Die vergessene Stadt

 
 
JAVA & GLASS-Reihe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. September 2020
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96087-736-3 (ISBN)
 

Jeder kennt deine Geheimnisse - zumindest glauben sie das ... Das Finale des spannenden Zweiteilers für Fans von Gloria Trutnau

Die 17-jährige Java lebt jetzt zwei Leben: ihr eigenes trostloses Dasein als Waise und das von Doppelgängerin Cullinan. Die Programmiererin hat sich in gefährliche Machenschaften verstrickt und schließlich das Ende der unteren, anonymen Stockwerke Deep Citys eingeläutet. Und als wäre das nicht schon anstrengend genug, kommen Glass und Java sich näher als sie sollten. Während eine Todesliste die Bewohner von Deep City in Angst und Schrecken versetzt, scheint eine Rettung immer weiter in die Ferne zu rücken, denn nur eine hat Hoffnung in Deep City verbreitet - Cullinan. Doch sie existiert nicht mehr und niemand außer Java weiß es ...

Erste Leserstimmen "endlich konnte ich den Abschluss lesen, ich hab die Warterei kaum ertragen" "Emily Dunwood schreibt unglaublich fesselnd" "die Spannung ist unfassbar, ich musste den Roman in einem Rutsch lesen" "Wieder lässt uns Emily Dunwood in eine Welt blicken, die unserer gar nicht fern ist und legt dabei so viel Geschick an den Tag, dass ich dieses Buch jedem meiner Freunde empfehlen werde!"

Weitere Titel dieser Reihe Die gefallene Stadt (ISBN: 9783960877356)

  • Deutsch
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
  • Digitale Ausgabe
  • 0,83 MB
978-3-96087-736-3 (9783960877363)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Emily Dunwood, Jahrgang 1995, lebt, schreibt und studiert in Berlin. Diskussionen um Social Media, den gläsernen Menschen und das Dark Web inspirierten sie zu ihrem Debüt, dem Zweiteiler Java & Glass.

Kapitel 20


Pin ist tot.

Glass steht im Eingang zu einer Opiumbar, mit glimmender Zigarette und zitternden Händen. Die Haare regennass.

Hinter ihm drängen sich milchige Rauchschwaden gegen das Fenster, verwandeln den dahinterliegenden Raum in konfuse Schatten und unscharfe Silhouetten.

Pin ist tot.

Er sagt kein Wort, als ich ihn erreiche. Lässt mir keine Zeit, ihm in die Augen zu sehen. Wortlos stemmt er sich gegen die Eingangstür und geht mir voraus.

Ich fühle mich taub.

Die Luft ist fest. Ich muss husten, drücke mir einen Ärmel unter die Nase, kneife die brennenden Augen zusammen. Die Atmosphäre ist betäubt und ungesund, der Gestank fatal. Auf dick gepolsterten Sofas hängen sedierte Menschen, manche dösend, die Augen halb geschlossen, manche apathisch, mit starrem Blick. Bläuliche Holoschirme glimmen im Qualm, färben den Giftnebel blassblau. Die meisten tragen DigiGlasses und starren selbstvergessen in unsichtbare Parallelwelten.

Ein hysterisches Lachen hallt von irgendwo.

Hier haben sie sie hingebracht? Hier?

Glass rennt mir voraus, durchquert den langgezogenen Raum, an der Bar vorbei. Stößt eine Hintertür auf und gibt den Blick auf ein gespenstisches Bild frei: Sprödes Dämmerlicht. Staubgeschwängerte Luft. Ein Tisch. Eine Leiche. Vier gnadenlose Augenpaare.

Qs Augen sind wässrig und verquollen. Vala sitzt ruhig in einer Ecke, rauchend. Chrome zittert am ganzen Körper. Farblose Gesichter. Beängstigende Stille.

Eine Leiche.

Mich überschwemmt ein unwirkliches Gefühl. Betäubt. Aufgewühlt. Abgekapselt.

Pins weißes Hemd ist ein rotes Aquarell. Verkrustetes Blut klebt an ihrem Gesicht, ihre nassen Haare ziehen schwarze Schlingen dazwischen. Man hat ihr die Augen geschlossen, doch die Bemühung, ihre toten Züge zur Ruhe zu bringen, ist gescheitert. Ihr Gesicht ist zu einer kalten, verhärteten Maske erstarrt; grau, bitter und wächsern, durch das dicke Make-up, das sich nun langsam von ihrer Haut löst. Schusswunden versinken in ihrem Kopf, in ihrer Brust, ihren Armen.

