Angelfall

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2013
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11242-4 (ISBN)
 
Wenn die Engel die Bösen sind

Die Engel sind auf die Erde gekommen, doch sie haben nicht Frieden und Freude, sondern Elend und Zerstörung mit sich gebracht: Weltweit liegen die Städte in Trümmern, und die Menschen trauen sich vor Angst kaum noch auf die Straße. Als eine Gruppe Engel die kleine Schwester von Penryn entführt, haben sie sich jedoch mit der Falschen angelegt. Die Siebzehnjährige zieht los zum Hauptquartier der Engel, um ihre Schwester zu befreien. Aber dafür braucht sie Hilfe - und die kommt ausgerechnet von Raffe, einem flügellosen Engel ...

Penryn ist die Starke in der Familie: Seit ihr Vater sie verlassen hat, kümmert sie sich in jeder freien Minute um ihre siebenjährige Schwester Paige, die im Rollstuhl sitzt, und um ihre Mutter, die seit der Trennung mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen hat. Doch seit einigen Wochen ist Penryns Aufgabe immer schwieriger geworden - wenn nicht sogar unmöglich. Die Engel sind gekommen, und mit sanftmütigen, himmlischen Geschöpfen haben die überhaupt nichts gemein! Ganz im Gegenteil - sie zerstören Städte auf der ganzen Welt und machen Jagd auf Menschen. Als Paige von Engeln verschleppt wird und ihre Mutter spurlos verschwindet, bleibt Penryn allein zurück. Die Siebzehnjährige ist wild entschlossen, das Leben ihrer Schwester zu retten, doch dazu muss sie nach Aerie gelangen, dem Hauptquartier der Engel, das auf den Trümmern San Franciscos errichtet wurde. Auf ihrer Reise durch das verwüstete Kalifornien wird sie von Raffe begleitet, einem wunderschönen gefallenen Engel. Raffe, dem seine Flügel genommen wurden, hat mit Paiges Entführern noch eine Rechnung offen und erklärt sich bereit, Penryn zu helfen. Penryn weiß, dass sie ihre Schwester ohne Raffes Unterstützung nicht befreien kann, aber soll sie einem Engel in diesen dunklen Zeiten wirklich vertrauen?

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,88 MB
978-3-641-11242-4 (9783641112424)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2

Sofort fühle ich mich ausgeliefert. Meine Muskeln spannen sich an wie in der Erwartung, jeden Moment angeschossen zu werden.

Ich packe Paiges Stuhl und rolle sie aus dem Gebäude hinaus. Forschend tasten meine Blicke den Himmel und die Umgebung ab, als wäre ich ein Hase auf der Flucht vor Jägern.

Die Schatten über den verlassenen Gebäuden, Autos und dem vertrockneten Buschwerk, das seit sechs Wochen nicht gegossen worden ist, werden schnell dunkler. Irgendein Graffitikünstler hat einen wütenden Engel mit riesigen Flügeln und einem Schwert an die Mauern unseres Wohnhauses gesprüht. Ein gewaltiger Riss in der Mauer läuft in einer Zickzacklinie durch sein Gesicht und verzerrt es zu einer irren Fratze. Darunter hat ein Möchtegernpoet die Worte Wer wacht über die Wächter? gekritzelt.

Mit Schwung schiebt meine Mutter den Einkaufswagen durch die Tür auf den Bürgersteig. Das scheppernde Geräusch lässt mich zusammenzucken. Wir knirschen über zerbrochenes Glas, was mich in der Annahme bestärkt, dass wir uns länger in unserem Haus versteckt gehalten haben, als gut für uns ist. Die Fenster im ersten Stock sind zerborsten.

Und jemand hat eine Feder an die Tür genagelt.

Nicht eine Sekunde glaube ich, dass es sich um eine echte Engelsfeder handelt, auch wenn es ganz offensichtlich so aussehen soll. Keine der neuen Gangs ist so stark oder wohlhabend. Noch nicht zumindest.

Die Feder wurde in rote Farbe getaucht, die nun am Holz hinuntertropft. Zumindest hoffe ich, dass es sich um Farbe handelt. Das Symbol der Gang habe ich die letzten paar Wochen immer wieder an Supermärkten und Drug Stores gesehen, wo sie menschliche Aasgeier abschrecken sollten. Es wird nicht lange dauern, bis die Mitglieder der Banden kommen, um für sich einzufordern, was auch immer sich in den oberen Stockwerken befindet. Tja. Zu schade, dass wir dann nicht mehr da sein werden. Im Moment sind sie noch damit beschäftigt, ihre Gebietsansprüche geltend zu machen, bevor ihnen rivalisierende Gangs zuvorkommen.

