Die Unwerten

Roman
 
 
Gmeiner-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2020
  • |
  • 473 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8392-6364-8 (ISBN)
 
Frankfurt am Main, 1939. Die vierzehnjährige Hannah bricht vor ihren Mitschülern in einem Krampfanfall zusammen. Bisher war es ihr gelungen, ihre Epilepsie zu verheimlichen, doch jetzt meldet ihr linientreuer Lehrer sie bei der Obrigkeit. Hannah gerät ins Visier des NS-Terrorapparates, denn die Nazis haben sich zum Ziel gesetzt, alles "lebensunwerte Leben" zu vernichten. Hannahs Schicksal liegt nun in den Händen des Gutachterarztes Joachim Lubeck, einem gewissenlosen Opportunisten, der für seine Karriere über Leichen geht.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Volker Dützer wurde 1964 geboren und schreibt Thriller sowie Kriminalromane. Er lebt im Westerwald unweit der NS-Gedenkstätte Hadamar. Um die Erinnerung an die dort begangenen Verbrechen wachzuhalten, veröffentlicht er mit "Die Unwerten" seinen ersten zeitgeschichtlichen Roman.

1


Das Notizbuch mit dem speckigen roten Einband landete klatschend auf dem Schreibpult. Die meisten Schüler versuchten, ihre Anspannung zu verbergen, aber es gelang den wenigsten. Hannah zuckte zusammen, als hätte Pilz sie geohrfeigt.

»Heil Hitler«, brüllte er.

Die Klasse brüllte zurück. Die Heranwachsenden machten sich einen Spaß daraus, die heisere Stimme des Mathematiklehrers zu übertönen. Pilz war ein untersetzter Zwerg, kaum größer als Hannah mit ihren vierzehn Jahren, und er war sich seiner mickrigen Erscheinung nur allzu bewusst. Darum bemühte er sich, das fehlende Volumen seiner Stimme auszugleichen, indem er auf den Zehenspitzen wippte und seine Tonlage erhöhte. Heraus kam ein Fiepen, das dem Quietschen nasser Kreide auf einer Schiefertafel ähnelte.

Pilz reckte das Kinn vor, presste die Lippen zusammen und ließ seine Blicke über die Reihen wandern. Manchmal griff er sich einen Schüler heraus, um ihn vor den anderen lächerlich zu machen, bevor der eigentliche Unterricht begann. Hannah hatte bisher nicht herausgefunden, ob er nach einem bestimmten Muster vorging oder nur einer Laune folgte.

»Setzen!«

Stuhlbeine scharrten, Stoff raschelte. Der dicke Koschka - er saß links von Hannah auf der Fensterseite - schwitzte in seiner stramm sitzenden HJ-Uniform. Das khakibraune Hemd war ihm aus dem Hosenbund gerutscht, ein rosiges Speckröllchen quoll hervor. Niemand wagte zu atmen, alle starrten auf das rote Notizbuch.

Pilz hatte die Angewohnheit, jeden Freitag Noten zu verteilen, und auch an diesem 22. Dezember 1939, dem letzten Schultag vor Weihnachten, machte er keine Ausnahme. Mit Vorliebe stellte er Aufgaben, die nicht zu lösen waren und nur dem Zweck dienten, den Prüfling bloßzustellen. Anschließend hagelte es Fünfen und Sechsen. Pilz legte eine zackige Kehrtwende hin, marschierte zu seinem Pult und schrieb etwas an die Tafel.

»Was bedeutet diese Zahl?«

Koschka schnellte hoch. »Die Einwohnerzahl von Frankfurt, Scharführer.«

»Richtig, Koschka.« Pilz' Mundwinkel zuckte, ein zufriedenes Lächeln huschte über sein rotfleckiges Gesicht. »Den Scharführer lassen wir heute mal zu Hause.«

Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken, stolzierte durch den Mittelgang und schoss eine seiner berüchtigten Fangfragen ab: »Wie viele Schüler würde es in den Frankfurter Gymnasien geben, wenn die arischen Eltern ihre Kinder in dem gleichen Umfang an eine höhere Schule geschickt hätten wie die Juden?«

Pilz blieb neben Hannahs Bank stehen. Die Schüler hielten die Luft an. Wen würde es treffen?

