bitterer zucker

Roman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2021
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-27965-3 (ISBN)
 
»Bitterer Zucker« ist eine Liebesgeschichte. Aber nicht zwischen zwei Liebenden, sondern zwischen Mutter und Tochter. Und stellt die Frage, was wir wirklich von jenen wissen, die uns am nächsten stehen - und damit letztlich über uns selbst.Tara erinnert die Vergangenheit auf ihre Art, ihre Tochter Antara auf eine ganz andere. In ihrer Jugend war Tara, Tochter aus gutem Haus, eine eigenwillige Frau, die keine Rücksicht nahm: Sie brach aus ihrer unglücklichen Ehe aus, ging in einen Ashram, wurde die Geliebte des Gurus. Danach lebte sie als Bettlerin auf der Straße - und alles immer mit ihrer Tochter Antara im Schlepptau. Jetzt ist sie eine alte Frau, die Dinge vergisst und über Nacht das Gas anlässt. Und Antara muss sich um eine demente Mutter kümmern, die sich nie um ihre Tochter gekümmert hat.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 0,76 MB
978-3-641-27965-3 (9783641279653)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Avni Doshi wurde 1982 in New Jersey geboren, heute lebt sie in Dubai. Sie studierte Kunstgeschichte am Banard College in New York und am University College London. Texte von ihr erschienen in »Vogue«, »Granta und »The Sunday Times«. Ihr Debütroman »Bitterer Zucker« war ein sensationeller internationaler Erfolg: er stand auf der Shortlist für den Booker-Preis und erscheint in mehr als 25 Ländern.

Zu behaupten, ich hätte mich niemals über das Leid meiner Mutter gefreut, wäre eine glatte Lüge.


Durch ihre Hände habe ich als Kind gelitten, und jeglicher Schmerz, den sie später durchlebte, kam mir wie eine Art Wiedergutmachung vor - eine ausgleichende Gerechtigkeit des Universums, mit der das Prinzip von Ursache und Wirkung austariert wurde.

Nur ist es jetzt so, dass ich die Strichliste nicht mehr angleichen kann.

Aus einem einfachen Grund: Meine Mutter ist dabei zu vergessen, und ich kann nichts dagegen tun. Es gibt keine Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass sie sich an die Dinge erinnert, die sie in der Vergangenheit getan hat, keine Möglichkeit, sie mit Schuldgefühlen zu überschütten. Früher habe ich immer mal wieder Beispiele für ihre Grausamkeit erwähnt, ganz beiläufig, bei einer Tasse Tee, um zu beobachten, wie sie missbilligend das Gesicht verzieht. Mittlerweile erinnert sie sich die meiste Zeit nicht einmal mehr daran, worüber ich da rede; sie wirkt abwesend, mit einem Ausdruck beständiger Heiterkeit in den Augen. Jeder, der Zeuge davon wird, wird daraufhin meine Hand berühren und flüstern: Gut jetzt, es reicht. Sie erinnert sich nicht, das arme Ding.

Das Mitgefühl, das sie in anderen weckt, sorgt dafür, dass mir die Galle hochsteigt.

Das erste Mal wurde ich vor einem Jahr argwöhnisch, als sie anfing, nachts durchs Haus zu wandern. Kashta, ihre Hausangestellte, rief mich immer wieder verschreckt an.

»Ihre Mutter sucht nach Matratzenschonern aus Plastik«, sagte Kashta bei einem dieser Anrufe. »Falls Sie Ihr Bett einnässen.«

Ich hielt das Telefon weit weg von meinem Ohr und suchte auf dem Nachttisch nach meiner Brille. Neben mir lag mein Ehemann im Tiefschlaf, seine Ohrstöpsel leuchteten neonfarben im Dunkeln.

»Sie träumt bestimmt nur«, erwiderte ich.

Das schien Kashta nicht zu überzeugen. »Ich wusste ja gar nicht, dass Sie als Kind ins Bett gemacht haben.«

Ich legte auf und konnte den Rest der Nacht nicht mehr schlafen. Selbst in einem Zustand geistiger Umnachtung gelang es meiner Mutter noch, mich zu demütigen.

