Im Schmiedefeuer. Band I

Historischer Roman in drei Bänden
 
 
Die Chroniken von Nürnberg (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2020
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96130-321-2 (ISBN)
 
Mit dem Tod des legendären Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. im Jahr 1250 setzt die sogenannte Zwischenkönigszeit ein. Die Königsherrschaft im Reich verliert an Anerkennung durch die Fürsten. Mit der Wahl Rudolf I. von Habsburg zum deutsch-römischen König im Jahr 1273 endet diese Zeit der Ungewissheit. Der neue Herrscher erkennt die Wichtigkeit der Städte als Stützen seines Königtums. Den Reichsstädten gestattet er die Ratsverfassung und damit eine gewisse innere Unabhängigkeit. Aber er erhebt auch eine allgemeine Stadtsteuer, die es vielen Bürgern erschwert, ihr Auskommen zu finden. Wir schreiben das Jahr 1281 n. Chr.: Während Könige, Fürsten und Ratsherren die Machtverhältnisse neu ordnen, leben in den Städten des Reiches derweil die einfachen Leute, die von der großen Politik und den Ränkespielen der Mächtigen nicht viel wissen. Sie haben vielmehr damit zu tun, ihren täglichen Verrichtungen nachzugehen und ihre gesellschaftliche Stellung zu behaupten. Die Schwestern Eva und Els Ortlieb führen ein entbehrungsreiches Leben inmitten der Bürgerschaft der Stadt Nürnberg. Doch auch in diesen schweren Zeiten innerhalb der Stadtmauern einer bedeutenden Reichsstadt ist doch genügend Raum für Wünsche und romantische Beziehungen... Der dreibändige historische Roman "Im Schmiedefeuer" gibt einen wirklichkeitsnahen Einblick in das Leben der Menschen einer deutschen Reichsstadt im Hochmittelalter. Dem Historiker Georg Ebers gelingt die Verbindung von geschichtlich korrekter Darstellung mittelalterlichen Stadtlebens und der Erzählung von fiktiven Einzelschicksalen. Auch der altertümlich anmutende Sprachstil trägt zur authentischen Gesamtwirkung des Werkes bei. Diejenigen Leserinnen und Leser, die die Qualität eines historischen Romans auch in seiner Realitätsnähe erkennen, werden mit diesem Buch einen lohnenden Fund machen. Der historische Roman umfasst ca. 750 Seiten und liegt hier in einer überarbeiteten Neuauflage als Trilogie vor. Dieses ist der erste von drei Bänden. Der Umfang des ersten Bandes entspricht ca. 200 Buchseiten.
1. Auflage
  • Deutsch
apebook Verlag
  • 2,26 MB
978-3-96130-321-2 (9783961303212)

ERSTES KAPITEL.


Am Abend des St. Medardustages im Jahre 1281 nach der Geburt des Heilandes war der Mond eben hell aufgegangen über der Reichsstadt Nürnberg. Wohl fanden seine Strahlen den Weg in die Straße, die von dem starken Marienturm zum Frauentor führte; seinem Verlangen, den Ortliebhof zu erreichen, stellte sich indes ein Haus, ein Wachtturm und mit besonderem Glück ein hoher Lindenbaum entgegen. Dennoch gab es hier etwas zu sehen, das selbst jetzt, wo Nürnberg den Kaiser Rudolf und so viele weltliche und geistliche Fürsten, Grafen und Ritter beherbergte, seine Neugier reizte. Zu den glänzenden Schauspielen freilich, an denen es doch in diesem Juniusmonde zu Nürnberg nicht fehlte, gehörte dies Etwas mit nichten. Es war sogar recht still hier; denn dem Kriegsvolke untersagte ein kaiserlicher Befehl, bei Nacht die Stadt zu durchziehen, und das Frauentor, durch das bei Tage Mensch und Vieh genug aus und ein ging, war längst verschlossen. Von den ehrsamen Bürgern, die so zeitig zu Bette gingen und sich so früh erhoben, daß sie sich des Mondlichtes selten lange freuten, kamen hier zu dieser Stunde nur wenige vorüber. Der letzte, ein ehrsamer Wollwebermeister, war schief gegangen. Da er den Mond wie alles andere über sich und um sich her doppelt sah, hatte er sich gefragt, ob der da oben denn auch eine Gefährtin bekommen? Von der seinen daheim hatte er keinen freundlichen Empfang zu erwarten. Die Scharwache, die sich - der Mond wußte noch nicht recht warum - kurze Zeit vor dem Ortliebhause aufhielt, folgte dem Meister. Dann kam noch ein Priester, der, mit dem Mesner und einigen Laternenträgern, einem Sterbenden in der St. Clarengasse das Sakrament brachte.

