Das Luzifer Evangelium

Ein Fall für Bjørn Beltø - Thriller
 
Tom Egeland (Autor)
 
Random House ebook (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 18. Juli 2011 | 512 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-05464-9 (ISBN)
 
Ein neuer Fall für den norwegischen Archäologen Bjørn Beltø
Kiew, 2009. In den Katakomben eines Klosters wird eine alte Schrift entdeckt und von dem norwegischen Archäologen Bjørn Beltø außer Landes gebracht. Doch bei seiner Rückkehr nach Oslo erwartet Beltø Schreckliches: Als er den befreundeten Historiker Christian Keiser in dessen Haus aufsucht, findet er ihn tot vor - ermordet. Und es soll nicht bei einem Toten bleiben. Alle Morde scheinen etwas mit dem Schriftstück in Beltøs Besitz zu tun haben. Denn man sagt ihm nach, es sei das über 4000 Jahre alte 'Luzifer Evangelium' und sein Inhalt ungeheuerlich ...


Tom Egeland, geboren 1959, gilt als einer der meistgelesenen Thriller-Autoren Norwegens. Sein Bestseller »Frevel« wurde in 18 Sprachen übersetzt. Von 1992 bis 2006 arbeitete Tom Egeland als Nachrichtenchef bei dem norwegischen Fernsehsender TV2 in Oslo, seit 2006 widmet er sich ganz dem Schreiben.
Ein Fall für Bjørn Beltø | 3
Günther Frauenlob | Maike Dörries
Deutsch
1,16 MB
978-3-641-05464-9 (9783641054649)
3641054648 (3641054648)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Tom Egeland, geboren 1959, gilt als einer der meistgelesenen Thriller-Autoren Norwegens. Sein Bestseller »Frevel« wurde in 18 Sprachen übersetzt. Von 1992 bis 2006 arbeitete Tom Egeland als Nachrichtenchef bei dem norwegischen Fernsehsender TV2 in Oslo, seit 2006 widmet er sich ganz dem Schreiben.

I : Die Mumie


KIEW
9. MAI 2009

1

Die Mumie grinste mich an wie ein Gespenst.

Die Jahrhunderte hatten die Gesichtshaut nach hinten gezogen und das Gebiss freigelegt, das mir wie eine Reihe von Reißzähnen entgegenstrahlte. Zahnfleisch und Nase waren eingetrocknet. Die straffen Lippen und die eingefallenen Augen - sie waren schmal und katzenartig und sahen wenig menschlich aus - verliehen dem mumifizierten Mann einen fauchenden, tierischen Ausdruck.

»Wer war er?«, flüsterte ich.

»Ein Mönch? Ein Pilger?«

»Er sieht aus wie ein Vampir.«

Der Konservator Taras Koroljov bekreuzigte sich. »Manchmal trocknen die Leichen so ein. Die Balsamierung der Natur macht aus ihnen beängstigende Monster.«

Unten aus dem Haupttunnel, der mit Signalbändern und Holzabsperrungen abgeriegelt war, hörten wir die Stimmen der Touristen. Um zu der versteckten Grabkammer zu gelangen, hatte mich der Konservator über Hunderte von Metern durch lange, steinerne Tunnel geführt. Koroljov war ein kleinwüchsiger, untersetzter Mann mit kugelrunden Augen und einem Gesichtsausdruck, der einen glauben ließ, er stünde soeben vor einer verblüffenden Entdeckung. Als Museumskonservator des Kiewer Höhlenklosters in der Ukraine war er den Umgang mit Toten gewohnt. In den tiefen Katakomben des Klosters schliefen Mönche und Heilige in ihren weiß gekalkten Zellen und Grabkammern den ewigen Schlaf. Die kalten, trockenen Luftströme, die durch das Netz aus Tunneln und Grotten zogen, hatten die Leichen über die Jahrhunderte mumifiziert.

Niemand im Kloster oder im Museum wusste mit diesem Mönch etwas anzufangen, er war unbekannt. Vier Studenten hatten die Grabkammer bei routinemäßigen Instandhaltungsarbeiten hinter einer Steinwand entdeckt, die am Ende eines Blindgangs hinter einem Altar errichtet worden war.

Ein mumifizierter Leichnam. Ein Mönch.

In den Händen, die so mager waren, dass sie an die Klauen eines Reptils erinnerten, hielt die Mumie ein zusammengerolltes Manuskript.

