Gun Machine

Thrilller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Mai 2013
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10405-4 (ISBN)
 
100 Opfer. 100 Waffen. 1 Killer.

Detective Tallow hat einen richtig miesen Tag: Erst muss er mitansehen, wie sein Partner von einem Irren niedergeschossen wird, dann entdeckt er zufällig ein verrammeltes Apartment, das bis zur Decke mit Waffen vollgestopft ist. Zu allem Überfluss stellt sich heraus, dass jede einzelne davon einen Menschen getötet hat - und keiner dieser Morde wurde je aufgeklärt. Hunderte Fälle, die bereits bei den Akten lagen, müssen somit neu aufgerollt werden. Tallow soll sich der Sache annehmen. Doch der geheimnisvolle Killer ist nach wie vor aktiv ...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,03 MB
978-3-641-10405-4 (9783641104054)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Drei

Die Lage im Mietshaus kochte rasch zu einem brodelnden Chaos hoch. Im Gedrängel der Uniformen und der paar eilig rekrutierten Detectives, die eine erneute Befragung der Bewohner über die Nachbarn aus Apartment 3A durchführen sollten, glitt Tallow unauffällig die Treppe hinab.

Die Sonne versteckte sich bereits hinter den langen verchromten Armen des Bankenviertels. Als er in den fahlen Himmel blickte, fragte Tallow sich kurz, wohin der Tag verschwunden war. Er stieg in seinen Wagen. Selbst vom Fahrersitz aus kam ihm das Auto leer vor. Er zwängte sich in den immer dichteren Verkehr und schlug sich nach Osten durch, zurück in den tiefsten 1st Precinct.

Fünfzehn Minuten später stand der Wagen vor seinem Lieblingscafé, einem Café mit Tischen auf dem Gehsteig, wo sich keiner über Raucher beschwerte. Er kaufte sich eine Schachtel Zigaretten und ein Wegwerffeuerzeug im Laden an der Ecke, setzte sich mit einem großen Pappbecher mit Kartonbanderole an einen Blechtisch, nahm einen Schluck teuflisch schwarzen Kaffee, zündete sich mit gar nicht mal so zittrigen Fingern die erste Kippe an und nahm die Sache in Angriff: Er musste den Autopiloten abschalten und die Welt an sich heranlassen.

Er ließ die Welt Schritt für Schritt an sich heran. Er ließ zu, dass er das leichte Zwicken des Sakkos unter den Achseln registrierte. Dabei trug er das einzige Sakko, das er hatte umarbeiten lassen, um darin Platz für sein Schulterhalfter zu haben. Das bedeutete, dass er um die Brust herum zugenommen hatte. Als er die Augen einen Moment lang schloss, spürte er ein winziges Ziehen am Schädel. Getrocknetes Blut auf seiner Haut.

Schritt für Schritt. Die naturbelassene Kartonbanderole um den Venti-Plus-Becher, vollgestempelt mit biologischer Tinte, die verkündete, wie stolz das Café auf seine Unabhängigkeit sei, wobei der simple schwarze Druck auf der fleckigen Pappe ein eigenes Statement in Sachen Authentizität war. Der schimmernde Blechtisch, der die Sonne so grell spiegelte, dass man hier tagsüber nicht allzu lange verweilen konnte, insbesondere nicht mit einem Notebook oder Tablet, wodurch sichergestellt wurde, dass die Plätze auf dem Gehsteig nie über Gebühr von denselben Personen in Beschlag genommen wurden. Das Aroma der Zigarette, Holz und Öl. Die tröstliche Wärme in Tallows Brust, als er den Rauch tief einsaugte und durch die Nasenlöcher ausatmete. Der chemische Nachgeschmack auf seiner Zunge, gefolgt vom unwillkürlichen Griff nach dem süßen, starken Kaffee, um die Rückstände der Kippe wegzuwaschen und seinen Schädel vor noch mehr Schwindelgefühl zu bewahren. Tallow hatte seit neun Monaten nicht mehr geraucht. Und seiner Meinung nach hatte er auch nicht wieder angefangen. Diese Zigarette hatte medizinische Gründe. Wenn er vom Tisch aufstand, würde er die Schachtel und das Feuerzeug wegschmeißen.

