Der Bahnhof von Plön

 
 
Mitteldeutscher Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Februar 2016
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-95462-696-0 (ISBN)
 
Zusammen mit seinem trollähnlichen Diener haust der anfangs noch namenlose Ich-Erzähler in einem schäbigen New Yorker Apartment und führt dubiose Aufträge für eine Person durch, die sich »der Lotse« nennt. Gegenwärtig soll eine höchst befremdliche Fracht transportiert werden, doch die Arbeit erweist sich als so kraftraubend und sinnentleert, dass der Erzähler beginnt, nicht nur an seiner Aufgabe, sondern auch an sich selbst zu zweifeln. Wer ist er wirklich? Warum ist sein Leben eine Lüge? Und wieso ist er in der Lage, von den USA aus mit der U-Bahn nach Paris, Amsterdam und Kiel zu fahren?
Mit »Der Bahnhof von Plön« legt Christopher Ecker sein bislang kühnstes Buch vor - eine verstörende Tour de Force, die gleichermaßen Zeitanalyse, Entwicklungsroman, spannender Thriller, literarische Fantasy und ein philosophischer Exkurs der düstersten Sorte ist. Im Mittelpunkt des ebenso virtuosen wie doppelbödigen Spiels um Trug und Wirklichkeit steht ein schmerzhafter Selbstfindungsprozess: Wenn wir diejenigen sind, die durch unsere Erinnerungen geformt werden, wer sind wir dann, wenn diese Erinnerungen falsch sind?
  • Deutsch
  • Halle
  • |
  • Deutschland
  • 0,69 MB
978-3-95462-696-0 (9783954626960)
3954626969 (3954626969)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christopher Ecker, geb. 1967 in Saarbrücken, lebt und arbeitet in Kiel. Er wurde 2005 mit dem Gustav-Regler-Förderpreis des Saarländischen Rundfunks ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Gedichtband »die montage
der dienstage« (2010). Im Mitteldeutschen Verlag erschien sein Roman »Madonna« (2007), der als »Buch des Jahres 2007« vom Förderkreis deutscherSchriftsteller in Rheinland-Pfalz e.V. ausgezeichnet wurde.

Eigentlich wollte ich mit dem Hotelzimmer voller Leichen beginnen. Aber das ist kein Roman. Das ist die Wahrheit. Und da ich mich nicht der Qual unterziehe, dies alles niederzuschreiben, um jemandem zu gefallen oder um das Niedergeschriebene als Buch gedruckt zu sehen, spricht nichts dagegen, den ursprünglich geplanten Anfang zu verwerfen, der mir im Übrigen auch ein wenig zu effekthascherisch zu sein scheint. Stattdessen werde ich mit einem Vergleich beginnen, der sich mir eben aufdrängte, als ich - bereits mehrere Minuten lang über dem weißen Papier brütend - die Stirn auf die Tischplatte sinken ließ und die Augen im verzweifelten Bemühen schloss, mein Leben aus der Vogelperspektive der Abgeklärtheit zu betrachten.

Abgesehen vom Umgang mit meiner Vergangenheit und mit, ich drücke mich jetzt ganz vorsichtig aus, vielem, was mein wahres Wesen und meine Bestimmung betrifft, bin ich weder ein leichtgläubiger Mensch noch auf den Kopf gefallen. Ich begriff daher sofort, dass das Hotel in früheren Zeiten ein Bordell ungeheuren Ausmaßes gewesen sein musste: Lange, beidseitig von hoch aufgerichteten Türen gesäumte Gänge führten kreuz und quer durch das Gebäude wie Wäscheleinen zwischen den dicht an dicht stehenden Häuserzeilen einer sizilianischen Kleinstadt. Ich konnte mir gut die Hundertschaften von Freiern vorstellen, die mit hochgeklapptem Kragen und schamhaft gesenktem Kinn an den einladend geöffneten Türen vorbeigeschlichen waren, um dann und wann einen gierigen Blick in eines der Zimmer zu wagen, wo sich eine sehr junge drogenabhängige Nutte in schwarzer Leibwäsche auf einem verwanzten Bett räkelte oder gerade schwankend aus dem Bad kam und mit einem glasigen Blick aus ihren dunklen Augenhöhlen zweifelnd zur Tür sah, einem rechteckigen Rahmen, in dem sich ein Mann nach dem anderen zeigte, unterschiedlichste Männer jeglichen Alters und jeglicher - wenn überhaupt - Profession in einem Zustand mühsam gezügelter, kaum von Todesangst unterscheidbarer Erregung, aber allesamt Männer, die sie ansahen wie aus dem Käfig entkommene Affen und die für sie, die sie schwankend im Zimmer stand und sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, mit den Fingernägeln in beiden Armbeugen kratzte, alle der eine Mann oder Menschenaffe waren, der sie vor gar nicht allzu langer Zeit an den Haaren hinter den Schuppen im Garten gezerrt hatte, wo niemand ihre Schreie hörte, als das Fleisch riss.