2

Eine Bagatelle ist niemals unbedeutend. Der federleichte Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Orkan auslösen, eine aus dem Gleichgewicht geratene Schneeflocke eine Lawine. So erklären die Mathematiker die kuriose Tatsache, dass schon winzige Abweichungen der Ausgangsbedingungen dynamischer Systeme enorme Effekte haben können. Um es einmal in den Worten der Mathematiker auszudrücken.

Als Konservator Koroljov vor einer Woche mit dem Telefon in der Hand in seinem Büro stand, war er im Begriff, eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, deren Reichweite er nicht überblicken konnte. Eine halbe Stunde zuvor hatte er der Mumie die Handschrift aus den knochigen Fingern gezogen. Der Hörer des Telefons war bereits schweißnass. Wen sollte er anrufen? Seinen Vorgesetzten - diesen versoffenen Bürokraten? Die Polizei? War der Tote wirklich einem Verbrechen zum Opfer gefallen und dann eingemauert worden, damit die Tat verborgen blieb, lag dieses Verbrechen Hunderte von Jahren zurück. Die archäologischen Behörden? Wer würde diese Sache mit der ihr angemessenen Sorgfalt behandeln? Wen musste er informieren? Wem konnte er vertrauen?

Schließlich rief er mich an. Eigentlich eine Bagatelle, eine weiße, unbedeutende Schneeflocke, eine winzige Abweichung von den Ausgangsbedingungen. Ein kleiner, jämmerlicher Archäologe in einem engen Büro der Osloer Universität.

Ich erinnere mich noch, dass ich höflich zuhörte, als Taras Koroljov sich vorstellte und von dem Fund berichtete. Seine Stimme hatte angenehm geklungen, Bariton. »Können Sie nach Kiew kommen, Mr. Beltø?«

»Ich bin Archäologe, nicht Paläograf.«

»Ihre Erfahrung mit alten Manuskripten spricht für Sie.«

»Sie sollten einen Experten kontaktieren. Ich habe einen Freund in Island, ich kann Ihnen seine Nummer geben, er ist eine echte Koryphäe .«

»Herr Beltø, es stimmt aber doch, dass Sie ein handschriftliches Evangelium von Jesus Christus gefunden haben?«

»Das ist zehn Jahre her. Und streng genommen habe nicht ich es gefunden. Ich habe es nur in meine Obhut genommen.«

»Und haben nicht Sie das Papyrusmanuskript des unbekannten sechsten Buches Mose entdeckt .?«

»Das war ein Zufall, pures Glück!«

»Und die Moses-Mumie?«

»Wenn die mal nicht mich gefunden hat .«

»Herr Beltø, Sie sind viel zu bescheiden. Ich habe über Sie gelesen. In den Zeitungen. In internationalen archäologischen Journalen. Darin stand, dass Sie auf weitere Handschriften gestoßen sind und dass Sie sehr hartnäckig sein können.«

»Hartnäckig? Die meisten sehen in mir wohl eher einen störrischen, unverträglichen Esel.«

»Sie sind der richtige Mann. Da bin ich mir sicher. Das spüre ich.«

»Hören Sie, ich bin Dozent hier in Oslo, wissenschaftlicher Mitarbeiter, ich bin nicht einmal Professor.«

»Würden Sie mir helfen?«

»Es tut mir leid, Sie müssen sich jemand anderen suchen.«

Ich war noch nie sehr prinzipienfest.

3

Die Mumie lag nackt auf einer Steinplatte in einer Zelle, die hinter einer Altarformation verborgen war. Erst in den letzten Jahren nach dem Fall des Kommunismus hatte man damit begonnen, die Leichen abzudecken.

»Und die Behörden sind wirklich bereit, mir diese Handschrift zu überlassen?«, fragte ich.