Wir sprinten zum nächsten Auto und gehen dahinter in Deckung.

Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Mom mir folgt. Ich merke es am Rattern des Einkaufswagens. Rasch blicke ich mich nach allen Seiten um. In den Schatten rührt sich nichts.

Zum ersten Mal, seit ich diesen Plan für uns geschmiedet habe, fühle ich Hoffnung in mir aufflackern. Vielleicht ist heute so eine Nacht, in der nichts auf den Straßen passiert. Keine Banden, keine Überreste verspeister Tiere, die man am Morgen findet, keine Schreie, die durch die Nacht hallen.

Meine Hoffnung wächst, als wir von einem Auto zum nächsten springen, denn wir kommen schneller vorwärts, als ich erwartet habe.

Wir biegen in den Camino Real ein, einer Hauptverkehrsader des Silicon Valley. Mein Spanischlehrer hat gesagt, El Camino Real würde »der königliche Pfad« bedeuten. Der Name passt, wenn man bedenkt, dass selbst die örtlichen Herrscher, die Gründer und höchsten Mitarbeiter der innovativsten Hightech-Unternehmen der Welt, dass diese Herrscher genau wie jeder andere hier im Verkehr stecken geblieben sind.

Geparkte Autos haben die Kreuzungen lahmgelegt. Bis vor sechs Wochen habe ich hier im Valley noch nie einen Verkehrsstillstand erlebt. Die Fahrer waren immer alle so zuvorkommend wie nur möglich. Doch was mich wirklich davon überzeugt, dass uns die Apokalypse erreicht hat, ist das Knacken der Smartphones unter meinen Füßen. Nur das Ende der Welt würde unsere umweltbewussten Technikfreaks dazu bringen, ihr neuestes Spielzeug einfach so auf die Straße zu werfen. Auch wenn die Geräte mittlerweile nur noch totes Gewicht bedeuten, ist das fast schon frevlerisch.

Ich hatte kurz darüber nachgedacht, auf den schmaleren Straßen zu bleiben, doch die Gangs werden sich dort verstecken, wo sie weniger exponiert sind. Wenn wir sie in ihrer eigenen Straße herausfordern, könnten sie für einen Einkaufswagen voller Diebesgut das Risiko eingehen, ihre Deckung aufzugeben, auch wenn es Nacht ist. Aus dieser Entfernung werden sie wahrscheinlich nicht erkennen, dass es sich nur um einen Haufen leerer Flaschen und Lumpen handelt.

Gerade will ich mich hinter einem SUV aufrichten, um unseren nächsten Sprung zu planen, als sich Paige durch eine offene Autotür lehnt und nach etwas auf dem Sitz greift.

Ein Energieriegel. Ungeöffnet.

Er liegt mitten zwischen ein paar vereinzelten Zettelhäufchen, die aussehen, als seien sie aus einer Tasche gefallen. Das Schlaueste wäre, ihn sich einfach zu schnappen und wegzurennen, um ihn an einem sicheren Ort zu essen. Doch in den letzten paar Wochen habe ich gelernt, dass sich der Bauch ziemlich leicht über den Verstand hinwegsetzt.

Paige reißt die Packung auf und bricht den Riegel in drei Teile. Sie strahlt, als sie die Stücke herumreicht. Ihre Hand zittert vor Hunger und Aufregung. Und trotzdem reicht sie uns die viel größeren Stücke und behält das kleinste für sich.

Ich breche meines entzwei und gebe Paige eine Hälfte, Mom macht das Gleiche. Paige wirkt niedergeschlagen, als würden wir ihre Geschenke ablehnen. Ich lege meinen Finger auf die Lippen und blicke sie streng an. Widerstrebend akzeptiert sie unser Angebot.

Seit sie drei Jahre alt war und wir zusammen den Streichelzoo besucht haben, ist Paige Vegetarierin. Obwohl sie fast noch ein Baby war, konnte sie die Verbindung zwischen dem Truthahn, der sie zum Lachen gebracht hat, und ihrem Sandwich herstellen. Bis vor ein paar Wochen - bevor ich darauf bestand, dass sie alles isst, was ich von der Straße kratzen kann - haben wir sie unseren kleinen Dalai Lama genannt. Zurzeit ist ein Energieriegel das Beste, was ich für sie tun kann.