Schwarz lag auf weiß, Mensch auf Mensch, und aus den Ritzen in dem Fleischberg ergossen sich Haarschöpfe aller Farben und Länge wie erstarrte Wasserfälle. Schamlos klaffende Gesäße reckten sich mir entgegen, und hier und dort klemmten zwischen den ohne ersichtlichen Plan übereinandergeschichteten Leibern die runzlig-faltigen oder grotesk geschwollenen Geschlechtsteile von Ungeheuern. Und wohin ich auch sah: Gesichter. Der Mensch kann nicht anders, als überall Gesichter zu erkennen. In Wolken, in Tapetenmustern, in der Maserung eines Holztischs, in der Laubkrone eines Baums, der sich im Wind wiegt. Doch die Gesichter, die ich hier sah, waren keine eingebildeten Gesichter. Ich sah alte Gesichter, junge Gesichter. Mal mit geschlossenen, nach innen schlaff durchhängenden Lidern, die keine Augäpfel zu bergen schienen, mal mit dem stieren Glasmurmelblick eines Schweinskopfs in der Auslage der Dorfmetzgerei. Und Münder sah ich, in denen fett und feist die Zunge hinter gelben Zahnreihen klemmte. Andere Münder dagegen waren wie vernarbte Wunden in der Ledermaske einer Vogelscheuche oder sie waren schwarze schmerzverzerrte Höhleneingänge.

Die Zweizimmerwohnung, die ich damals bewohnte, war für mich mehr eine provisorische Unterkunft als ein Zuhause, und so hatte ich es in all den Jahren weder in Erwägung gezogen, irgendwelche Renovierungsarbeiten durchzuführen, die es darin ein wenig wohnlicher oder behaglicher gemacht hätten, noch zumindest die schäbigsten der Möbelstücke zu ersetzen, die wie der Rest der Einrichtung von der Vormieterin stammten. Jérôme lag in derselben Haltung auf dem dunkelgrünen Ledersofa, in der ich ihn verlassen hatte. Er trug seine Lieblingshose aus längsgestreiftem, löchrigem Stoff und ein ärmelloses Feinrippunterhemd, hatte das Gesicht im Spalt zwischen Sitzfläche und Lehne vergraben und kehrte mir den fetten Rücken und das große, formlose Gesäß zu. Er gab vor, meine Ankunft nicht bemerkt zu haben, und atmete tief ein und aus, als schliefe er. Im Raum roch es nach kaltem Zigarettenrauch und fremdem Schweiß. Auf der Glasplatte des Couchtischs und halbkreisförmig in Jérômes Reichweite auf dem Teppichboden reckten zahlreiche aufgeklappte, mehr oder weniger aufrecht stehende Bücher ihre Firste in die Höhe wie die Dächer einer alten Stadt im Süden, die ein müßiger Spaziergänger, der nichts mehr vom Leben erwartet, von der sie überragenden Feste betrachtet. Auf eine Mauer gestützt, blickt er in gelassener Wehmut hinab auf das kabbelige Meer aus Dächern, dieses im Augenblick des Anbrandens erstarrte rötlich-braune Ziegelmeer, und wäre nur lind erstaunt, wenn sich die Burg mit einem triumphierenden, dumpf dröhnenden Sirenenstoß in Bewegung gesetzt hätte, erst stockend, dann zunehmend Fahrt aufnehmend, über die klappernden Dächer davon.

