Die Tochter des Samurai

Roman
 
 
C. Bertelsmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10719-2 (ISBN)
 
Die ergreifende Geschichte einer verbotenen Liebe im Japan des 19. Jahrhunderts

Japan 1873: Der Bürgerkrieg ist zu Ende, der Shogun entmachtet, die jahrhundertealte Ordnung wurde hinweggefegt. Die 13jährige Taka, Tochter eines berühmten Generals und seiner Geisha, fühlt sich sehr zu dem jungen Nobu hingezogen, der als Knecht in ihr Haus kommt. Sie ahnt seine edle Abstammung, und bald wird klar, dass die Familien der beiden Liebenden durch den Krieg zutiefst miteinander verfeindet sind. Taka erkennt, dass sie eine schreckliche Entscheidung treffen muss - für ihre Familie oder für den Mann, den sie liebt.

Erfolgsautorin Lesley Downer, die große Kennerin der japanischen Geschichte, hat mit "Die Tochter des Samurai" einen mitreißenden Roman über die Liebe in Zeiten des Krieges geschrieben.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
C. Bertelsmann
  • 2,30 MB
978-3-641-10719-2 (9783641107192)
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1

Zehnter Monat, Jahr des Hahns, sechstes Jahr der Meiji-Ära (November 1873)

Ein aromatischer Geruch drang durch die Türvorhänge und die Fensterritzen der Schwarzen Päonie, des berühmtesten Restaurants in ganz Tokyo. Taka klammerte sich an den Radschutz der Rikscha, um nicht vom Sitz zu rutschen, als das Gefährt mit einem Ruck davor zum Stehen kam und der Junge die Stangen zu Boden fallen ließ. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und atmete tief durch. Der Geruch erfüllte die Luft, ähnlich wie der von gegrilltem Aal, aber kräftiger, öliger, schwerer. Rindfleisch, gebratenes Rindfleisch: der Geruch des neuen Zeitalters, der Zivilisation, der Aufklärung. Und sie, Taka Kitaoka, mit ihren äußerst erwachsenen dreizehn Jahren, würde es zum ersten Mal probieren.

Ihre Mutter Fujino war bereits aus der vorderen Rikscha gestiegen und mit einem Rascheln ihrer ausladenden taubengrauen Röcke durch den Eingang verschwunden. Tante Kiharu tippelte hinter ihr her, winzig und elegant in Kimono und eckig geschnittener Haori-Jacke, wie ein kleines Schiff hinter einem riesigen Dampfer, gefolgt von Takas Schwester Haru in einem Prinzesskleid, das Haar zu einem glänzenden Chignon aufgesteckt.

Auch Taka war im westlichen Stil gekleidet. Zum ersten Mal trug sie so ein Kleid und war zugleich stolz, befangen und ein wenig nervös. Das rosarote Tageskleid hatte eine enge Taille und eine leichte Turnüre, war nagelneu und speziell für sie bei einem Schneider in Yokohama in Auftrag gegeben worden. Taka hatte ihre Dienerin Okatsu angewiesen, ihr Korsett so eng zu schnüren, dass sie kaum atmen konnte. Zusätzlich trug sie ein Jäckchen, Handschuhe und eine dazu passende Kapotte. Sorgsam hob sie ihre Röcke, als sie durch den Vorraum ging, vorbei an aufgereihten Stiefeln, die nach Leder und Schuhcreme rochen.

Im Inneren der Schwarzen Päonie war es heiß, dampfig und voll von außerordentlichen Gerüchen und Geräuschen. Rauch von bratendem Fleisch vermischte sich mit Tabakqualm, der schwer über dem Raum hing. Durch das Gewirr von Stimmen und Gelächter, Schlürfen und Schmatzen erklangen raue Rufe wie »Hier herüber! Noch einen Teller von eurem guten Fleisch!«, »Das Feuer geht aus. Bring mehr Holzkohle, rasch!«, »Noch ein Fläschchen Sake!« Als wohlerzogene junge Dame wusste Taka, dass sie ihren Blick züchtig auf die Röcke ihrer Mutter gerichtet halten sollte, aber sie konnte nicht anders. Sie musste sich einfach umschauen.