Auf der andern, nordwestlichen Seite der Stadt, wo sich die Veste auf ihrem Hügel erhob, und ihr zu Füßen, am Tiergärtnertor, gab es sonst in dieser Stunde mehr zu sehen; denn droben residierte Kaiser Rudolf in der Reichsburg, und sein Schwager, der Herr Burggraf Friedrich von Zollern, in der seinen. Heute aber ging es auch da oben nicht eben glänzend her; denn der Kaiser und sein Hofstaat, der Burggraf und die Seinen, sowie sämtliche weltliche und geistliche Fürsten, die Grafen und Herren, die auf der Veste wohnten, befanden sich samt ihren Damen auf dem Rathaus. Da ging es hoch her, und rauschende Musik klang aus den offenen Fenstern des großen Saales, in dem auch Kaiser Rudolf während des Tanzfestes weilte. Dort wäre es dem Monde auch vergönnt gewesen, sich in blankem Stahl, in Gold, Silber und Edelgestein an Helmen, Diademen und Prachtgewändern zu spiegeln. Dazu hätte er freilich im Pegnitzflusse, der die Stadt in zwei Hälften teilte, noch bessere Gelegenheit gefunden, aber der alte Wanderer am Himmel zog von alters her die lauschigen, verborgenen Winkel den geräuschvollen Plätzen, den bescheidenen Schimmer dem aufdringlichen Glanze vor. Wo es Geheimes zu erforschen gibt, dahin schaut er am liebsten, und die Menschen wählten ihn jederzeit gern zum Vertrauten.

Bei der Linde nun, die vor dem Ortliebhofe in voller Blütenpracht die Straße beschattete, mußte eben jetzt etwas im Werke sein, das ihm ganz und gar nach dem Sinne war; denn er hatte in dem alten Geschlechtersitze mit dem steinernen Wappen über der hohen Eichentür und in seinem Garten zwei schöne Jungfrauen heranwachsen sehen, von denen die jüngere von Kind an in ganz besonderer Beziehung zu ihm stand.

Jetzt gestattete die Krone der Linde ihm schon, trotz ihrer Dichtheit, in den breiten Vorraum zu blinzeln, der das weit zurückliegende Patrizierhaus von der Straße trennte.

Eine Kette, die in sanften Biegungen eine kurze Reihe von Granitpfeilern mit einander verband, schloß ihn gegen die Vorübergehenden, die Wagen und Reiter, die Schweine und das andere Vieh ab, das man durch das Tor trieb. Im Gegensatz zu der Straße, die bei üblem Wetter einem schwer zu durchwatenden Sumpfe glich, war er stets sauber gehalten, und der Stadtknecht konnte sich die Mühe sparen, hier Ausschau nach den Ferkel- oder Katzen-, den Hühner- und Rattenleichen zu halten, die es ihm in seiner Butte fortzuschaffen oblag.

In diesem Vorraum nun stand ein junger Mann von besonders hohem, kraftvollem Wuchse und schaute zu einem Fenster im ersten Stockwerk empor.

Der Schatten der Linde gestattete weder seine Züge, noch seine Kleidung deutlich zu erkennen; der Mond aber war ihm schon mehr als einmal an dieser Stelle begegnet und wußte, daß er ein schmucker Gesell war und daß sein gebräuntes Antlitz mit der kräftigen Nase und der breiten Stirn willensstark genug dreinschaute. Er hatte auch die Narbe wahrgenommen, die ihm von den Wurzeln des langen braunen Haares aus über die ganze Stirn hin bis an das Jochbein des linken Auges reichte und ihm ein kriegerisches Ansehen verlieh. Dennoch gehörte er keiner Streitmacht an, sondern war der Sohn eines städtischen Adelsgeschlechts, das sich zwar rühmte, »ritterbürtig« zu sein und seine Söhne in das Turnier einreiten lassen durfte, das aber auch friedlichen Geschäften nachging; denn es trieb Handel mit Italien und den Niederlanden, und jeder männliche Eysvogel brachte das Recht mit zur Welt, in den ehrbaren Rat gewählt zu werden und an der Regierung des Nürnberger Freistaates teil zu nehmen.

Daß der junge Herr im Vorhof des Ortliebschen Hauses sich zu den Eysvogels zählte, war dem Monde längst bekannt. Es gehörte auch wenig dazu, es zu erraten; denn über dem hohen Eingangstor des Eysvogelhofes war ein übergroßes, prunkendes neues Wappen befestigt, das jedes Kind in Nürnberg kannte, und der hochgewachsene Nachtschwärmer trug ein Wams, in dessen linke Brustseite das nämliche Wappen mit drei Vögeln im Schilde und einem auf der Helmzier gestickt war.