Eines Tages klingelte die Straßenfegerin, und Mutter wusste nicht, wer sie war. Es gab andere Vorfälle - etwa als sie vergaß, die Stromrechnung zu bezahlen, oder als sie das Auto in der Tiefgarage am falschen Platz abstellte. Das war vor sechs Monaten.

Manchmal glaube ich, das Ende vorherzusehen, wenn nichts weiter von ihr übrig sein wird als eine verrottende und dahinvegetierende Hülle. Die vergisst, wie man spricht, wie man die Blase kontrolliert, und die irgendwann vergisst, wie man atmet. Der menschliche Verfall geht stockend und stotternd vonstatten, aber rückgängig machen lässt er sich nicht.

Mein Mann Dilip meint, ihr Erinnerungsvermögen benötige vielleicht hin und wieder einen Probedurchlauf. Also schreibe ich Anekdoten aus der Vergangenheit meiner Mutter auf kleine Zettel und verteile sie überall in ihrer Wohnung. Ab und zu wird sie fündig und ruft mich dann lachend an.

»Ich kann es nicht fassen, dass mein Kind so eine miese Handschrift hat.«

An dem Tag, an dem sie den Namen der Straße vergaß, in der sie seit zwanzig Jahren wohnte, rief Ma mich an, um mir von ihrem Kauf einer Packung Rasierklingen zu berichten, und dass sie keine Angst davor hätte, sie zu verwenden, sollte sich die Situation noch weiter verschlechtern. Dann fing sie an zu weinen. Durchs Telefon hörte ich blökende Hupen, brüllende Menschen. Den Sound der Straßen von Pune. Sie musste husten und verlor den Faden. Ich konnte die Abgase der Autorikscha, in der sie saß, förmlich riechen, den schwarzen Qualm aus dem Auspuff des Gefährts, so als würde ich direkt neben ihr stehen. Einen Augenblick lang fühlte ich mich schlecht. Es musste die schlimmste Form des Leidens sein - das Bewusstsein für den eigenen Verfall, die Buße, dabei zusehen zu müssen, wie die Dinge einem entgleiten. Andererseits wusste ich auch, dass es eine Lüge war. Meine Mutter würde niemals so viel Geld ausgeben. Eine ganze Packung Rasierklingen, wo eine einzige bereits ihren Zweck erfüllte? Sie neigte tatsächlich schon immer dazu, ihre Gefühle in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Ich beschloss, dass die beste Art, mit dieser Situation umzugehen, so was Ähnliches wie ein Kompromiss war: Ich bat meine Mutter nicht zu übertreiben, notierte mir die Sache aber, um zu einem späteren Zeitpunkt nach irgendwelchen Rasierklingen zu suchen und sie zu entsorgen.

Ich habe mir viele Notizen über meine Mutter gemacht: die Uhrzeit, zu der sie abends einschläft, wenn ihre Lesebrille über den fettigen Nasenrücken nach unten rutscht, oder die Anzahl der Marz-O-Rin-Teigteilchen, die sie zum Frühstück isst - all das habe ich detailliert aufgeschrieben. Ich kenne die umschifften Untiefen, und weiß, an welchen Stellen eine Geschichte glattpoliert wurde.

Manchmal bittet sie mich während meiner Besuche darum, Freunde anzurufen, die längst tot sind.

Meine Mutter war eine Frau, die sich Kochrezepte ein einziges Mal durchlas und sich dabei alles einprägte. Sie konnte Teemischungen abrufen, die bei anderen Leuten zu Hause zubereitet worden waren. Beim Kochen griff sie nach verschiedenen Fläschchen und Masala-Gewürzmischungen, ohne einmal aufzublicken.

Ma erinnerte sich genau an die Handgriffe, mit denen ihre Nachbarn, die zur muslimischen Memon-Gemeinde gehörten, auf der Terrasse oberhalb des ehemaligen Apartments ihrer Eltern die Ziegen zum islamischen Opferfest Bakra Eid töteten, sehr zum Entsetzen des Hausbesitzers, der Jain war, und wie der muslimische Schneider mit den drahtigen Haaren ihr einmal einen verrosteten Waschzuber gab, um das Blut aufzufangen. Sie beschrieb mir den metallischen Geschmack und wie sie sich ihre roten Finger abgeleckt hatte.

