Stilles Vermächtnis

Thriller
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. März 2015
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97044-0 (ISBN)
 
Auf den Tag vor einem Jahr, am Valentinstag, ist Lizzies Mann tödlich verunglückt. Weil alle ihr sagen, dass das Leben weitergeht und sie endlich mit der Vergangenheit abschließen muss, fasst sie sich ein Herz und fährt zur Unfallstelle. Doch was sie dort sieht, lässt sie erstarren: Es liegen weiße Lilien am Straßenrand, an denen ein Zettel hängt: »Für Zach - Xenia«. Lizzie steht unter Schock: Gab es eine andere Frau in Zachs Leben? Was hat es mit dieser Xenia auf sich? Und welche Nachricht wollte er ihr mit dem letzten Bild, das er malte, überbringen? Überall findet sie Spuren, die sie zutiefst beunruhigen. Denn sie weiß, dass es in ihrer Ehe auch finstere Tage gab. Und es sieht fast so aus, als würde Zach ihr sagen wollen: Ich bin noch da, und ich beobachte dich ...
  • Deutsch
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  • Deutschland
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  • 1,36 MB
978-3-492-97044-0 (9783492970440)
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LIZZIE

Kurzferien, Februar 2013

Ein tiefer Atemzug. Benzin, Mist, der mineralische Geruch von Salz. Selbst hier bin ich nicht weit vom Meer. Mein Gesicht ist feucht vom Niesel und dem Sprühnebel, den die Autoreifen auf der nassen Straße aufwirbeln. Ich packe die Blumen jetzt mit beiden Händen, wie eine Braut. Hyazinthen habe ich ausgesucht, auch wenn ich mir nicht sicher war, nur blaue. Zach hat mir erklärt, ein Blumenstrauß solle immer nur aus Blumen einer Farbe bestehen. Die Stiele habe ich in nasse Küchenrolle gewickelt und mit einem Gefrierbeutel gesichert. Entweder habe ich das Papier zu nass gemacht, oder in dem Beutel ist ein Loch, denn es sickert Wasser raus und tropft mir am Ellbogen runter.

Auf der anderen Straßenseite liegt eine grasbewachsene Senke, ein Wäldchen mit stumpfen Bäumen, dahinter der Schatten eines Hügels. Der Himmel darüber hat die Farbe schmutziger Schafe, dunklere Flecken, in der Ferne ein paar Sonnenstrahlen wie fallende Tropfen, während der kalte Nachmittag hereinbricht. Auf all das konzentriere ich mich, weil ich weiß, dass auf der anderen Fahrbahnseite irgendwo am Rand meines Sehfelds, irgendwo links, die Stelle ist. Aber ich werde nicht hinsehen. Noch nicht.

Es ist Valentinstag, der Autounfall meines Mannes ist genau ein Jahr her, und ich befinde mich 320 Kilometer von zu Hause entfernt an einer Bundesstraße mitten in Cornwall. Diese Reise ist ein Ende oder ein Anfang - ich bin mir noch nicht ganz sicher. Es ist Zeit, nach vorn zu sehen. Das sagen die Leute mir andauernd. Ich versuche, ihnen zu glauben.

Ich passe einen Moment zwischen den vorbeizischenden Autos ab und laufe los. Als ich auf der anderen Straßenseite ankomme, schaue ich zurück zur Parkbucht, wo mein Nissan Micra im Windzug vorbeifahrender Lastwagen schaukelt. Mein Hund sieht mir vom Seitenfenster aus zu. Seit ich den Wagen geparkt habe, habe ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Wahrscheinlich liegt das nur daran, dass der Ort so abgelegen ist. Wie viele Leute fahren hier vorbei, ohne dass einer anhält? Oder sind es die Schuldgefühle - wegen allem Möglichen, aber hauptsächlich, weil ich längst hätte herkommen sollen?

Es ist üblich, den Schauplatz eines tödlichen Unfalls zu besuchen und Blumen abzulegen. Man denke nur an die in Zellophan gehüllten Laternenpfosten, wo arme Fahrradfahrer den Tod gefunden haben. Es ist nicht üblich, es so lange aufzuschieben. In der Nacht, als es passierte, als PC Morrow vor meiner Tür stand . sie hätte mich gleich hergebracht. Der Streifenwagen hat gewartet. Doch da ist meine Schwester Peggy dazwischengegangen. Sie hat Morrow gesagt, ich müsse mit ihr nach Hause kommen und nicht fünf Stunden zu einem nassen, windumtosten Straßenrand in Cornwall fahren, um mir Rauch und Trümmer anzusehen. Es wäre verrückt, hat sie gesagt. Ich könnte ein andermal hinfahren. Zach war tot. Und ich konnte nichts tun.

