Der ewige Gatte

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. März 2021
  • |
  • 212 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7526-8990-7 (ISBN)
 
Dostojewski beschreibt den Prototyp eines Mannes, der geboren wird und aufwächst einzig und allein um zu heiraten und Beiwerk einer Frau zu werden. Er ewige Gatte wird betrogen, ohne es zu wissen, weil er es nicht wissen will. Pawel Pawlowitsch Trussotzki sucht nach dem Tode seiner Frau, zerfressen von Schmerz und Eifersucht, die einstigen Liebhaber der Dahingeschiedenen auf. Er setzt ihnen mit Schmeicheleien und Selbsterniedrigung, leidenschaftlicher Zuneigung und Mordgelüsten zu, um sich entgegen besseren Wissens zu vergewissern, dass seine Frau ihm treu war.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,28 MB
978-3-7526-8990-7 (9783752689907)
Fjodor Michailowitsch Dostojewski, geboren am 11. November 1821 in Moskau, gestorben am 09. Februar 1881 in Petersburg, war ein russischer Schriftsteller. Er besuchte von 1838 bis 1843 die Ingenieurschule der Petersburger Militärakademie, wo er Technik sowie französische und russische Literatur studierte. Schon sein erster Roman, "Arme Leute" (1846), wurde ein enormer Erfolg. Wegen revolutionärer Tätigkeit verhaftete man ihn 1849 und verurteilt ihn zum Tode. Die Hinrichtung wurde jedoch als Scheinhinrichtung inszeniert und kurz vor der Erschießung eine Begnadigung des Zaren verlautbart. Stattdessen wurde er nach Sibirien zu Zwangsarbeit in Festungshaft gesandt. Zu seinen wichtigsten Werken zählen "Schuld und Sühne" (1866), "Der Idiot"(1869) und "Die Brüder Karamasow" (1880).
1

Weltschaninow


Der Sommer war herangekommen, und Weltschaninow war gegen alle Erwartung in Petersburg geblieben. Aus seiner Reise nach Südrußland war nichts geworden, und von seinem Prozesse war noch immer kein Ende abzusehen. Dieser Prozeß, bei dem es sich um Vermögensangelegenheiten handelte, hatte eine sehr üble Wendung genommen. Noch vor drei Monaten hatte es so ausgesehen, als wenn die Sache höchst einfach läge und gar kein Streit darüber möglich wäre; aber plötzlich hatte alles eine andere Gestalt angenommen. »Es verändert sich jetzt überhaupt alles zum Schlechteren!« Diese Redensart hatte Weltschaninow angefangen mit einer Art von Schadenfreude häufig im stillen für sich zu wiederholen. Er hatte einen geschickten, teuren, renommierten Rechtsanwalt angenommen und ließ sich das Geld nicht leid sein; aber in seiner Ungeduld und in seinem Mißtrauen hatte er es sich angewöhnt, sich auch selbst mit seinem Prozesse zu beschäftigen: Er las Akten und verfaßte selbst Schriftsätze, die sein Rechtsanwalt sämtlich in den Papierkorb warf, lief bei den Gerichtsbehörden umher, stellte Nachforschungen an und störte dadurch wahrscheinlich nur den ganzen Gang der Sache; wenigstens beklagte sich der Rechtsanwalt über ihn und wollte ihn mit Gewalt in die Sommerfrische treiben. Aber nicht einmal in die Sommerfrische zu ziehen konnte er sich entschließen. Staub, drückende Schwüle und die den Nerven so schädlichen hellen Nächte, das waren in Petersburg die Genüsse, in denen er schwelgte. Er hatte irgendwo in der Nähe des Großen Theaters eine Wohnung inne, die er erst kürzlich gemietet hatte; aber auch damit hatte er Pech gehabt; es glückte ihm eben nichts, wie er sagte. Seine Hypochondrie.

