Heimatlos

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 31. August 2020
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7526-1375-9 (ISBN)
 
Was wäre gewesen, wenn? Man kann in dieser Geschichte die Frage so oft stellen, bis einem schwindlig wird. Nicht fragen, nicht bohren, nicht denken. Es war so, wie es war. Menschen begegneten sich, Dinge passierten. Nur ein kleiner Schritt heraus aus dem Lauf der Dinge und meine Großmutter wäre nicht mehr gewesen, meine Mutter tot, ich nie geboren.
Das Leben von Soja Nasarova, einer ungewöhnlichen und mutigen Frau, spielt sich im Wirbelwind der Geschichte des 20-igsten Jahrhunderts ab. Von der idyllischen Kindheit als Pfarrerstochter in Südrussland über die Wirren der Revolution von 1917, die Industrialisierung in der Sowjetunion bis zu Verschleppung und Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg geht die unglaubliche Reise der Familie bis in die neue Heimat - Belgien. Ein Buch, das Mut macht und das Menschliche in jeder Begegnung sieht.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 2,85 MB
978-3-7526-1375-9 (9783752613759)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ghalia El Boustami, in Marokko geboren und in Belgien aufgewachsen, findet immer wieder eine Heimat in neuen Ländern und Sprachen. Nach dem Studium der Germanistik und Anglistik lebte und arbeitete sie einige Jahre in Rom und in den Philippinen. Die zweifache Mutter wohnt zurzeit mit ihrem Mann in Niedersachsen, wo sie zugewanderte Erwachsene und Jugendliche in Deutsch unterrichtet.

1. Die glücklichen Jahre


Matuschka1, die Kiste hier ist fertig gepackt! Darin sind feine Leinen und ein Teil der Bettwäsche«. Die alte Kinderfrau Lukinischna erhob sich seufzend vom Holzboden des Schlafzimmers, in dem ein Meer von Tüchern, Leinen und Kleidern aller Art ausgebreitet war. »Gut, Lukinischna, das macht eine Kiste mehr«, antwortete die müde Stimme von Jefrasja Nikolajevna, der Pfarrersfrau. Sie war noch sehr mitgenommen von dem frühen Tod ihres jüngsten Kindes, Venjamin. Eine frische Brise kam vom offenen Fenster hinein und Lindenduft verbreitete sich im Zimmer. »Aber Lukinischna«, rief eine schrille und entschlossene Stimme vom Esszimmer unten, »an Ihrer Stelle würde ich Silberbesteck und Kristallkaraffen mit dazu packen! So sind sie besser geschützt«. »Es gibt noch genügend davon, Fjokluscha«, antwortete die alte Kinderfrau, die schon zwei Generationen von Kindern der Familie Nasarov aufgezogen hatte. Die Helferin Fjokla Ivanovna war vom Gut von Großmutter Sascha, der Mutter der Pfarrersfrau, zur Hilfe beim Packen geschickt worden. Der Umzug der Familie nach Taganrog2, besser gesagt ins Dorf Jekaterinovka, um die fünfzig Werst3 entfernt von dieser Stadt, war für den Herbst geplant. Vater Venjamin Nasarovs Organisationstalent als Pfarrer in der kleinen Gemeinde von Staniza4 Burazkaja, in der Provinz Rostow im südlichen Russland hatte sich herumgesprochen. Nun war er als Dekan für den Kreis Taganrog am Don berufen worden. Die lange Reise bis an die Grenze zur Ukraine, in eine unbekannte Gegend, musste gut vorbereitet werden.

Vom offenen Wohnzimmer hörte man einige Wortfetzen auf Französisch. Marussja5 und Galja6, die beiden älteren Töchter der Pfarrersfamilie übten mit der Gouvernante. Bald würden sie die Aufnahmeprüfung für das Eparchiale7 Institut für junge Mädchen in Nowotscherkassk machen. Wie aufregend! In die Großstadt zu ziehen, wo sie im Internat wohnen würden, zusammen mit vielen adligen jungen Mädchen, und dabei Französisch lernen, sowie Klavier spielen und vieles andere mehr. Ihre Mutter Jefrasja hatte selbst als Mädchen das Eparchiale Institut von Woronesch besucht, wo sie unter anderem gelernt hatte, Klavier zu spielen und zu tanzen. Die beiden Schwestern fühlten sich sehr wichtig und hatten kaum noch Zeit, mit ihren jüngeren Geschwistern Soja und Kolja zu spielen.

