Wie wir die Angst vor der Angst verlieren

Furchtlos in 7 Tagen
 
 
DuMont Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Juli 2019
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8321-8482-7 (ISBN)
 
Gregor Eisenhauer hat Angst. Überall und vor allem Möglichen. Sie überfällt ihn im Schwimmbad, im Keller, seltener im Zoo. Am allerstärksten fürchtet er sich jedoch davor, mit fremden Menschen zu reden. Dabei wäre es sicherlich einfacher, wenn er jemanden hätte, der ihm zur Seite stünde. All die Helden der Fernsehserien und Comics, die er als Kind liebte, hatten so jemanden: einen tapferen Collie oder einen Tiger, der mit ihnen durch dick und dünn ging. Denn wer wäre schon Calvin ohne Hobbes?
Als Gregor Eisenhauer sich eines Tages eingesteht, dass er wie so viele an einer generalisierten Angststörung leidet, sucht er sich Hilfe. Dank einer unermüdlichen Therapeutin meistert er eine einwöchige Konfrontationstherapie. Begleitet wird er dabei von einem längst verstorbenen Leidensgenossen und heimlichem Vertrauten: Franz Kafka.
Sprühend vor Witz und Intelligenz berichtet Gregor Eisenhauer davon, wie er seiner Angst ins Gesicht blickt und sie so Schritt für Schritt zu verlieren beginnt. Er nimmt den Leser an die Hand und führt ihn durch eine Woche, in der er die Furchtlosigkeit entdeckt. Immer mit dabei sind seine Therapeutin, der große Ängstliche der Weltliteratur - und der Mut zur Besserung.
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 1,41 MB
978-3-8321-8482-7 (9783832184827)
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Gregor Eisenhauer, geboren 1960, hat Germanistik und Philosophie studiert und über Arno Schmidt promoviert. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin und schreibt u. a. Nachrufe für den Tagesspiegel. Zuletzt erschienen >Die 10 wichtigsten Fragen des Lebens - in aller Kürze beantwortet< und >Wie wir alt werden, ohne zu altern. 7 Ideen gegen die Verholzung des Denkens< bei DuMont.

Sicherheitshinweis:

»LEBEN IST IMMER LEBENSGEFÄHRLICH«

. Befürchtungen, darüber, ob mein Augenlicht für mein ganzes Leben genügen wird.

Franz Kafka

Ich habe Angst. Seit ich denken kann. Angst vor der Dunkelheit, vor dem Erwachsenwerden, vor dem Altwerden, vor dem Dickwerden, vor dem Tod. Angst vor der Liebe, vor dem Hass, vor dem Neid, vor den Grillpartys meiner Nachbarn, vor dem Besuch alter Schulfreunde, vor der Zukunft, vor der Vergangenheit, vor den engen Kurven im Parkhaus. Es gibt nichts, wovor ich keine Angst haben könnte. Oft wache ich morgens auf und denke mir, bleib liegen, der Tag kann nichts Gutes bringen. Und wenn ich abends einschlafe, habe ich Angst vor meinen Träumen. Und dem Morgen. Denn irgendwas ist immer.

Was mich ganz und gar nicht beruhigt: Ich bin nicht allein mit meiner Angst. Alle haben Angst. Alle sind in der Krise, kriegen gerade die Krise, haben die Krise, erwarten die Krise, beschwören, beschönigen, besingen die Krise, bei sich oder bei anderen. Krise als Dauerzustand. Weltgeschichte als Chronik der Krise. Seit Adam und Eva das Paradies verließen, die Sintflut die erste Umweltkatastrophe auslöste, die Nudeln nicht länger von Hand gezogen werden: Krise. Überall. Globale Krisen, lokale Krisen, Krise im Kinderzimmer, im Schlafzimmer, im Klassenzimmer. Krise zwischen Mann und Frau, Tier und Mensch, Hund und Katze, Gott und der Welt. Unser Universum zur Gänze ist eine Ausgeburt der Krise, denn wer wollte den Urknall anders denn als Krisenmoment einer bis dahin unendlich friedlichen kosmischen Stille verstehen. Alles ist Krise - und insofern halb so schlimm. Krise ist nicht gleich Katastrophe, aber schlimm genug. Krisen kann man nicht weglachen, nicht ignorieren oder schönreden. Auch wenn Ratgeber gern so tun, als könnten sie bei der Bewältigung von Krisen helfen: Die nächste unvorhersehbare Schicksalswendung wartet schon. Wie sollte es auch anders sein? Alles andere wäre Stillstand.