Er war ein Mensch, der bisher sein Leben gründlich genossen hatte und nun nicht mehr der jugendlichste war: Er mochte achtunddreißig oder gar neununddreißig Jahre zählen, und dieses ganze »Greisenalter«, wie er selbst sich ausdrückte, war ihm »fast ganz unerwartet« über den Hals gekommen; aber er war sich selbst darüber klar, daß er nicht sowohl durch die Zahl als sozusagen durch die Qualität seiner Jahre gealtert war, und daß, wenn sich schon mancherlei Schwächen eingestellt hatten, dies mehr innerliche als äußerliche Schwächen waren. Wenn man ihn so ansah, machte er immer noch den Eindruck eines kräftigen Mannes. Er war hochgewachsen und breitschulterig, hatte hellblondes, dichtes Haar und noch keine Spur von Grau auf dem Kopfe und in dem langen, beinah bis auf die halbe Brust hinabreichenden blonden Barte; auf den ersten Blick schien er einem etwas plump und schlaff zu sein; sah man aber genauer zu, so erkannte man in ihm sogleich einen Herrn, der einmal eine vorzügliche Kinderstube und eine durchaus weltmännische Erziehung genossen hatte. Weltschaninows Manieren waren auch jetzt ungezwungen, sicher und sogar anmutig, trotz des mürrischen, schwerfälligen Wesens, das er angenommen hatte. Er war sogar immer noch von einem unerschütterlichen, weltmännisch dreisten Selbstvertrauen erfüllt, vielleicht ohne daß er sich der ganzen Größe desselben recht bewußt gewesen wäre, obwohl er nicht nur ein kluger, sondern manchmal sogar ein scharfblickender, beinah ein gebildeter und zweifellos ein wohlbegabter Mensch war. Ehemals hatte sich die Farbe seines offenen, frischen Gesichtes durch eine weibliche Zartheit ausgezeichnet und die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen, und auch jetzt noch sagte mancher, der ihn ansah: »Ist das mal ein kerngesunder Mensch; wie Milch und Blut!« Und doch wurde dieser »kerngesunde« Mensch in grausamer Weise von Hypochondrie geplagt. Seine großen, blauen Augen hatten vor zehn Jahren so etwas Sieghaftes gehabt; sie waren so glänzend, so heiter und so sorglos

Ja, so weit war es mit ihm gekommen; er quälte sich jetzt mit irgendwelchen »höheren« Motiven herum, an die er früher mit keinem Gedanken gedacht hatte. Höhere nannte er aufgrund seiner Einsicht und seines Gewissens all diejenigen »Motive«, über die er (zu seiner eigenen Verwunderung) schlechterdings nicht imstande war, im stillen für sich

Weltschaninow mochte nichts weiter hören; aber die Krankheit erschien ihm als vollständig erwiesen.

»Also ist das alles nur Krankheit; all dieses >Höhere< ist nur Krankheit und weiter nichts!« rief er manchmal giftig im stillen für sich aus. Es widerstrebte ihm doch, dem zuzustimmen.

Bald begann sich übrigens auch vormittags dasselbe zu wiederholen, was sich bis dahin ausschließlich in den Stunden der Nacht zugetragen hatte, nur daß es dann mit mehr Erbitterung verbunden war und Bosheit an die Stelle der Reue, Spott an die Stelle der Rührung trat. Im wesentlichen waren es allerlei Vorgänge aus seinem vergangenen, längst vergangenen Leben, die ihm immer öfter »plötzlich und Gott weiß woher« ins Gedächtnis kamen, und zwar in einer ganz merkwürdigen Weise. Weltschaninow klagte nämlich schon lange über das Schwinden seines Erinnerungsvermögens: Er vergaß die Gesichter von Bekannten, die ihm das dann bei Begegnungen übelnahmen; ein Buch, das er vor einem halben Jahr gelesen hatte, vergaß er innerhalb dieses Zeitraumes manchmal vollständig. Und sollte man es glauben: Trotz dieser augenscheinlichen, täglichen Abnahme des Gedächtnisses (über die er sich stark beunruhigte) fiel ihm jetzt manchmal plötzlich allerlei ein, was einer längst vergangenen Zeit angehörte, allerlei, was er schon zehn, fünfzehn Jahre lang vollständig vergessen gehabt hatte; und zwar kam ihm das alles mit einer so erstaunlichen Genauigkeit der Eindrücke und der einzelnen Umstände ins Gedächtnis, daß er es gleichsam noch einmal zu erleben glaubte. Manche der ihm wieder einfallenden

