Tisch und Bett

 
 
Antje Kunstmann Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2020
  • |
  • 240 Seiten
 
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978-3-95614-374-8 (ISBN)
 
In »Tisch und Bett« sind Wiglaf Drostes Gedichte aus den letzten Jahren versammelt, die das Leben feiern und die Liebe, das Essen und das Trinken, von der Freude am Garten und am Fußball erzählen und - wie nicht anders zu erwarten - von den politischen Zumutungen: poetisch und polemisch, frech und fein.
Behalten wir's im Auge,
dass die Welt was tauge,
dass aus der schönen, alten Erde
wo möglich einmal eine werde.
Wiglaf Droste hatte immer die »Welt im Auge«, den privaten Alltag und »das große Ganze«, auch in diesen, seinen letzten, Gedichten. Man ist, wie Gustav Seibt in der SZ schreibt, »von Sprachklang, Satzmelodien und Witz dieses perfekten Handwerkers« gebannt, von der Poesie, mit der er den Morgen besingt oder den Süden oder die Frauen: Sie sitzt im Bett und raucht Zigarre, / ich daneben, und ich starre / schwer begeistert und verliebt:/ Dass es solche Frauen gibt!
Gebannt auch von dem Witz und der Wut: Alles gut! Alles gut! / Warum ist jetzt Alles gut? / Immer, immer Alles gut!, / bis das Hirn im Hintern ruht, / sagen alle: Alles gut!
Man ist entzückt von Sprachspielen, den schnellen Haikus, einem Winterliebeslied und einem Schokoladenladengedicht. Es gibt kein Recht auf Heiterkeitsverzicht, davon war Wiglaf Droste überzeugt, und so balanciert die Heiterkeit die Melancholie in Tisch und Bett aus, und wir lesen diese letzten Gedichte als eine Hommage an das Leben.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 2,00 MB
978-3-95614-374-8 (9783956143748)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Wiglaf Droste, 1961 in Herford (Westfalen) geboren, war Schriftsteller, Sänger und Vorleser. Er schrieb für den Funk und diverse Zeitungen und gab mit Vincent Klink die literarisch-kulinarische Kampfschrift »Häuptling eigener Herd« heraus. Er hat zahlreiche Bücher und Hörbücher veröffentlicht. Er erhielt den Ben-Witter-Preis 2003, den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis 2005 und den Göttinger Elch 2019. Wiglaf Droste starb am
15. Mai 2019 in Pottenstein (Oberfranken).

Zwei


 

Heimgereist und heimgeleuchtet oder: Och je, ihr Armen!


Den Bürgern Germaniens zugespielt

Wie sie hetzen, hecheln, zischeln, fälschen, intrigieren, prahlen und krakeelen

aus »Wir-als-Deutsche-müssen-wieder-alles-zahlen!«-Geizgeil-Kehlen.

Wie sie dann jammern, janken und beim Andre-Völker-Unterdrücken bitter klagen,

sie hätten auf der Welt, was für ein Unrecht!, hier und schier rein gar nichts mehr zu sagen.

Wie sie die Gier und den Besitzstandsaufbewahrungsschiss als »große Sorge« tarnen,

und kleinkariert Karrierehände ringend oder reibend, mahnend vor der »Welt da draußen« warnen.

Wie sie in dicken Knatterkarren, tausendfach-millionenhoch versichert,

sich durch ein Land bewegen, in dem kein Mensch einfach nur so mal erbsig kichert.

Wie sie sich bier-und-angstbefüllt in ihre Hässlichhemden und in ihre Freizeithosen machen

und humus-und-humorfrei empathielos über grundegales Elend ihnen Fremder lachen.

Wie sie Porter-Monnaie-Genuss ausstellen und stets unzufrieden nie La Vie genießen,

um dann als unbefriedbar rohes Zeug von Vieh noch zu versuchen, alles Frohe zu verdrießen.

Wie sie stets maulen, meckern, motzen, doch niemals sich wirklich wehren,

nichts lernen, aber aller Welt die Säure eines Sauertopfs und Laberkopfs bescheren.

