Gesund bis der Arzt kommt

Ein Handbuch zur Selbstverteidigung
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2011
  • |
  • 300 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1136-2 (ISBN)
 
Was ist für das Gesundheitssystem noch lukrativer als ein Kranker? Richtig: ein Gesunder, der krank werden könnte. Das Zauberwort Prävention nämlich rechtfertigt unzählige und vor allem unsinnige Behandlungen und vermag die Anzahl der Patienten ins Unendliche zu steigern. Dabei sind die meisten der breit angewandten Therapien nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich. Und auch vor "echten" Kranken macht der Renditezwang nicht halt: Er führt zu falschen Diagnosen, zu falschen Medikamenten und zu bösem Pfusch. Durchschauen Sie die Gesetzmäßigkeiten des Gesundheitswesens und erkennen Sie die Eigeninteressen der Pharmaindustrie und Medizingeräte-Hersteller, der Ärzte und der Krankenhäuser. Finden Sie heraus, was tatsächlich sinnvoll für Sie und Ihre Gesundheit ist!
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Breite: 125 mm
  • 1,30 MB
978-3-8387-1136-2 (9783838711362)
383871136X (383871136X)
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Vorwort


Vor Kurzem traf ich einen befreundeten Arzt zum Abendessen. Er hatte gerade einen Kongress hinter sich, bei dem er auch organisatorisch involviert war. Die Anstrengungen der letzten Wochen waren ihm anzumerken, ebenso wie die nun endlich spürbare Entspannung. Wir sprachen über die wissenschaftlichen Highlights der Veranstaltung und kamen rasch auf einige recht kontrovers diskutierte Fachfragen. Es ging dabei um neue Daten, die belegen, dass bestimmte Medikamente offensichtlich das Krebsrisiko der Patienten deutlich erhöhen. Der Arzt erzählte mir, dass dieses Risiko nicht erst seit der Veröffentlichung der neuen Studien bekannt war, sondern in Fachkreisen schon seit einigen Jahren diskutiert wurde. Dennoch ist es der Herstellerfirma im Verbund mit einigen recht bekannten Professoren gelungen, dieses Thema über eine Reihe »wissenschaftlicher Nebelbomben«, wie er es nannte, von einer öffentlichen Debatte fernzuhalten.

Kritiker hatten zudem kaum Belege für ihren Verdacht, weil wichtige Daten von der Herstellerfirma unter Verschluss gehalten wurden. Nun aber, so der Arzt, laufe in Kürze der Patentschutz für das Medikament aus, und damit strömten bald andere Firmen mit billigen Kopien des Bestsellers auf den Markt. Die Zeit des großen Verdienens sei also definitiv vorbei. Und plötzlich gibt auch der Konzern seinen Widerstand gegen das »Krebsgerücht« auf. »Dieselben Professoren, die jahrelang Geld damit verdient haben, Vorträge über die tolle Wirkung dieses Präparates zu halten, spielen sich nun plötzlich als Kritiker und Warner auf.« Es sei schon eine recht verlogene Branche, in der er sich tagtäglich bewege, seufzte mein Freund.

Wir wechselten das Thema und kamen zu einem Artikel, den ich kürzlich veröffentlicht hatte.1 Darin ging es unter anderem um die Ursprünge der Medizin in der Steinzeit und wie sich aus den Schamanen der Nomadenvölker über die Jahrtausende langsam die Priester auf der einen und die Ärzte auf der anderen Seite entwickelten. In Wahrheit, sagte mein Freund, wirken diese gemeinsamen Wurzeln bis heute nach. »Allein schon, wie wir uns kleiden. Wir treten vor die Patienten wie die Priester vor die Gläubigen. Wir verkleiden uns, um auch optisch darzustellen, dass wir die Auserwählten mit dem geheimen Wissen sind. Wir greifen dort hin, wo niemand anderer hingreifen würde: in die Eingeweide, ins Herz, ins blutige Gewebe. Wir sehen die Menschen in ihrer schlimmsten Not, wie sie stöhnen, stinken und sterben. Unser Beruf umfasst die Abgründe des Menschlichen, die Randbereiche des Lebens, das, was alle anderen fürchten: die Nähe zum Tod. Wir wissen das, und wir lassen uns das bezahlen. Wir sind eine in sich geschlossene Priesterschaft, die zusammenhält und keinen Einblick in ihre Geheimnisse gibt. Und wir nehmen uns - als eine Art Entschädigung für das, was uns zugemutet wird - das Recht heraus, unsere eigenen Gesetze zu machen.«

