Die Abenteuer des Sherlock Holmes

Reclam Taschenbuch
 
 
Reclam (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Mai 2020
  • |
  • 372 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-15-961722-0 (ISBN)
 
221 B Baker Street, London - die wahrscheinlich berühmteste literarische Adresse der Welt. Hier wohnt Sherlock Holmes, der ebenso geniale wie verschrobene Detektiv, Meister der detailgenauen Beobachtung, Inbegriff des analytischen Denkens. Sein Grundsatz: Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrigbleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch ist. Stets an seiner Seite ist Dr. John Watson, sein treuer Weggefährte. In zwölf spannenden Erzählungen lösen die beiden die kniffligsten Kriminalfälle. Sei es ein geheimnisvoller Brief mit fünf Orangenkernen, ein in einer Weihnachtsgans versteckter Juwel oder ein Ingenieur ohne Daumen - jeder Fall ist ein detektivisches Meisterstück!Mit Sherlock Holmes, dem eigenwilligen Genie mit Pfeife und Tweedmütze, hat Arthur Conan Doyle den wohl berühmtesten Detektiv aller Zeiten geschaffen. Immer neue Verfilmungen beweisen, dass seine Popularität ungebrochen ist. Ein Klassiker der Kriminalliteratur! - Mit einer kompakten Biographie des Autors
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Skandal in Böhmen


I


Für Sherlock Holmes ist sie stets die Frau. Selten hörte ich, dass er sie unter einem anderen Namen erwähnt hätte. In seinen Augen überragt und überschattet sie ihr ganzes Geschlecht. Nicht, dass er für Irene Adler irgendeine der Liebe vergleichbare Empfindung verspürt hätte. Alle Gefühle, insbesondere aber dieses eine, waren seinem leidenschaftslosen, peniblen, aber bewundernswert ausgeglichenen Gemüt ein Gräuel. Er war, wie ich meine, der perfekteste Denk- und Beobachtungsapparat, den die Welt je erblickt hat; der Rolle des Liebhabers indes wäre er nicht gewachsen gewesen. Niemals sprach er von den zarteren Regungen anders als mit Spott und Hohn. Dem Beobachter waren sie ein hochgeschätzter Gegenstand, eine vortreffliche Gelegenheit, den Schleier, der über den Motiven und Handlungen der Menschen liegt, zu lüften. Doch für den geschulten Denker hieße derartige Einbrüche in sein eigenes heikles, feingestimmtes Temperament zu dulden einen Störfaktor einzuführen, der alle seine Denkresultate in Zweifel ziehen mochte. Staub in einem empfindlichen Instrument oder ein Sprung in einem seiner Vergrößerungsgläser könnte nicht störender wirken als ein heftiges Gefühl in einer Natur wie der seinigen. Und doch gab es nur eine Frau für ihn, und diese Frau war die kürzlich verstorbene Irene Adler zweifelhaften und fragwürdigen Angedenkens.

Ich hatte in letzter Zeit wenig von Holmes gesehen. Durch meine Heirat hatten wir uns auseinandergelebt. Mein vollkommenes Glück und die häuslichen Aufgaben, welche einem Mann erwachsen, der sich erstmals in der Lage findet, Herr eines eigenen Hausstandes zu sein, beanspruchten meine Aufmerksamkeit zur Genüge, während Holmes, der jede Form von Gesellschaft mit der Vehemenz des Bohemiens verabscheute, in unserer möblierten Wohnung in der Baker Street blieb, sich unter seinen alten Büchern vergrub und von Woche zu Woche zwischen Kokain und Ehrgeiz wechselte, zwischen der Einschläferung durch die Droge und der unbändigen Tatkraft seines lebhaften Charakters. Nach wie vor schlug ihn das Studium des Verbrechens in seinen Bann und verschaffte er seinen gewaltigen Fähigkeiten und seiner außergewöhnlichen Beobachtungsgabe Nahrung, indem er den Anhaltspunkten nachging und die Geheimnisse enträtselte, deren Lösung die Polizei als hoffnungslos aufgegeben hatte. Von Zeit zu Zeit drangen unbestimmte Berichte über seine Tätigkeit an mein Ohr: seine Vorladung nach Odessa im Mordfall Trepoff, die Aufklärung der ungewöhnlichen Tragödie um die Gebrüder Atkinson in Trincomalee und endlich der Auftrag für das holländische Herrscherhaus, den er so überaus taktvoll zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht hatte. Außer diesen Anzeichen seiner Tätigkeit, die ich lediglich mit allen Lesern der Tagespresse teilte, wusste ich indessen nur wenig von meinem früheren Freund und Gefährten.