Mir wird schwindelig. Und die Erinnerungen kommen. Sie kommen unweigerlich.

Ein zerschellter Körper. Nichts Friedliches an ihr. Nichts Tröstliches. Ich wünsche mir, nie gekommen zu sein.

»Kannst du sie identifizieren?«

Sie ist es. Vista. Kein Zweifel.

Es sind ihre Lippen, bläulich verfärbt und unnatürlich aufgequollen. Ihr Gesicht, verformt von den Schwellungen, mit verrenktem Kiefer und ausgeschlagenen Zähnen. Ihr gequetschter Torso. Ihre Haut, stellenweise aufgeplatzt wie eine überreife Tomate. Die Gliedmaßen unnatürlich zurück in Position gebracht.

»Ja, das ist sie«, sage ich ruhig.

Aber ich sehe mich dort liegen. Bald. Ich bin noch immer im freien Fall.

Im nächsten Gedanken liege ich schwitzend und zitternd in meinem Bett, fühle mich halbtot, in klatschnassen Laken, unfähig aufzustehen.

»Sie hat dich angerufen, Java! Du hättest sie davon abhalten können!«

Sie hassen mich.

»Warum warst du so kalt?«, fragen sie mich. »Du hast nicht geweint, kein einziges Mal, hast nicht eine Träne für sie vergossen.«

»Habt ihr gesehen, wie kalt sie war? Völlig unberührt?«

»Bist du froh, dass sie jetzt tot ist?«

Kalter Schweiß, die Hände zittern. Ich sehe angestrengt zur Seite, schließe die Augen. Halte die Luft an. Ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

»Kein schöner Anblick?«, höre ich Vala sagen. Ich traue mich nicht, sie anzusehen.

»Was soll ich dazu sagen?«, murmele ich.

»Du sollst nichts mehr sagen«, erwidert sie mit knurrendem Unterton. »Du sollst endlich etwas tun!«

Verzweifelt sehe ich zu Glass, der aussieht, als würde es ihm schlimmer gehen als mir. Seine Lippen sind steinern zusammengepresst, er läuft haltlos auf und ab. Ich wünschte, er würde etwas sagen.

Er sagt nichts.

»Ich brauche Zeit«

»Damit noch mehr sterben?«, fragt Vala hysterisch. »Weißt du, wer die Nächste auf der Liste ist?« Ihre Kiefer mahlen.

Ich mache automatisch einen Schritt zurück. »Du hast es oft genug erwähnt.«

»Und ich werde es noch tausendmal wiederholen. Wir sterben. Pin ist tot! Aber sie ist dir natürlich nichts wert, das kann man ja auch nicht erwarten. Ein Mädchen aus den Subs .« Sie macht einen Schritt auf mich zu.

Ich weiche noch weiter zurück.

»Ich konnte doch nichts tun«, sage ich ausweichend.

»Hast du dir mal Gedanken gemacht, wer da vor dir stand? Was für ein Mensch hinter der Maske gesteckt hat?«

Wie pathetisch, denke ich mir und bekomme trotzdem eine Gänsehaut.

»Ich weiß doch nichts über sie«, sage ich. »Wie soll ich auch?« Wieder sehe ich zu Glass, der sein Gesicht in seinen Händen beerdigt.

»Ich dachte auch, sie wäre ein verrücktes reiches Surface-City-Mädchen, du weißt schon, eines von der typischen Sorte. Auf der Suche nach Abenteuer, nach Aufregung. Das naiv genug war, sich von Deep City richtig ficken zu lassen. Bis ich sie besoffen von der Straße gekratzt habe und sie erzählt hat.« Sie macht eine atemreiche Pause, in der sie mich mit bebenden Lippen ansieht. »Sie ist mit dreizehn aus den Suburbs geflohen; arme Familie, gewalttätige Mutter. Keine Schule, kein Job, ein Leben in Dunkelheit. Sie dachte, sie könnte in Hyalopolis ihr Glück machen. In der gläsernen Stadt, so schön hell, so sauber, so aufrichtig. Sie hatte Hoffnung, zu finden, was ihr überall vorgegaukelt wird. Und klar, sie war hübsch. Wehrlos. Ein richtig hübscher, wehrloser Schmuckstein für die Timeline irgendeines reichen Unternehmers. Seht her, ich rette das arme Mädchen aus den Subs.« Sie schluckt hart. Ihr Gesicht ist fleckig rot unter ihrem teigigen Make-up. »Er hat sie immer wieder mit nach Deep City genommen. Und was machst du da mit einem verzweifelten Mädchen, das sich nach ein bisschen Anerkennung sehnt? Das Angst hat, zu verlieren, was sie gerade bekommen hat?«

Ich bin taub. Meine Gedanken sind taub. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Doch es stürzen nur die verschwommenen Eindrücke des Moments auf mich ein.