Für Außenstehende, meinte mein Freund, sei es schwer, diese unausgesprochene Solidarität zu verstehen, die innerhalb der Medizinerzunft herrscht. Sicher werde um Posten gekämpft, um Patienten, auch um die Aufträge der Pharmaindustrie. Aber wenn es um den Beruf selbst geht, um Kontrolle von außen: Dann machen die Ärzte gemeinsam dicht. Hier gewähren sie niemandem einen Einblick. »Das ist so ähnlich wie bei unseren Vätern und Großvätern, die nie vom Krieg erzählt haben. Das ging nur gegenüber den Kameraden, die in dem ganzen Wahnsinn auch selbst mit drinsteckten.« Außenstehende könnten sich nun einmal keine Vorstellung davon machen, was es heißt, das Leben eines Patienten auf der Kippe zu sehen. Zu wissen, dass es nur noch an einem seidenen Faden hängt, ob diese Frau oder dieser Mann den morgigen Tag noch erlebt. Außenstehenden fehle eben die Erfahrung, wie es ist, ein Leben in Händen zu halten. Das stumpfe auf der einen Seite ab, auf der anderen fördere es ein fast irres Selbstbewusstsein, das oft an Überheblichkeit grenzt. Und es sei für einen Nichtmediziner nachgerade unmöglich, diesen Stress und diesen psychischen Ausnahmezustand nachzuempfinden. »Wir sind noch immer Schamanen und Priester in einem, so viel hat sich über die Jahrtausende nicht geändert«, schloss mein Freund seinen emotionalen Ausbruch ab. »Ich akzeptiere es nicht. Aber ich verstehe es, wenn viele von uns meinen, sie stehen über dem Gesetz

Die Manipulations-Weltmacht

Einen ähnlich eigenwilligen und wenig transparenten Player im Gesundheitssystem stellt die pharmazeutische Industrie dar. Kein anderes Segment der Weltwirtschaft verzeichnete in den letzten Jahren konstant solche Gewinnspannen und Umsatzzuwächse. Im Schnitt wuchs der Markt jährlich um 10 Prozent, und trotz weltweiter Finanzkrise schwächte sich dieser Trend nur minimal ab, auf ein Plus von 6 bis 7 Prozent. 2010 werden weltweit Arzneimittel für 825 Milliarden US-Dollar verkauft. Und 2014 fällt nach den Prognosen des führenden Marktforschungsunternehmens IMS erstmals die Marke von einer Billion.

Mit Budgets, die den Gesamtetat vieler Staaten überschreiten, hat die Industrie mittlerweile ein Beinahe-Monopol im Bereich der klinischen Forschung erreicht. Die Förderung der Grundlagenforschung wird hingegen den Steuerzahlern überlassen. Hier steigt die Industrie erst ein, wenn aus dem Wildwuchs der an den Universitäten angesiedelten Projekte ein Keim aufgeht, der auch wirtschaftlich interessant ist. Entgegen der Selbstdarstellung der Pharmakonzerne liegt ihr Fokus weniger auf der emsigen Entwicklung neuer Heilmittel, sondern auf der Vermarktung von dem, was bereits zugelassen ist, egal ob es heilt oder nicht. Der Großteil der Investitionen fließt in Werbung und Marketing und übertrifft den Forschungsanteil um mehr als das Doppelte. Die Pharmaindustrie gehört zu den größten Geldgebern politischer Parteien, ein Heer von Lobbyisten umschwärmt die Entscheidungsträger und besetzt selbst hohe Posten in den nationalen und internationalen Gesundheitsorganisationen.

