Nero. Band I

Der junge Kaiser
 
 
Die NERO-Trilogie (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. April 2020
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96130-232-1 (ISBN)
 
Durch seine Mutter Agrippina forciert, heiratet der 16jährige Nero die 13jährige Octavia, wodurch er mit dem Kaiserhaus verschwägert ist. Nachdem sein Stiefvater, Cäsar Claudius, gestorben ist, wird der junge Nero zum Kaiser des römischen Reiches ausgerufen. Zunächst scheint die Regentschaft des jungen Kaisers unter einem guten Stern zu stehen, wird er doch tatkräftig unterstützt von Burrus, dem Führer der Prätorianergarde, und weise beraten vom Philosophen Seneca. Doch in Nero glimmt die Sehnsucht nach einem anderen Leben, fernab der Realpolitik des römischen Weltreiches. Er verliebt sich in die schöne Sängerin Acte und geht eine Liebschaft mit ihr ein. Das gefällt der ehrgeizigen und machthungrigen Kaiser-Mutter Agrippina gar nicht... Dieses ist der erste von drei Bänden des monumentalen Werkes. Der Umfang des ersten Bandes entspricht ca. 250 Buchseiten. DIE NERO-TRILOGIE Liebe, Macht und Wahnsinn: E. Ecksteins Nero-Trilogie entführt die Leser in das antike Rom der Regierungszeit des legendären Kaisers in den Jahren 54 bis 68 n. Chr. Er soll Rom angezündet, seine Mutter ermordet und Petrus gekreuzigt haben: Bis heute gilt Nero als Inbegriff des bösen und irrsinnigen Diktators. Doch wie verrückt war der Kaiser wirklich? Und wie wurde er zu dem vermeintlich unmoralischen Ungeheuer, von dem die Geschichten erzählen? - Ecksteins Roman-Trilogie gibt sicher keine letztgültigen Antworten auf diese Fragen, und das Nero-Bild, das er zeichnet, vermischt historische Fakten mit künstlerischer Fiktion. In jedem Fall aber zeichnet er das spannende Psychogramm eines Mannes, der - mit den besten Anlagen ausgestattet - in einen Strudel machtpolitischer Intrigen und amouröser Verwicklungen gerät, aus dem der einzige Ausweg in den Abgrund zu führen scheint. Eckstein verbindet Weltgeschichte mit Liebes-Melodram und erschafft daraus ein bildgewaltiges Epos einer vergangenen Zeit, das in seiner Intensität an die großen Dramen Shakespeares erinnert. Auf insgesamt knapp 1000 Seiten entfaltet sich ein detailreiches und farbenprächtiges Bild des antiken Roms kurz nach dem Tode Jesu.
1. Auflage
  • Deutsch
apebook Verlag
  • 1,33 MB
978-3-96130-232-1 (9783961302321)

ERSTES KAPITEL.


Drei Soldaten des römischen Stadtpräfekten schleppten einen Gefangenen durch die cyprische Gasse.

Der kaum vierundzwanzigjährige Mensch war zum Tode verurteilt. Er sollte durch die Klinge des Henkers enthauptet und dann auf dem Anger der Missetäter vergraben werden.

Überall, wo die Bewaffneten mit dem jungen Manne vorüberkamen, blieb man einen Augenblick stehen. Das bleiche und doch so gefaßte Antlitz des Unglücklichen erregte selbst bei den leichtlebigen Römern eine gewisse Teilnahme. Dies Volk, das jährlich Tausende von Gladiatoren und Tierkämpfern bluten und sterben ließ, dem das Röcheln der Todesopfer die wonnevollste Musik war, schien von plötzlichem Mitleid ergriffen. Insbesondere die Frauen: denn Artemidorus war schön. Die ebenmäßigen Züge, klar, wie in Marmor gemeißelt, das schwärmerisch-dunkle Auge mit den tiefschwarzen Wimpern, die edle Stirn und das prächtige Haupthaar - dies alles gemahnte fast an die würdevolle Erscheinung des Phthapriesters Necho, der die vornehme Damenwelt Roms gleichermaßen durch die Kunst seiner Weissagung wie durch den Zauber seiner Persönlichkeit fesselte.

Auch Artemidorus war Orientale.

Er entstammte dem fernen Damaskus, war zu Jerusalem von dem Senator Flavius Scevinus käuflich erworben und mit nach den sieben Hügeln gebracht worden. Bald danach mit der Freiheit beschenkt, diente er seinem ehemaligen Eigentümer als Schatzmeister, Vorleser und Bibliothekar, ja beinahe als Vertrauter, bis ein plötzlicher Umschwung der Dinge dies friedliche und behagliche Dasein zerstörte und den einst so Beneideten in die Arme der Häscher warf.

