Die Harzfrau

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 3. Auflage
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  • erschienen am 17. Juni 2020
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  • 308 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-6339-8 (ISBN)
 
Eine junge Frau begibt sich während des Siebenjährigen Krieges in große Gefahr, als sie ohne männlichen Schutz durch den Harz reist, um ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit ihres Vaters zu lösen. Auch der Dichter Goethe durchstreift in diesem Buch das Mittelgebirge auf der Suche nach mineralogischen Funden und kleinen Liebesabenteuern, um der sittenstrengen Enge des Weimarer Fürstenhofes zu entfliehen. Goethes Auseinandersetzung mit dem Thema der Kindstötung und seine Begegnungen mit einfachen Harzer Frauen könnten ihn durchaus inspiriert haben, die Gretchentragödie FAUST zu verfassen.

Ein tolles Buch, das den Versuch unternimmt, eine der ganz schwarzen Zeiten des Harzes aus der Sicht der einfachen Frauen darzustellen. Der Versuch ist hervorragend gelungen, denn bei aller literarischen Freiheit eines Historienromans werden eine Menge Geschichtsquellen und auch moderne Analysen verwendet. Diese Art von feministischer Beschreibung der Harzer Frauen hat es im Genre Harzliteratur noch nicht gegeben. Dr. Stefan Cramer, Harzer Montangeologe
3. Auflage
  • Deutsch
  • 0,31 MB
978-3-7519-6339-8 (9783751963398)
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Barbara Ehrt studierte Erziehungswissenschaften und Kunst in Berlin, Kassel und Marburg, arbeitete als Pädagogin in Amsterdam und Goslar, schrieb für Zeitungen, malte, betrieb für kurze Zeit eine Kunstgalerie und schlug sich in Notzeiten mit allerlei Gelegenheitsjobs durch. Schauplatz ihrer Bücher, die sie gern selbst herausgibt, ist der Harz. Sie ist Mitglied im Freien Deutschen Autorenverband (FDA) und im Verband deutscher Schriftsteller(VS).

Kapitel 2


AUFBRUCH


Seit mehreren Stunden wanderte sie nun schon in nordwestlicher Richtung und das fröhliche Singen war ihr vergangen, nachdem sie unterwegs immer wieder auf zerlumpte Grüppchen flüchtender Menschen gestoßen war, die ihr warnend davon abrieten, allein umherzuziehen. Am späten Nachmittag eines sonnigen Frühlingstages erreichte sie die kleine Siedlung Stiege und noch immer hatte sie keine einzige Landgängerin getroffen, der sie sich hätte anschließen können. Früher liefen diese Weiber, die man scherzhaft "Kamele des Harzes" nannte, zu Hunderten durch den Harz, doch jetzt schienen sie wie vom Erdboden verschluckt.

Um Hasselfelde machte sie gleich einen Bogen, denn schon von weitem konnte sie sehen, dass Flüchtlinge den Ort belagerten. Nirgendwo war man mehr sicher, die abgelegensten Gegenden des Harzes wurden von Soldaten durchstreift und obwohl niemand einer ärmlich gekleideten Frau Beachtung schenkte, rieb sie ihr Gesicht mit Staub ein, zog das Kopftuch tiefer über die Augen und irrte in der Hoffnung weiter, irgendwann auf die unerschrockenen, fröhlichen Weiber zu stoßen.

Je weiter sie sich von Straßberg entfernte, umso mehr Soldaten begegneten ihr und sie vermied ängstlich die breiten Wege und Straßen. Wenn Pferdehufe oder das gleichförmige Trampeln von Soldatenstiefeln erklangen, lief sie in den Wald hinein und änderte schnell ihre Richtung, um nicht entdeckt zu werden. Dabei verlor sie ihr ursprüngliches Ziel aus den Augen und allmählich wurde ihr bewusst, dass der Krieg alles verändert hatte. Wegen der verwüsteten Felder kam es zu Ernteausfällen, die Wochenmärkte fanden kaum noch statt und selbst die unentbehrlichen Botenfrauen hatten wegen der Lebensmittelknappheit ihre Bedeutung verloren. Magdalene befürchtete, auch der Oberharz, den sie in ihrer Phantasie zu einem Ort des überfließenden Reichtums verklärt hatte, könnte von feindlichen Truppen und Plünderern übersät sein.

