umrahmt gegen die Dämmerung. Ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte, ganz anders, als Jan es ihr geschildert hatte. Es war kein bisschen romantisch oder idyllisch.

Mein wunderschönes Haus im Wald für meine wunderschöne, junge Frau - das hatte er gesagt und das Grün seiner Augen war vor Zärtlichkeit ganz dunkel geworden und sie hatte ihm so gerne geglaubt. Insgeheim schwebte ihr wohl so eine Art Blockhaus vor. Wie naiv. Die Wirklichkeit sah ziemlich anders aus. Es gab sogar Säulen und Marmor. Eine strahlend weiße Villa, anmaßend, kühl und arrogant, eine Art Miniaturpalast für eine eher unzulängliche Prinzessin. So hatte sie es anfangs beschrieben, als sie noch mit ihren Freundinnen in Hamburg telefoniert hatte, und sie hatten darüber gelacht. Nun telefonierte sie nicht mehr. Stattdessen verkroch sie sich hinter Bäumen und beobachtete heimlich Leute und ließ sich auch noch dabei erwischen.

Nachdem sie den Hintereingang durch die Spülküche genommen hatte, blieb sie im Flur vor dem großen Spiegel stehen und betrachtete sich. Tannennadeln waren in ihren dichten rotblonden Haaren haften geblieben. Sie umrahmten ein blasses, schmales Gesicht, in dem hellbraune Augen brannten. Ihr Hals ragte lang und schlank aus dem alten Regenmantel, der viel zu groß war, aber dennoch um den Bauch herum spannte. Sie spürte, wie die Zeit an ihr abtropfte. Gedanken an Hamburg, an ihr altes Zuhause, stiegen auf und mit ihnen die Tränen, die ihr über die Wangen liefen und vom Kinn herabfielen. Unverwandt starrte sie in den Spiegel, ihre Augen schauten daraus zurück. Nebelbälle mit darunterliegenden dunklen Schatten, durch den Tränenschleier weichgezeichnet.

Sie sah so jung aus, geradezu kindlich, ein übermüdetes Kind, keine vierundzwanzig Jahre alt. Jung genug, um dem Spiegelbild beim Weinen zuzusehen, kindisch genug, um sich vom Sturm der gestrigen Nacht wachhalten zu lassen. Regelrecht gefürchtet hatte sie sich allein in dem großen Haus.

Was war nur mit ihr los? Diese Stimmungseinbrüche, diese Traurigkeit. Ihre Frauenärztin hatte gesagt, das seien die Hormone, sie solle sich nicht sorgen. Aber in Hamburg hatte sie sich nie so gefühlt. In Hamburg war sie auch nie allein gewesen, in Hamburg waren sie immer zusammen, sie und Jan.

Wie sie ihn liebte und vermisste!

Endlich löste sie ihren Blick vom Spiegel, ließ sich auf den Boden gleiten und schloss die Augen. Unwillkürlich drehte sie an ihrem Ehering.

Wenn jemand sie so fände! Es stand nicht zu befürchten, dass irgendjemand sie in diesem Zustand fand. Sie hatte in den drei Monaten, die sie nun schon hier war, noch keine Freunde gefunden. Ihre alte, verhasste Schüchternheit war in der neuen Umgebung wieder stärker geworden, was wenig hilfreich war. Jan wollte immer nur mit ihr allein sein oder er war geschäftlich unterwegs, wie auch jetzt. Frühestens am Mittwochabend würde er wiederkommen. Er müsse sich durchsortieren, Bankkram erledigen, irgendetwas mit Immobilien und Aktien. Deswegen war er noch einmal nach Hamburg hochgefahren. Sie wusste nicht, was genau er tat.

Einmal gefragt, hatte er gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen, er habe genug Geld, um für sie zu sorgen, er sei reich. Wenn sie nicht wolle, müsste sie niemals arbeiten und, wenn sie es so wollte, er auch nicht. Dabei hatten sie Champagner getrunken. Mit ihm schien das Leben leicht.

Es gab diese Momente der Leichtigkeit.

Das Telefon schrillte durch die Eingangshalle. Mit aller Kraft kniff sie die Augen zu. Es war herrlich dunkel, solange sie die Lider geschlossen hielt. Das Telefon klingelte erneut, sie bewegte sich nicht, es klingelte immer und immer wieder, bis der letzte Ton verhallte. Kurz darauf ertönte die Melodie, die sie für Jan auf ihrem Handy eingestellt hatte. Sie wollte nicht unter Tränen drangehen, wollte nicht, dass er es merkte: dass er dachte, sie weine, weil sie unglücklich sei oder nicht erwachsen genug, um ein paar Tage allein zu bleiben. Als es still wurde, hatte sie aufgehört zu weinen. Sie würde sich zusammenreißen.