Je mehr man dem entsetzlichen Ziele sich näherte, um so schwerer und zögernder schritt Artemidorus einher. Der Obersoldat, der die kleine Geleitschaft befehligte, mußte ihn wiederholt durch ernsthafte Mahnworte aufrütteln.

Es war ein wundervoller Oktobertag. Ganz Rom schien wie in flüssigem Golde zu schwimmen. Rotglühendes Weinlaub, mit dunkelbeerigen Trauben durchsättigt, hing über die Mauern der Gärten oder schmiegte sich an den weithinschattenden Ulmen hinauf. Ein unbeschreiblicher Hauch von Frische und Lebenslust wehte durch alle Straßen. Die Männer hielten sich stattlicher, die Frauengesichter leuchteten schöner und lockender.

Ihm wenigstens dünkte es so, dem armen Verurteilten, der in kurzer Frist Abschied nehmen sollte von dieser Welt des glänzenden Scheins.

Wo war jetzt der vertrauende Todesmut, der noch vor kurzem seine Adern geschwellt hatte wie vom Odem eines besseren übermenschlichen Daseins?

Wie er die purpurfarbigen Reben so wogen und wuchern sah, gedachte er einer zierlichen Rhodierin, deren schamhaft gerötete Stirne er einst mit solchem Blattwerk geschmückt hatte, - in glücklicher Einsamkeit, tief in der lauschigen Parkwildnis seines Gebieters.

»Chloris, Chloris!« seufzte er qualdurchschauert.

Welch ein Verhängnis, daß ihm das Bild der Geliebten gerade jetzt vor die Seele trat, wo er all seiner Kraft und all seiner Lebensverachtung benötigte, um zu zeigen, daß ein Jünger des Zimmermannssohnes von Nazareth freudig und hoffnungsklar dem Beispiele seines Heilands folgt!

So sehr er dagegen ankämpfte, seine Erinnerung malte ihm die ganze glückberauschte Vergangenheit in brennender Farbenpracht.

Vor einigen Wochen erst hatte er Chloris gesehen, als sie im Hause des Cajus Calpurnius Piso die neunsaitige Kithara spielte und dazu ein fröhliches Liebeslied des Alcäus vortrug. Es war dies ihr erstes Auftreten auf dem gefährlichen Boden der Siebenhügelstadt, - und gleichzeitig ihr erster Triumph. Alles jubelte ihrer köstlichen Meisterschaft, ihrer herrlichen Stimme zu.

Artemidorus, der sich in der Gefolgschaft seines Gebieters Flavius Scevinus befand, war wie verzaubert. Von dieser Minute an hatte er keinen andern Gedanken als ihren Besitz.

Doch - einen andern, einen höheren Gedanken: ihr Seelenheil! Nach jener unvergeßlichen Stunde, da er zum erstenmal ihre Lippen geküßt, war ihm der leidenschaftliche Wunsch erwacht, die Verlorene zu retten. Verloren war sie, der Anschauung des gläubigen Nazareners zufolge, wenn es ihm nicht gelang, sie von der himmlischen Wahrheit zu überzeugen, die Jesus Christus geoffenbart hatte.

Artemidorus warb daher, wie er erst um ihr Herz geworben, voll Inbrunst um ihre Seele.

Leider vergeblich.

Chloris kannte das Leben nur von seiner rosenfarbensten Seite her. Die Erde schien ihr ein duftiger Lustgarten, recht geschaffen zum Glück und zum kampflosen Frohgenuß. Als Griechin schreckte sie vor allem Herben und Düstern zurück; die Kreuzeslehre mit ihrem schwermutsvollen Entsagen wollte nicht Eingang finden in diesem Gemüt, das ganz durchtränkt war von der Sonnenhelle der althellenischen Götterwelt. Die schöne Kitharaspielerin zuckte die Achseln; sie lächelte; sie erklärte ihrem Artemidorus, daß er sie langweile, und schloß nach langem unerquicklichem Widerstreit mit einem spöttischen »Niemals!«

In hellem Ingrimm hatte er die Geliebte nach diesem »Niemals!« verlassen. Nicht auf sie zürnte er, - denn es war ja nicht ihre Schuld, wenn die bösen Geister ihr törichtes Herz so umklammert hielten, - sondern auf die Tücke der alten Götter, die trotz der Geburt des Erlösers noch so viel Macht besaßen über die Reinsten selbst und die Edelsten.

So geschah denn, was ihm die Anklage wegen Beschimpfung der Staatsreligion und die Verurteilung zum ehrlosen Tode zuziehen sollte. . . .

War sein Elend vielleicht nur eine Strafe der einen und wahrhaftigen Gottheit? Wollte sie ihn zu Boden schmettern für die Hartnäckigkeit, mit der seine Liebe an Chloris, der Spötterin, festgehalten?

