Der Corona-Effekt - Zwischen Shutdown und Neubeginn: Was wir jetzt über uns lernen können

 
 
HarperCollins (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Juli 2020
  • |
  • 128 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7499-5038-6 (ISBN)
 
NICHTS BLEIBT, WIE ES NIE WAR? - Bestsellerautorin Christine Eichel über Fragen, die uns derzeit alle bewegen Die Corona-Pandemie hat uns einen Spiegel vorgehalten: Wer sind wir, wenn das öffentliche Leben stillsteht? Wie reagieren wir auf den kollektiven Stresstest? Während der Krise haben wir viel über uns gelernt. Unsere Bereitschaft zur Solidarität wuchs ebenso wie unsere Beziehungsfähigkeit unter Extrembedingungen. Doch wir erlebten auch das hässliche Gesicht der Krise: Hamstern, häusliche Gewalt, Verschwörungstheorien. Kritisch, klug und humorvoll schildert Christine Eichel Erfahrungen, die wir alle gemacht haben, und stellt die entscheidende Frage: War die Corona-Krise ein überfälliger Weckruf für unsere Gesellschaft? Nach dem alptraumhaften Wachkoma des Shutdowns regt sich Sehnsucht nach einer neuen Stunde null. Sowohl unser Lebensstil als auch unsere Definition von Freiheit und Verantwortungsbewusstsein steht jetzt auf dem Prüfstand. Nie schien ein umfassender gesellschaftlicher Wandel derart greifbar - ausgelöst durch eine Krise, die eine Sinnbeschaffungsmaßnahme für eine bessere Zukunft sein könnte.
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Christine Eichel, Jahrgang 1959, hat in Hamburg Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaft studiert und wurde mit einer Arbeit über die Musiktheorie von Theodor W. Adorno promoviert. Sie war Fernsehregisseurin, Moderatorin, Gastprofessorin der Universität der Künste Berlin und Lehrbeauftragte der Universität Hamburg. Von 2004 bis 2010 leitete sie zudem das Ressort »Salon« beim Magazin für politische Kultur »Cicero«. Ihre Sachbücher »Deutschland, deine Lehrer« und »Deutschland. Lutherland« erregten großes Aufsehen. Mit »Der empfindsame Titan« gelang ihr im Beethovenjahr ein weiterer Coup, der Titel hält sich seit Wochen auf der Bestsellerliste. Christine Eichel lebt als Autorin und Publizistin in Berlin und beobachtet mit interessiertem Staunen die derzeitigen Entwicklungen.

1


GEFANGEN DAHEIM:
DIE UNFREIWILLIGE WIEDERENTDECKUNG DER PRIVATHEIT


Ende März 2020 entdeckte ich eine Karikatur auf Instagram. Kein Geringerer als Superman sitzt daheim im Sessel, gewohnt schneidig im engen blauen Trikot, allerdings ungewöhnlich entspannt. Neben ihm steht eine sichtlich erzürnte Frau und herrscht ihn an: »Tust du denn gar nichts, um das Coronavirus zu bekämpfen?« Superman, der eine Zeitung mit der »Stay home«-Schlagzeile in der Hand hält, erwidert lässig: »Das tue ich doch gerade.«

*

Die Zeichnung war ein Werk des indischen Illustrators Nithin Suren. Geteilt hatte sie Smriti Irani, Ministerin für Textilwirtschaft und Ex-Bildungsministerin Indiens. Mit dem augenzwinkernden Cartoon wollte sie ihre Landsleute ermahnen, den Lockdown zu befolgen. Auch die Polizei von Mumbai teilte den Cartoon, und nun war der Erfolg nicht mehr aufzuhalten. Das Bild des untätigen Superman ging viral - ein Begriff übrigens, der uns in Corona-Zeiten nicht mehr ganz so glatt über die Lippen geht, und die Botschaft wurde international verstanden: In diesen außergewöhnlichen Zeiten muss selbst Superman zu Hause rumsitzen, wenn er die Welt retten will. Also bleibt gefälligst daheim.

Es war ein smart erzählter Paradigmenwechsel. Unsere Vorstellung von Heldentum ist das mutige Eingreifen: Zivilcourage beweisen, sich aktiv für andere einsetzen, Kinder aus brennenden Häusern retten. Nun wurde Passivität zum Gebot der Stunde. Gleichwohl war die Rede davon, wir befänden uns im Krieg. Die Kampfmetapher klang einfach besser als das, was die meisten erlebten - die von der Regierung befohlene Desertation aus dem öffentlichen Leben in die schützende Hülle des Zuhauses. Eine passive Kriegsführung sozusagen, ohne Uniform, dafür im Jogginganzug; abwarten, stillhalten und nur vor die Tür gehen, wenn es wirklich notwendig ist.

