Was du liebst, gehört dir nicht

Roman
 
 
C. Bertelsmann Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. April 2012
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07436-4 (ISBN)
 
Vielschichtig, authentisch, berührend: ein Frauenroman über Verlust und den Weg zurück ins Leben

Laura, frisch geschieden, zwei kleine Kinder, erlebt den schlimmsten Alptraum jeder Mutter: Ihre neunjährige Tochter wird von einem Auto überfahren. Ihre spontanen Rachegelüste kann sie zwar überwinden, aber kann sie dem Unfallfahrer je verzeihen, dass er ihr genommen hat, was sie am meisten liebt? Gibt es für sie in der gemeinsamen Trauer vielleicht eine neue Chance auf Versöhnung mit ihrem Exmann, dem Vater ihrer Kinder, der mittlerweile eine neue Familie gegründet hat? Von wem stammen die anonymen Briefe, die sie seit ihrer Scheidung erhält?
In dieser Lebenskrise ist Laura allein auf sich zurückgeworfen. Wie weit wird sie für ihre Rache gehen? Eine fesselnde Geschichte um Schuld und Sühne, Festhalten und Loslassenkönnen, um unsere Bereitschaft, für die Liebe Opfer zu bringen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
C. Bertelsmann
  • Breite: 125 mm
  • 0,71 MB
978-3-641-07436-4 (9783641074364)
3641074363 (3641074363)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1

Muskelerinnerung. Deswegen verhedderte sich meine Schulfreundin Jenny Ozu in Bachs Menuett Nr. 2 G-Dur. Sie gab ein öffentliches Konzert in der Stadthalle, auch wenn eher wenig Öffentlichkeit erschienen war: Es war zur Mittagszeit an einem Dienstag in den Osterferien. Ich zählte elf Leute im Publikum, Jennys Mutter und mich eingeschlossen, verteilt auf ein Dutzend Reihen steifer Holzstühle.

Jenny saß am Klavier, einsam und allein auf einer weiten, von sackenden Samtvorhängen eingerahmten Bühne. Die Stadthalle wurde wenig genutzt, in der Luft hing dick der Staub. Jenny machte sich an ihr erstes Stück, das Menuett. (Das Programm, entworfen und gedruckt von ihrer Mutter, verkündete in stolzen Lettern: Jenny spielt Bach!) Die ersten anderthalb Zeilen spielte sie sehr schön. Als es auf die Wiederholung zuging, grub ich meine Fingernägel in die Handflächen. »Ich mach mir solche Sorgen wegen der Wiederholung«, hatte sie mir anvertraut. »Ich weiß genau, ich werde einfach weiterspielen.« Sie hatte es unermüdlich geübt. Doch als es so weit war, glitt sie mühelos an den Anfang zurück. Ich lächelte ihr zu, obwohl sie sich auf die Musik konzentrierte. Dann näherte sie sich derselben Stelle, der, an der sie im Stück fortfahren sollte, doch stattdessen rutschte sie erneut anmutig zu den Anfangsakkorden zurück. Ich spürte, wie ich stellvertretend für sie rot wurde, und sah mich um. Bestimmt merkte es keiner außer mir und ihrer Mutter, die ganz vorne saß, sicher mit gerunzelter Stirn. Drei- anstatt zweimal - das war kein Weltuntergang.

Als Jenny wieder an dieselbe Stelle in der Musik kam . sprang sie nochmals an den Anfang zurück. Nachdem sie dieselben zwei Menuettzeilen fünfmal wiederholt hatte, hörte sie auf, nahm die Hände von den Klaviertasten und brach in Tränen aus.

Später erzählte sie mir: »Ich hatte die Wiederholung so lange geübt, immer und immer wieder, bis meine Finger nichts anderes mehr spielen wollten. Ich musste einfach abbrechen. Nur so konnte ich da überhaupt je rauskommen.«

Wir waren grüblerische Teenager, das verband Jenny und mich. Ihr Vater war Japaner und glänzte durch Abwesenheit. Meiner war tot. Wir setzten alles daran, den anderen dreizehnjährigen Mädchen geistig überlegen zu sein, schmiedeten Selbstmordpläne und trugen Leihbücher mit Titeln wie Suaheli für Anfänger unter dem Arm. Wir fläzten uns auf Jennys Bett, naschten KitKats und gaben uns als Nihilistinnen aus. Ich durchlief eine Phase, in der ich Verse aus dem Buch Hiob abschrieb und gut sichtbar für die anderen Mädchen an meine Spindtür im Aufenthaltsraum heftete. Ich legte es darauf an, sie zu irritieren.