Die ganze menschliche Existenz ist Existieren in der Krise. Seit die abenteuerlustigsten Affen die Bäume verließen, ist der Mensch in der Krise, denn der aufrechte Gang, den unsere Vorfahren einübten, ist nichts anderes als ein permanent krisenhaftes Geschehen. Wir müssen einen Fuß vor den anderen setzen, wieder und wieder, was kein leichtes Unterfangen ist. Kinder und Greise wissen: Gehen ist verhindertes Fallen.

Dieses Buch handelt nicht von den großen Krisen: Finanzkrise, Klimakrise, Hungerkrise, Glaubenskrise, Eurokrise, es handelt von den Krisen des Alltags. Es handelt von der Krise Alltag. Es handelt von Angst. Es handelt von Einsamkeit. Davon, dass es an manchen Tagen sehr schwerfällt, aufzustehen, anderen Menschen zu begegnen, die eigenen Probleme wahrzunehmen, sie anderen mitzuteilen. Es handelt davon, dass es unser gutes Recht wäre, uns, angesichts all der Widrigkeiten der Welt, einfach auf den Rücken fallen zu lassen, mit Armen und Beinen zu strampeln und lauthals »Wahnsinn« zu brüllen. Denn die Welt ist irrsinnig. Und sie wird von Tag zu Tag irrsinniger. Dieses Gefühl haben viele. Dagegen helfen keine Pillen. Dagegen hilft auch nicht die Schuldumkehr, von wegen nicht die Welt ist irrsinnig, sondern ich bin es. Falsch. Sie sind nicht irrsinnig. Unser Alltag ist es. Folglich ist unsere Angst berechtigt.

Welchen Experten wir auch befragen, welche Wahrsager wir auch konsultieren würden, niemand vermag im Augenblick zu sagen, wohin unsere Welt steuert. Die ultimative Katastrophe ist ebenso denkbar wie die Wende zum Besseren. Die Mittel haben wir. Die Vernunft auch. Nur am Zusammenspiel hapert es. Ob Androiden uns in Menschenparks kasernieren werden oder wir selbst zu Maschinenmenschen mutieren, ob die künstliche Intelligenz der natürlichen auf die Sprünge helfen wird oder Googles Algorithmus die Matrix der schönen neuen Welt kodifiziert: Wir wissen es nicht. Keiner weiß es. Nur eins ist sicher, eine Krise wird auf die nächste folgen. Also genießen wir es. Klingt absurd. Aber nichts anderes tun Sie, wenn Sie ins Kino gehen oder ins Theater, wenn Sie einen Thriller zur Hand nehmen oder die Boulevardnachrichten hören: Krisen genießen. Denn, Hand aufs Herz: Nichts hören wir lieber als schlechte Nachrichten - solange sie uns nicht betreffen. Die Erleichterung darüber ist meist viel größer als die Freude an guten Botschaften. Die Torte im Gesicht des Feindes macht uns mehr Freude als jene auf dem eigenen Kaffeetisch. Schadenfreude ist, redensartlich beglaubigt, die schönste Freude und die hässliche Kehrseite des Mitleids, aber - beide Gefühle entspringen dem gleichen Impuls: Wir spiegeln uns in den Krisen der anderen.

Warum? Weil wir hoffen, so unser eigenes Leben besser in den Griff zu kriegen. Wir nehmen uns an anderen ein Beispiel. Wir suchen Hilfe. Kein Mensch kann sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Auch Münchhausen nicht. Aber er kann eine gute Geschichte erzählen, in der er so tut, als ob. Eine Geschichte, die uns zum Lachen bringt. Denn wir begreifen sehr wohl, dass er lügt. Aber wir ahnen auch, warum er lügt. Weil wir genau wie er nichts inständiger hoffen, als dass wir unsere Probleme allein meistern können. Obwohl wir ganz genau wissen, dass es ohne Beistand nicht geht. Wir sind auf andere angewiesen. Vom ersten Tag unseres Lebens an. Autonomie ist eine Illusion.

»Niemand ist eine Insel, in sich ganz.« Wer das dennoch glaubt, teilt irgendwann das Schicksal Robinson Crusoes, besser gesagt das von Chuck Noland in Cast Away. Erinnern Sie sich? Chuck landet nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel. Unter dem Treibgut, das angeschwemmt wird, findet er einen Volleyball. Mit seinem eigenen Blut malt Chuck auf ihn ein menschliches Gesicht und tauft seinen neuen Freund auf den Namen Wilson, wie Wilson Sporting Goods. Wilson rettet ihn vor dem Wahnsinn. Denn er ist immer da. Und er ist ein geduldiger Zuhörer. Die einfache Moral dieser Geschichte: Ein Leben ohne Freunde ist sinnlos. Krisen bewältigen wir nur gemeinsam. Angst ist teilbar. Einsamkeit auch.

