Der Jahrhunderttraum

Historischer Roman
 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Januar 2017
  • |
  • 784 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1388-7 (ISBN)
 
Das Ende der Bismarckzeit: Die Geschwister Otto, Amalie und Levin von Briest sehen der Wende zum neuen Jahrhundert entgegen und allen Verheißungen, die es mit sich bringt. Die Menschheit erobert den Himmel, die Flugpioniere begeistern die Massen. Gleichzeitig spalten politische Entwicklungen und nationalistische Tendenzen die Nation. Frauen treten jetzt für ihre Rechte ein, wollen ihre Zukunft selbst gestalten. Auch die Geschwister von Briest müssen sich entscheiden, welche Wege sie einschlagen. Als sie von einem geplanten Attentat auf die preußische Regierung erfahren, sind sie die Einzigen, die diesen Plan durchkreuzen können, und halten plötzlich das Schicksal des neuen Jahrhunderts in ihren Händen ...
weitere Ausgaben werden ermittelt
Richard Dübell, geboren 1962, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen bei Landshut. Als Autor von historischen Romanen stürmt er seit Jahren die Bestsellerlisten und legt nach Der Jahrhundertsturm mit Der Jahrhunderttraum ein weiteres großes Epos zur deutschen Geschichte vor.
www.duebell.de

2

Der Zug war voll besetzt - über fünfhundert Passagiere. Die meisten davon wollten zu einem Bezirksgesangsfest in Münchenstein, das bereits am Vormittag begonnen hatte. Wegen des hohen Fahrgastaufkommens hatte die Bahngesellschaft zwei weitere Personenwagen eingestellt und eine zweite Lokomotive vorgespannt.

Paul war von der Zugkombination überrascht worden. Niemand hatte ihm die Änderung mitgeteilt. Er war versucht gewesen, dagegen Einspruch zu erheben. Doch als er und Louise auf dem Bahnsteig eingetroffen waren, waren die zusätzlichen Personenwagen bereits zum Großteil besetzt gewesen. Die Passagiere wieder aussteigen zu lassen, die beiden Wagen auszuspannen und den Zug neu zusammenzustellen, hätte zu einer Verspätung geführt, die den gesamten Zugverkehr aus Basel an diesem Tag zum Erliegen gebracht hätte. Ganz zu schweigen von dem Chaos auf dem Bahnsteig und der Wut der Passagiere, die bereits Fahrkarten gelöst hatten, aber hätten zurückgelassen werden müssen. Paul hatte es nicht übers Herz gebracht, und er wusste auch nicht, ob er sich gegen den Zugführer hätte durchsetzen können. Die Bahngesellschaft hatte ihm weitreichende Kompetenzen verliehen, aber diese erstreckten sich nur auf Zustand und Wartung des Schienennetzes, nicht auf den Zugverkehr an sich.

Der Zug lief ruhig auf dem Gleis. Den Rangier- und Güterbahnhof der Schweizer Centralbahngesellschaft hatte er bereits passiert. Danach hatte er deutlich beschleunigt. In den nächsten Minuten würde er in die weite Kurve einlaufen, die auf die Birsbrücke führte, und dann in den Bahnhof von Münchenstein. Die Brücke war erst vor fünfzehn Jahren eingeweiht worden, eine Arbeit des Architekturbüros von Gustave Eiffel, der große Erfahrung im Bau von Eisenbahnbrücken und Viadukten besaß. Vor zehn Jahren hatte ein Hochwasser die Brücke stark beschädigt; sie war sofort repariert worden, und vor einem Jahr hatte man sie weiteren Verstärkungsmaßnahmen unterzogen. Dass Paul und Louise sich im Zug befanden, hatte mit diesen Reparaturen zu tun.