Denn ich fürchtete einen Schrecken, und er traf mich,

und wovor mir bangte, das kam über mich.

Ich hatte nicht Rast noch Ruh, noch Frieden -

da kam eine Peinigung.

Das Buch Hiob, 3:25/26

Was Eindruck auf einen macht, wenn man zwölf, dreizehn, vierzehn ist, das setzt sich fest. Weite Strecken meiner Schulbildung habe ich vergessen, doch eine Szene steht mir deutlich wie am ersten Tag vor Augen: das Grau und Weiß unseres Aufenthaltsraums, Jenny Ozu weinend in einer Ecke, weil ihre Mutter sie an dem Morgen wieder geohrfeigt hatte, und ich, wie ich an einem Pult sitze und mit schwarzem Filzstift Verse aus dem Buch Hiob abschreibe, wie wild darauf versessen, unsere glücklicheren Mitschülerinnen aufzurütteln. Bei meiner Mutter, einer Witwe, war vor Kurzem die Parkinson-Krankheit diagnostiziert worden. Ich war Einzelkind. Jenny und ich konnten Ungerechtigkeit absolut nicht ausstehen - das verband uns fester, als jedes gemeinsame Hobby das je geschafft hätte.

Wenn ich auch im Recht wäre, mein Mund würde mich verurteilen;

wäre ich auch ohne Fehl, er würde mich schuldig sprechen.

Ich bin rechtschaffen. Ich weiß es selbst nicht.

Das Buch Hiob, 9:20/21

Mit fünfzehn hatte ich Übung im Inkontinenzbindenwechseln bei meiner Mutter. »So, Mum, jetzt wischen wir dich ab, okay? Wie heißt das Reh mit Vornamen?« Meine anderen Schulfreundinnen außer Jenny - meine sogenannten Freundinnen, die mich in ihrer Nähe duldeten, weil sie neben mir cool und attraktiv aussahen - rührten hausgemachte Gesichtsmasken aus Joghurt an und tauschten sich über mechanische Methoden der Empfängnisverhütung aus. Ich lernte, dass es für meine Mutter ratsam war, auf Proteine in ihrer Mittagsmahlzeit zu verzichten, weil diese die Wirkung der Dopamine beeinträchtigen konnten. Sie hatte bereits Schwierigkeiten mit der Artikulation, obwohl sie noch mit den Lippen »Kartoffelpü« formen konnte.

Die Bezirkskrankenschwester kam einmal die Woche vorbei. Sie mochte ich noch weniger als die Sozialarbeiterin, die zwar Kniestrümpfe trug, aber wenigstens nicht andauernd Schätzchen zu mir sagte. Was der Sozialarbeiterin an Pfunden fehlte, machte die Bezirkskrankenschwester doppelt und dreifach wett. Sie trug hautenge Pullis, und ihre Brüste setzten eine Handbreit tiefer als eigentlich vorgesehen an ihrem Körper an. Ich sah in ihr eine Vorwarnung, eine Rippenstrickpullover-Ausgabe dessen, was aus mir werden konnte, wenn ich mich nicht von Käsekuchen fernhielt und einen weiten Bogen um helfende Berufe machte. Ihr Dauerlob brachte mich an den Rand des Wahnsinns. »Meine Güte«, sagte sie zum Beispiel, während sie zusah, wie ich die Tabletten meiner Mutter abzählte und in ihre Pillendose steckte. »Ich hab Schwesternschülerinnen, die sind zehn Jahre älter als du und lange nicht so gut organisiert. Aus dir wird mal eine wahnsinnig tüchtige kleine Krankenschwester, Schätzchen.«

Sie war nicht die Einzige, die davon aussging, dass aus mir mal eine Krankenschwester werden würde. Unsere Nachbarn, die Coultons, schauten regelmäßig vorbei. Dann trampelte Mr. Coulton in seinen klobigen Schuhen mit offenen Schnürsenkeln und Zementflecken durchs ganze Haus bis zur Hintertür, um unser winziges Rasenquadrat zu mähen. Die Steckdose dafür in der Küche zu finden, dauerte bei ihm länger als das Mähen. Sie hatten zehnjährige Zwillingssöhne. Immer wenn es schneite, erschienen die Jungs mit Schaufeln an unserer Tür. »Mum hat gesagt, wir soll'n hier Schnee schippen«, verkündete einer von beiden mürrisch.