Misstrauisch wich sie allen Siedlungen aus und folgte nur noch den Spuren kaum sichtbarer kleiner Wildpfade. Arme und Beine waren ganz zerkratzt von den stachligen Zweigen und Hecken, hinter die sie sich immer wieder mit einem schnellen Sprung flüchten musste, um Menschen auszuweichen. Getrieben von Hunger und Angst floh sie vor der Bestialität der kämpfenden Truppen und geriet doch immer tiefer zwischen die wechselnden Fronten des Krieges. Mit grausamer Gefräßigkeit zwangen die Herrscher des Abendlandes Hunderttausende von gewaltbereiten Männern, kreuz und quer durch Europa zu ziehen und ihr Schlachtengetümmel riss die gesamte Zivilbevölkerung mit in die Tiefe. Vor der Kulisse von brennenden Dörfern und verkohlten Feldern flohen abgemagerte Gestalten mit Bündeln auf dem Rücken vor einem näher rückenden Heer, dessen siegesgewisses Pfeifen, Trommeln und Flöten schon von Ferne den Tod ankündigte.

Wenn ihr Flüchtlinge entgegenkamen, machte Magdalene sich nicht mehr die Mühe, ein Versteck zu suchen. Die verhärmten Gestalten blickten kaum auf, nur die Kinder streckten im Vorbeigehen ihre dünnen Ärmchen aus und bettelten um ein Stück Brot. Entmutigt blieb sie so lange am Wegrand sitzen, bis der ganze schwerfällige Tross an ihr vorüber gezogen war. Allmählich gingen die letzten Münzen zur Neige, die sie in Stiege bei einer Geldwechslerin eingetauscht hatte. Sie musste bald eine neue Entscheidung treffen.

Nach den ungemütlichen Nächten im Freien sehnte sie sich danach, in einem richtigen Bett zu schlafen und beschloss, nicht in den Oberharz, sondern nach Elbingerode zu ziehen. Dort lebte der Hirte Bindseil, ein Bruder ihrer Mutter, und den wollte sie um Hilfe bitten. Bisher war sie von Überfällen verschont geblieben, weil sie einen so ärmlichen Eindruck machte und fortwährend hatte sie Angst, man könne ihr den silbernen Kelch fortnehmen.

Ihr war eingefallen, wie sie das Kleinod besser verstekken konnte. Aus Weidenzweigen flocht sie einen festen dünnen Zwischenboden für den Tragekorb und füllte den entstandenen Hohlraum mit dem in Stoff eingewikkelten Becher. Nun brauchte sie nicht immer das kleine Täschchen unter ihrem Rock an sich zu drücken und beruhigt schlug sie den Weg nach Elbingerode ein.

Der Tag war heiß, die Sonne brannte auf den staubigen Wegen und Magdalene hatte verborgen unter riesigen Fichten eine Rast eingelegt. Nachdenklich kaute sie an einem Grashalm, da hörte sie Eselsgeschrei und spähte zwischen den Ästen hindurch. Mehrere Männer und mit Fässern schwer beladene Esel hielten sich wie sie an einen alten Schmugglerpfad und zogen vorsichtig im Schutz der Bäume an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken.

Magdalene sehnte sich nach menschlicher Gesellschaft, packte ihre Sachen zusammen und folgte den Männern eine Weile und befand, dass sie es mit redlichen Menschen zu tun hatte. Ihre sonstige Vorsicht vergessend, rief sie ihnen einen zaghaften Gruß zu. Erschrocken drehten sie sich um, erhoben drohend ihre Knüppel und einer zückte sogar eine Pistole. Magdalene bereute schon ihre mutige Tat, doch nun blieb ihr keine andere Wahl, als sich zu zeigen. Die finsteren Züge der Eseltreiber besänftigten sich sofort, als die Fremde näher kam und darum bat, sie ein Stück des Weges begleiten zu dürfen. Vor allem bei Gustav, dem Besitzer der Esel, stieß die Aussicht, eine junge Frau zur Gesellschaft zu haben, auf große Zustimmung und man wurde schnell einig, ihr bis nach Elbingerode sicheres Geleit zu geben.

