Das Elfenbeinzimmer

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. April 2015
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96938-3 (ISBN)
 
Das Gold der Sonnenuntergänge, die Karamellfarben der Erde: Inmitten der Farbenpracht Marokkos wagt Jana nach dem Tod ihrer Mutter einen Neuanfang und zieht zu ihrer großen Liebe Joaquin. Der alte Familiensitz, auf dem er lebt, fasziniert sie von Anfang an, erscheint er mit seinen zahlreichen Säulen und Spiegeln doch wie ein verwinkeltes Labyrinth. Immer tiefer zieht er Jana in sich hinein, bis sie auf ein prächtiges elfenbeinfarbenes Zimmer stößt. Doch der schöne Schein trügt. Denn dieses Zimmer hat eine Geschichte - eine Geschichte, so dunkel wie das Indigoblau arabischer Nächte .
weitere Ausgaben werden ermittelt
Laila El Omari, geboren in Münster als Tochter einer deutschen Mutter und eines palästinensischen Vaters, studierte Orientalistik, Germanistik und Politikwissenschaften. Sie spricht mehrere arabische Dialekte und hat viele Länder des Orients bereist. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Töchtern in Bonn.

1


Mit der Dämmerung krochen kupferrote Schatten aus den Ecken und verwoben sich mit Erinnerungen und Bildern längst vergangener Tage. Auch wenn der Hang zur Nostalgie nicht unbedingt zu Janas ausgeprägtesten Wesenszügen zählte, so fiel ihr der endgültige Abschied von der Wohnung ihrer Mutter doch schwer. Sie war hier aufgewachsen, wusste genau, wie man über die Flurdielen gehen musste, damit sie nicht knarrten, und auch das Quietschen der Wohnungstür war ihr nur allzu vertraut. Seit ihrer Kindheit hatte es geheißen, dass diese Tür geölt werden müsste, aber aus irgendeinem Grund war das nie passiert, als sei dieses Quietschen etwas, das zu der alten Wohnung unbedingt dazugehörte. Vielleicht hatte ihre Mutter nach dem Tod ihres Mannes absichtlich an jedem Relikt aus der Vergangenheit festgehalten, das Erinnerungen barg.

»Marla?« Keine Antwort. Den ganzen Tag schon hatte sich Janas jüngere Schwester in Schweigen gehüllt, war durch die Wohnung gegangen, hatte die alten Türen, die Küchenschränke und den Schuhschrank mit der verzogenen Klappe berührt. Schließlich war sie im Zimmer ihrer Mutter verschwunden. Nach kurzem Zögern schlug Jana den Weg dorthin ein und hielt mit der Hand auf der Klinke inne. »Marla?« Erneutes Schweigen. Jana wartete, doch als sich nach einigen Minuten immer noch nichts rührte, öffnete sie vorsichtig die Tür und betrat den Raum. Dunkelheit umfing sie, dann bemerkte sie die Silhouette am Fenster.

Ihre Schwester sah sie an und spielte mit einer Strähne ihres langen, mahagonifarbenen Haars, das ihr glatt bis zur Taille fiel. »Du ziehst das also wirklich durch?«

Ein rascher Atemzug hob Janas Brust. »Wir ziehen das durch.«

Die letzten feinen Strahlen des Abendlichts, die durch die Jalousien drangen, zerbrachen Marlas spöttisches Lächeln in Stücke. Sie hatte immer schon etwas Düsteres gehabt, selbst als kleines Kind hatte sie gewirkt wie ein Wesen aus einem Fantasyroman, ein elfenhaftes Mädchen, das einen lange schweigend mustern konnte, sodass man sich unweigerlich fragte, welche Geheimnisse sich hinter den grauen Augen verbargen.

»Klar, wir ziehen das durch.«

Sie ging an Jana vorbei in den Flur zu dem Karton, auf dem das Abendessen aus dem chinesischen Schnellimbiss angerichtet war. Jana hatte das Essen hierher verlegt, weil es so elend kalt war in den leeren Zimmern und sie am Abend vor ihrer Abreise nicht noch die ganze Wohnung heizen wollte. Also hatte sie nur den kleinen Heizkörper im Flur aufgedreht und alle Türen geschlossen, damit die Wärme nicht entweichen konnte.