Schon eine gute Weile hatte er vergeblich gewartet; jetzt aber zeigte sich der Kopf eines jungen Mädchens am Fenster, und eine helle, frische Stimme rief ihm seinen Vornamen »Wolff« entgegen.

Da schwenkte er die Kappe, trat dem Fenster näher, begrüßte die Jungfrau mit warmen Worten und tat ihr zu wissen, daß es ihn so spät hierher gezogen, um ihr, wenn auch nur vom Vorplatze aus, den Nachtgruß zu bieten.

»So komm doch herauf,« bat sie heiter. »Der Vater und Eva sind zwar zum Tanz aus dem Rathaus, die Muhme Äbtissin aber sitzt bei der Mutter.«

»Nein, nein,« entgegnete Wolff. »Ich komme und gehe nur. Überhaupt stehle ich mir bloß dies Stündchen.«

»Das Geschäft?« frug die Jungfrau. »Weißt Du, daß ich anfange auf das Ungetüm, das Dich wie eine alte Spinne immer fester in sein Netz verstrickt, eifersüchtig zu werden? Ist das eine Art! Dem Geschäfte den ganzen Tag, und der Braut einige flüchtige Augenblicke im Mondschein.«

»Ging es doch anders!« seufzte Wolff. »Du weißt ja nicht, Els, wie schwer diese Zeiten! Und was steckt mir alles im Kopfe, seit der Vater mir überläßt auszuführen, was er an neuen Unternehmungen vorschlägt.«

»Neue und immer neue,« versetzte Els mit leisem Vorwurf. »Was hat dies Eysvogelgeschäft für einen gefräßigen Magen! Ulmann Nützel sagte erst neulich: >Wo man kaufen will, da war schon der Vogel und schnappte es fort, in Venedig und Mailand. Und der junge,< sagte er, >geht noch schärfer ins Zeug.<«

»Weil es gilt, Dir, Herzlieb, ein warmes Nest zu bereiten,« entgegnete Wolff beklommen.

»Als ob wir Handwerksleute wären,« lachte das Mädchen, »die um die Kundschaft besorgt sind. Das alte Eysvogelhaus hat, denk' ich, große Oefen genug, um den Sohn mit seinem Weiblein warm zu halten. Bei den Tuchers nährt die Handlung ihrer sieben mit Weib und Kindern. Was wollen wir denn? Uns rechtschaffen lieb haben, mein' ich, und wenn ich auch das Leben besser kenne als Eva, für die Armut und Glückseligkeit eins sind, so brauch' ich doch auch nicht, wie die Frauen bei euch daheim, die Morgensuppe aus goldenen Tellern zu essen und ein Lager von Levantiner Damast für den Schoßhund. Und was der Vater mir mitgibt, zehn Ritterfräulein zusammengenommen . . .«

»Ich weiß es ja, Lieb,« fiel Wolff ihr hier kleinlaut ins Wort. »Und ich! Wie gern begnügte ich mich mit dem Geringsten . . .«

»So tu's doch!« rief sie munter. »Was Du das Geringste heißt, nennen andere immer noch Reichtum. Mehr als gut wollt ihr's haben, und ich - die Heiligen wissen's! - mit dem bloßen >gut< wär' ich völlig zufrieden; an dem >besser< und >vollkommen gut< ist mancher gescheitert.«

Da rief er heiß aufwallend:

»Und nun möcht' ich doch noch hinein.«

»Und das Geschäft?« frug sie neckisch.

»Laß es gehen wie es will,« versetzte er lebhaft und schwenkte die Hand. - Doch schon im nächsten Augenblick ließ er sie wieder sinken und sagte bedenklich: »Nein, nein, es geht doch nicht; es steht zu viel auf dem Spiele.«

Els hatte sich schon umgewandt, um Kätterle, der Gürtelmagd, aufzutragen, die schwere Haustür öffnen zu lassen; bevor sie es tat, streckte sie indes das schön geformte Haupt weiter vor und fragte:

»Ist es wirklich so ernst? Will Dir der Unhold nicht einmal den Gutenachtkuß vergönnen?«

»Nein,« erwiderte er fest. »Eure Knechte sind fort, und bevor die Mägde mir öffnen . . . Da steigt der Mond schon über die Linde. Es geht nicht. Morgen aber, und zu Gott mit leichteren Sorgen . . . Heute noch dürften wir beruhigende Kunde erhalten.«

»Von den Waren aus...

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