Dezember

Hängengeblieben: Erlebnisse im öffentlichen Nahverkehr
 
 
Papierfresserchens MTM-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Mai 2020
  • |
  • 116 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96074-230-2 (ISBN)
 
Frau Düfi fährt im Dezember 2013 tagtäglich mit der Straßenbahn zur Arbeit und wieder zurück. Drei Stunden pro Tag verbringt sie in den öffentlichen Verkehrsmitteln, die ihr bald zu einer zweiten Heimat werden. Sie studiert das Leben um sie herum und erfährt, dass der Alltag immer wieder skurrile Geschichten schreibt. Der Berufsverkehr eröffnet ein interessantes Bild auf die Menschen in der Köln-Bonner-Region. Durchbrochen werden Frau Düfis Alltagsbetrachtungen von Schilderungen ihrer Träume, Wünsche, Ereignisse und Pläne. Ein Alltagsroman über Situationen und Menschen, die einen verärgern, aber genauso oft Lachen oder Stirnrunzeln hervorrufen.
1., Erstauflage
  • Deutsch
  • Langenargen
  • |
  • Deutschland
  • 4,90 MB
978-3-96074-230-2 (9783960742302)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Frau Düfi wurde 1989 im Harz geboren. Die Fremdsprachenkorrespondentin für Englisch und Französisch schrieb bereits ab dem Alter von elf Jahren Gedichte, Lieder und Kurzgeschichten.

*

3.12.


Meine Güte! Jetzt hat der Tag schon wieder so beschissen begonnen. Ich musste zur Bahn laufen, weil ich nicht früh genug rausgekommen bin. Monsieur meinte, kotzen zu müssen, was nicht geklappt hat. Trotzdem hat er das Bad versperrt. Heute ist es scheißekalt. Der Himmel ist sternenklar. Und in der 66 ist die Luft eklig heiß und trocken, sodass meine Augen total müde werden. Nicht, dass mir jetzt noch schlecht wird! Erst dieser Sprint und jetzt diese Hitze, Mann!

Puh ... langsam, also ab Ramersdorf, geht's. Mir wird wohl nicht schlecht und ich werde es überstehen - hopefully.

Gestern konnte ich super die Wohnung schmücken. Ich habe die Zweige zerstückelt und mit roten Bändern an verschiedenen Orten in Wohnzimmer, Küche und Flur festgezurrt, sodass sie nicht mehr runterfallen können. Und heute Abend geht's zum Schwimmen. Zudem konnte ich gut durchschlafen.

In meinem Vierer sitzt ein Mädchen, das anscheinend immer ein Lächeln auf den Lippen hat, einen leichten Schlafzimmerblick mit etwas hochgezogenen Augenbrauen, nach draußen blickend. Sie hat etwas von der frühen Jennifer Aniston. Sie trägt einen schwarzen Anorak, darunter ein sportliches graues Sweatshirt mit bordeauxroter Schrift, eine marineblaue Jeans und solche ockerfarbenen Winterschuhe, dockersmäßig oder so. Neben sich hat sie eine blaue Tasche, in der Schulsachen zu sein scheinen. Ihre Fingernägel sind knallrot lackiert. Musik hört sie über ein Smartphone, es dürfte sich weder um ein iPhone noch um einen iPod handeln. Und mein Mac markiert mir iPhone und iPad als falsch, klar!

Der androgyne Fettberg ist eben wieder in der Ollenhauerstraße ausgestiegen.

Direkt mir gegenüber sitzt eine junge Frau, die mich mit ihrem breiten Gesicht doch etwas zu genau und mit zugekniffenen Augen mustert. Was soll das? Ihre kleinen Augen sind etwas angeschwollen, ihre Nasenflügel etwas breiter geraten, ihre Kiefer gut ausgeprägt. Sie könnte Boxerin sein. Etwas leicht Aggressives steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hat aber kein breites Kreuz, trägt einen mit Blumenornamenten verzierten Haarreif und hat manikürte Fingernägel. Auch ihre Beine sehen nicht so aus, als würde sie regelmäßig Sport treiben.