Paul Baermann war seit seiner Jugend von der Eisenbahn fasziniert. Die erste Fahrt einer dampfgetriebenen Lokomotive auf deutschem Boden, die Fahrt des legendären Adler von Nürnberg nach Fürth, hatte sein gesamtes weiteres Leben bestimmt. Seiner Leidenschaft wegen hatte er sein gutbürgerlich vorgeplantes Leben in München aufgegeben und war nach Stationen in Berlin und Paris schließlich auf Gut Briest in Preußen heimisch geworden - ohne jemals seinen Beruf wirklich aufzugeben. Aus dem Münchner Lehrjungen war ein preußischer Gutsherr geworden, aus dem Abenteurer ein verheirateter Mann, aus dem Ingenieur ein begehrter Streckenplaner, dessen unfehlbarer Instinkt ihn zu einer Koryphäe hatte werden lassen. Auch heute noch war seine Expertise gefragt.

Paul war mittlerweile siebzig. Man sah es ihm kaum an. Das blonde Haar und der kurzgeschnittene Bart waren grau geworden, die Schultern ein wenig runder, die Hüften ein wenig breiter. Seine Augen und sein Lachen waren aber immer noch zwanzig Jahre alt. Er liebte seinen Beruf, er liebte sein Leben, er liebte Louise so wie an dem Tag, an dem er sie in Paris kennengelernt hatte. Damals hatte Pauls bester Freund, Alvin von Briest, mit dem er nach Frankreich gegangen war, Paul eröffnet, dass er unsterblich in Louise verliebt war. Es war niemals leicht gewesen in den fünfzig Jahren, die seitdem vergangen waren, aber drei Dinge hatten immer Bestand gehabt: Pauls Liebe zu Louise, Pauls Freundschaft zu Alvin und Pauls Leidenschaft für die Eisenbahn.

Er und Louise hatten Plätze im ersten Waggon nach dem Gepäckwagen erhalten; die Betreiber der Jura-Simplon-Bahn hatten ihn mit vielen Vollmachten und Privilegien ausgestattet. Sie hatten Paul gebeten, ihr gesamtes Netz in Augenschein zu nehmen und gegebenenfalls Empfehlungen für Ausbesserungen auszusprechen. Der Schweizer Nationalrat arbeitete an einer neuen Norm speziell für Eisenbahnbrücken. Die Jura-Simplon-Bahn war erst vor einem Jahr aus mehreren kleinen Betreibergesellschaften gegründet worden. Die Gesellschafter wollten etwaigen schlagartig auftretenden Mehrkosten und daraus resultierenden Finanzproblemen, die aus dem Inkrafttreten der Norm zustande kommen mochten, entgegenwirken. Daher hatten sie den in Eisenbahnkreisen berühmten Paul Baermann engagiert. Paul hatte nicht lange überlegt. Der Auftrag bedeutete mehrere Wochen Aufenthalt in der Schweiz, im Frühsommer, mit allem Luxus und zu einem fürstlichen Gehalt. Er hatte Louise an Ostern mit der Reise überrascht. Auch sie hatte nicht gezögert, die Einladung anzunehmen. Auch dann nicht, als Paul ihr eröffnet hatte, dass es noch einen anderen, weniger öffentlichen Grund für die Reise gab. Im Gegenteil: Louises Augen hatten vor Abenteuerlust gefunkelt.

Paul klopfte gegen die Hüfttasche seines Jacketts, während er durch den Gepäckwagen eilte. Der Brief war darin. Er hatte ihn an den Mann geschrieben, der ihm seinen zweiten, geheimen Auftrag gegeben hatte. In dem Brief stand, dass alle bisher gezogenen Schlussfolgerungen falsch waren. Dass die Hinweise in die falsche Richtung gedeutet hatten. Dass es ein Verbrechen gab, aber ein viel schlimmeres als das, was er und sein Auftraggeber gemutmaßt hatten. Dass sie sich geirrt hatten. Plötzlich hatte Paul das Gefühl, er hätte den Brief unbedingt aufgeben sollen, bevor er in den Zug gestiegen war. Er nahm sich vor, ihn sofort nach der Ankunft in Münchenstein zur Poststation zu tragen. An einem Tag voller Ausflügler wie diesem würde sie geöffnet haben, auch wenn Sonntag war.

Nach dem Gepäckwagen kam der Tender der zweiten Lokomotive. Draußen huschten die Häuser der beiden Brüglinger Siedlungen vorbei. Die von Hecken und Baumgruppen bestandene Ebene flirrte in sattem Grün. Paul hatte das Gefühl, dass der Zug immer noch an Dampf zulegte. Die flache Brüglinger Ebene lud zum Beschleunigen ein, aber nach ihr kamen die weite Rechtskurve und dann die Birsbrücke - gefährliche Streckenabschnitte für einen Zug, der eigentlich zu lang und zu schwer war.