So erinnerte er sich zum Beispiel plötzlich »ganz aus heiler Haut« der von ihm vergessenen, im höchsten Grade vergessenen Gestalt eines gutherzigen alten Beamten, eines grauhaarigen, komischen Männchens, den er einmal vor langer, langer Zeit öffentlich ungestraft beleidigt hatte, und zwar einzig und allein aus törichter Prahlsucht: Nur um ein komisches, wohlgelungenes Witzwort nicht unausgesprochen zu lassen, das ihm Ruhm eintrug und viel kolportiert wurde. Er hatte die Geschichte so vergessen gehabt, daß er sich nicht einmal an den Familiennamen dieses alten Mannes erinnern konnte, wiewohl ihm jetzt alle Umstände des Vorganges mit unbegreiflicher Klarheit vor Augen standen. Er erinnerte sich deutlich, daß der alte Mann damals für die Ehre seiner Tochter eingetreten war, einer alten Jungfer, die mit ihm zusammen lebte, und über die in der Stadt gewisse Gerüchte im Umlauf waren. Der Alte hatte auf das Witzwort eine zornige Antwort geben wollen, hatte aber auf einmal vor der ganzen Gesellschaft zu weinen und zu schluchzen angefangen, was sogar einigen Eindruck gemacht hatte. Die Sache hatte damals damit geendet, daß man dem alten Manne zum Spaß gehörig Champagner zu trinken gegeben und sich dann doppelt über ihn lustig gemacht hatte. Und als Weltschaninow sich jetzt »ganz aus heiler Haut« daran erinnerte, wie das alte Männchen damals wie ein Kind geschluchzt und sein Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, da kam es ihm auf einmal so vor, als hätte er es niemals vergessen gehabt. Und seltsam: Damals war ihm das alles sehr komisch vorgekommen; jetzt aber erregte es bei ihm die entgegengesetzte Empfindung, namentlich manche Einzelheiten wie das Bedecken des Gesichtes mit den Händen. Ferner erinnerte er sich, wie er lediglich zum Scherz die sehr schöne Frau eines Schullehrers verleumdet hatte und die Verleumdung dem Manne zu Ohren gekommen war. Weltschaninow hatte jenes Städtchen bald darauf verlassen und wußte nicht, welche Folgen seine Verleumdung damals gehabt hatte; aber jetzt malte er sich diese Folgen auf einmal aus, und Gott weiß, wohin seine Einbildungskraft dabei noch gelangt wäre, wenn ihm nicht

Wir haben bereits gesagt, daß sein Ehrgefühl nach einer besonderen Richtung hin entartet war. Dies war ganz zutreffend. Zuzeiten (diese Zeiten waren freilich nur selten) ging er in der Nichtachtung seiner eigenen Person so weit, daß er sich nicht einmal schämte, keine eigene Equipage zu besitzen, zu Fuß bei den Gerichtsbehörden umherzuwandern und sich etwas nachlässig zu kleiden; und wenn es vorgekommen wäre, daß ihn einer seiner alten Bekannten deswegen auf der Straße mit einem spöttischen Blicke gemessen hätte oder ihn einfach nicht hätte kennen wollen, so wäre er wirklich stolz genug gewesen, ein völlig gleichmütiges Gesicht zu bewahren. Und zwar hätte er das in allem Ernst getan, nicht etwa nur um des Aussehens willen. Selbstverständlich kam diese Stimmung nur selten vor; es waren nur vereinzelte Augenblicke der eigenen Nichtachtung; aber doch entfernte sich sein Ehrgefühl allmählich von den Gegenständen, auf die es früher gerichtet gewesen war und konzentrierte sich auf eine einzige Frage, die ihm nicht aus dem Sinn kam.

»Nun sieh mal an«, begann er manchmal sein stilles Selbstgespräch in satirischem Tone (wenn er über sich selbst nachdachte, geriet er fast immer in den satirischen Ton hinein), »nun sieh mal an, da gibt sich jemand Mühe, meine Moralität zu bessern, und sendet mir diese verdammten

Und obgleich sich die Geschichte mit der Lehrerfrau nicht wiederholte, und obgleich er niemanden wieder zu einem Stelzfuß verhalf, so quälte ihn doch schon der bloße Gedanke, daß sich alles mit Sicherheit ebenso abspielen würde, wenn die Umstände sich so fügten; wenigstens quälte er ihn bisweilen. Immer braucht man sich ja allerdings nicht mit Erinnerungen selbst zu peinigen;...

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