Das war neu. Neben den vielen sichtbaren Helden, die weiterhin für andere da waren - Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Supermarktmitarbeiter -, gab es plötzlich Millionen unsichtbarer Helden. Ihr Heroismus bestand schlicht darin, in Pyjamas und Pullovern daheim auszuharren. Eigenartig wirkte das insofern, als auf einmal die Couchpotatoe zum Leitbild aufstieg. Der Stubenhocker, lange als spießig belächelt, weil er sich den Lustbarkeiten der Spaßgesellschaft da draußen verweigert, wurde notgedrungen zum neuen Ideal. So wie auch das Nichtstun, das in unserer Sprache immer ein bisschen nach Nichtsnutz klingt. Faulheit hat einen traditionell schlechten Ruf, zumal in Deutschland mit seinem hohen Arbeitsethos und der sprichwörtlichen teutonischen Tüchtigkeit. Fleiß und Selbstoptimierung waren oberstes Gebot - bis der Shutdown kam. Da war auf einmal Chillen erlaubt, nein, gefordert.

Immerhin, für notorisch umtriebige Naturen gewährten selbst die Einschränkungen des Shutdowns genügend Raum für Betätigungen aller Art. Sie misteten erst mal aus, was vor den Recyclinghöfen zu Staus mit stundenlangen Wartezeiten führte. Danach wurde renoviert, und nun bildeten sich die Schlangen vor den Baumärkten. Wenn das Zuhause schon zum Gefängnis wurde, dann wenigstens mit frisch gestrichenen Gitterstäben. Auch Balkon und Garten bedurften der Nestpflege, und da die Gartencenter geöffnet blieben, drängelten sich hier ebenfalls diejenigen, die es sich erst mal so richtig schön machen wollten. Das Marketing stimmte jedenfalls. »Zuhause ist, was Ihr daraus macht«, warb ein Baumarkt. Sehr sinnig.

Doch irgendwann waren alle Dachböden entrümpelt, alle Wände neu tapeziert, alle Stiefmütterchen gepflanzt. Daraufhin setzte das große Ausatmen ein. Einfach nur dasitzen - so wie es Loriot in seinem grandiosen Sketchklassiker parodiert hat. Eine ganze Nation fiel in den Dornröschenschlaf. Zwischen Kiel und Konstanz herrschte Friedhofsruhe, die Straßen leer gefegt, die Plätze verwaist, Theater, Kinos, Fußballstadien geschlossen. Es war ein nie da gewesenes Experiment mit 83 Millionen Probanden. Keine Kita, keine Schule, kein Erscheinen am Arbeitsplatz. Im Gegenzug Homeoffice und Homeschooling, Tätigkeiten also, für die wir nicht mal griffige Worte hatten, weshalb wir uns mit Anglizismen behelfen mussten.

Die eigenen vier Wände wurden zum Bollwerk gegen die gefährliche virenverseuchte Welt da draußen. My home is my castle. Home sweet home. Das geschah bekanntlich nicht freiwillig. Die Kollateralschäden ließen daher auch nicht lange auf sich warten. Eher harmlos wirkte noch die Erstverwahrlosung. Da die gewohnten Strukturen und Rhythmen fehlten, vergaß mancher zu duschen und lümmelte tagelang in denselben Klamotten auf dem Sofa herum.

Danach zeigte sich, wer Krisenkompetenzen besaß. Unverwüstliche Lebenskünstler erlebten die drangvolle Enge des Familienlebens als unverhofftes Glück, weniger Anpassungsfähige als Zerreißprobe. Verzweifelte Mütter erlagen Weinkrämpfen, weil sie die Rolle rückwärts antreten mussten: Kinder, Küche, Hausaufgaben, während der Gatte Computerspiele daddelte oder zum Netflix-Junkie mutierte. Eine Studie der Potsdamer Sozialwissenschaftlerin Lena Hipp ergab, dass Frauen weit mehr unter der Krise litten als Männer, weil ihnen nun noch mehr Verantwortung zugeschoben wurde - als hätte es nie eine Emanzipation mit fairer Aufgabenteilung gegeben. Die Mehrfachbelastung aus Haushalt, Kinderbespaßung, Homeoffice und Service für den Gatten verschärfte sich durch den Shutdown.