Es war ja auch nicht so, als hätte ich nicht gewusst, was passiert war. Morrow - frisch vom Opferschutz-Kurs - ist es immer und immer wieder mit mir durchgegangen, bis ich die tödliche Kombination begriff: der Seenebel und die nasse Straße, die scharfe Kurve, das Faltverdeck, die Flaschen seines Lieblingswhiskys, direkt aus der Brennerei, auf dem Beifahrersitz, die Ölgemälde und die lösungsmittelgetränkten Lappen im Kofferraum, der dicke Baumstamm - der Baum, der fatalerweise an dieser Stelle steht.

Ich hab's immer wieder aufgeschoben. Die Leute haben das verstanden. Cornwall war Zachs Lieblingsgegend. Er hatte ein Haus dort unten, um das ich mich irgendwann kümmern müsste, und die Leute nahmen an, irgendwann wäre ich so weit. Doch Tage und Wochen vergingen, und mit jedem Tag graute es mir mehr davor, den leeren Bungalow zu betreten und seinen Verlust noch einmal ganz neu zu spüren.

Ein Zittern kriecht mir den Rücken hoch. Die Wolken werden dichter. Eine Windböe zerrt an meinem Mantel. Ich muss mich beeilen, sollte es hinter mich bringen und zum Auto zurückgehen, bevor es noch dunkler wird. Ein Motorrad, das einen Lastwagen überholt, lässt den Motor aufheulen. Ich trete einen Schritt zurück. Was mir, als ich über dreihundert Kilometer weit weg war, unabdingbar schien, kommt mir allmählich ziemlich verrückt vor und leichtsinnig obendrein.

Ich bewege mich auf dem schmalen, bröckeligen Streifen zwischen der weißen Linie und der Leitplanke. Ein Fuß vor den anderen. So übersteht man so etwas - das sagen einem alle. Ein Schritt nach dem anderen. Ich konzentriere mich mit aller Kraft auf den zugemüllten Boden: das Einwickelpapier eines Hamburgers, mit Ketchup beschmiert, ein benutztes Kondom, seltsam bunt in dem dreckigen Gras. Ein Styroporbecher, der in der Leitplanke klemmt und hin und her flattert, sooft ein Auto vorbeifährt. Als ich mich der Kurve nähere, dröhnt eine Hupe - vielleicht zur Warnung, vielleicht aber auch, weil sich einer über die Verrückte auf der Straße mit ihrem Blumenstrauß wundert.

Wenn ich da bin, lege ich die Hyazinthen am Fuß des Baums auf den Boden. Macht man das so? Oder sollten sie höher sein? Vielleicht hätte ich mehr darüber nachdenken und Klebeband mitbringen sollen. Zach wüsste so was - obwohl er es schrecklich fände, dass ich hergekommen bin. Er würde es als Beleidigung auffassen, nicht als Reverenz. Er hasste Sentimentalitäten. Er mochte nicht mal Jahrestage. Er würde meinen, ich hätte mich dem Klischee ergeben oder mich dem Rat von anderen gebeugt. »Auf wen hast du gehört, Lizzie Carter?«

Ich bekomme eine Ahnung von der Form des Baums, dessen Äste wie Adern in den grauen Himmel ragen. Jetzt habe ich die fransige Lücke in der Hecke erreicht. Hellgrüne Triebe am Ende der Äste. Es ist gefühllos, wie dieser Weißdorn sich erholt hat, wie munter er wieder sprießt. Ich sehe mich noch einmal um, bevor ich über die Leitplanke klettere, und da ist er: der Baum, eine Eiche, seltsam würdevoll, trotz der tiefen Wunde in der knorrigen Rinde.

Zachs Baum. Ich strecke die Hand aus, um ihn zu berühren, und streiche mit den Fingern über die rauen Furchen der Rinde. Ich lehne den Kopf daran. Tränen steigen mir in die Augen.