Eines Nachts - es war der 20. März 1888 - kehrte ich von einem Patientenbesuch zurück (ich hatte nämlich meinen Zivilberuf inzwischen wiederaufgenommen), als mich mein Weg durch die Baker Street führte. Als ich an der mir wohlbekannten Tür vorüberkam, die sich in meiner Erinnerung stets mit der Zeit, da ich auf Freiersfüßen ging, und mit den mysteriösen Vorfällen um die Studie in Scharlachrot verband, überkam mich das heftige Verlangen, Holmes wiederzusehen und zu erfahren, wie er seine außerordentlichen Gaben einsetzte. Seine Räume waren hell erleuchtet, und als ich hinaufschaute, sah ich eben die dunkle Silhouette seiner hohen, hageren Gestalt zweimal hinter der Jalousie vorübergehen. Rasch, ungeduldig schritt er im Zimmer auf und ab, den Kopf auf die Brust gesenkt und die Hände auf dem Rücken verschränkt. Für mich, der ich alle seine Stimmungen und Gewohnheiten kannte, sprachen seine Haltung und sein Gebaren für sich. Er war wieder bei der Arbeit. Er hatte sich aus seinen von der Droge genährten Träumen gerissen und war einem neuen Problem dicht auf der Spur. Ich läutete und wurde zur Kanzlei hinaufgeführt, die ich seinerzeit mit ihm geteilt hatte.

Sein Verhalten war nicht überschwänglich - das war es selten -, aber er war, glaube ich, doch angetan, mich zu sehen. Ohne viel Worte zu verlieren, aber mit einem wohlgefälligen Blick winkte er mich zu einem Lehnsessel, warf sein Zigarrenetui herüber und wies auf eine Kredenz und ein Sodasiphon in der Ecke. Dann blieb er vor dem Kamin stehen und musterte mich auf seine ungewöhnliche, durchdringende Art.

»Die Ehe bekommt Ihnen«, stellte er fest. »Ich glaube, Watson, Sie haben siebeneinhalb Pfund zugenommen, seit ich Sie das letzte Mal sah.«

»Sieben«, erwiderte ich.

»Wahrhaftig, ich hätte ein wenig mehr geschätzt, aber nur eine Kleinigkeit mehr, scheint mir, Watson. Und Sie praktizieren wieder, wie ich sehe. Sie hatten mir nicht anvertraut, dass Sie die Absicht hatten, sich wieder einspannen zu lassen.«

»Woher wissen Sie es dann?«

»Ich sehe es, ich schließe es. Woher weiß ich wohl, dass Sie kürzlich erst sehr nass geworden sind und dass Sie ein äußerst ungeschicktes und unachtsames Dienstmädchen haben?«

»Mein lieber Holmes«, sagte ich, »das ist zu viel des Guten. Hätten Sie ein paar Jahrhunderte früher gelebt, wären Sie mit Sicherheit verbrannt worden. Es ist wahr: Donnerstag habe ich einen Spaziergang über Land gemacht und bin fürchterlich zugerichtet nach Hause gekommen. Da ich jedoch meine Kleider gewechselt habe, kann ich mir nicht vorstellen, wie Sie darauf gekommen sind. Was Mary Jane angeht, so ist sie unverbesserlich, und meine Frau hat ihr gekündigt; aber wiederum kann ich einfach nicht sehen, wie Sie das herausbekommen haben.«

Er gluckste vergnügt in sich hinein und rieb die langen nervösen Hände.