Die nächsten Schritte. Die Musik, die aus der offenen Tür des Cafés auf die Straße waberte - Glo-fi aus Brooklyn von vor ein paar Sommern, Kids aus den Randbezirken von Park Slope, die sich die Strände Kaliforniens ausmalten. Und die zwei Mädchen auf der anderen Seite des Ladenfensters, beide mit zu Quasi-Iros hochgegeltem Haar, beide in ärmellosen Kapuzenpullis, die unfertige Oberarmtattoos einrahmten; das unfertigere war schöner. Dieses Mädchen hatte offensichtlich weniger Geld, aber ein besseres Auge für Künstler.

Hinter ihnen, auf einem Gestell neben der Theke, ratterte ein Drucker, ein Verkaufsautomat, der Print-On-Demand-Dokumente oder Schnappschuss-Aggregate aus sozialen Netzwerken raushustete.

Stufen. Ein Bus röhrte vorüber. Ein schwarzer Ausschlag aus toten Pixeln zog sich über die dynamische Anzeigetafel an seiner Seite - Werbung für ein computeranimiertes Dings mit drei Versionen von Arnold Schwarzenegger in den Hauptrollen, darunter ein Arnold mit Mitte zwanzig und einer mit Mitte dreißig. Auf den Bus folgte ein ungeduldig hoppelndes Auto, ein nigelnagelneuer Wagen frisch aus dem Verkaufsraum, aber mit stolz geschwungenen Heckflossen wie aus den Fünfzigern. Ein strahlend roter Sportschlitten, mit einem Mann am Steuer, der bereits an der Fünfzig kratzte und sein ebenso strahlendes, rot-weiß gestreiftes Hemd sorgfältig hochgekrempelt hatte, um einen gut gepflegten Pelz aus grauer Unterarmbehaarung zu präsentieren.

Schritte. Jim Rosato war tot, und nichts konnte den Kupfergeschmack vertreiben, der Tallow immer wieder in die Zunge stach. Als hätte er ein paar Atome von Jims verdampftem Blut eingeatmet, als die Schrotflinte seinem Partner den halben Kopf weggedonnert hatte. Tallow hatte alles abgeblockt, aber jetzt waren die Vorhänge runter, und er sah Jims Tod in einer erbarmungslosen HD-Endlosschleife.

Er würgte am Kippenqualm.

»Wusste ich's doch, dass ich Sie hier finde. Darf ich mich setzen?«

Seine Augen schnappten auf. Auf der anderen Seite des Tischs stand die Lieutenant, einen Kaffee in der Hand. Tallow fragte sich, wie lange er schon so vor ihr gehockt, seinem Partner beim Sterben zugesehen und nichts mitbekommen hatte.

»Bitte«, sagte er.

Die Lieutenant hatte eine eigentümliche, gemächliche Art, sich hinzusetzen und aufzustehen, wie ein präzises Klappmesser. Kopf und Schultern bewegten sich dabei kaum, und ihr schwarzes Kostüm warf makellose Falten, als sie Beine in Schlaghosen ausfuhr. Der Vater der Lieutenant war Schneider und flickte ihr Maßklamotten zum Selbstkostenpreis zusammen. Wenn sie neu eingekleidet war, ging man ihr bekanntlich lieber aus dem Weg. Das Abholen eines neuen Kostüms folgte nämlich einem strengen Ritual, bei dem ihr Vater sie lang und breit wegen ihres Aufstiegs zum »Oberarsch« beschimpfte.

Sie taxierte Tallow mit ihren scharfen, hellen Augen. »Ich habe mit Jims Frau gesprochen«, sagte sie schließlich, während sie den Kaffeebecher mit ihren Klarlack-Nägeln vom Deckel befreite.