Langsam stand sie auf, zog den Regenmantel aus und hängte ihn sorgfältig an die riesige Garderobe. Dabei suchte sie automatisch die Taschen ab, damit sie kein blutiges Taschentuch darin ließ, und hielt plötzlich einen glatten Stein in der Hand. Einen Amethyst, violett und leicht durchsichtig, als Handschmeichler geschliffen, ein kleines J war eingraviert und noch ein Zeichen, das sie nicht erkannte, aus verschlungenen Ringen. Sie würde Jan danach fragen, hätte gar nicht gedacht, dass er an Heilsteine glaubte. Gedankenverloren steckte sie den Stein in die Tasche ihrer Jeans und ging ins Kinderzimmer hoch, für sie der schönste Raum im Haus, groß und hell, dessen Fenster auf die weite Rasenfläche hinausgingen.

Jan hatte das Zimmer schon komplett einrichten lassen, bevor sie herkamen, und auch hier war irgendwie alles zu viel, zu perfekt. Er hatte sogar schon nagelneue Bücher in die Regale gestellt, auch eine komplette Märchensammlung. Das wiederum war so lieb von ihm. Er wusste, wie sehr sie Märchen liebte, Märchen und Kinderbücher. Und dennoch hätte sie diese Einrichtung hier gerne selbst in die Hand genommen.

Um sich aufzuheitern, nahm sie das Hochzeitsbild in die Hand. In jedem Raum hatte sie eines auf die Fensterbank gestellt. Jan sah so elegant aus in dem Zwanzigerjahre-Frack, den er zu ihrer Hochzeit getragen hatte. Er sah überhaupt sehr gut aus, niemand konnte etwas anderes sagen. Die leuchtend grünen, leicht schräg geschnittenen Augen, die oft etwas Abwartendes, Taxierendes hatten. Oft lag auch ein Hauch von Amüsiertheit darin, was sie noch nicht recht verstand. Die dunklen Haare, immer ein bisschen zu lang, sogar am Hochzeitstag hingen sie ihm in die Augen. Wie erstaunlich regelmäßig seine Gesichtszüge waren! Von engelsgleicher Schönheit, fast zu weich für einen Mann, wenn nicht die Narben gewesen wären. Kleinere helle Narben, die seinen Zügen etwas Raubtierhaftes verliehen. Wenn er den Kiefer anspannte, wie er es tat, wenn er vor sich hinbrütete, bekam er einen harten, nahezu höhnischen Zug um den Mund. Was öfter geschah, seit sie hier waren. Sollte sie dann fragen, was er dachte? Oder fragte man besser nicht? Sollte sie nicht vielleicht einfach wissen, was ihn bedrückte, als seine Frau? Sie war in vielen Dingen noch so unsicher. Meist ging sie einfach schweigend zu ihm, dann entspannte er sich, lächelte, und sein Mund verlor diese unheimliche Härte. Und wenn er sie küsste, wurde ihr immer noch schwindlig.

Ihre Freundinnen hatten gesagt, er sehe ein bisschen verlebt aus. Vielleicht stimmte das sogar, er war schließlich auch wesentlich älter als sie, fünfzehn Jahre. Auch trank und rauchte er zu viel und schlief zu wenig. Aber das würde sich ändern. Er schlief jetzt schon so viel besser. Als sie angefangen hatten, die Nächte miteinander zu verbringen, war sie erschrocken, wie oft er wach lag. Die Schlaflosigkeit quälte ihn schon seit Jahren.

Schlimmer waren seine Alpträume.

Er schrie im Schlaf, manchmal weinte er. Sie hatte sich nicht getraut, ihn darauf anzusprechen. Aber sein Schlaf sei besser geworden und das liege an ihr, sagte er immer wieder, worüber sie von ganzem Herzen glücklich war. Wenn er sie fest in den Arm nahm, sein Gesicht in ihren Nacken vergraben, dann konnte er einschlafen. Manchmal flüsterte er mit seiner tiefen Stimme, dass sie seine Fee sei, die erste Frau in seinem Leben, die ihm wirklich guttue; dass sie ihn heile mit ihrer Unschuld und...

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