Ich wusste, dass Dankbarkeit von mir erwartet wurde, obwohl mir herzlich gleichgültig war, ob Schnee auf unserem Weg lag - früher oder später würde der ja wohl von allein schmelzen -, und was mich anging, konnte der Garten ruhig verwildern.

»Na, dann wird aus dir ja sicher mal eine Krankenschwester«, stellte Mrs. Coulton eines Tages im Gehen fest. »Was für ein liebes Mädchen. So tapfer.«

Im Jahr, als ich meinen Mittleren Schulabschluss machte, hatte ich einen Termin bei der schulischen Berufsberaterin. Obwohl sie nichts über meine Mutter wusste, kam sie zu meiner grenzenlosen Empörung zu genau dem gleichen Schluss. »Du magst Sprachen und Kunst, aber, und das ist prima, Biologie gefällt dir auch .«, sagte sie mit einem Blick auf das von mir ausgefüllte Formular.

»Ich zeichne gern Schaubilder. Die Pflanzen. Und Herzkammern«, antwortete ich, nichts Gutes ahnend. »Das Herz kann ich gut. Rechte und linke Herzkammer. Aber das ist nur, weil ich gut zeichnen kann. Vielleicht könnte ich später Künstlerin werden.«

»Hast du schon mal an Krankenpflege gedacht?«, fragte sie und rieb sich mit dem Finger über einen Nasenflügel.

Am liebsten hätte ich sie gebissen. »Wenn überhaupt ein Beruf aus diesem Bereich für mich in Frage käme«, antwortete ich großspurig, »dann möchte ich mich - spezialisieren.« Ich zermarterte mir das Hirn auf der Suche nach einem Spezialgebiet, einem, das sich lang und kompliziert anhörte. »Physiotherapie«, sagte ich. Ich hatte Psychiatrie sagen wollen, aber Physiotherapie hatte mehr Silben.

Die Berufsberaterin machte ein glucksendes Geräusch hinten in der Kehle, etwas zwischen Husten und Schlucken. Um den Hals trug sie einen Kuli am Band, der bei jedem spöttischen Hüsteln hopste. »Physiotherapie ist nicht bloß Massage, weißt du, Lorna. Heutzutage geht es da hoch wissenschaftlich zu. Ein Studienplatz ist genauso schwer zu bekommen wie für Medizin, manche sagen, sogar noch schwerer, und es ist sehr schwer, hinterher eine Stelle zu finden; aber gute Krankenschwestern werden immer gebraucht, nicht wahr, Lisa?« Sie strahlte mich an.

Sie sind ja nicht mal eine richtige Lehrerin!, hätte ich sie gern angebrüllt. Für wen zum Teufel halten Sie sich? Stattdessen gab ich das Lächeln zurück.

Krankenschwester?! Begriffen diese Leute denn nicht, dass ich eine Intellektuelle war? Was genau konnten sie an meiner momentanen Situation finden, das mich zu dem Wunsch verleiten sollte, den Rest meines Lebens darin auszuharren? In meinem Mittleren Schulabschluss hatte ich Einsen in den naturwissenschaftlichen Fächern und Zweien in fast allen sprachlich-künstlerischen. Verschlechtert hatte ich mich nur mit einer Fünf in Erdkunde. Darauf war ich stolz, wild entschlossen, entweder zu glänzen oder ein Rohrkrepierer zu sein, wie eine Feuerwerksrakete. Krankenschwester? Konnten sie sich nicht vorstellen, dass es mir schon als Schülerin zum Hals heraushing, Einweghandschuhe zu tragen? T. S. Eliot, sagte ich mir jedes Mal auf, wenn ich einen der Coultons an unserem Erkerfenster vorübergehen sah. Wird niemand mich von diesem lästigen Prälaten befreien? Fotosynthese. Das Große Reformgesetz von 1832. Meine Wissensschnipsel waren wie Zutaten zu einem Hexentrank, ein Zauber, der mich...

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