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Einsichten und Anregungen aus der Reformationsdekade
 
 
Evangelische Verlagsanstalt
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im Januar 2018
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-374-05998-0 (ISBN)
 
Einsichten und Anregungen aus der Reformationsdekade und dem 500. Reformationsjubiläum in Bayern will dieser Essayband weitergeben. Er enthält Rückblicke und Ausblicke unterschiedlicher Autorinnen und Autoren. Nachdenkenswertes und Informatives stehen nebeneinander und laden ein, im Weitergehen noch einmal innezuhalten und Impulse für die Zukunft mit auf den Weg zu nehmen.
  • Deutsch
  • Leipzig
  • |
  • Deutschland
  • 2,46 MB
978-3-374-05998-0 (9783374059980)
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  • Cover
  • Titel
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Einblicke
  • Andreas Werner: Versöhnung empfangen
  • Jörg Dittmar: Hand in Hand fu¨r eine Stadt
  • Martina Bauernfeind: Nachdenken u¨ber Öffentlichkeit, Kultur und Kirche 2017
  • Melitta Müller-Hansen: Das Reformationsjubiläum in den öffentlich-rechtlichen Medien
  • Gabriele und Hanns Hoerschelmann: Die Saatkörner der Reformation an aller Welt Enden
  • Romina Englert-Rieder: Luther 2017 vor Ort
  • Christoph Liebst: HistoRITTER, MuseumsBAUERN, LUTHERANER
  • Peter Wolf: Gemeinsamer Erfolg
  • Yvonne Coulin/Christian Düfel: Der Playmobil-Luther
  • Nachdenken
  • Michael Martin: Rechtfertigung heute und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre als multilaterales ökumenisches Basisdokument
  • Stephan Mokry: "Unser Martin"? Katholische Blicke auf Luther und das Reformationsjubiläum
  • Maria Stettner im Gespräch mit Wolfgang Krauß: Die andere Reformation erinnern
  • Christian Düfel: Kirche ist Kulturträgerin
  • Joachim König, Dietmar Maschke: Braucht Kirche Events?
  • Weitergehen
  • Maria Stettner: Signale 2017
  • Axel Töllner: Luther und die Juden - eine Bilanz
  • Sabine Otterstätter-Schmidt, Ilona Schuhmacher: Reformation reloaded
  • Christof Hechtel: Pilgern, Kirchenraum und Kunst
  • Dieter Stößlein im Gespräch mit Jürgen Nitz: Radpilgern als spirituelle Erfahrung
  • Dieter Stößlein: Wie nachhaltig ist die Reformationsdekade?
  • Impressum

Andreas Werner

Versöhnung empfangen


Persönliche Reflexionen nach dem Healing-of-Memories-Gottesdienst in der Evangelischen Stadtpfarrkirche Kitzingen, 12. März 2017.

Andreas Werner

Kirchenrat; seit 2012 Kirchenkreisbeauftragter für Ökumene im Kirchenkreis Ansbach-Würzburg.

Botschafter an Christi statt - Lasst euch versöhnen - mit Gott (2.Kor 5, 20)

Eine interessante Entdeckung: Versöhnung geschieht mir, kommt über mich. Das Wort aus dem 2. Korintherbrief des Apostels Paulus hat eine passive Dimension! Ich werde versöhnt. Bisher verstand ich Versöhnung als ein aktives Handeln. Ich mache mich auf, mitunter schwere Wege zu gehen, die oft sogar Umkehr bedeuten. Manchmal heißt es sogar, in Vorleistung zu gehen.

Und ist es denn nicht auch meine Aufgabe, voranzuschreiten und den ersten Schritt hin zur Versöhnung zu machen? "Schreitet voran!", sagte Papst Franziskus bei seinem Besuch in der lutherischen Gemeinde in Rom und überreichte als Gastgeschenk einen Abendmahlskelch.

Seltsam, dass das der Apostel an dieser Stelle so anders sieht. Versöhnung als ein Geschehen, das mir widerfährt. Interessant. Klar, theologisch betrachtet ist das Erlösungswerk Christi, die Versöhnung zwischen Gott und Mensch, ein aus meiner Sicht passives Geschehen, das Christus an mir vollbringt, ohne dass ich auch nur irgendetwas dazu getan hätte.

Ich spüre: ich muss darüber dringend nachdenken . Was heißt eigentlich: Versöhnung empfangen?