Jetzt schlüpft sie in ihre schwarzen ledernen Handschuhe und will wahrscheinlich am Hauptbahnhof aussteigen.

Richtig gedacht!

Die 16 ist zwar mal wieder schön knackig kalt, aber dafür sitze ich ganz hinten in einer Dreierreihe und links und rechts davon sind Ablageflächen für meinen Rucksack. Mein Sitz hat einen krassen Riss, aber er scheint wohl stabil zu sein.

Gerade roch es ein bisschen muffig. Dann muss ich immer an Obdachlose und so denken. Eben saß so einer am Hauptbahnhof, den man öfter mal sieht, und schon beim Gedanken an ihn ekele ich mich. Er saß auf der orangen Sitzgelegenheit und fuhr sich immer wieder über die Oberschenkel, als würde er frieren. Dann rieb er sich die Augen. Mir wird schlecht, ohne dass ich ihm jemals näher gekommen bin, ohne jemals seine Augen gesehen zu haben. Das reicht auch.

Im Sommer und während der Ferien bin ich mit meinem Rad gefahren und habe es dann in der Bahn mitgenommen. Es handelt sich um ein Brompton, mein Faltrad aus Brüssel. Das Gute daran ist, dass es, wenn man es gefaltet mit in die Bahn nimmt, nicht als Fahrrad gilt, sondern eher als Gepäck. Jedenfalls kann ich es dann kostenlos mitnehmen. Somit kam ich früher zur Arbeit und konnte nach Hause die Bahn 20 Minuten vorher nehmen. Ich spare damit täglich also mindestens eine halbe Stunde. Wenn die Kinder wieder die Bahnen bevölkern, wird es natürlich eng. Deswegen geht das nicht immer und während des Winters muss es auch nicht unbedingt sein. Aber sonst ist es schon sehr schön zu radeln, auch wenn ich mir dann immer Kommentare auf der Arbeit zu meinem "süßen", "coolen", "kleinen" Rad anhören muss. Es ist egal, ob sie positiv gemeint sind. Sie sind überflüssig.

Vor mir sitzen zwei Mädchen, die darüber beraten, welches das Hintergrundbild für das Handy der einen werden soll. Das soll schließlich wohlbedacht sein! Sie sind vielleicht zwischen 11 und 13 - könnte hinkommen. Sie sind ganz niedlich und haben einen kleinen Jungen im Schlepptau, der eine neongrüne Jacke und eine orange Hose trägt. Die Schnürsenkel seiner olivgrünen Turnschuhe - soweit man das als Turnschuhe bezeichnen kann - sind auch neongrün. Für seine Größe trägt er eine riesige schwarz-weiße Umhängetasche von Diadora. Er könnte der kleine Bruder der Brillenträgerin sein. Sie ist diejenige, die das Handy in der Hand hält. Und sie war bis jetzt am gemeinsten zu dem Kleinen beziehungsweise, sagen wir mal, am genervtesten. Er versucht, Anschluss zu finden und in die Unterhaltung eingebunden zu werden. Es ist aber nicht ganz einfach, weil die Mädchen nebeneinandersitzen und er auf der anderen Seite des Gangs.

Plötzlich sagt er zu den beiden: "Aber wenn die nachher in die Bahn einsteigt, kann die uns ja sehen."

Brillenträgerin: "Mir doch egal!"

Andere: "Die kann uns doch ruhig sehen. Ich glaube nicht, dass die die verkloppt, das traut die sich gar nicht."

Aha!

Später gibt der Kleine Bescheid: "Sie ist da." Allerdings ziemlich beiläufig ... Es scheint niemanden zu interessieren. Ich hätte nichts dagegen, wenn ich aus sicherer Entfernung dabei zusehen könnte, wie sich die Kinder kloppen. Das wäre bestimmt amüsant.

