Im dunklen Nebel

Liebe und Verrat in den besetzten Niederlanden 1942-43
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 15. November 2018
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  • 348 Seiten
 
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978-3-7481-5372-6 (ISBN)
 
Vier Personen sitzen an einem Novembermorgen 1942 in einem kleinen Café in Alkmaar. Gerhard Prange ist Fallschirmagent; ihm droht die Erschießung als Spion. Seine jüdische Freundin Sofieke hat keine gültigen Papiere. Und dann ist da noch Sara, ein sechsjähriges Mädchen. Eine unbekannte Frau hat sie Gerhard in die Arme gedrückt. Richard Christmann, Ex-Fremdenlegionär und Offizier der deutschen Spionageabwehr, behauptet, dass er sie alle retten kann.
Das Mädchen Sara wird bei einem freundlichen Ehepaar auf dem Land versteckt und ist damit scheinbar in Sicherheit. Weder Gerhard noch Sofieke würden irgendetwas unternehmen, das ihr Leben in Gefahr bringt. Aber niemand kann ein untergetauchtes jüdisches Kind in diesen Zeiten wirklich beschützen.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 1,55 MB
978-3-7481-5372-6 (9783748153726)
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Jürgen Ehlers wurde im Mai 1948 in Hamburg geboren. Er war als Geowissenschaftler beim Geologischen Landesamt Hamburg tätig und hat zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und mehrere Fachbücher zum Thema Eiszeit geschrieben.
Im Jahre 1992 erschien seine erste veröffentlichte Kriminalerzählung. Für »Weltspartag in Hamminkeln« wurde Ehlers mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Seit 2005 schreibt er historische Kriminalromane, die überwiegend auf echten Kriminalfällen beruhen. Im März 2017 erschien sein neuester Thriller »Die Schlange von Hamburg«, Band 3 seiner Hamburg-Trilogie. Im Oktober folgte Tod von oben - Liebe und Verrat in den besetzten Niederlanden.
Jürgen Ehlers ist Mitglied im Syndikat und in der Crime Writers' Association. Er lebt mit seiner Familie in einem Dorf unweit von Hamburg.
www.juergen-ehlers-krimi.de

Sonnabend, 28. November 1942

»Wir sind schon eine seltsame Familie«, stellte Richard fest. »Ein deutscher Deserteur, eine minderjährige Ausreißerin und ein geklautes Kind, von dem niemand im Ernst annehmen kann, dass es etwa eure Tochter wäre.« Sie hatten ein kleines Café in Alkmaar gefunden, das trotz der frühen Stunde schon geöffnet hatte. Es war ein schäbiges Lokal, aber das spielte keine Rolle. Hier war es warm, und es gab heißen Früchtetee und etwas zu Essen.

»Und wer bist du in dieser Familie?«, fragte Gerhard.

»Ich bin der gute Onkel Richard, Ex-Fremdenlegionär und Doppelagent, der euch jetzt alle retten wird.«

Die »Ausreißerin« sah ihn zweifelnd an. Sofieke war 19 Jahre alt, fast volljährig also. Sie hatte ihre Mutter verlassen und war untergetaucht, als für sie feststand, dass es den Juden in Holland schlecht gehen würde. Ihr Bruder hatte ihr einen falschen Ausweis besorgt, und bis vor kurzem war sie damit heil durchgekommen. Ihre Mutter und ihr Bruder waren tot; jedenfalls ging sie davon aus. Als sie zuletzt von ihnen gehört hatte, waren sie auf dem Weg nach Auschwitz. Gerhard, Sara und sie hatten nach England flüchten wollen. Das war gescheitert, das Flugzeug war ohne sie abgeflogen, und jetzt waren sie am Ende.

Auch Richard Christmann wirkte erschöpft. Trotz aller großspurigen Reden sah man ihm die Strapazen der letzten Tage an. Er sagte: »In den nächsten 24 Stunden muss sich entscheiden, ob wir mit einem blauen Auge davonkommen, oder ob wir alle tot sind.« Er sagte das völlig gelassen. Wahrscheinlich wurde man fatalistisch, wenn man wie er mehr als einmal dem Tod ins Auge geblickt hatte.