Mithilfe dieser Werbeübermacht können neue Produkte zu beinahe willkürlich hohen Preisen auf den Markt gebracht werden. Wo es viel versprechende neue Arzneimittel gibt, aber leider keine dazu passende Krankheit, wird diese gleich mitgeliefert. Und so treffen wir bereits heute in den Kinderkrippen auf Zweijährige, bei denen eine bipolare Störung oder Hyperaktivität diagnostiziert wurde. Schüchternheit, speziell in der Pubertät verbreitet, begann als »Sozialphobie« ihre Karriere als psychische Störung und wurde in der Folge unter dem Begriff »Soziale Ängstlichkeitsstörung« endgültig als neue Massenkrankheit etabliert. Wer am »Rastlose-Füße-Syndrom« leidet, wird gedämpft, wer daraufhin ein »Chronisches Müdigkeitssyndrom« entwickelt, pharmazeutisch wieder etwas aufgemuntert.

Wenn die Werbung nicht mehr ausreicht, um neue Pillen, Diagnosegeräte oder Tests unter die Leute zu bringen, wird auf psychologische Kriegsführung umgestellt. Nirgends ist die Gesellschaft leichter erpressbar als in einem so sensiblen Bereich wie der Gesundheit. Wenn anerkannte Professoren vorgeschickt werden und vor den Fernsehkameras vor einer weltweit drohenden Pandemie warnen oder erklären, dass Krebspatienten massenhaft sterben werden, weil das Gesundheitsministerium oder die Krankenkassen sparen möchten, so trifft das die Bevölkerung - und noch mehr die Politiker - mitten ins Mark. Seit jeher lässt sich nirgends besser Geld verdienen als in der Nähe von Krankheit und Tod. Und so fällt es unserer Gesellschaft enorm schwer, mit dem Medizinsystem auf eine rationale Weise umzugehen. Trotz aller Reformen rumort es weiter an allen Ecken.

Deutschland hat das teuerste Gesundheitssystem Europas. Ob die dafür erbrachte Gegenleistung den enormen Aufwand überhaupt wert ist, bleibt mehr als ungewiss. Tatsächlich überwiegt bei vielen der in den Kliniken und Arztpraxen breit angewandten Therapien der Schaden. In den letzten Jahren platzt im Medizinsystem in nie da gewesener Häufung eine Blase nach der anderen, und es stinkt zum Himmel. Regelmäßig erweisen sich die in den Studien erweckten Heilsversprechungen als hoffnungslos überzogen. Über Jahrzehnte eingesetzte Arzneimittel haben mehr Nebenwirkung als Wirkung. Studien erweisen sich als gefälscht, Wissenschaftler als korrupte Mietmäuler. Sinnvolle und lebensrettende Maßnahmen werden hingegen ignoriert, sobald irgendeine der vielen Cliquen im Medizinsystem dadurch finanzielle Einbußen hätte. Für Patienten wird heimlich eine Kopfprämie kassiert: Wenn sie eine Zusatzversicherung haben, wird bei ihnen jede nur denkbare Untersuchung und jeder Eingriff vorgenommen, der sich den Kassen in Rechnung stellen lässt. Die Kassen wiederum weisen die Ärzte an, ihren Patienten möglichst lukrative Diagnosen zu verpassen, die mehr Gelder vom Bund hereinspülen.

Menschen gelten nur so lange als gesund, bis der Arzt kommt und ein paar Tests durchführt. Kein Wunder, dass die Zufriedenheit der Patienten im internationalen Vergleich im unteren Drittel rangiert. Wobei nicht vergessen werden soll, dass die Ärzte selbst denselben Frust leiden, in einem Arbeitsumfeld, das auf hierarchischen Druck, Stress und Selbstausbeutung aufgebaut ist und viele Ärzte kränker macht als ihre Patienten.

Gesundheit orientiert sich heute an einem - aus der Technik abgeleiteten - Idealbild, das über bestimmte Risikofaktoren definiert wird. Sich gesund zu fühlen, genügt nicht mehr, wenn von der Schulmedizin festgesetzte Grenzwerte überschritten sind: Dann gilt auch ein Gesunder als behandlungsbedürftig. Diese Grenzwerte werden - etwa beim Cholesterin, beim Blutzucker oder beim...

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