Meine Freundin Jane fand, ich sollte heute nicht allein herfahren. Ich habe sie zum Lachen gebracht, um ihr zu beweisen, dass ich klarkomme, indem ich eine launige Stimme aufgesetzt und über meinen »feierlichen Besuch« gesprochen habe, mein »rituelles Blumenniederlegen« - Formulierungen aus dem Selbsthilfebuch, das meine Schwester mir geschenkt hat. Ich habe ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt: Wie kompliziert meine Trauer ist, wie unergründlich, und dass es hier vor allem darum geht, die Geister zu besänftigen.

Ist Trauer immer so verworren, oder ist meine nur besonders ungestalt? Es gibt Tage, da akzeptiere ich seinen Tod und bewege mich durch die Welt wie unter Wasser. Ganz alltägliche Aufgaben, wie das Einräumen der Geschirrspülmaschine oder das Bezahlen von Rechnungen, kommen mir brutal und leer vor. Ich ärgere mich über die Tauben, die vor dem Schlafzimmerfenster nisten, und die Schulkinder zu Beginn des neuen Schuljahres in ihren neuen Uniformen. Die kleinste Kleinigkeit kann mich umhauen. Letzte Woche radelte ein Mann die Northcote Road runter, der einen weißen Fahrradhelm trug, und eine Schmerzwelle traf mich mit solcher Macht, dass die Knie unter mir nachgaben. Ich musste mich vor Capstick Sports einen Augenblick aufs Pflaster hocken. An anderen Tagen vergesse ich es ganz. Ich bin beinahe sorglos, entlastet, und dann überkommt mich eine solche Scham, dass ich nicht weiß, wohin mit mir. Dann erliege ich Lethargie und Depressionen. Schiebe Dinge auf.

Jetzt stehe ich hier und fühle mich ihm auf reine Art nah. Dieser Tag musste irgendwann kommen. Zum ersten Mal fühlt sich sein Tod real an. Ich muss ihn loslassen, so schwer es auch ist, denn er war trotz allem die Liebe meines Lebens. Peggy hat recht. Er war der Mann, den ich die meiste Zeit meines Lebens geliebt habe - die meisten Minuten, die meisten Stunden, die meisten Tage, die meiste Zeit. Ich schließe die Augen, blinzele die Tränen fort und frage mich, ob meine rastlosen Gedanken nun zur Ruhe kommen können.

Unter meinem Fuß knistert etwas, und ich blicke nach unten.

An den Wurzeln lehnt ein Blumenstrauß. Casa Blanca Lilien, in Zellophan eingewickelt, mit einem breiten lilafarbenen Band zusammengebunden.

Ich trete zurück. Mein erster Gedanke ist: noch ein Unfall an derselben Stelle. Eine unfallträchtige Stelle: die enge Kurve und die unselige Geländebeschaffenheit. Vielleicht noch eine neblige Nacht. Regen.

Ich bin ganz durcheinander. Ich weiß nicht, wo ich meine Hyazinthen hintun könnte. Die Lilien sehen so professionell und wichtig aus. Ich stehe da und überlege, was ich machen soll. Trotz seiner Verachtung für ein solches Ritual, hätte Zach es sicher nicht teilen wollen. Und so dauert es einen Augenblick, bis ich die Nachricht sehe. Der Zettel ist weiß. Jemand hat ein großes Herz gemalt und einen Namen darum geschrieben - ich neige den Kopf: X E N I A. Und ganz oben steht in großen schwarzen Buchstaben: Für Zach.

Im ersten Moment denke ich wirklich: Was für ein Zufall. Hier ist noch jemand verunglückt und gestorben, der Zach hieß. Ist er, um PC Morrows Formulierung zu benutzen, auch »in Flammen aufgegangen«?

Als mir dann ganz allmählich dämmert, wie die Sache sich verhält, lege ich meine Blumen demütig irgendwo an der Seite ab. Ich stehe auf und bewege mich wie in Trance durch das Loch in der Hecke, steige über die...

»Die Spannung sorgt dank hervorragender Charakterzeichnungen für einen wohligen Gänsehaut-Genuss auf hohem Niveau.«, Ostthüringer Zeitung, 26.09.2015
 
»Eine absolut sommerurlaubstaugliche Lektüre.«, Altmühl-Bote, 23.07.2015
 
»Durrant skizziert den Strudel der emotionalen Gewalt, die schließlich zu physischer Gewalt eskaliert, wunderbar subtil.«, Main Echo, 27.06.2015

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