Der Typ, der lang neben mir saß, ist jetzt weggerückt, als der Platz ganz links frei geworden ist. Jetzt ist der Platz zwischen uns frei, der aber prompt belegt wird, und zwar von jemandem, der die letzten Tage schon so einen neugierigen Eindruck gemacht hat, sodass ich sofort Vorkehrungen treffe, damit er nicht mitlesen kann. Ich füge ganz viele Leerzeilen ein, damit das nächste Blatt erscheint und ich hochscrollen kann, sodass der Text verschwindet. Todsichere Methode! Auf der anderen Seite ist das ziemlich bescheuert, da ich auch ganz professionell einen Seitenumbruch hätte einfügen können. Die Bahn macht mich noch wahnsinnig!

Die Brillenträgerin friert. Das ist gut! Das ist gut in Bezug auf meinen Frost, weil ich selten jemanden in der Bahn frieren sehe. Sie trägt aber auch nur einen Pullover, jedenfalls sieht es nicht so aus, als würde sie viel darunter anhaben.

Ich glaube, die Freundin der Brillenträgerin hat eben gefragt, warum nicht mit Smileys geschrieben wird und wer nur die Buchstaben erfunden hat. Die Idee ist gar nicht schlecht.

Der Kleine hat eben in seine Jackentasche gefasst und sagte: "Was ist das?" Dann holte er eine kleine braune Verpackung heraus, auf der mehrere Male Magnum stand. Seine vermeintliche Schwester meinte, dass das Eislöffel seien. Ihre Gesprächspartnerin hatte Zweifel. Der Kleine gab ihr das Gefundene, sie öffnete es und holte einen kleinen Plastelöffel heraus, mit dem man Eis essen kann.

"Wo habe ich das denn her?", fragte der Kleine.

"Das gab's wahrscheinlich mal zusammen mit einem Eis", antwortete die Brillenträgerin.

Was es nicht alles gibt ... Ich muss zugeben, dass es selten vorkommt, dass ich etwas aus meiner Tasche zaubere, das ich nicht kenne. Aber es kommt schon mal vor.

Die drei sind in Wesseling oder Godorf ausgestiegen.

Der Typ links neben mir macht immer einen etwas zornigen Eindruck, auch jetzt, weil seine Augenbrauen und seine Stirn krass geformt sind. Vielleicht ärgert er sich über die Kälte. Er sitzt mit verschränkten Armen ruhig da.

Gleich sind wir in Rodenkirchen, dann kann ich mir bald Frühstück und Tee und Müsli machen. Leckeribeckeri! Ich denke, der Tag wird heute besser. Ich stöpsele mir schon mal Musik in die Ohren, damit die Garantie höher ist.

Rückfahrt

Feierabend! Ging relativ gut der Tag ...

Jetzt bin ich auf dem Weg zum Café Kumu, wo ich Herrn Klevenhaus treffe, der an einer Lesung interessiert ist und auch die Stadtwerke Bonn dazuholen will, weil er da jemanden aus der Pressestelle kennt. Ziemlich gut! Und danach geht's ab zu Schwimmi und Bieriow!

Ich habe in der 16 gut Platz und mir schräg gegenüber scheint die Rothaarige von gestern zu sitzen. Sie ist jedenfalls rothaarig, trägt eine rote Tasche und dieses Mal einen orangeroten Schal. Unter ihr auf dem Boden liegt aber eine dunkelbunte Mütze, gleiches Muster wie der Schal von gestern. Sie versucht wieder zu pennen, dürfte hinhauen.

David ist heute krank. Den muss ich erst mal gleich anhauen, wie es Sonntag aussieht. Da habe ich eine Lesung im 82drei in Ehrenfeld und wir müssen die Hinfahrt noch organisieren. An diese Lokalität bin ich durch die Schieffer-Damen gekommen, meine eine Kollegin und ihre Frau. Ohne Beziehungen läuft nichts mehr. So viele E-Mails habe ich geschrieben und ich dürste nach Antworten. Nach dem 82drei musste ich nicht mal fragen. Das wurde mir empfohlen und dann ging das ratzfatz. Aber ich sehe es als gutes Omen. Wenn später alles nur noch über Empfehlungen läuft, läuft's!

Eben hat ein Typ - bisschen pennermäßig - aus einem Vierer von vorn, als er aufgestanden ist, die Rothaarige einfach angehauen, sie an der Schulter gepackt und ihr...

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