Venjamin Nasarov, Vater von Soja, 1900

»Lukinischna, Mama! Wir haben zwei Kisten Pfirsiche mitgebracht! Wir durften sie selbst pflücken!« Der kleine Junge mit dem rötlichen Haar, der reingestürzt kam, war nicht zu halten. Kolja sprang vor Begeisterung auf und ab, bald gefolgt von einem Mädchen mit pechschwarzem Haar und feurigem Blick. Seine ein Jahr ältere Schwester Soja und er waren unzertrennlich.

Kolja8 war ein sehr sensibles und unruhiges Kind. Lukinischna hatte ihn mit Tees aus schwarzen Johannisbeeren und Johanniskraut behandelt. Sie hatte ihn sogar in einer Vollmondnacht in den Hühnerstall gebracht, bevor die Hühner aufwachten, um ihn »unter ein Huhn zu legen«, wie es ein heidnischer Brauch empfahl. Mit größter Vorsicht hatte sie den Tag gewählt und es so eingerichtet, dass Matuschka Fanja9 das nicht mitbekam. Es hätte ihr sicherlich nicht gefallen. Die Prozedur sollte seine Nerven stärken, wie die Alten im Dorf es erzählten. Da dies nicht half, ging sie einen Schritt weiter und stahl sich heimlich zu einer alten Frau, die im Dorf als Heilerin bekannt war. Die Heilerin goss ein Bild des Jungen in Wachs, bekreuzigte sich mehrfach, sang, rezitierte Sprüche, spuckte mehrmals auf den Boden und rief das Kind zur Genesung auf. Aber es half alles nicht. Kolja blieb ein sehr nervöses Kind.

Um in dieser anstrengenden Zeit nicht im Wege zu sein, begleiteten die Kleinen ihren Vater nun häufiger auf seinen Reisen in den umliegenden Gemeinden. Manchmal vergaß man auch ganz, sich um sie zu kümmern, was ihnen ganz gelegen kam.

Nun kam auch Vater Venjamin ins Wohnzimmer. Groß und schlank, strahlte er Ruhe und Gelassenheit aus. Seine Sutane war staubig von der Fahrt und über seinem Bart blinzelten die blauen Augen. Das Licht fiel auf eine braune Locke seiner Frau Fanja, die mitten in einem Meer von Leintüchern saß. Sie sah stets reizend aus. Er liebte ihre natürliche Ausstrahlung, ob am Klavier, das sie mit Leichtigkeit spielte, in einer geistreichen Unterhaltung oder beim Packen von Kisten für den Umzug.

Jefrasja Poleschajeva, Mutter von Soja, 1915

Matuschka Fanja hielt einen Brief in der Hand. »Venjamin«, sagte sie lächelnd zu ihrem Mann, »meine Mutter lädt mich zu sich nach Lebjasche ein. Diese Pause wird mir guttun und so können wir uns vor dem Umzug nach Taganrog in Ruhe verabschieden.« Sie wandte sich an die Helferinnen: »Lukinischna, Fjokluscha, bereitet alles vor, morgen bei Tagesanbruch machen wir uns auf dem Weg nach Lebjasche! Wir bleiben dort eine Woche. Soja und Kolja kommen mit. Die beiden älteren Mädchen bleiben hier und können so in Ruhe weiter lernen«. Soja und Kolja konnten sich vor Freude kaum halten. Babuschka10 Sascha war Sojas Patentante und von ihr heiß geliebt. Und auf dem Gut ihres Großvaters, des angesehenen Viehzüchters Nikolaj Poleschajev, gab es immer viel zu entdecken.

