La Garçonne

Wandlungen einer literarischen Figur
 
Julia Drost (Autor)
 
Wallstein (Verlag)
1. Auflage | erschienen im Juli 2011 | 312 Seiten
 
E-Book | PDF ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8353-2056-7 (ISBN)
 
Die Garçonne ist die epocheprägende Hauptfigur aus Victor Marguerittes gleichnamigem Roman aus dem Jahre 1922. Das Buch repräsentierte seinerzeit einen aufsehenerregenden Grenzfall feministischer Literatur und vermittelt wie kaum ein anderes literarisches Werk der zwanziger Jahre einen Einblick in neue Frauen- und Männerrollen. Die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der Garçonne als Figur reicht aber weit über die Breitenwirkung des Skandalromans hinaus. Julia Drost beschäftigt sich deshalb in ihrer Studie neben dem literarischen Werk mit der zeitgenössischen Rezeption und den verschiedenen Bedeutungszuweisungen, die die Figur der Garçonne durch den medialen Transfer in Theater, Film, Illustration und Mode erfährt. Diese machen sie zu einem wichtigen, zeitgenössisch repräsentativen, breit wirksamen und emanzipatorischen Frauentypus der zwanziger Jahre.
Ergebnisse der Frauen- und Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin, Neue Folge | 2
Deutsch
19 | 8 farbige Abbildungen, 19 s/w Abbildungen
2,86 MB
978-3-8353-2056-7 (9783835320567)
3835320564 (3835320564)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Julia Drost studierte französische Literaturwissenschaft, Slawistik und Kunstgeschichte, u.a. am Institut d'Etudes Politiques und an der Ecole Normale Supérieure in Paris. Seit März 2002 ist sie wissenschaftliche Referentin am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris.
1 - Inhalt [Seite 6]
2 - Mehr als ein literarisches Ereignis [Seite 8]
3 - Das kurze Gedächtnis der Literaturgeschichte. Das schriftstellerische Werk Victor Marguerittes [Seite 26]
3.1 - Ein feministischer Autor? Marguerittes Werk bis zum Ersten Weltkrieg [Seite 32]
3.2 - Einer wunderbaren feministischen Zukunft entgegen. [Seite 49]
3.3 - Die vollendete Garçonne. Victor Marguerittes Spätwerk [Seite 85]
4 - La Garçonne - ein Zeugnis der Alltagskultur der zwanziger Jahre [Seite 112]
4.1 - Der Roman im Spiegel seiner zeitgenössischen Kritik [Seite 112]
4.2 - Ein Sinnbild der >crise de l'esprit< [Seite 128]
4.3 - Die Garçonne als Sappho - Frauenliebe in La Garçonne [Seite 148]
5 - Medialer Transfer und neue Sinnstiftung [Seite 182]
5.1 - Die gezeichnete Frau. Die Garçonne-Illustrationen von Kees van Dongen [Seite 201]
5.2 - Im neuen Gewand. La Garçonne und die Mode der zwanziger Jahre [Seite 231]
6 - Wandel und Wandlungen [Seite 262]
7 - Ungedruckte Quellen [Seite 272]
8 - Literatur [Seite 274]
8.1 - Das Werk Victor Marguerittes [Seite 274]
8.2 - Zeitgenössische Literatur [Seite 279]
8.3 - Forschungsliteratur [Seite 288]
9 - Abbildungsnachweise [Seite 306]
10 - Personenregister [Seite 308]
Wandel und Wandlungen (S. 261-262)

Die vorliegende Studie beschränkte sich auf die Wirkungsgeschichte von La Garçonne in den zwanziger Jahren. Doch soll die Rezeption über die hier untersuchte Dekade hinaus zumindest kurz angedeutet werden. Bereits in den dreißiger Jahren wurde der Roman erneut verfilmt, diesmal von dem französischen Regisseur Jean de Limur (1887-1976) nach dem Drehbuch von Albert Dieudonné.1 Die Besetzung war auch dieses Mal hochkarätig. Marie Bell spielte die Garçonne, Arletty die Rolle der Niquette und die Music-Hall-Ikone Suzy Solidor in einer Nebenrolle eine Freundin von Monique.

Der 90minütige Film entfernt sich allerdings deutlich von der Romanvorlage, was sich bereits in dem neuen Titel Amour sans lendemain zeigt. Aus dem skandalumwobenen Roman wird in der Verfilmung von Jean de Limur ein sozialkritischer Liebesfilm, in dem Liebe und Geld die antagonistischen Kräfte darstellen. Auch diese Verfilmung wurde zunächst von der Zensur verboten.2 Jean Zay, der neue Erziehungsminister, hob nach dem Regierungswechsel 1936 das Verbot gegen La Garçonne jedoch auf und gab den Film frei.3 Er war allerdings erheblichen Eingriffen durch die Zensur ausgesetzt.

Die kurzen Haare der Garçonne und ihre modische Kleidung, die im Roman quasi leitmotivisch die Entwicklung der Heldin begleiten und unterstreichen, fehlen gänzlich. Äußerlich findet keine Entwicklung statt. Auch der Neologismus Garçonne taucht nicht einmal auf. Monique erscheint als junge Frau, die nach ihrer Enttäuschung zwar verzweifelt ist, aber nicht aufgibt und heimlich weiterhin von der großen Liebe träumt. Und die große Liebe kommt.

Die Verfilmung erscheint eher wie ein Domestizierungsversuch der emanzipierten jungen Frau, gerade auch vor dem Hintergrund des einsetzenden Rechtsrucks in den dreißiger Jahren. Im Sinne des späteren Vichy-Regimes scheint die Verfilmung die durch die Garçonne versinnbildlichten aufgebrochenen Geschlechterstrukturen wieder in das hergebrachte traditionelle Schema pressen zu wollen. Unter Vichy wurde der Weiblichkeitsentwurf der Garçonne gebrandmarkt und verurteilt. Die offizielle Propaganda der Pétain- Regierung machte die emanzipierte Frau der zwanziger Jahre mit für die nationale Niederlage verantwortlich.4 Illustrationen ebenfalls aus dem Jahre 1936 von Edouard Chimot weisen wie der Film auf die gewandelte Ästhetik der dreißiger Jahre hin.

Das Frontispiz zeigt die Garçonne auf einem Barhocker sitzend nach der Mode der frühen dreißiger Jahre gekleidet (Abb. 27). Diese und das Weiblichkeitsideal der folgenden Dekade unterschieden sich wesentlich vom Stil der Garçonne. Die Röcke wurden wieder länger, und die Taille rutschte an ihren ›natürlichen‹ Platz zurück. Dem Kostümhistoriker Garnier zufolge könnte die gesamte Dekade unter das Motto »retour à une féminité traditionnelle« gestellt werden. Entsprechend werden die Illustrationen Chimots der äußerlichen Wandlung der Garçonne nicht gerecht und stellen die Heldin statisch dar.

Auf provozierende Elemente, wie sie van Dongen einfließen ließ, wird gänzlich verzichtet. Schließlich verfilmte die Regisseurin Jacqueline Audry den Roman 1957 zum dritten Mal – wiederum in einem gewandelten gesellschaftlichen und kulturellen Kontext. Audry zählt zu den wenigen Frauen des französischen Kinos und ist vor allem als Spezialistin für Colette bekannt. 7 Das Drehbuch verfaßten Pierre Laroche und Marcel Achard, die Besetzung war mit Andrée Debar als Garçonne und Colette Mars als Niquette weniger prominent als in den bisherigen Verfilmungen.8 Audry rekonstruiert das Ambiente der zwanziger Jahre:

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