Manchmal gelang es, ihn mit seinem Steckenpferd abzulenken, der Schädellehre nach Franz Joseph Gall. Phrenologie, Hannah hatte sich sogar die lateinische Bezeichnung gemerkt. Der Umgang mit Zahlen fiel ihr leicht, und sie konnte sich gut Dinge merken. Trotzdem hoffte sie inständig, Pilz möge einen anderen Schüler aufrufen, denn sein Gebrüll störte ihre Konzentration. Er brachte sie völlig durcheinander, sodass sie kein sinnvolles Wort mehr herausbrachte.

»Hannah Bloch.« Seine Stimme kiekste und kippte über.

Die Klasse stieß kollektiv den Atem aus. Hannah fragte sich, ob Pilz den Windstoß der Erleichterung auf seiner Glatze spürte, die jedes Mal feuerrot anlief, wenn er sich aufregte.

»Bloch!« Ungeduldig klopfte er mit dem Fingerknöchel auf die Bank. »Ja, was nun? Was nun?«

Hannah stand auf, nahm ihr Schreibheft von der Bank und ging nach vorne. Der Boden unter ihren Füßen fühlte sich merkwürdig weich an und schwankte wie das Deck eines Schiffes. Ihr Blickfeld verengte sich, an den Rändern kroch die Dunkelheit heran. Meistens zog sie sich rasch wieder zurück, aber ein paarmal hatte sie die Besinnung verloren. Zuletzt war das vor drei Wochen im Laden ihrer Mutter passiert.

Danach war sie auf dem Sofa in dem winzigen Hinterzimmer erwacht und hatte sich an nichts erinnern können. Malisha hatte sich besorgt über sie gebeugt und ihr einen kühlen Lappen auf die heiße Stirn gedrückt. Hannah nannte sie beim Vornamen, obwohl Mutter behauptete, das gehöre sich nicht. Sie liebte den weichen Klang des seltenen hebräischen Namens. Die Leute hielten sie manchmal für Schwestern, weil Malisha viel jünger aussah, als sie war. Hannah empfand ihr Verhältnis eher als eine innige Zuneigung unter Geschwistern. Vielleicht rührte es daher, dass sie einen Weiberhaushalt führten, in dem ein Mann fehlte.

Obwohl Hannah unter Ohnmachtsanfällen litt, verzichtete Malisha darauf, mit ihr einen Arzt aufzusuchen, was ganz und gar ihrer fürsorglichen Art widersprach. Hannah kannte den Grund dafür nicht, war jedoch insgeheim froh darüber, denn sie fürchtete sich vor Ärzten und Krankenhäusern.

Hannah schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass es nicht wieder geschah, nicht jetzt vor allen Kindern, nicht vor Pilz. Sie war Halbjüdin und hatte Probleme genug.

Krampfhaft umklammerte sie ihr Schreibheft. Die Gesichter verschwammen vor ihren Augen, alle starrten sie gebannt an und warteten auf das Schauspiel, das Pilz inszenieren würde. Schwungvoll klappte er die Tafel auf, die donnernd gegen die Wand krachte. Er liebte es, laut und hektisch aufzutreten, um damit seine Wichtigkeit zu unterstreichen und jeden empfindsamen Schüler einzuschüchtern.

Ihre Blicke trafen sich, Hannah erschrak. Heute war der kleine Mann offensichtlich in der Stimmung, einen seiner Schützlinge restlos zu zerstören, und seine Wahl war auf sie gefallen.

Natürlich hatte er sie nicht zufällig ausgewählt; Pilz war ein glühender Nationalsozialist, der alles Jüdische hasste. Seit einem Jahr mussten jüdische Kinder die für sie eingerichteten Schulen besuchen, und davon gab es viel zu wenige. Dass Hannah, deren Mutter Jüdin war, als Mischling ersten Grades weiterhin an seinem Unterricht teilnehmen durfte, war Pilz unerträglich. Ihre schnelle Auffassungsgabe und die Fähigkeit, komplizierte Rechenaufgaben intuitiv zu lösen, ärgerten ihn maßlos. Offenbar hatte er sich den letzten Schultag des Jahres ausgesucht, um sie vor den Augen der Klasse zu demütigen. Nur ein Wunder konnte sie jetzt noch retten.