Am nächsten Tag erwachte ich mit dem herzzerreißenden Gefühl eines unwiederbringlichen Verlustes. Trotz meiner Übelkeit zog ich die Kleider vom Vortag an, entriegelte die Zimmertür. Jérôme bedachte mich mit einem undeutbaren Blick. Er lehnte am Küchenschrank und löffelte Eintopf aus einer Dose mit aufgeweichtem Etikett, die er offenbar in einem Topf mit Wasser erwärmt hatte, der noch sprudelnd auf der Kochplatte stand. Ich schaltete den Herd aus, trank einige Handvoll kaltes Wasser aus dem Hahn. Danach fühlte ich mich besser. Und nachdem ich mir das Gesicht gewaschen hatte, fühlte ich mich noch besser. Ich hängte das Geschirrhandtuch an den Haken und sah Jérôme an, der seit geraumer Zeit immer langsamer kaute.

Ich nahm die 6 zum Astor Place, stieg, die Augen mit der hohlen Hand beschirmend, aus den Röhren und Kavernen des Untergrunds empor in den gleißenden Tag und flanierte mit aufgeknöpftem Mantel durchs sonnige East Village, als wäre ich unterwegs zu einem Café am südlichen Seineufer, um dort im Schatten der Platanen einen ungesüßten doppelten Espresso oder einen Pastis zu trinken. An der Fußgängerampel gegenüber dem wehrhaften Klotz des ehemaligen Valencia, wo ich die nächsten Tage meinen Frondienst leisten musste, lehnte ich mich, die Fäuste in die Manteltaschen gestemmt, an einen Laternenpfahl, ließ mir die Herbstsonne ins Gesicht scheinen und rauchte in aller Ruhe eine Zigarette. Ich hatte auf der Hinfahrt den Stadtplan studiert und wusste daher, dass ich mich unweit eines dieser magischen Punkte befand, an denen sich Namen ändern: Die East 8th Street, die hinter mir lag, trug jenseits der Kreuzung, die ich vom Laternenpfahl aus überblickte, den Namen Saint Marks Place, und die verkehrsreiche Straße, an deren westlichem Ufer ich gerade meine Kippe in den Rinnstein schnickte, strebte als Cooper Square in südlicher und als 3rd Avenue in nördlicher Richtung davon, ohne dass den dunklen Schemen hinter den blitzend das Sonnenlicht reflektierenden Windschutzscheiben bewusst war, dass sie mitten auf dieser Kreuzung eine unsichtbare Grenzlinie überfuhren, wo sich der Name der Straße plötzlich verwandelte - ein Zauberkunststück, das hinter der Bühne vorgeführt wird, ohne dass das Publikum etwas davon mitbekommt. Auf Niederländisch heißt »Verwandlung« übrigens »gedaanteverwisseling« .

Das Zimmer war unverändert. Nachdem ich mich in einem für meine Verhältnisse eher untypischen Anflug von Panik vergewissert hatte, dass die roten Gummihandschuhe noch im Mülleimer lagen, war meine gelassene Gemütsverfassung wiederhergestellt und ich begann, mich häuslich in dem Badezimmer einzurichten, das die nächsten Tage mein Umkleide-, Wasch- und Aufenthaltsraum sein würde. Ich legte Zigaretten und Feuerzeug auf das Glasregal über dem Waschbecken. Ich füllte ein Zahnputzglas mit kaltem Wasser und stellte es daneben. Ich hängte Mantel, Jacke, Hose und Hemd auf die mitgebrachten Kleiderbügel und diese an den Handtuchhalter an der Innenseite der Tür. Die Kette legte ich neben dem Sockel der Toilette auf den Boden, eine schlafende Klapperschlange aus Metall. Ich trank das Glas Wasser, füllte es erneut, wusch das Gesicht, betrachtete mich prüfend im Spiegel. Der Overall kniff unter den Achseln, passte aber ansonsten leidlich. Ich setzte mich auf den Klodeckel, zog die Fersen an die Pobacken und dachte bei einer Zigarette über den ersten Fehler nach, den ich gemacht hatte. Keine Arbeitsschuhe. Also würde...

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