Ein unruhiges Grab

Thriller
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. August 2015
  • |
  • 608 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7794-3 (ISBN)
 
Als Inspector Brook in die Abteilung für unaufgeklärte Fälle versetzt wird, ist er wenig begeistert. Eine Kindesentführung hält gerade ganz Derby in Atem und es nagt an ihm, nicht bei der Aufklärung mithelfen zu dürfen. Doch bald entdeckt er in den alten Akten zwei lange zurückliegende Morde an Jungen aus der Gegend mit erschreckenden Parallelen zu einem Fall, den Brook aus seiner Zeit als Polizist in London nur zu genau kennt. Gibt es da einen Zusammenhang? Holen seine Dämonen ihn nach all den Jarehn ein? Und sollte ein Serienmörder über einen so langen Zeitraum unentdeckt geblieben sein? Er weiß nur eins, wenn er mit dieser Theorie Recht hat, muss er schnell sein, denn ein offenbar fatales Datum rückt näher ...
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,77 MB
978-3-8270-7794-3 (9783827077943)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Steven Dunne schreibt schon seit seiner Zeit an der Kent University. Nach einer kurzen, einschüchternden Erfahrung als Comedian, arbeitete er als freier Journalist u.a. für »The Times« und »The Independent«. Mittlerweile unterrichtet er an einer Schule in Derby und ist in seiner Heimat ein gefeierter Star der Krimiszene.

1


Samstag, 22. Dezember 1973, Derby


Der Junge schaute von den Fußballkarten auf, die er sortiert hatte, und beobachtete, wie seine Mum sich noch eine Zigarette ansteckte. Ihre Hände wirkten unbeholfen und steif, als sie nach Feuerzeug und Schachtel griff, doch schließlich, nach dem leisen Zischen von Gas und einer flackernden Flamme war es geschafft. Das goldene Feuerzeug warf sie auf den Kaffeetisch, nahm zitternd einen Zug und behielt das blaugraue Gift einen Herzschlag lang in den Lungen, ehe sie es quer durch den Raum blies.

Jeff sah ihr schweigend zu, wie sie versuchte, sich zurückzulehnen und zu entspannen. Doch es ging nicht. Sie hockte sich wieder auf die Sofakante, die Beine leicht angewinkelt, die verspannten Schultern unter den ungekämmten Haaren unsichtbar. Sie rang die von der Hausarbeit geröteten Hände, knibbelte an ihren eingerissenen Nägeln und drehte die zwei Ringe um ihren Ringfinger.

»Ich bin hungrig, Mum«, sagte Jeff. Ein typisch kindlicher Satz, eine implizierte Bitte.

Ohne zu ihm zu schauen, antwortete sie mit heiserer und erstickter Stimme. »Dad kommt in einer Stunde heim.«

Jeff starrte sie an, ohne zu blinzeln, und wartete, dass sie nachgab. Was nicht passierte. »Aber ich habe jetzt Hunger.«

»Du kriegst ein Sandwich, wenn Dad nach Hause kommt«, antwortete sie und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie dieses Gespräch sie zunehmend mitnahm. Sie schaute in seine Richtung, als wollte sie ihn beschwichtigen. Doch es klappte nicht.

»Aber .«

»Du musst warten«, blaffte sie. Wieder wandte sie das Gesicht ab, als sehnte sie sich danach, wieder in die Träumerei zu verfallen. In jenes Land der Leere, in dem sie sich vor dem Schmerz verstecken und sich einreden konnte, dass es irgendwann vorbei war.

»Darf ich mir dann eine Scheibe Brot mit Schmalz machen?« Seine Mum gab keine Antwort. Sie starrte nur auf den Bärenfellteppich, als wäre ihr Sohn gar nicht da und hätte nichts gesagt. Aber er war da und er wollte eine Antwort. Er spürte, wenn er noch einmal nachhakte, bekam er, was er wollte. »Darf ich .?«

»Mach dir halt eins«, bellte sie und drehte an den Ringen, als versuchte sie, sich den Finger abzuschrauben. »Mach dir ruhig eins«, wiederholte sie leise mit geschlossenen Augen. Ein blindes Nicken, als wollte sie sich bestätigen, dass sie die Kontrolle hatte.