Magdalene war erleichtert. Während sie unterwegs Neuigkeiten austauschten, erfuhr sie, dass die Esel mit Nordhäuser Branntwein bepackt waren, der für preußische und kurhannoversche Truppen bestimmt war, die in Elbingerode lagerten. Das Harzer Dünnbier war den Soldaten zu schwach und überhaupt war die Nachfrage nach Branntwein während des Krieges wegen seiner betäubenden Wirkung merklich gestiegen. Das Brennen von Schnaps war allerdings verboten und der Schwarzmarkt blühte und trieb die Kornpreise in immer schwindelerregendere Höhen.

Gustav betrachtete die Frau neugierig von der Seite. Sie war trotz ihrer schäbigen Kleidung schön, hielt sich gerade und zeigte ein bescheidenes freundliches Wesen. Seit er den heimlichen Schnapshandel betrieb, war er zu Geld gekommen und hatte beschlossen, dieser Transport sollte der letzte sein. Gustav war eigentlich ein frommer Mensch und schämte sich der krummen Wege, die er als Schmuggler gehen musste. Wenn es ihm vergönnt sein sollte, auch diese Ladung glücklich abzuliefern, wollte er das Schicksal kein weiteres Mal herausfordern!

Mit den genügsamen wendigen Eseln waren die Männer schon mehrfach durch unwegsames Gelände geschlichen und hatten auf verborgenen Pfaden Branntwein geschmuggelt. Die Karawane vermied das offene Gelände und bewegte sich im bewährten Schutz dicht bewaldeter Forste. Jeder noch so entlegene Winkel des Harzes war den Männern vertraut und während sich die ortsfremden Truppen mit ihren schweren Kriegsgeräten polternd und lärmend auf den ausgefahrenen Hohlwegen fortbewegen mussten, blieben Gustav und seine Männer unsichtbar.

Gustav versammelte an jedem Abend der Reise seine Begleiter um sich und kniete nieder, um ein Dankgebet zu sprechen. Nach der andächtig gemurmelten Bitte, man möge auch diesmal den Bestimmungsort sicher erreichen, drängten sich alle am Feuer zusammen und teilten Brot, Käse und Wurst miteinander. Gustav rückte ganz nah an die neue Weggefährtin und erzählte ihr voller Stolz, dass er früher ein wohlhabender Getreidehändler in Goslar gewesen sei. Dann seufzte er tief, blickte Magdalene sehnsüchtig an und erklärte, dass er sich gern wieder mit einer Frau zusammentun würde.

Bald begaben sie sich zur Nachtruhe und nur einer der Männer blieb als Wache am Feuer sitzen. Auch Magdalene lag wie immer in Decke und Mantel gehüllt ein wenig abseits von den Männern auf dem Boden. Bis auf den schwachen Schein der Glut war es stockfinster und sie erschrak, als jemand sich neben ihr niederließ und beruhigend flüsterte, sie brauche sich nicht zu fürchten. An der Stimme erkannte sie, dass es Gustav war, der mit den Händen über ihren Körper tastete und sein Becken stöhnend gegen ihr Hinterteil presste. Sie hoffte, die anderen würden nichts bemerken und bat ihn leise, von ihr abzulassen. Enttäuscht beendete er sein Tun, stand schwerfällig auf und verschwand im Wald. Danach konnte sie nicht mehr einschlafen, betrachtete die Sterne und fürchtete sich vor dem kommenden Tag.

Doch am Morgen war Gustav wie immer freundlich zu ihr und sie zogen weiter, als sei nichts geschehen. Bald sah man den kleinen Flecken Elbingerode in einer Senke liegen. Der Schlag der Kirchenglocken zeigte die zehnte Stunde an. Auf einer dem Ort gegenüberliegenden Anhöhe luden sie im Schatten alter Kastanienbäume die Fässer ab, ließen die Tiere weiden und setzten sich auf den Boden.

In Kürze erwarteten sie hier einige Uniformierte, die mit eigenen Pferden den kostbaren Branntwein abholen wollten. Näher heran durfte sich die...

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