Im Nachklang - aber auch bereits beim Feiern - des Healing-of-Memories-Gottesdienstes am 12. März in der Stadtpfarrkirche in Kitzingen begann ich allmählich zu verstehen. Mehr, als wir sie machen können, empfangen wir Versöhnung. Und ich glaube, dass für viele gerade dieses Gefühl des Empfangens das Außerordentliche und das Besondere dieses Gottesdienstes war.

Ich gebe gerne zu, dass wir in der Planung des Healing-of-Memories-Gottesdienstes mehr mit dem Machen als mit dem Empfangen von Versöhnung beschäftigt waren. Das hatten wir nicht so wirklich "auf dem Schirm". Freilich, wenn man uns gesagt hätte, dass wir empfangen, dann hätten wir uns gefreut. Aber ich dachte - wahrscheinlich die anderen auch, dass es ums jeweilige (Zu-)Geben gehen würde. Man entledigt sich des Schutzes, wird verletzbar und bekennt sich zu schmerzhaftem Fehlverhalten. Man beichtet sich gegenseitig facettenreich die Schuld. Sogar jene, für die man persönlich nun wirklich auch nichts kann.

Wie wird das wirken? Wird es ein Ping-Pong-Spiel der dokumentierten Ungeschwisterlichkeit? Wird es ehrlich? Kommt es von Herzen? Ist es voller Sehnsucht nach Einheit? Und wie wird es dann weitergehen? Auch die Frage nach der Nachhaltigkeit beschäftigte mich. Werden wir dann "frei, ledig und los" sein, wenn wir aus dem Gottesdienst kommen? Wird sich später das gegenseitige Bekennen zur Schuld als neues und ökumenisches und gottesdienstliches Format wiederholen? Schenkt uns dieser Gottesdienst Befreiung zum Legen eines neuen Fundamentes, um darauf eine zukünftige Kirche der Einheit zu errichten?

Ich erinnere mich: Wir kamen zusammen, um uns auszutauschen. Der Ökumenereferent des Bistums Würzburg, Domvikar Dr. Petro Müller und ich als Kirchenkreisbeauftragter für Ökumene, der Dekan des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Hanspeter Kern und der Liturgiereferent des Bistums Dr. Stephan Steger. Der ausgearbeitete Liturgieentwurf "Erinnerung heilen - Jesus Christus bezeugen" inspirierte uns dabei außerordentlich.

Wir implementierten aber auch lokale Geschichte, denn Erinnerungen - schwierige wie auch gute - sind oftmals mit Orten verbunden und tradieren sich ortsbezogen über Generationen, sind - man kann es nur beklagen - oftmals regelrecht in ein kollektives Bewusstsein eingebrannt.

So wählten wir auch Kitzingen als einen Ort sehr wechselvoller konfessioneller Konstellationen und zogen gleichzeitig auch den Blick in die Region. Zusammen mit Dekan Hanspeter Kern sollte sein katholischer Amtskollege Dekan Peter Göttke sowie Kerns katholischer Amtsbruder an St. Johannes, Pfarrer Gerhard Spöckl, darlegen, wie Kitzingen in besonderer Weise Schauplatz der Reformation und der aus ihr resultierenden Konflikte war. So wurde 1524 die erste evangelische Predigt in der heute katholischen St. Johanneskirche gehalten. Als Kitzingen knapp 100 Jahre später wieder unter den Herrschaftsbereich des Würzburger Fürstbischofs kam, mussten über 1.000 Bürger, die den evangelischen Glauben nicht aufgeben wollten, die Stadt verlassen. Durch den sogenannten "Gnadenvertrag" von Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn wurde die Gleichberechtigung beider Konfessionen in der Stadt festgeschrieben. Später sagte Pfarrer Spöckl: "Die unterschiedlichen Traditionen und Prägungen werden immer wieder zu Herausforderungen. Die Frage, warum wir katholisch sind, oder warum wir evangelisch sind, begleitet uns unausgesprochen in den vielen großen und kleinen Fragen des Alltags." Dekan Kern fügte ergänzend hinzu: "Ökumene ist in unserer Stadt keineswegs am Ziel, aber sie ist auf einem guten Weg."

Spüren Sie als Leser, was ich meinte, als ich zu Beginn sagte: In diesem Gottesdienst begann ich allmählich zu verstehen, was "Lasst euch versöhnen" meinen könnte?