Jeff starrte teilnahmslos ihr blasses, angespanntes Gesicht an und versuchte vergebens, mit ihren rotgeweinten Augen Kontakt aufzunehmen. Schließlich legte er die Karten in zwei Stapeln ab - die zum Behalten und die zum Tauschen - und trottete in die Küche. Okay. Musste er sich eben selbst was zu essen machen. Nicht der beste Ausgang, aber immer noch ein kleiner Erfolg. Ein Lichtstreif, ein Spalt in der Mauer des Schweigens, die seine Mum und sein Dad um ihn und das, was passiert war, errichtet hatten.

Es war Ewigkeiten her, verdammt. Ihr habt immer noch mich.

Er zog die Küchentür hinter sich zu und ließ einen Spalt offen, durch den er ins Wohnzimmer spähen konnte. Nach seinem Verschwinden schaute seine Mum kurz zu dem Kamin, ehe sie weiter den Teppich anstarrte und ein zerknülltes Taschentuch aus dem Ärmel zog.

Jeff hatte das erwartet und sein Blick folgte kurz ihrem zu dem einzigen Foto, das noch auf dem Kaminsims stand: das Foto seines toten Bruders, des kleinen Donny. Das unbeholfen über einer Ecke des Rahmens befestigte schwarze Band verdeckte ein Ohr und teilweise sein dämliches, schiefes Grinsen. Donnys Grinsen, das Grinsen, das alle herumkriegte. Mit dem er noch immer den Löwenanteil von allem bekam, vor allem, wenn es um die Liebe ihrer Eltern ging.

Leugne es nicht, Mum. Du mochtest Donny lieber. Das war schon immer so gewesen. Mum nahm immer Donnys Wort für wahr, damit Jeff an allem die Schuld bekam. Jeff konnte fast Donnys weinerliche Stimme hören, die ihn anklagte. Jeff war's. Er hat damit angefangen.

Jeff seufzte. Ja, er hatte angefangen. Er hatte auf Donny gehockt, bis dieser kaum mehr atmen konnte. Er hatte Donnys Spielzeug geklaut, hatte ihm die Hose runtergezogen - und tausend andere Dinge. Manchmal ging es dabei um Insekten. Aber gab es Donny das Recht, irgendwelche Märchen zu erzählen?

Jeff runzelte hinter der Tür die Stirn, als seine Mum die Schleusen öffnete und still in den fest zusammengeknüllten Stoffballen aus Baumwolle schluchzte. Ihre Schultern zuckten, als müsste sie kotzen.

Biste jetzt glücklich, Don-kee? Du hast Mum zum Weinen gebracht, Don-kee. Gefällt dir das?

Er starrte das Foto seines toten Bruders an mit dem Grinsen und der Haartolle und dem zu großen Dennis-der-Quälgeist-Pullover. Mum hatte den Pullover aufgehoben, das wusste er. Sie hatte ihn unter der Treppe versteckt, aber eines Nachts, kurz nach dem Ertrinken, war Jeff nach unten geschlichen und hatte sie dabei beobachtet, wie sie das Gesicht darin vergrub und versuchte, einen Hauch von Don-kees Gestank zu erhaschen, soweit davon noch was übrig war, nachdem der Fluss ihn und seinen dämlichen Geruch für immer fortgespült hatte.

Er wandte sich elend ab. Drei Tage bis Weihnachten. Das war sonst immer eine glückliche Zeit. Der Baum stand (obwohl er nicht so sorgfältig geschmückt war wie in den vergangenen Jahren), und es lief sogar was Anständiges in allen drei Fernsehprogrammen. Gute Filme schon morgens, wenn er aus dem Bett hüpfte. Herrlich.

Aber statt der üblichen Vorfreude nun das - Langeweile und Tränen. Kein Fernsehen. Keine Geräusche außer dem Ticken der Uhr und dem erstickten Schluchzen seiner Mum. Wenigstens kam Dad bald heim, und dann hatte er Ferien. Dad gab sich immerhin Mühe, den Anschein von Normalität zu wahren. Er arbeitete den ganzen Tag, auch die Samstage. Nicht wie Mum! Außerdem hatte er das Haus geschmückt, den Baum aufgestellt und sogar was gekocht. Trotzdem hatte er Zeit, mit seinem Sohn in den Garten zu gehen und mit ihm einen Schneemann zu bauen. So machte das ein guter Vater.