Paul schritt durch den schmalen Gang des Tenders. Kohlehaufen türmten sich links und rechts. Er roch den Rauch vom Schornstein der Lok, der einen flackernden Schatten über den offenen Tender warf; Funken wirbelten über Pauls Kopf hinweg. Er atmete den Duft des Rauchs ein. Die meisten Zugpassagiere beklagten sich gern, dass ihre gesamten Kleider nach dem Rauch rochen, wenn sie mit dem Zug reisten. Für Paul war und blieb es der Duft von Fortschritt, von der Vernetzung eines ganzen Kontinents, von der Freiheit des Menschen zu reisen.

Der Heizer war eifrig bemüht nachzulegen und beachtete ihn nicht. Kaum dass er Platz machte, damit sich Paul an ihm vorbeiquetschen konnte. Das Feuerloch der Lokomotive glühte. Der Lokführer musterte Paul über die Schulter, als er in den Führerstand trat. Er hieß Friedrich Wenger und ließ sich anmerken, dass er Pauls Anwesenheit auf seiner Lokomotive als Eindringen empfand.

»Sie fahren zu schnell«, rief Paul gegen den Fahrtwind, das Stampfen der Dampfmaschine und das Rauschen der Räder auf den Schienen.

»Nein, tu ich nicht!«, erwiderte Wenger in Baslerdütsch. Die meisten Angestellten der Bahngesellschaft, die wussten, dass Paul aus Preußen kam, hatten sich von Anfang an bemüht, so breit wie möglich in ihrem Dialekt zu sprechen. Die Schikane verfehlte ihr Ziel, da Paul in München geboren und aufgewachsen war, seinen bayerischen Dialekt nie verloren hatte und gut in der Lage war, das Baslerdütsch zu verstehen.

»Sie fahren mindestens fünfzig Kilometer pro Stunde«, sagte Paul.

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Ich weiß es.«

»Na und?« Der Lokomotivführer gab seinem Heizer einen trotzigen Wink, und dieser schaufelte Kohle nach. Wenger starrte Paul herausfordernd an. Paul lehnte sich aus der Fensteröffnung. Der Zug näherte sich bereits der Kurve. Dahinter sah Paul die Uferbewachsung der Birs. Die Schienen führten mitten hinein, auf die Brücke zu, von der von hier aus nur das diesseitige Widerlager erkennbar war. Dahinter erhob sich der schmale Felsrücken im Zentrum Münchensteins mit der Burgruine darauf; der helle Stein schimmerte durch das Grün.

»Auf der Brücke dürfen Sie höchstens dreißig Stundenkilometer fahren«, erklärte Paul.

»D'Brugg isch no wyd«, versetzte Wenger verächtlich.

»Die ist schneller da, als Sie denken. Ihr Zug ist schwerer und braucht länger, um Fahrt zu verlieren. Nehmen Sie Dampf weg, Herr Wenger.«

»Ich brauche mir von Ihnen nichts sagen zu lassen.«

Der Zug fuhr in die Kurve ein. Paul fühlte, wie die Fliehkraft das lange Gespann nach links zerrte; nicht gefährlich, sagten Pauls Instinkte, aber doch stärker, als ihm lieb war.

»Wie sieht das Ihr Kollege in der vorderen Lok?«

»Herr Bodmer sieht das genauso wie ich.«

Die beiden Männer lieferten sich ein stummes Blickduell, das Wenger nur unterbrach, um seinem Heizer zuzunicken und sich einmal nach draußen zu lehnen, um zu sehen, wo der Zug sich befand. Die Säulenreihe der schlanken Pappeln auf dem diesseitigen Ufer der Birs kam näher und näher.

Wenger versuchte einzulenken. »Wir haben seit Basel fünf Minuten Verspätung. Wir müssen das einholen.«

»Fünf Minuten sind doch kein Problem.«

»Die Jurabahn fährt...

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