Ohnehin offenbarte das Homeoffice einige Tücken. Wie sollte man sich auf die Arbeit konzentrieren, wenn Kinder ihrem Bewegungsdrang nun zu Hause nachgaben, der Partner tausend Fragen stellte und das World Wide Web zu allerlei Ablenkungen verführte? Wie sich selbst eine Struktur geben, wie psychisch überleben, wenn die Struktur von außen wegfällt? Erste Symptome einer Lockdown-Tristesse machten sich breit. Eine ganze Nation saß auf der Couch, buchstäblich und metaphorisch. Therapievorschläge kamen unter anderem vom Philosophen Slavoj Zizek. Als Survival-Maßnahmen empfahl er Sitcoms mit Konservengelächter, düstere isländische Krimiserien sowie die Kultivierung kleiner Rituale und Marotten, um den dysfunktionalen Alltag zu stabilisieren und den seelischen Zusammenbruch zu verhindern.

Zwischenmenschliche Konflikte waren dennoch unvermeidbar. Viele Paare, die es glänzend geschafft hatten, einander durch getrennte Aktivitäten aus dem Wege zu gehen, erlebten die Krise als Crashtest. Liebesbeziehungen klappen halt besser, wenn man sich auch privat gut versteht, und Letzteres ist bei Weitem nicht die Regel. Erfahrungsgemäß trennen sich Paare am häufigsten nach dem gemeinsamen Urlaub oder nach den emotional hochentzündlichen Weihnachtstagen. Nun kamen die Sollbruchstellen durch die zweisame Isolation ans Licht. Falsche Nähe reizt zur Bosheit, wusste bereits Adorno, und mit Sartre könnte man hinzufügen: Die Hölle, das sind die anderen.

Aber auch Singles traf es hart, ganz gleich, ob jung oder alt. Vielen fiel die Decke auf den Kopf, das selbstbestimmte Alleinleben wurde zur Einzelhaft. Es gab ja kaum mehr Gelegenheit, jemanden physisch kennenzulernen. Die Regeln waren eindeutig: Wenn überhaupt, durften sich nur Personen treffen, die im selben Haushalt lebten; Spazierengehen war mit maximal einer Person aus einem anderen Haushalt erlaubt. Als dann auch noch klar wurde, dass die Risikogruppe der älteren Generation eines besonderen Schutzes bedurfte, schlossen sich die Pforten der Seniorenresidenzen und Pflegeheime. Unzählige alte Menschen litten unter dem Kontaktverbot. Viele verstanden es nicht einmal, weil sie aufgrund beginnender Demenz die Zusammenhänge nicht erfassten und davon ausgehen mussten, dass ihre Angehörigen sie einfach vergessen hatten. Man kann sich diese verzweifelte Einsamkeit gar nicht peinigend genug vorstellen.

Doch ob Singles, Paare oder Familien, sie alle traf der soziale Lockdown unvorbereitet. Wer noch irgend die Energie dazu aufbrachte, nahm die häusliche Gefangenschaft zum Anlass, sich selbst und seinen Liebsten wieder mehr Beachtung zu schenken. Die implizite Aufforderung des Innehaltens trieb teils kuriose Blüten. So jubelte eine BILD-Schlagzeile: »Ohne Kids in der Schule guckte Papa keine Pornos mehr.« In derselben Ausgabe, am Karfreitag 2020, präsentierte das Blatt »5 Gründe, jetzt zu masturbieren«. Das wirkte grotesk, ja absurd, trug aber der Tatsache Rechnung, dass das Privatleben bis in die intimsten Zonen hinein neu erforscht und neu gestaltet werden musste. Ganz Gewitzte luden sich Videoschleifen von südlichen Stränden auf den heimischen Fernseher und setzten sich mit Drink und Bademantel davor. Kreuzfahrtfeeling in Zeiten von Corona, der digitale Eskapismus machte es möglich.

So mancher fiel aber auch ins Nichts. Und da das Nichts ein Loch hat, durch das die Langeweile hereinströmt, mussten Ablenkungen her. Entsprechend hatten die digital gestützten Gesellschaftsspiele Hochkonjunktur. Zu den ohnehin zahlreichen Challenges in den Social Media gesellten sich nun unzählige Corona-Challenges. Sieben Tage lang jeweils das Cover eines Buchs posten, das zur eigenen Menschwerdung beigetragen hat. Sieben Tierfotos posten, unter dem Motto: Wer denkt, man könnte Glück nicht anfassen, hat noch nie eine Katze gestreichelt. Sodann folgten die wichtigsten LP(!)-Cover, Kinderfotos, Musikstücke, Kunstwerke. Es waren Lehrstücke einer ostentativen Selbstvergewisserung: Seht her, man kann mir die soziale Matrix des Alltags nehmen, nicht aber meine kulturelle Identität.

Natürlich gab es auch wesentlich handfestere Challenges für die eigenen vier Wände. Fitnessstudiogänger auf Entzug träufelten Spülmittel auf den Küchenboden, klammerten sich an die Arbeitsplatte und...

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