Der Arm des hoch aufgeschossenen Krahwinkel flog in die Luft.

»Was denn, was denn?«, rief Pilz, »was gibt es denn so Wichtiges?«

»Stimmt es, dass die Polizei den Mörder, der das arme deutsche Mädchen erwürgt hat, nur anhand seiner Schädelform überführen konnte?«

Hannah warf ihm einen dankbaren Blick zu. Karl war einer der wenigen Schüler, die sie nicht ignorierten oder quälten. Sein Vater war Sozialdemokrat, seit vier Wochen fehlte von ihm jede Spur. Niemand sprach darüber.

»Freilich, freilich«, antwortete Pilz. »Merkt euch, wie dienstbar die Wissenschaft sein kann. Der überzeugte Nationalsozialist ist bestrebt zu lernen und zu forschen. Minderwertige Rassen haben daran kein Interesse, sie sind den Ariern von Natur aus unterlegen.«

Karls Trick, Pilz abzulenken, schien zu funktionieren. Er eilte mit energischen Schritten zu einem Ständer neben der Tür und enthüllte eine Schautafel. Hannah kannte die Bilder darauf auswendig. Sie zeigten Zeichnungen und Fotografien verschiedener menschlicher Köpfe, jeweils von vorne und der Seite dargestellt - manche waren rund wie Äpfel, andere länglich oder übertrieben in die Breite gezogen. Ein Linienraster bedeckte jedes Gesicht.

Pilz erging sich in den Merkmalen der Schädelformen und deren Auswirkungen auf die Eigenschaften ihrer Besitzer. Auf das richtige Stichwort hin konnte es vorkommen, dass er eine Stunde lang über sein Lieblingsthema faselte.

Die tief stehende Dezembersonne warf den kugelrunden Schatten seines Kopfes an die Wand. Ob ihm eigentlich bewusst war, dass sein eigener Schädel wenig Ähnlichkeit mit der Idealform der nordischen Rasse hatte, von der er so schwärmte?

Karl nannte ihn >Fliegen-Pilz<. Pilz trug mit Vorliebe Fliegen - gepunktete, karierte oder gestreifte. Nur rot mussten sie sein.

Als hätte er das Ablenkungsmanöver durchschaut, beendete er ganz gegen seine Gewohnheit nach wenigen Minuten seinen Vortrag und rollte die Schautafel zusammen.

Hannahs Herz schlug schneller. Die Finsternis sickerte wie schwarze Tinte aus ihren Augenwinkeln und breitete sich aus, winzige Blitze zuckten darin. Durch einen Schleier sah sie Pilz zur Tafel schreiten, eine Hand auf dem Rücken, mit der anderen nahm er die Kreide auf.

»Die Mathematik«, dozierte er, »die Mathematik ist die edelste aller Wissenschaften, denn sie ist in ihrer Klarheit überlegen wie die Willenskraft des Ariers über die Charakterschwäche der niederen Rassen.«

Er schrieb eine neue Aufgabe an die Tafel. Seine Frage von vorhin schien er völlig vergessen zu haben. Oft sprang er von einem Gedanken zum nächsten, ohne dass die Klasse ihm folgen konnte.

Die quietschende Kreide verursachte stechende Schmerzen in Hannahs Schläfen. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, Pilz' unleserliche Schrift zu entziffern.

Er tippte auf die Buchstaben und las laut vor: »Ein Irrenhaus kostet zwei Millionen Reichsmark. Wie viele deutsche Familien könnten von dem Geld eine Wohnung bekommen?«

Koschka kicherte.

»Ruhe!«, brüllte Pilz.

Hannah schwankte, alles drehte sich um sie. Die schrille Stimme bohrte sich wie eine Nadel in ihren Kopf. Jedes Scharren auf dem Dielenboden, die Ausdünstungen der dreißig Schüler in dem engen Klassenzimmer, das grelle Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel, all das drang ungefiltert und überirdisch klar in ihren Verstand. Die Dunkelheit kam. Es gab nichts, was sie tun konnte,...

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