Der Raum war berstend voll mit Männern, großen und kleinen, alten und jungen, die sich im Schneidersitz um quadratische Tische mit jeweils einem Kohlebecken in der Mitte niedergelassen hatten. Sie senkten ihre Stäbchen in gusseiserne Pfannen, in denen etwas Fleischiges brutzelte und blubberte, als wäre es lebendig, und dabei die Farbe von Rot zu Braun veränderte. Die Männer waren auf das Außergewöhnlichste gekleidet, einige traditionell in lockere Gewänder und Obis, andere in Hemden mit hohen Kragen und Brusttaschen, aus denen gewaltige Chronometer baumelten, sowie steifkrempige Hüte und dazu zusammengerollte schwarze Schirme neben sich am Boden. Papierstreifen waren an die Wände geheftet, mit aufgepinselten Wörtern in der eckigen Katakana-Schrift, die sie als fremdländisch auswiesen: Miruku, Cheezu, Bata – »Milch«, »Käse«, »Butter« – Wörter, die jedem, der als modern gelten wollte, zumindest vorgeblich vertraut sein sollten.

Noch nie war Taka an einem so exotischen Ort gewesen oder hatte eine solche Ansammlung erschreckend modischer Menschen gesehen. Verwundert schaute sie sich um, errötete und senkte rasch den Blick, als sie merkte, dass die Männer sie anstarrten.

»Otaka!«, rief ihre Mutter sie mit der höflichen Anredeform von Takas Namen.

Taka raffte die Röcke und eilte ihrer Mutter durch den Flur und in einen Nebenraum nach. Schwere Holzmöbel warfen im flackernden Licht der Kerzen und Öllampen lange Schatten. Bedienungen schoben die Türen hinter ihr zu, doch die rauen Rufe und das Gelächter waren immer noch zu hören. Taka setzte sich auf einen Stuhl, glättete ihre Röcke und war bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie unbehaglich sie sich mit den baumelnden Beinen fühlte, statt sie wie üblich unterzuschlagen. Ihre Mutter hatte sich über drei Stühle ausgebreitet, um Platz für all die Rüschen und Volants ihres Teekleides zu haben. Bedienungen fächelten die Holzkohle im Becken an, trugen Platten mit dunkelrotem, glänzendem Fleisch herein und legten Scheibchen davon in die heiße Eisenpfanne. Als der Geruch von gebratenem Fleisch aufstieg, verzog Taka bestürzt die Nase.

»Ich glaube nicht, dass ich das essen kann«, flüsterte sie Haru zu.

»Du weißt, was Herr Fukuzawa sagt.«

Bewundernd blickte Taka auf Harus schimmernden Chignon. Ihre Schwester sah immer so perfekt aus, nie stand ihr auch nur ein Haar ab. Obwohl sie nur zwei Jahre älter war als Taka, wirkte Haru bereits erwachsen. Stets mit einem heiteren Lächeln auf den Lippen, bereit, alles hinzunehmen, was auf sie zukam. Haru griff nach ihren Stäbchen und beugte sich vor.

»Wir müssen Fleisch essen, um unseren Körper zu kräftigen, wenn wir so groß und stark wie die Menschen aus dem Westen werden wollen.«

»Aber es riecht so … so eigentümlich. Kann ich noch zu Buddha und den Göttern beten, wenn ich das esse? Werde ich dann nicht wie einer aus dem Westen riechen? Du wirst es überall an mir riechen.«

»Hör sich einer die Mädchen an«, zwitscherte Tante Kiharu, hob ihre zierlichen Finger ans Kinn und neigte ihren kleinen Kopf. »Habt ihr denn nicht Im Schneidersitz um den Schmortopf gelesen?«

»Natürlich nicht«, erwiderte Fujino steif. »So einen Unfug lesen sie nicht. Sie sind gut erzogene junge Damen. Sie gehen zur Schule. Sie wissen bereits viel mehr, als du und ich je wissen werden. Geschichte, Naturwissenschaften, wie die Erde begann, wie man ordentlich spricht und Zahlen addiert …«