Jeffs Laune besserte sich schlagartig, als er an seine Geschenke dachte. Dieses Jahr doppelt so viel. Sie hatten ja Don-kees Geschenke schon gekauft und eingepackt, bevor er in den Fluss fiel, weil er seinen blöden Ballon erwischen wollte. Danach hat Mum es nicht ertragen, sie zurückzugeben. Also krieg ich alles.

Lächelnd griff Jeff nach dem Schmalztopf auf der Fensterbank und zog eine Scheibe Weißbrot aus dem Brotkasten. Er stocherte mit dem Messer im Topf herum, um an dem harten, grauen Fett an der Oberfläche vorbei zu dem fleischigen, braunen Matsch darunter zu gelangen. Lecker. Er schüttete etwas Salz auf die Scheibe und nahm einen großen, schmierigen Bissen. Dabei schaute er aus dem Fenster auf das raue, kalte Winterwetter da draußen. Es begann wieder zu schneien. Wunderbar.

Sein Blick wanderte zu dem Schneemann, während er sich den Rest des Brots in den Mund stopfte. Der Schneemann sah schon ganz weich und dreckig aus, aber da es wieder schneite, konnte er ihn vielleicht mit frischem Schnee neu bauen, sobald sein Dad nach Hause kam. Beim Kauen bemerkte er verärgert, dass die Nase verschwunden war. Irgendwie musste die Karotte runtergefallen sein. Er lief zurück in das stickige Wohnzimmer. »Bin draußen, Mum.« Eine Feststellung, keine Frage. Aber sie bemerkte ihn kaum.

Sie richtete sich für einen Moment auf, aber drehte sich bei ihrem Versuch, elterliches Verantwortungsgefühl zu zeigen, nicht mal zu ihm um. »Zieh dich warm an«, krächzte sie.

»Ich weiß«, stöhnte Jeff. Er griff nach Mantel, Mütze und Handschuhen, die im Flur auf dem Regal lagen, und rannte nach draußen. Die Tür knallte er hinter sich zu. Sein oranger Lederfußball lag direkt vor der Küchentür. Er nahm ihn auf und köpfte ihn weg. Beinahe hätte er sich dabei auf die Schnauze gelegt, aber seine jungen, biegsamen Gliedmaßen halfen ihm, auf den Beinen zu bleiben. Er passte diesmal besser auf und knirschte rings ums Haus zu der überfrorenen Veranda, wobei ihn der eisige Wind, der über das erstarrte Land fegte, mit voller Wucht traf. Der Schnee fiel in wilden Spiralwirbeln.

Jeff stand einfach da und betrachtete das weiße Wunderland, das sich vor ihm ausbreitete. Weiche, unberührte Schneeflächen, die ihn einluden, ihnen die Jungfräulichkeit zu nehmen. Eins nach dem anderen. Er stapfte zum Schneemann, um die Karotte aufzuheben - nur um festzustellen, dass sie nicht mehr da war. Sie war nicht ins Gesicht des Schneemanns gedrückt und lag auch nicht darunter auf dem Boden. Das brachte ihn zum Grübeln. Vielleicht hatte ein Vogel sie geklaut. Oder ein anderes Tier. Doch dann sah er erschrocken die Fußstapfen, die zu dem Schneemann gelaufen waren, dann umdrehten und wieder zu dem Tor führten, von dem sie gekommen waren.

»Mhhhhh.« Jeffs Stiefel schwebte über einem der Abdrücke, weil er erst glaubte, es müssten seine sein. Nein, zu klein. Für sein Alter hatte er ziemlich große Füße. Er verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß und trat auf den Abdruck, um sich zu vergewissern, dass seine Füße zwei oder drei Schuhgrößen größer waren. Und er wusste, dass die Füße seines Dads noch größer waren.

»Unlogisch, Captain Kirk«, überlegte er laut mit einem Zitat aus seiner absoluten Lieblingsserie. (Don-kees Lieblingsserie war Magpie. So ein Loser.) Jeff folgte der Spur vom Tor, die direkt in den Wald gingen und von dort über den Golfplatz führten.

Nach ein paar Metern blieb er stehen und hob den Kopf. Seine scharfen Augen folgten dem Weg, den der Karottendieb über das Feld Richtung Horizont genommen hatte. Der...

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