»Die interessieren sich nur für die Mumie, nicht für das Manuskript.« Der Konservator schnitt eine Grimasse, die der der Mumie zum Verwechseln ähnlich sah. »Meine Vorgesetzten streiten sich bereits heftig darum, in wessen Zuständigkeitsbereich die Mumie fällt und wer für die Forschungsarbeiten aufzukommen hat. Ausgehend von der Lage der Grabkammer und dem Alter des Altars vermuten wir, dass die Mumie älter ist als die des Chronisten St. Nestor, der 1114 hier in den Katakomben seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Meine Vorgesetzten würden das Manuskript doch nur wie all die anderen nicht ausreichend untersuchten Texte ungelesen ins Archiv schaffen.«

Er deutete auf die aufgerollte Handschrift, die sich der Tote auf die Brust drückte. »Ich habe das Manuskript durch einen anderen Text aus der gleichen Epoche ersetzt, den ich aus dem Archiv geholt habe.«

4

Die Originalpergamente lagen ausgebreitet auf einem Leuchttisch im Büro des Konservators. Jede Seite war in zwei symmetrische Spalten unterteilt, die an unsichtbaren, schnurgeraden Linien ausgerichtet waren.

»Dieser Teil des Textes .«, Konservator Koroljov deutete auf die rechte Spalte, »ist in Zeichen verfasst, die ich noch nie gesehen habe, die linke Spalte ist in Keilschrift geschrieben. Die Schrift wurde vor fünftausend Jahren in Mesopotamien entwickelt und findet sich normalerweise auf den Steintafeln der Sumerer und Babylonier. Wir können davon ausgehen, dass es sich um eine Kopie solcher Steintafeln handelt. Aber bevor der Text der Handschrift untersucht worden ist - also philologisch, semantisch, paläografisch und linguistisch -, sind das alles bloß Vermutungen. Sollte es sich dabei tatsächlich um die Abschrift einer Steintafel handeln, wissen wir immer noch nicht, wie alt das Original ist. Das wissen wir erst nach der C14-Analyse des Pergaments.«

Ich nahm eine Ecke des Manuskripts zwischen die Finger und rieb vorsichtig daran. »Was ist das für ein Pergament?«

»Das ist nach so vielen Jahren unmöglich zu sagen.«

»Fühlen Sie mal! Es fühlt sich weich an, fast neu. Eigentlich würde man erwarten, dass es hart und trocken ist. Immerhin ist es seit tausend Jahren aufgerollt - trotzdem lässt es sich problemlos und fast ohne Knicke entfalten.«

»Ich weiß nicht, wie man im Süden das Leder präpariert hat. Davon verstehe ich nichts.«

»Die unbekannten Zeichen in der rechten Spalte - was halten Sie von denen?«

»Auch da muss ich passen.«

»Arabisch?«

»Nein, Arabisch hätte ich erkannt. Die Symbole sehen eher wie mathematische Formeln aus. Die Babylonier haben schon Jahrtausende vor Christus avancierte mathematische Prinzipien gehabt. Aber die Verzierungen verwirren mich.«

»Warum?«

»Dieses Triquetra-Zeichen, zum Beispiel .«, er fuhr mit der Fingerkuppe über ein Symbol am oberen Rand des Pergaments, »hat nichts mit dem alten Mesopotamien zu tun. Und dies hier .«, er zeigte auf einen stilisierten Pfau, »ist nicht irgendein Vogel.«

Ich studierte die Zeichnung des Vogels mit den zum Halbbogen gespreizten Schwanzfedern.

»Das Symbol des Pfaus«, sagte Konservator Koroljov, »findet man häufig in Verbindung mit der kurdischen Religion der Yeziden. Sie beten den Pfau an, sehen in ihm einen gefallenen Engel. In ihrer Religion symbolisiert er einen Demiurg, eine mindere Gottheit, die den Kosmos erschaffen hat. Der Vogel heißt Melek Taus. Diesen Begriff kann man auf unterschiedlichste Weise übersetzen, zum Beispiel als Gottes Engel oder Pfauenengel. Aber die Religion ist umstritten. Christen wie Muslime haben ein ganz anderes Verständnis ihrer Religion. Das Symbol des Pfaus und die Herkunft Melek Taus' kann auch ganz anders gedeutet werden, Melek Taus hat viele Namen.«

»Zum Beispiel?«

»Shaitan. Kommt Ihnen das bekannt vor?« Einen Augenblick lang flackerte sein Blick, dann nickte er nachdenklich, als wollte er eine Frage beantworten, die ich noch gar nicht gestellt hatte. »Shaitan ist der arabische Name für Satan.«

5

Draußen vor dem Bürofenster des Konservators glänzten die goldenen Türmchen, Spitzen und zwiebelförmigen Kuppeln. Jedes Jahr unternahmen...

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