»Ein Kinderspiel«, sagte er. »Meine Augen verraten mir, dass das Leder an der Innenseite Ihres linken Schuhs, genau da, wo der Schein des Kaminfeuers auf ihn fällt, sechs fast parallele Schrammen aufweist. Offenkundig sind sie von jemandem verursacht, der sehr unachtsam am Sohlenrand herumgekratzt hat, um verkrusteten Schlamm zu entfernen. Sehen Sie, von daher meine zweifache Schlussfolgerung, dass Sie bei abscheulichem Wetter unterwegs waren und dass Sie ein besonders tückisches, stiefelschlitzendes Exemplar von Londoner Dienstmädchen hatten. Was aber nun Ihre Praxis anbelangt - wenn ein Herr meine Wohnung betritt und nach Jodoform riecht, eine Spur schwarzen Höllensteins an seinem rechten Zeigefinger und eine Ausbuchtung an der Seite seines Zylinders hat, die anzeigt, wo er sein Stethoskop verborgen hält, müsste ich wahrhaft schwerfällig sein, ihn nicht für ein aktives Mitglied des Ärztestandes zu erklären.«

Angesichts des Behagens, mit dem er seine Beweisführung erläutert hatte, konnte ich mir ein Lachen nicht verbeißen. »Wenn ich Ihre Argumentation höre«, bemerkte ich, »scheint mir die Sache jedes Mal lächerlich einfach zu sein, ganz so, als könne ich sie mit Leichtigkeit selber nachmachen; aber bei jedem neuerlichen Beweis Ihres Scharfsinns bin ich wieder verblüfft, bis Sie mir Ihren Gedankengang erklären. Und doch bin ich überzeugt, dass meine Augen ebenso gut sind wie die Ihren.«

»Ganz recht«, erwiderte er, indem er sich eine Zigarette anzündete und sich in einen Sessel fallen ließ. »Sie sehen zwar, aber Sie nehmen nicht wahr. Der Unterschied liegt doch auf der Hand. Sie haben zum Beispiel regelmäßig die Stufen gesehen, die von der Eingangshalle zu diesem Zimmer heraufführen.«

»Regelmäßig.«

»Wie oft?«

»Nun, einige hundert Male.«

»Wie viele Stufen sind es also?«

»Wie viele? Das weiß ich nicht.«

»Allerdings nicht! Sie haben sie eben nicht wahrgenommen. Und gleichwohl haben Sie sie gesehen. Genau das ist der springende Punkt. Nun denn, ich weiß, dass es siebzehn Stufen sind, weil ich sie nicht nur gesehen, sondern auch wahrgenommen habe. Übrigens, da Sie sich nun einmal für diese kleinen Probleme erwärmen und die Güte hatten, ein oder zwei meiner unbedeutenden Erlebnisse aufs Papier zu bringen, sind Sie vielleicht auch hieran interessiert.« Er warf einen Bogen blassrot getönten, steifen Briefpapiers herüber, der offen auf dem Tisch gelegen hatte. »Er kam mit der letzten Post«, sagte er. »Lesen Sie ihn vor.«

Der Brief war undatiert und trug weder Unterschrift noch Absender.

»Heute Abend um ein Viertel vor acht Uhr«, hieß es, »wird ein Herr Sie aufsuchen, der Sie in einer Angelegenheit von allergrößter Tragweite zu konsultieren wünscht. Die Dienste, die Sie kürzlich einem der europäischen Königshäuser erwiesen haben, lassen erkennen, dass man Sie getrost mit Angelegenheiten betrauen darf, deren Bedeutung kaum zu überschätzen ist. Einschlägige Berichte über Sie haben wir von allen möglichen Seiten erhalten. Seien Sie also zu dieser Stunde in Ihrer Kanzlei und nehmen Sie keinen Anstoß an der Maske, die Ihr Besucher tragen wird.«

»Das klingt allerdings rätselhaft«, äußerte ich. »Was hat das Ihrer Meinung nach zu bedeuten?«

»Ich weiß noch keine Einzelheiten. Ein Kardinalfehler besteht darin, Theorien aufzustellen, bevor man noch über weitere Angaben verfügt. Unbedacht beginnt man die Tatsachen zu verdrehen, um sie den Theorien anzupassen statt die Theorien den Tatsachen. Aber die Mitteilung selbst. Was entnehmen Sie ihr?«

Ich untersuchte sorgfältig die Handschrift sowie das Papier, auf dem das Schreiben abgefasst war.

»Der Verfasser ist vermutlich wohlhabend«, stellte ich fest, bestrebt, den Gedankengängen meines Freundes nachzueifern. »Solches Papier könnte man...

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