Wie sie, Europas Oberlehrer, sich für keinen Euro-Cent genieren,

den Kontinent zu mobben und ihm Vorschriftsregeln zu diktieren -

Kann man auch Lehren ziehen aus den Sich-die-Taschen-die-bis-zu-den-Socken-runtergehn-Vollstopfern?

Man kann. Es muss viel mehr von ihnen geben, insbesondre, wie es dann medjaal verbreitet wird, »unter den Opfern«.

 

Aus Land und Gau


Ein Kinderlied

Hinterm Stacheldrahtverhau

dirigiert der Super-Gau,

intrigiert und interniert,

bis der Welt das Herz gefriert.

Sauland-Gauland, gib mal Ruhe

in der >ZEIT<- und Fernsehtruhe.

Träumst von kernseifenen Gauen,

wo man blonden deutschen Frauen

Germaspenden von Spermanen

reindrückt bis zum Gottserbarmen,

bis sie, denn das wär das Grauen,

nicht mehr nach den Fremden schauen,

die höchst wohlaussehend sind.

Gau-Land braucht kein Mischlingskind!

Keinen armen Paria,

Waschmittel heißt Arier!

Hilft auch gegen den Islam,

der muss raus, selbst wenn er zahm

wie das Christentum geworden

ist: Islam will nichts als morden,

wie die Schar der Christenhorden,

die im Süden wie im Norden

alles andre massakrierte,

bis man sie zivilisierte.

Zivilisiert wird Gauland nie,

wenn er auch so tut, und wie!,

kriegt man Vaterlands-Phobie,

Deu-und-Gautschland-Allergie

gegen völkisches Bläh-Bläh

und Identitäterä,

die man aber, einfach so,

runterspült auf jedem Klo,

sei's von Villeroy und Boch

oder gleich ein braunes Loch.

So, nun halt den rechten Rand,

AfD, After für Deutschland.

 

Bürgernähe


Wir sind jetzt noch näher

am Bürger!

Frohlocken die Späher

und Würger.

 

Wunsch und Welt


Das Schein-statt-Sein der Häppchen und der Schnäppchen,

der vollgedopten Grinsies auf dem Siegertreppchen,

das muss ja irgendjemand finanzieren,

der Laden soll doch, bittschön, funktionieren.

Die einen kann man kaufen, kann man schmieren,

so sie nach einem Kuchenstückchen gieren,

den andren sagt man: »Ihr habt zu parieren!«

Man will sich schließlich kostengünstig amüsieren.

Doch gibt es auch noch Sand statt Öl im Weltgetriebe,

das sind die guten Leute, die ich liebe.

Sie trotzen fröhlich dem Medialgelärme,

denn eine reibungslose Welt wär eine ohne Wärme.

Beliebtsein ist beliebig; social-media-geliked,

beachtet statt geachtet bleibt, wer schweigt, nicht streikt.

Es gibt weit schlechtere Loko-Motive,

wie auch zum Arbeitskampf keine Alternative.

 

Neid auf den Flüchtling


Ich bin so neidisch auf den Flüchtling als solchen,

er darf in Gruppen und in Turnhallen schlafen.

Und ich als armer Molch unter Molchen

muss allein in meinen Single-Haushalt-Hafen.

Muss die Sitzung von Pegida erdulden,

A-f-D ertragen bis zum Geht-nicht-mehr.

Dazu kommen noch die vielen Bankschulden,

die hat kein Flüchtling, ich beneide ihn sehr

Um sein freies Leben am Feuer,

gemeinsam mit Frau und Kleinkind.

Für mich ist das Leben nur noch teuer,

weil hier die Verhältnisse so sind.

Ich wär gern frei

wie ein Asylant,

schlug ihn deshalb zu Brei

und hab ihn abgebrannt.

Tat das alles mit eigener Hand

für mich, Gott und deutsches Vaterland,

dessen Muttersprache ich unfähig bin.

Sagt doch selbst: Worin liegt da der Sinn?

Seht ihn an, den Flüchtling, der kann reisen,

wohin immer sein Herz es beliebt.

Ich kann's mir bei den hiesigen Preisen

nicht leisten, weil mir keiner was gibt.

Der Flüchtling aber kriegt es reingeschoben,

all das Geld, das ich nicht hab und nicht bezahl.

Gibt es eigentlich noch unten und oben,

oder ist auf dieser Welt alles egal?