Er übersann dies alles in wirrer Gedankenfolge. Keuchend kämpfte er wider die seltsamen Regungen, die ihn fast zu ersticken drohten. Er versuchte zu beten. »Selig sind, die um der Lehre des Heilands willen den Tod erleiden«, murmelte er mit zuckender Lippe. Weiter kam er nicht. Das goldene Sonnenlicht strömte jetzt so voll über den Weg; ein balsamischer Lufthauch quoll ihm entgegen - und alle Heilslehren übertäubend, schrie es laut in seinem geängstigten Herzen auf: »Wehe deiner blühenden Jugend!«

Er fühlte die warmbeglänzte Herrlichkeit, die ihn um gab, wie eine grausame Verschärfung seines Geschicks. »So sterben zu müssen, - fern von ihr . . .!« klang es ihm unaufhörlich durch das brennende Hirn; - »fern von ihr, fern von ihr!«

Ja, die unerbittliche Gottheit hatte ihn auserlesen zur Höchsten irdischen Marter, zur tiefsten Verzweiflung. Wäre sein scheidender Blick nur noch einmal dem der Geliebten begegnet, - welch ein Labsal in der letzten fürchterlichen Minute! So aber - das war der Tod noch während des Lebens!

»Fern von ihr!« brauste es um ihn her. »Fern von ihr!« Die Kniee wankten ihm. Es ward ihm schwarz vor den Augen.

»Taumele nicht!« sagte der Obersoldat. »Wenn du denn sterben mußt, so stirb wie ein Mann!«

Artemidorus raffte sich auf. Die Anwandlung war vorüber. Er holte Atem und schritt dann ruhig und gleichmäßig weiter.

Jetzt, da die Geleitschaft mit dem Verurteilten links in südöstlicher Richtung von der cyprischen Gasse abbog, drängten sich Männer und Frauen, meist in ärmlicher Kleidung, so dicht und zahlreich heran, daß die Eskorte für einige Augenblicke nicht weiter konnte.

»Artemidorus!« erklang es in allen Tonarten. »Sei standhaft, Artemidorus! Fahr wohl, Artemidorus! Vergiß deine Freunde nicht! Bitte für uns vor dem Thron des Allmächtigen!«

Einzelne ergriffen die gefesselten Hände des jungen Mannes und küßten sie; andre stimmten nach feierlich klagenden Melodien Gesänge an, in denen der Name »Jesus« durch besonders eigenartige Tonverbindungen gekennzeichnet war.

Ein hochgewachsener, hagerer Fünfziger, dessen breitschimmernder Goldring verriet, daß er dem Ritterstand angehörte, bahnte sich jetzt den Weg durchs Gedränge.

»Gestattest du«, sagte er zu dem Obersoldaten, »daß ich euren Verurteilten, eh' sich sein Schicksal erfüllt, noch einmal umarme?«

Der Soldat krauste die Stirne. Die Anzahl derer, die hier von allen Seiten mit Artemidorus sympathisierten, flößte ihm augenscheinlich Bedenken ein. Er durfte den finsterblickenden Mann, der die Toga so stolz und bedrohlich über der Schulter trug, nicht schroff zurückweisen wie einen schäbigen Kornspenden-Empfänger.

»Mach's kurz!« sagte er zögernd. »Ich bin sonst nicht von Eisen und Stein: aber hört's der Präfekt, so komm' ich in Ungelegenheiten.«

»Nicodemus!« flüsterte Artemidorus, während der Freund ihm wie segnend einen Kuß auf die Stirn drückte, - »welch ein Schicksal! Welch ein trauervolles Verhängnis!«

»Mut, mein Sohn! Harre aus bis zuletzt! War es unklug, daß du so voreilig wider den Wall gestürmt, so war es doch immerhin hochherzig. Glückliche Jugend, die da nicht ahnt, wieviel sicherer der ruhige Bedacht zum Ziele führt, als der Zorn und das Ungestüm!«

»Du hast recht«, murmelte Artemidorus. »Da ihr doch alle so hoffnungsfreudig der Zukunft entgegensaht, kam es mir, einem der Jüngsten, vielleicht nicht zu. . . . Aber Chloris, die hassenswerte, geliebte Chloris war daran schuld mit ihrem entsetzlichen Unglauben. Ich war wie von Sinnen. Alles, alles hatte ich aufgeboten: umsonst! Und wie ich nun heimkehre und erblicke im Atrium die abscheulichen Götzenbilder mit ihrem höhnischen Grinsen . . .«

»Schweig! Du hast die römische Gesellschaft gereizt, - und das war zwecklos. Niemand wird hier seines Glaubens wegen gekränkt. Wir können und werden in aller Ruhe und Vorsicht den Pfad verfolgen, der den...

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