Dabei ist es unerheblich, ob ihr Freund »Harvey« heißt und ein über zwei Meter großer Hase ist oder »Pu der Bär« gerufen wird und in den Augen der Altklugen einem Kinderbuch entsprungen ist oder einfach so an einem Bahnsteig herumgestanden hat wie sein großer Bruder Paddington. »Ein Tag ohne einen Freund ist wie ein Topf, ohne einen einzigen Tropfen Honig darin« - Pu der Bär weiß, wir müssen uns Freunde suchen, wo immer wir sie finden. Ansonsten werden aus Krisen tatsächlich Katastrophen, und die Angst frisst uns auf.

Viele Menschen, erstaunlich viele, glauben, sie kommen ohne Freunde aus. Ihnen genügen Kollegen, Nachbarn, Bekannte oder Familienangehörige. Das kann gut gehen. Wird es in den meisten Fällen aber nicht. Denn Existenzkrisen zeichnen sich meist dadurch aus, dass gerade niemand zur Stelle ist. Kein Kollege, kein Nachbar, kein Bruder, keine Schwester, keiner der unzähligen Bekannten. Niemand ist zur Stelle. Ich bin allein. Diese Erfahrung gehört zu den bittersten, die man machen kann, denn sie lässt einen ratlos mit der Frage zurück: Was habe ich falsch gemacht? Warum sind nicht mehr Menschen um mich, die ich Freunde nennen kann? Warum ist keine Frau bei mir, kein Mann, der mich liebt? Wo verdammt sind sie alle geblieben, die Menschen, die ich gernhatte, die mich gernhaben? Gab es sie je?

Ich habe Angst. Angst vor dem Alleinsein. Wer noch nie einen Freund oder eine Freundin verloren hat, wem noch nie ein Mensch abhandenkam, der braucht jetzt nicht weiterzulesen. Der hat alles richtig gemacht und kann sich darauf verlassen, jede Krise ohne Katastrophe zu überstehen. So ein Mensch bin ich nicht. Solche Menschen kenne ich nicht. Mir begegnen viele einsame Menschen. Mir begegnen viele Menschen, die mit dem überfordert sind, was von ihnen erwartet wird. Die vergeblich nach Beistand suchen. Deswegen geht es in diesem Buch um Menschen, die Angst haben.

Ich habe Angst. Ich habe Angst vor Schlangen, vor der Dunkelheit, vor hohen Türmen, vor tiefen Schluchten, vor einsamen Nächten und leeren Tagen. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Ich habe viele Ängste. Vor allem habe ich Angst vor meinen Mitmenschen. Abwegig? Wir müssen Angst vor unseren eigenen Artgenossen haben. Und das nicht nur auf der Autobahn. Wir begegnen einander mit Misstrauen, weil wir wissen: Arglosigkeit wird nicht selten bestraft. Wir vertrauen Menschen - und wir werden enttäuscht. Dabei wissen wir oft gar nicht, was wir falsch gemacht haben. Waren wir zu offen, zu erwartungsvoll, zu hilfsbedürftig? Zu redselig oder zu schweigsam? Oder bin ich einfach nicht liebenswert?

Die Angst vor dem Alleinsein kann ich nur verlieren, wenn ich den Mut finde, mich aufzudrängen. Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Freundschaft, besser, die Geschichte der Suche danach. Erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit? Wie überlebenswichtig damals die Frage war, neben wem man in der Klasse zu sitzen kam? Freunde fürs Leben zu finden, gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die uns vom Schicksal gestellt werden.

Nicht, dass wir uns missverstehen: Ich rede hier nicht von Liebe. Liebe ist meist Auslöser der Krise, selten die Lösung. Wer liebt, leidet ohnehin. Das kann wunderschön sein oder fürchterlich bedrückend, nur eins wird es nicht sein: beruhigend. Liebe, sofern sie die absolute, leidenschaftliche, verzehrende große Liebe ist, also genau das, was wir alle ersehnen, ist genau das Gegenteil von Ruhe und Freundschaft. Liebe ist niemals angstfrei, weil gänzlich ohne Garantie auf Dauer.

Das Wesen der Freundschaft hingegen ist Verlässlichkeit. Deshalb sind wir von Kindesbeinen an auf Freunde angewiesen. In Liebesfragen können wir nie sicher sein, die Liebe ist...

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