»Ich bin übrigens kein Deserteur«, stellte Gerhard fest.

Christmann lachte. »Das kommt darauf an, wie man das sieht. Ich würde sagen: Deserteur und Mörder. Zweifacher Mörder.«

»Ich habe das Richtige getan.« Es war sinnlos, über diesen Punkt zu diskutieren.

»Das sagen sie alle«, sagte Christmann leichthin. »Auf jeden Fall bist du ein Spion, und Spione gehören erschossen. Eigentlich«, fügte er hinzu.

Gerhard glaubte nicht, dass Richard ihn hinrichten lassen würde. Wenn er das gewollt hätte, hätte er es längst tun können.

»Was geschieht jetzt?«, fragte Sofieke. Sie sah Christmann nicht direkt an bei dieser Frage, aber es war klar, dass sie von ihm eine Antwort erwartete.

»Sofieke, du kannst zunächst einmal bleiben, wo du bist. Niemand weiß, wie stark du mit Gerhard zusammenhängst. Niemand weiß von diesem Fluchtversuch. Du warst ein paar Tage verreist, und jetzt gehst du einfach in deine Wohnung zurück und lebst weiter glücklich und zufrieden in Den Haag Bezuidenhout, bis der Krieg vorbei ist.«

»Aber da ist Sara«, sagte Sofieke.

Das sechsjährige Mädchen hatte seinen Tee halb ausgetrunken. Sara war fast eingeschlafen, aber als ihr Name fiel, öffnete sie die Augen und sah Sofieke ängstlich an.

Sofieke legte ihr die Hand auf die Schulter. »Sara bleibt bei mir!«

»Sie kann nicht bei dir bleiben«, widersprach Christmann. »Jeder weiß, dass sie nicht deine Tochter sein kann.«

»Sie ist aus den geräumten Gebieten evakuiert ...« Während Sofieke das sagte, wurde ihr bewusst, wie dumm das war.

»Warum ist sie dann nicht bei ihren Eltern?«, fragte Christmann prompt. »Nein, das machen wir anders. Sie ist von ihren Eltern aufs Land geschickt worden. Nach Driebergen zum Beispiel ...«

»Nach Driebergen?« Den Namen hatte Sofieke noch nie gehört.

»Das liegt bei Utrecht. Sehr hübsche Gegend. Unsere Dienststelle wird übrigens dorthin verlegt.«

Gerhard blickte überrascht auf.

»Wusstest du das nicht?«, fragte Christmann. »Driebergen ist für Sara ideal. Ein kleines Kaff in der Provinz. Und obendrein hat sie dich ganz in der Nähe, und du kannst aufpassen, dass ihr nichts passiert.«

»Wenn ich nicht stattdessen im KZ lande«, wandte Gerhard ein.

Richard schüttelte den Kopf. »Niemand landet im KZ.« Er hatte zwar bisher nur eine ungefähre Vorstellung davon, wie das Ganze laufen sollte, aber er war sich sehr sicher, dass sowohl Giskes als auch Schreieder seinem Plan zustimmen würden, und das war entscheidend. Es war die beste Lösung. Nicht zuletzt auch für ihn.

Das Schwierigste zuerst, dachte Richard Christmann. Er hatte den Wagen in Alkmaar stehenlassen und war mit der Bahn nach Den Haag gefahren, genau wie Sofieke und das Kind. Christmann hatte sich in ein Wehrmachtsabteil gesetzt. Er brauchte Schlaf, und neben Sofieke hätte er kein Auge zugetan. Seit gestern wusste sie, dass er sie begehrte. Ihre krasse Ablehnung amüsierte ihn. Er war sich sicher, er würde sie bekommen. Mit dem Gedanken schlief er ein.

Richard schlief fast die ganze Fahrt und war auf diese Weise jedenfalls einigermaßen munter, als er dem Chef der Abteilung Gegenspionage gegenübertrat. Er traf den SS-Mann beim Packen seiner Sachen an. Nicht nur die Gruppe III F der Abwehr musste umziehen, auch die Abteilung IV E des Sicherheitsdienstes der SS wurde nach Driebergen verlegt. Schreieder war in seine Arbeit vertieft. Hatte er nicht bemerkt, dass Christmann eingetreten war? Richard räusperte sich.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen«, sagte er.