Marla griff nach der einzigen Wasserflasche und hob sie an den Mund - etwas, was sie sich in Gegenwart ihrer Mutter nie erlaubt hätte und was Jana regelmäßig auf die Palme brachte. Als diese jedoch den herausfordernden Blick bemerkte, mit dem Marla sie bedachte, während sie die Flasche zurückstellte, beschloss sie zu schweigen. Sie wollte an diesem Abend nicht der Funke sein, an dem sich der nächste Wutausbruch ihrer Schwester entzündete.

»Ich möchte in dieser Wohnung bleiben.«

»Oh, bitte, Marla, das hatten wir doch alles schon. Du bist sechzehn. Selbst wenn ich es erlauben würde, glaubst du wirklich, das Jugendamt macht da mit?«

»Wir müssen es ja nicht offiziell machen.«

Jana nahm einen Plastikbecher, goss sich Wasser ein und beobachtete, wie die Kohlensäureperlen aufstiegen. »Du weißt doch selbst, dass das nicht geht.«

»Aber mich nach Marokko zu verschleppen, das geht, ja?«, fauchte Marla. »Sogar die Tante vom Jugendamt war misstrauisch.«

»Sie war nicht misstrauisch, sondern wollte wissen, wie meine Lebensplanung aussieht, damit ich nicht mit dir hungernd auf der Straße lande.« Jana dachte an das Treffen zurück. Sie fungierte nun als Marlas offizieller Vormund, und vor der Auswanderung musste natürlich sichergestellt sein, dass es ihrer jüngeren Schwester an nichts fehlte, dass sie die Schule weiter besuchen würde und in stabilen Familienverhältnissen lebte. Sie hatte unzählige Fragen über sich ergehen lassen müssen, und selbst wenn die Mitarbeiterin des Jugendamts sehr freundlich und verständnisvoll gewesen war, so hatte sie eine leise Anspannung nicht verleugnen können. Aber die Mitarbeiterin war dergleichen offenbar gewöhnt, und letzten Endes sprach nichts gegen die Ausreise.

»Und wie sieht deine Lebensplanung aus? Los, erzähl es noch mal. Und am besten, ohne dass der Name Joaquín dabei fällt, denn auf den können wir im Notfall ja nicht bauen, wenn du deine Ehe mit ihm ein zweites Mal in den Sand setzt.«

Jana stellte den Becher ab und sah ihre Schwester an. »Wir sind nicht von ihm abhängig. Es ist unser Leben, das ich dort aufbauen möchte. Du weißt doch, wie unglücklich ich in meinem Job war.«

»Dann such dir halt was anderes. In Bonn gibt es sicher auch Arbeitsstellen, und das ist nicht so elend weit weg von Köln wie Marokko.«

Dieses Gespräch hatten sie unzählige Male geführt, und Jana konnte den Verlauf schon auswendig herunterleiern. Sie holte tief Luft, wappnete sich. »Du weißt, dass du auch zu unseren Großeltern ziehen kannst.« Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesprochen, kam er auch schon, der Wutausbruch.

»Tolle Alternative! Du weißt doch genau, wie streng die sind!« Marla schnappte sich ihre Portion Nudeln, drehte sich um und lief in ihr Zimmer. »Aber dir ist es ja egal, wenn du mir mein Leben kaputt machst!«, rief sie noch. Dann warf sie die Tür mit einem Krachen ins Schloss, das die Wände erbeben ließ.

So viel zum gemeinsamen Abendessen, dachte Jana und setzte sich erschöpft im Schneidersitz auf den Boden. Als ihre Mutter vor sechs Monaten erfahren hatte, dass sie an einer aggressiven Form von Leukämie erkrankt war, hatte dies die beiden Schwestern eng zusammengeschweißt. In der Regel war ihr Verhältnis jedoch eher schwierig. Als ihre Schwester geboren wurde, war Jana gerade zwölf Jahre alt geworden. Sie erinnerte sich noch zu gut an das Gespräch, das ihr Vater vor Marlas Geburt mit ihr geführt hatte.