»Ah, aber meine liebe Fujino, ich frage mich, ob sie mit den wichtigen Dingen vertraut sind – wie sie einen Mann erfreuen und unterhalten und ihn dazu bringen, sie nie zu verlassen!«

Fujino faltete ihren Fächer zusammen, schlug ihr damit spielerisch auf den Arm und gluckste in vorgetäuschter Missbilligung. »Also wirklich, Kiharu-sama. Lass ihnen Zeit.«

Tante Kiharu war die beste Freundin von Takas Mutter. Beide waren in Kyoto zur Geisha ausgebildet worden, und Taka kannte sie, seit sie ein kleines Mädchen war. Jetzt neigte Kiharu kokett den Kopf und setzte ein wissendes Lächeln auf, spitzte die Lippen und zitierte in hohem Lispelton:

»Samurai, Bauer, Handwerker oder Händler,

Alter, Junger, Knabe oder Mädchen,

klug oder dumm, arm oder Parvenü,

isst du kein Fleisch, geht die Zivilisiertheit perdu!

Fleisch für den Winter – Milch, Käse und Butter dazu.

Isst du Bullenhoden, wirst ein Mann auch du!«

Fujino kreischte vor Lachen. Sie stippte ihre Stäbchen in die Pfanne, fischte ein Stück von dem grau werdenden Fleisch heraus und legte es säuberlich in Takas Schale. »Wir wollen zwar keinen Mann aus dir machen, aber zivilisiert solltest du schon sein!«

Nachdenklich kaute Taka auf dem Brocken herum, schob ihn im Mund hin und her. Das Fleisch war zäh, und der Geschmack war eher übelkeiterregend, doch sie würde sich daran gewöhnen müssen, wenn sie eine moderne Frau sein wollte. Sie dachte an den Rikscha-Jungen, der draußen wartete und seine Pfeife rauchte, an die Diener, die im Vorraum hockten. Wie schade, dass sie nie die Möglichkeit haben würden, zivilisiert zu sein, doch so ging es nun mal zu in der Welt.

In diesem Jahr hatte sich Takas Körper mehr verändert, als sie je für möglich gehalten hätte. Sie war rank und schlank geworden wie ein junger Bambus, hatte knospende Brüste unter ihren Kimonos entdeckt, hatte ihre erste Blutung gehabt – sie war zur Frau geworden. Wenn sie in Kyoto geblieben wären, der uralten Hauptstadt, in der sie geboren war, hätte sie inzwischen ihre Geisha-Ausbildung abgeschlossen und sich auf die rituelle Defloration vorbereitet. Stattdessen war sie hier im geschäftigen Tokyo und lernte, eine moderne Frau zu sein.

Denn die Welt veränderte sich sogar noch schneller als Taka. Ihre ersten Jahre hatte sie in Gion verbracht, dem Geisha-Bezirk im Herzen von Kyoto, in einem dunklen Holzhaus mit Bambusjalousien, die im Wind klapperten und knarrten, und einer dünnen Tür, die wackelte und in der Führungsrille hängen blieb. Dort war ihre Mutter eine berühmte Geisha gewesen. Wenn sie durch die schmalen Gassen des Bezirks trippelte, neigten die Vorübergehenden den Kopf und fragten in ihrem hohen, lispelnden Geisha-Singsang: »Guten Morgen, Fujino-sama, wie geht es Ihnen heute?«

Am Tage hallten die schwermütigen Klänge des Shamisen durchs Haus, während Fujino die darstellenden Künste ihres Gewerbes übte, denn Geishas waren, wie alle wussten, Unterhalterinnen, Künstlerinnen; die beiden Schriftzeichen gei und sha bedeuten »Künste« und »Person«. Am Abend trat sie zusammen mit anderen Geishas bei Festen auf. Sie bedienten die Gäste mit Speisen, füllten Sakebecher nach, führten klassische Tänze und Gesänge auf, neckten die Männer, erzählten Witze und Geschichten und veranstalteten Spiele. Einige ihrer Kunden waren Kaufleute, alt und mit Hängebacken, andere waren junge und gut aussehende Samurai. Doch wer sie auch waren, wenn sie Sorgen hatten, waren die Geishas bereit, ihnen ein mitfühlendes Ohr zu leihen. Sie waren die besten...

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