Wir sind doch Deutsche!, werden dafür geschlagen,

mit der Nazi-Keule bei Tag und bei Nacht.

Ich kann das nicht länger ertragen,

darum hab ich mich im Fremden umgebracht.

Ich wär gern frei

wie ein Asylant,

schlug ihn deshalb zu Brei

und hab ihn abgebrannt.

Tat das alles mit eigener Hand

für mich, Gott und deutsches Vaterland,

dessen Muttersprache ich unfähig bin.

Sagt doch selbst: Worin liegt da der Sinn?

 

Welchem soll man sich noch widmen?


Welchem soll man sich noch widmen

in den Vollkaputtnik-Welten?

Wo erklingen noch die Rhythmen,

die dies Wort zum Singular erhellten?

Manche gehen einfach stiften,

lassen ihre Fraun sich liften:

»Botox to go« für die Kurfürstendame in Berlin.

Mir reicht der Name, es gibt so unerquickliche Quick-Phantasien.

Man setzt auf Kohle, Penunze, auf Geld und Zaster.

Und is noch was übba, stöhnt der glotzende Rest:

»Boah, watt verpasst der?!«

Nichts, ihn überrollt, mit 30 Tonnen, sein eigener Laster.

(Sie können statt »eigener« auch »eigenes« schreiben.

Wenn Sie nicht mögen, lassen Sie's bleiben.)

Ich bleibe bei Ihnen und halt Ihre Hand

und sag Ihnen, trennbar niemals sind Gefühl und Verstand.

Ja, die Äpfel und die Pflaumen,

wild bewegen sie den Gaumen,

und verführn den alten Mann

zu probiern, ob er's noch kann.

Kokolores! Aber ein schöner!

Lautstark pocht der Wahn der Liebe

an die Tür, ja, öffne sie, bleib ein Verwöhner.

Und gib den Fittis des perversen Verzichts

alle Hiebe.

Schenk ihnen nichts, sie kennen die Liebe

nicht. Und vergiss nie: Sie sind Nazis, weil sie es sein wollen

und ohne jedwede Verschwörung auch sein sollen.

Bitte kein Sozialdrama-Gebläh

mit Schaf, Getreide und Sense: immer Bauer, mäh-mäh.

 

Tunnel, Züge, Licht


Zappenduster ist's, einer ruft:

»Da ist Licht am Ende des Tunnels!«

»Das ist doch nur der Zug von vorn«,

spöttelt ein anderer.

Licht am Ende des Tunnels?

Rücklichter sind's längst abgefahrener Züge.

Der Nachtzug »Vision« zischt, Vergangenheit

schon jetzt, bis zum Rand voll mit Nationalisten:

ahnungslose Skelette, ihre Nation:

aggressive Resignation.

 

Kehrreim


Medienfittis machen muntre Menschen müde:

nach außen schwer aufgegeilt, im Inneren prüde.

Nie zeigen sie Haltung, stets nur Attitüde,

das Wahrwort weicht der Ja!-Plattitüde.

So sind sie beschaffen, ob Hündin, ob Rüde:

Das Medium läuft, der Mensch sitzsackt müde.

 

Fremdenhass


Der Protz, der pumpend Hanteln stemmt:

Er ist mir fremd.

Muss ich ihn hassen?

Der Sandalettenfredie da im Unterhemd:

Er ist mir fremd.

Muss ich ihn hassen?

Der Allesfresser, reichlich aufgeschwemmt:

Er ist mir fremd.

Muss ich ihn hassen?

Der Eitling, der den breiten Scheitel kämmt:

Er ist mir fremd.

Muss ich ihn hassen?

Der Heuler, der stets barmt und memmt:

Er ist mir fremd.

Muss ich ihn hassen?

Der Pfarrer, frömmelnd und gehemmt:

Er ist mir fremd.

Muss ich ihn hassen?

Der Koranist, der jede Lebensfreude dämmt:

Er ist mir fremd.

Muss ich ihn hassen?

Ich könnte, doch ich kann's auch lassen.

Für mich muss kein Hasso fassen.

Das ist, wie die Wahl der Kleidung,

meine Entscheidung.

Was belästigt, sei...

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