Die Woche in Lebjasche verging wie im Flug. Während Mutter und Tochter die Zeit miteinander genossen, tobten die Kinder drinnen wie draußen. Aus den Schränken holten die Hausmädchen Leckereien: getrocknete Kirschen und Pflaumen, Pfirsiche in Saft und allerlei Gebäck. Draußen kletterten die Kinder auf die Bäume, jagten die Kälbchen und provozierten den Ziegenbock. Bis der Moment des Abschieds kam. Großmutter, Mutter, die Hausmädchen, die Gärtner, sie alle vergossen Tränen, auch die beiden Kinder.

»Wir sind so traurig! Wann werden wir uns alle wiedersehen?« jammerte Kolja. So stand die Familie versammelt vor dem Gutshaus, zur Abreise bereit. Es war früh am Morgen und die Sonne strahlte am Himmel. Großvater Nikolaj hatte den Reisenden einen Pferdewagen mit zwei Pferden für den Umzug und ihr neues Zuhause geschenkt. Und Großmutter Sascha hatte ihrerseits viele Sachen vorbereitet, Körbe - mit leckeren Kirschen - und Koffer, lebende Hühner und Gänse. Kolja bekam einen kleinen Hasen, aber das Tier zappelte so lange in seinen Armen, bis es freikam und ins Grüne verschwand. So fuhren sie zurück nach Staniza Burazkaja. Bei der Ankunft kam Vater Venjamin vor die Tür, um die Reisenden zu empfangen. Er traute seinen Augen kaum: »Fanja! Das ist ja die Arche Noah!«

Das wundervollste Geschenk von Fanjas Eltern war die Truhe. Sie war so riesig, dass sie nicht durch die Haustür passte. Man ließ sie auf der Veranda stehen. Die Truhe war aus schwerem und hartem Holz geschnitzt, wie Marmor, glänzend und ohne einen Kratzer. Sie öffnete sich mit Hilfe eines riesigen Schlüssels. Nach zwei Umdrehungen erklang der Marsch »Ertöne, O Siegesdonner!«11 so laut, dass jeglicher Diebstahl dadurch unmöglich gewesen wäre. Die Truhe wurde mit allerlei Pelzen und Fellen gefüllt: Bärenfelle, Fuchsmäntel, Tschapkas aus Hasenfell und Jacken aus Astrachan-Pelz. Die Winter konnten auf dem Lande sehr kalt werden und man musste sich auf Reisen mit der Troika im Schnee warm anziehen. Eine andere Truhe hatte Jefrasja Nikolajevna als Mitgift in die Ehe eingebracht. Diese war kleiner und elegant: Sie stand auf Füßen und war mit feinen metallischen Verzierungen beschlagen. Beim Öffnen erklang ein Glockenspiel12.

Wegen des Umzugs stand ein weiterer Abschied bevor: der Abschied von der »Mühle«. So wurde die Sommer - Datscha genannt, die Djeduschka13 Nikolaj, der einiges an Land besaß, der Familie seiner Tochter Fanja geschenkt hatte.

Diesmal waren alle mitgekommen: Vater, Mutter, die großen Schwestern und natürlich auch Lukinischna sowie die Hausmädchen. Kaum hatten die Pferde vor der kleinen Wassermühle angehalten, sprangen auch schon Kolja und Soja aus dem Wagen heraus. »Wer zuerst am großen Teich ist, hat gewonnen!« Die Kinder rannten am Bach entlang, ein Duft von Wasserminze und Mädesüß füllte ihre Lungen, Libellen flogen im Zick-Zack-Kurs über ihre Köpfe. Soja war zuerst da, direkt von ihrem Bruder gefolgt. Erschöpft ließen sich die Kinder ins Gras am Teichrand fallen. Der Wind sang durch das Schilf, am blauen Himmel waren nur ein paar kleine Wolken.

Die Großen packten derweil die Sachen aus, es war noch Zeit bis zum Essen. »Lass uns zum Haus von Onkel Pavel und Tante Tanja14 gehen!« Im Haus nebenan auf dem Hügel wohnte der Lehrer Pavel Filippovitsch Nasarov, ein Cousin von Vater Venjamin, mit seiner Familie. »Hei Kinder, schaut mal her!« Grischa, ein großer Junge kam ihnen mit einem Karton entgegen. Er legte ihn vorsichtig auf den...

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