Schreieder blickte nicht auf von dem Karton, in den er gerade Aktenordner verstaute. »Das kommt mir jetzt sehr ungelegen«, bemerkte er knapp.

»Es ist wichtig«, sagte Christmann bescheiden. Wenn er wollte, konnte er sich gut auf seine jeweiligen Gesprächspartner einstellen.

Jetzt blicke Schreieder doch auf. Er sah den Agenten missbilligend an. Nicht einmal rasiert hatte er sich! Er sagte: »Falls es noch einmal um diese missglückte Aktion im Haus Clingendael geht, dann möchte ich davon nichts mehr hören. Der Fall ist für mich abgeschlossen. Alles Weitere kann der Herr Major Giskes persönlich mit meinen Vorgesetzten diskutieren.«

»Fünf Minuten«, beharrte Christmann.

Schreieder seufzte: »Ich höre.«

»Unter vier Augen.« Christmann deutete auf die Sekretärin.

»Else Geigerseder ist meine langjährige Mitarbeiterin. Sie kann gern alles mithören, was wir an dienstlichen Dingen zu besprechen haben.«

Christmann erwiderte nichts, er schüttelte nur ganz leicht den Kopf.

Schreieder zögerte, dann sagte er: »Else, bitte überprüfen Sie noch einmal, ob die Lastwagen für den Transport nach Driebergen auch wirklich wie vereinbart bereitstehen.«

Das brauchte Else Geigerseder nicht zu überprüfen. »Die Lastwagen stehen bereit.«

Schreieder sah sie an.

»Na schön«, fauchte sie. Sie ging aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

»Gerhard Prange lebt«, sagte Richard Christmann.

»Das weiß ich schon, und ich weiß auch, dass seine Freundin, diese Sofieke noch immer auf freiem Fuß ist, und ich weiß auch, dass dieser Judenbalg, diese Sara, auf unerklärliche Weise aus dem Kinderheim verschwunden ist, in dem ich sie abgeliefert habe. Vermutlich werden Sie mir jetzt gleich erzählen, dass das alles für Sie neu ist, und dass Sie keine Ahnung haben, warum das so ist ...«

Richard schüttelte den Kopf. »Ich habe dafür gesorgt, dass alles so gekommen ist, wie es jetzt ist«, sagte er.

Damit hatte der SS-Offizier nicht gerechnet. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und gab Richard mit der Hand ein Zeichen, sich auch zu setzen. »Das können Sie mir sicher erklären«, sagte er. Er schien sich sicher zu sein, dass der Ex-Fremdenlegionär dafür keine ausreichende Entschuldigung würde vorbringen können.

»Lassen Sie mich mit dem Einfachsten anfangen«, begann Christmann. »Dieser angebliche Überfall auf das Haus Clingendael war außerordentlich schlecht vorbereitet ...«

»Dafür war unser Kamerad Giskes zuständig ...«, fiel ihm Schreieder ins Wort.

»Es spielt keine Rolle, wer dafür zuständig war. Der entscheidende Punkt ist, dass das Vorgehen nicht ausreichend mit dem Reichskommissar abgestimmt war. Arthur Seyß-Inquart hat zwar genehmigt, dass ein Überfall auf seinen Wohnsitz vorgetäuscht werden durfte ...«

»Er hat uns freie Hand gelassen, vollkommen freie Hand. Ich habe persönlich mit ihm telefoniert. Er hat lediglich darum gebeten, dass nichts beschädigt wird!«, warf Schreieder ein.

»... aber er hat nicht gewusst, welche Rolle Gerhard Prange dabei spielen sollte. Gerhard bedeutet ihm etwas. Der Junge ist für ihn so etwas wie ein Neffe. Die Familien Prange und Seyß-Inquart sind eng befreundet. Sie können sich sicher sein, dass es erhebliche Konsequenzen für Giskes und für Sie gehabt hätte, wenn Gerhard bei diesem Handstreich auf das Palais zu Schaden gekommen...

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