»Ich hab was weggelassen, als wir vorhin geredet haben«, erwiderte Tallow. »Als Jim in Schussposition gegangen ist, ist ihm ein Knie weggeknickt. Wegen der vielen Joggerei. Ich wollte nicht, dass Sie ihr davon erzählen.«

»Das können Sie gerne auch im schriftlichen Bericht weglassen.« Die Lieutenant versuchte sich an einem Lächeln. Sie hatte ein markantes, attraktives Gesicht, und wenn sie lächelte, glaubte Tallow jedes Mal, hinter der harten Maske und unter dem zweckmäßigen Kurzhaarschnitt ein kleines Mädchen hervorlinsen zu sehen. »Wegen der Schüsse bekommen Sie natürlich keine Probleme. Ich habe mit ein paar Leuten gesprochen. Sie müssen eine Vorladung und eine offizielle Befragung über sich ergehen lassen, aber man wird Ihnen keinen Ärger machen.«

»Darüber hatte ich mir auch keine Gedanken gemacht.«

Ihr Blick glitt über Tallows Gesicht, als würde sie nach irgendetwas suchen. Doch sie fand es nicht, und so atmete sie enttäuscht aus und führte den Becher an die Lippen.

Tallow zog ein letztes Mal an der Zigarette. Drehte sich zur Straße und schnippte den Stummel zielgenau über den Gehsteig in einen Gulli. Und kippte sich etwas Kaffee in die Kehle, um den Geschmack wegzuspülen.

Die Lieutenant beobachtete ihn weiter. »Sie haben mir noch gar nicht von dem Apartment erzählt, das Sie durchlöchert haben.«

Er sog die Backen ein, um den ätzenden Geschmack ganz hinten an seiner Zunge mit Kaffeespeichel zu ersticken. »Gibt nicht viel zu erzählen. So was hab ich noch nie gesehen. Wird ein spannender Zeitungsartikel, wenn's durchsickert.« Tallow fiel auf, dass sie ihn immer noch beäugte. »Was ist los, Lieutenant? Hab ich was falsch gemacht?«

»Ich fürchte, Sie verkriechen sich gerade tiefer in Ihrem Kopf, als mir recht sein kann. Tiefer als sonst. Ich muss wissen, dass Sie sich mit dem heutigen Tag auseinandersetzen, John.«

»Mir geht's gut.«

»Das finde ich ja so beunruhigend. Ich habe Jim und Sie vor Jahren zu einem Team gemacht, weil sich Ihr persönlicher Wahnsinn gegenseitig ergänzt hat. Der eine hat den anderen in Schach gehalten. Jetzt will ich, dass Sie sich nicht wieder in sich zurückziehen und die Welt da draußen nur noch aus der sicheren Deckung heraus mit dem Fernrohr beobachten. Im letzten Jahr war es schon schlimm genug.«

»Ich kann nicht ganz folgen.«

Die Lieutenant stand auf. »Doch, können Sie. In Ihrem Alter ist der Kick bei unserem Job weg und die endlose Plackerei zur Gewohnheit geworden, und da fragt man sich schon mal, ob es so schlimm wäre, sich um nichts mehr zu scheren, die Sache nur noch laufen zu lassen und möglichst wenig zu investieren. Ich verordne Ihnen eine Auszeit von achtundvierzig Stunden. Wenn Sie zurückkommen, sind Sie ein Detective, den ich gebrauchen kann.« Sie machte eine Pause und versuchte noch einmal, ihr Lächeln auszupacken. »Das mit Jim tut mir leid.« Das Lächeln schlug nicht an. Sie ging.

Fünf Minuten lang saß Tallow bloß da und drehte eine zweite Zigarette zwischen den Fingern. Dann steckte er sie zurück in die Schachtel. Schob Schachtel und Feuerzeug in die Tasche. Betrat das Café, rannte auf die Toilette und kotzte den Kaffee und seine beiden letzten Mahlzeiten mit einem dünnen Schrei...

»Gun Machine ist der bösartige kleine Bruder von Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten«
 
»Gun Machine ist eine der wenigen ästhetisch und inhaltlich überzeugenden Serienkiller-Novels der letzten Jahre.«
 
"Knallige Spannungseffekte, geschickte Dialoge, ungewöhnliche Ideen: ein Spitzenkrimi, der aus der bisherigen Krimiproduktion von 2013 herausragt."
 
»Gun Machine, einer der besten Spannungsromane des Jahres 2013 [...] Bewahren Sie sich diesen Roman auf. Es lohnt sich, ihn wieder zu lesen.«

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