Kitzingen war eine sehr gute Wahl, wie sich schnell herausstellen sollte, was nicht nur am sehr gut besuchten Gottesdienst lag, zu dem auch Bürgermeister, Landräte und der Regierungspräsident Unterfrankens kamen. Ein noch größeres Geschenk war für uns die Tatsache, dass wir in Kitzingen auf eine Kirchenmusik von hohem Niveau vertrauen konnten, die sich aus den beiden Stadtgemeinden ökumenisch zusammenfand. Aus der evangelischen Stadtkirche, die weit über ihre Grenzen hinaus bekannte Paul-Eber-Kantorei und der Posaunenchor unter der Leitung von Dekanatskantor und Organist Martin Blaufelder, sowie der Kirchenchor der katholischen Stadtkirche St. Johannes und dessen Dirigent, Organist und Regionalkantor Christian Stegmann. Im Gottesdienst wurde uns bewusst, welches Pfund wir mit unserer Kirchenmusik in unseren Gemeinden in den Händen halten. Ich will es ganz persönlich verdeutlichen: Wir sangen zur Tauferinnerung den Choral: "Lasset mich mit Freuden sprechen: Ich bin ein getaufter Christ". Den Kirchraum der Stadtkirche erfüllte ein derartig mächtiger Gemeindegesang, dass es mich im Innersten berührte. Alles war so klar und deutlich, so freudig und hoffnungsvoll. So versöhnt und voller heiler Gemeinschaft.

Freilich: Bischof Friedhelm Hofmann und Regionalbischöfin Gisela Bornowski hatten mit ihren Predigten den Boden bereitet. Wir alle wüssten zur Genüge um die konfessionellen Auseinandersetzungen während der vergangenen 500 Jahre. "Heute wollen wir dankbar miteinander nicht auf das Trennende, sondern auf das Gemeinsame schauen, wollen brennende Wunden heilen und gemeinsam in die Zukunft blicken." Das Evangelium vom Weinstock und den Reben sei gerade den Menschen in Unterfranken sehr vertraut und anschaulich. "Eine Rebe kann nicht ohne den Weinstock sein." Gottes Liebeskraft solle auch das Herz der Kirche verwandeln, damit diese in der Welt die Liebe Gottes zu den Menschen bezeugen könne. "Zu diesem Zeugnis gehört eben auch die Einheit im Glauben. Gehen wir weiter aufeinander zu. Respektieren wir uns gegenseitig, auch wenn wir noch unterschiedliche Sichtweisen im Blick auf die Kirche haben. Jesus Christus ist der, der uns verbindet und der - um im Bild des Weinstocks zu bleiben - uns ernährt und zum gemeinsamen Zeugnis befähigt", betonte Bischof Hofmann.

"Die Reben hängen am Weinstock. Das ist entscheidend für Wachstum und Gedeihen", hob Regionalbischöfin Bornowski in ihrer Predigt hervor. Die Einheit im Glauben werde sich daran zeigen, "wie wir mit Christus verbunden sind, wie innig unser Verhältnis zu ihm ist, wie sehr wir uns seine Liebe gefallen lassen." Niemand sei in der Lage, bei einem Wein die Früchte einzelner Reben zu unterscheiden. "In unserer eher säkularisierten Welt werden wir als Kirchen zusammen wahrgenommen." Die meisten Menschen unterschieden nicht mehr zwischen katholisch und evangelisch. "Fehler wirken sich immer auf beide Kirchen aus und die Menschen, gleich welcher Konfession, kehren der Kirche den Rücken." Genauso wirke es sich aus, wenn Christen in der Gesellschaft Gutes wirkten, Schwachen beistünden, Orientierung gäben. "Wir können einander ergänzen und im unterschiedlichen Geschmack, den wir einbringen, dem Wein eine besondere Note geben", betonte die Regionalbischöfin. Versöhnte Verschiedenheit, die nicht mit Gleichmacherei zu tun habe, heiße, sich gegenseitig Anteil zu geben an der reichen jeweils eigenen Tradition und zugleich Anteil zu nehmen "an der reichen anderen Tradition, die besondere Seiten des gemeinsamen Glaubens zum Klingen bringt".

Mein guter Freund Petro stand neben mir. Wir beide hatten die Aufgabe, das Schuldbekenntnis und die Vergebungsbitte vorzutragen. "Die Geschichte der Verletzungen endet nicht, wo die Waffen niedergelegt werden. Wir haben an ihr teil, wenn wir einander in Gedanken, Worten und Werken verachten, verletzen und verurteilen", hörte ich mich sagen. Und Petro antwortete: "Es wurde mehr Mühe darauf verwandt, die Fehler des anderen aufzuweisen als das Evangelium zum Strahlen zu bringen. Diese Gefahr ist nicht gebannt: Auch wir stehen immer wieder der gemeinsamen Aufgabe im Wege, das Evangelium zu verkünden." Petro und Andreas, tragen wir nicht die Namen der beiden von Jesus...

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