»Was hältst du von einem Geschwisterchen?«, hatte er sie gefragt.

»Nichts!«, war Janas gallige Antwort gewesen. Zwar war sie von dem Baby dann doch ebenso entzückt gewesen wie ihre Eltern. Aber die anfängliche Faszination verflog schnell, als sich der niedliche, zerknautschte Winzling als Dauerschreihals entpuppte, den man im Kinderwagen spazieren fahren musste und dessen Windeln unterwegs genau dann eindeutige Gerüche verströmten, wenn man auf den tollsten Jungen der Schule traf. Und dann die Babysitterdienste, die später in Fahrdienste übergegangen waren. Schließlich war die Phase gekommen, in der die kleine Schwester die große um Ratschläge bat, und erst während dieser Zeit war eine Art Vertrautheit entstanden. Doch da hatte Jana schon nicht mehr zu Hause gewohnt.

Natürlich war es für Marla nicht leicht, da machte Jana sich nichts vor. Mit fünf hatte sie den geliebten Vater durch einen Autounfall verloren, und nun war ihre Mutter gestorben, die Marla mit ihren sechzehn Jahren doch noch so dringend brauchte. Bei dem Gedanken daran, dass sie, Jana, diese Lücke nun füllen musste, überkam sie leichte Panik. Sie seufzte. In diesem Jahr war wirklich alles zusammengekommen: die Krankheit ihrer Mutter, die Probleme im Job, und alldem vorausgegangen war die Trennung von Joaquín. Joaquín ...

Es war die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie waren sich in der Uni über den Weg gelaufen, er in Hektik, weil er zu spät kam, sie mit dem Kopf über ein Buch gebeugt. Nur ein kurzer Augenkontakt im Vorbeigehen, und es war um sie geschehen. Er hatte schwarzes Haar, sehr dunkle Augen und warf ihr einen Blick zu, der Jana die Knie weich werden ließ - und ihm war es ähnlich ergangen, wie sie im Nachhinein erfahren hatte. Dann hatten sie sich erneut gesehen, in der Mensa, und sie hatte zum ersten Mal seine Stimme gehört, das weiche akzentgefärbte Deutsch. Er war in ein Gespräch mit einem Kommilitonen vertieft gewesen, und erst hatte Jana gedacht, er hätte sie nicht wahrgenommen. Doch dann hörte sie, was er sagte. Ich will wissen, wer sie ist.

Ihre Gedanken kehrten zurück in die Gegenwart. Wie hätte sie weitergemacht, hätte Joaquín nicht vor zwei Monaten angerufen? Hätte sie die Wohnung behalten und wäre in ihrem Job geblieben? Oder hätte sie einen neuen Job gesucht und wäre mit Marla aus dieser viel zu großen Wohnung ausgezogen? Hätte Marla dann auch einen Aufstand gemacht? Aber die Frage hatte sich nicht gestellt, denn während sie und ihre Schwester gerade versuchten, mit dem Tod der Mutter klarzukommen, hatte Joaquín angerufen und seine Hilfe angeboten. Und er hatte sie gebeten, zu ihm zurückzukehren, erst einmal rein freundschaftlich, wenn ihr das lieber war. Warum nicht alle Zelte abbrechen und es woanders neu versuchen? Es gab in Ceuta eine gute Privatschule für Marla, in der auf Englisch unterrichtet wurde. Und sie selbst könnte dort den Stoffhandel, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte und der seit vier Generationen ihrer Familie gehörte, weiterführen. Bereits zu Lebzeiten ihrer Mutter hatte das Unternehmen kaum genug abgeworfen, um den grundlegenden Lebensunterhalt zu decken, sodass diese noch einen weiteren Job in einer Versicherung angenommen hatte, um sich und Marla über die Runden zu bringen. Am Ende hatte sie das Unternehmen stillgelegt, mit der Absicht, sich etwas Neues einfallen zu lassen, etwas, das den Umsatz wieder ankurbeln würde. Doch dann war die Krankheit gekommen. Nun gehörte das Unternehmen Jana und Marla, und obwohl Jana sich nie wirklich dafür interessiert hatte, war der...

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