Erleichtert entkrampfen sich unsere Gesichtszüge, als wir in den knusprigen Riegel beißen. Zucker und Schokolade! Kalorien und Vitamine.

Einer der Papierzettel segelt vom Beifahrersitz herunter, und ich erhasche einen Blick auf das, was da geschrieben steht:

Frohlocket! Der Herr ist nah! Schließt euch New Dawn an und seid die Ersten, die ins Paradies kommen.

Es ist ein Flyer irgendeines dieser apokalyptischen Kulte, die seit den Angriffen wie Pickel auf fettiger Haut sprießen. Darauf abgebildet sind verschwommene Fotos der glutroten Zerstörung Jerusalems, Mekkas und des Vatikan. Der Flyer sieht aus, als hätte ihn jemand in Heimarbeit eilig zusammengebastelt, als würde noch immer jemand Nachrichtenvideos abfotografieren und die Bilder auf einem billigen Farbdrucker ausdrucken .

Wir schlingen unser Essen hinunter, doch ich bin zu unruhig, um den süßen Geschmack zu genießen. Wir sind fast in der Page Mill Road angelangt, die uns durch eine mehr oder weniger unbesiedelte Gegend auf die Hügel führen wird. Ich schätze, wenn wir erst einmal in der Nähe der Hügel angekommen sind, werden unsere Überlebenschancen dramatisch steigen. Inzwischen ist es tiefe Nacht. Der Halbmond taucht die verlassenen Autos in ein unheimliches Licht.

Irgendetwas an dieser Stille macht mich nervös. Wenigstens ein paar Geräusche sollten doch zu hören sein. Eine herumwuselnde Ratte, ein Vogel oder eine Grille - irgendwas. Sogar der Wind scheint sich vor seiner eigenen Bewegung zu fürchten.

In der Stille hallt das Geräusch des Einkaufswagens besonders laut wider. Ein Gefühl von Dringlichkeit steigt in mir auf, wie als Reaktion auf die Aufladung vor einem Blitzschlag. Wir müssen es einfach bis Page Mill schaffen!

Ich laufe schneller, hetze im Zickzack von Auto zu Auto. Moms Atem hinter mir geht schwerer. Paige ist so still, dass ich fast vermute, sie hält die Luft an.

Etwas Weißes segelt langsam zur Erde herab und landet auf ihr. Sie greift danach und dreht sich zu mir, um es mir zu zeigen. Alles Blut ist aus ihren Wangen gewichen. Ihre Augen sind riesengroß.

Ein flaumiges Stück Daune. Eine schneeweiße Feder. Eine, die aus einer Gänsedaunendecke herausgefunden haben könnte, nur ein bisschen breiter.

Auch ich werde bleich.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit .?

Meistens zielen sie auf die großen Städte. Silicon Valley ist nur ein läppischer Streifen mit niedrigstöckigen Gebäuden und ein paar Siedlungen am Stadtrand zwischen San Francisco und San José. San Francisco wurde schon getroffen, wenn sie also sonst noch einen Ort in der Gegend angreifen wollten, wäre das San José und nicht das Valley. Es war sicher nur ein Vogel, der vorübergeflogen ist. Mehr nicht.

Doch schon jetzt keuche ich vor Angst.

Ich zwinge mich, nach oben zu blicken. Nur ein unendlicher, dunkler Himmel liegt über mir.

Aber dann sehe ich doch etwas. Eine zweite, noch breitere Feder segelt träge nach unten auf meinen Kopf zu.

Schweiß kribbelt in meiner Augenbraue. So schnell ich kann, sprinte ich los.

Hinter mir rattert Moms Wagen wie verrückt, während sie mir verzweifelt folgt. Man muss ihr nichts erklären und sie nicht anfeuern, damit sie rennt. Ich habe Angst, dass eine von uns hinfällt oder dass Paiges Stuhl umkippt, doch ich kann nicht stehen bleiben. Wir müssen ein Versteck finden - jetzt, jetzt, jetzt!

Das Hybridauto, das ich angesteuert hatte, bricht plötzlich unter einer Last zusammen, die auf den Wagen gestürzt ist. Der donnernde Krach des Zusammenstoßes erschreckt mich fast zu Tode, doch zum Glück übertönt er Moms Schrei.

Ich erhasche einen Blick auf gebräunte Gliedmaße und schneeweiße...

"Wer einmal anfängt zu lesen, kann nicht mehr aufhören. Dieses Buch ist eine Sensation!"

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