Blackout.

»Sie hat ihn umgebracht«, sagt Vala. »Damit konnte sie nicht leben. Das hat sie in Deep City gehalten. Jeden Tag.« Ihre Stimme zittert.

»Du hast sie umgebracht! Du hast sie umgebracht!«

Sie hassen mich jetzt.

Ich sehe wieder zu Glass. Ich wünschte, er würde etwas sagen. Er muss doch etwas sagen.

Er sagt nichts.

Aber er ist stehen geblieben; seine Augen blank und erfroren. Ich bin mir nicht sicher, was überhaupt noch zu ihm durchdringt.

Und plötzlich fällt er aus seiner Starre und rennt an uns vorbei aus dem Raum. Wortlos. Verschwindet einfach im dünnen Licht.

Ich sehe ihm nach. Versuche zu verarbeiten, was gerade passiert - und bin völlig überfordert.

»Also, was willst du jetzt machen?«, schreit Vala. Ich bekomme keine Luft.

Ich übergehe sie einfach. »Wo ist Glass hin? Was ist mit ihm?«

»Keine Ahnung? Sich umbringen? Es ist mir scheißegal. Ich will, dass du diese Liste abstellst. Sofort. Sonst bist du die Nächste, die auf diesem Tisch liegt.«

»Ich brauche ihn, sonst . kann ich nichts machen.«

»Dann finde ihn!«

Vala geht zwei große Schritte auf mich zu und bläst mir demonstrativ den Rauch ihrer Zigarette ins Gesicht. Ich drehe den Kopf zu Seite.

»Du bist echt das Letzte! Ihr seid alle das Letzte!«

Ihre Worte gehen völlig an mir vorbei, ich sehe nur hektisch hin und her, von Q zu Vala zur toten Pin. Meine Gedanken sind verschwommen.

Dann drehe ich mich um und verlasse fluchtartig den Raum. Doch als ich die Straße erreiche, ist Glass längst verschwunden.

 

Immer und immer wieder wähle ich seine Nummer mit eiskalten Fingern. Stehe zitternd im strömenden Regen mitten auf der Straße und horche auf die knisternden Geräusche in der Leitung. »Nimm ab, nimm ab, nimm ab.« Er nimmt nicht ab.

Ich fühle mich zittrig, allein und verfolgt. Wieder hat mich die Paranoia völlig im Griff. Jeder Schatten kommt mir bedrohlicher vor als der letzte. Hinter jeder Ecke scheint jemand zu lauern, den ich nicht kontrollieren kann.

Noch einmal wähle ich Glass' Nummer, ein verzweifelter Versuch für etwas, das ich längst aufgegeben habe. Ich weiß, dass er der Einzige ist, der mir am Ende wirklich helfen kann. Der mir helfen kann. Und er muss mir jetzt helfen.

Gerade bin ich kurz davor, einfach alles auffliegen zu lassen.

Aber ich versuche durchzuatmen. Mich zu konzentrieren. Ich bin überemotional, mein Gehirn überladen von verdrängten Erinnerungen, die sich schmerzhaft wieder hochgewürgt haben. Meine Gedanken sind völlig übersteuert.

In Gedanken versuche ich, alle Orte durchzugehen, an denen ich ihn vermute, alle Orte, an denen ich ihn getroffen habe. Versuche jede Konversation wieder abzurufen. Er könnte überall sein. Überall.

»Warte!«

Ich drehe mich um und sehe Q im Regen stehen. Eine schattige Gestalt, mitten auf der Straße. Er trägt keine Mütze mehr, das Haar klebt platt in seiner Stirn, das Halstuch ist ihm vom Gesicht gerutscht.

Er kommt auf mich zu, bis er dicht vor mir steht.

»Was machst du hier?«, frage ich.

Q antwortet nicht, sondern zieht einen kleinen, zusammengefalteten Gegenstand aus der Tasche und stellt sich dicht neben mich. Mit einem leisen Knall spannt er einen großen Schirm über uns beiden...

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