»Meine erste nicht-vegetarische Kostprobe«, sagte sie. Wir saßen am Ufer in Alandi. Pilger wuschen sich, und Trauernde verteilten Asche im Wasser. Der schmutzige Fluss, der die Farbe von Gangrän hatte, bewegte sich unmerklich vorwärts. Ma hatte unbedingt aus dem Haus abhauen wollen, weg von meiner Großmutter, weg vom Gerede über meinen Vater. Wir befanden uns in einer Zwischenphase, nach unserem Weggang aus dem Ashram und bevor sie mich aufs Internat schicken würden. Zwischen meiner Mutter und mir herrschte für einen Moment Waffenstillstand, da ich noch daran glauben konnte, dass das Schlimmste hinter uns lag. Sie sagte mir nicht, wohin wir in der Dunkelheit unterwegs waren, und ich konnte den Zettel, der vorne auf den Bus, in den wir einstigen, geklebt war, nicht entziffern. Mein Magen knurrte, aus Angst, wir würden aufgrund einer weiteren Laune meiner Mutter wieder einmal abtauchen, aber wir blieben in der Nähe des Flusses, wo der Bus uns abgesetzt hatte, und als die Sonne aufging, zauberte das Licht Regenbögen in die Benzinpfützen, die sich auf der Wasseroberfläche gebildet hatten.

Sobald tagsüber die Hitze einsetzte, fuhren wir nach Hause. Nani und Nana waren außer sich, aber Ma meinte nur, wir hätten das Gelände der Anlage, in der wir lebten, nicht verlassen. Sie glaubten ihr, weil sie ihr glauben wollten, obwohl ihre Geschichte unglaubwürdig war. Denn das Areal, auf dem die Gebäude standen, war nicht groß genug, um darauf verschüttzugehen. Ma lächelte beim Reden - Lügen kamen ihr leicht über die Lippen.

Es beeindruckte mich, dass sie eine derartig gewiefte Lügnerin war. Eine Zeit lang wollte ich ihr in dieser Eigenschaft nacheifern; sie schien mir ihr einziger nützlicher Charakterzug zu sein. Meine Großeltern befragten den Wachmann, aber er konnte nichts zu der Sache beisteuern - er schlief oft bei der Arbeit ein. Und so verharrten wir in dieser Pattsituation - wie wir es noch so oft tun würden -, wo alle an ihren Lügen festhielten, in der festen Überzeugung, dass ihr ureigener Egoismus sich durchsetzen würde. Ich wiederholte die Geschichte meiner Mutter, als ich später noch einmal ausgefragt wurde. Noch hatte ich nicht gelernt, was Widerspruch bedeutete. Noch war ich gefügig wie ein Hund.

Manchmal spreche ich über Ma in der Vergangenheitsform, obwohl sie noch am Leben ist. Es würde sie verletzen, wenn sie noch in der Lage wäre, sich daran zu erinnern. Dilip ist momentan ihr Lieblingsmensch. Er ist ein idealer Schwiegersohn. Wenn sie sich begegnen, brauen sich keine Wolken aus Erwartungen um sie herum zusammen. Er erinnert sich nicht daran, wie sie war - er akzeptiert sie, wie sie ist, und er stellt sich ihr immer wieder gerne vor, wenn sie seinen Namen vergessen hat.

Ich wünschte, ich wäre genauso, aber dann taucht die Mutter, an die ich mich erinnere, vor mir auf und entschwindet wieder, eine von einer Batterie angetriebene Puppe, deren Mechanismus fehlerhaft ist. Die Puppe ist auf einmal leblos. Der Bann ist gebrochen. Das Mädchen weiß nicht, was real ist oder worauf man sich verlassen kann. Vielleicht wusste sie das noch nie. Das Mädchen weint.

Ich wünschte, Indien würde die Beihilfe zum Suizid ermöglichen wie die Niederlande. Nicht nur im Namen der Würde des Patienten, sondern im Namen aller Betroffenen.

Ich sollte betrübt sein statt wütend.

Manchmal, wenn niemand sonst in der Nähe ist, weine ich - ich trauere, aber es ist zu früh, den Leichnam zu verbrennen.

Die Wanduhr in der Arztpraxis nimmt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Der Stundenzeiger steht auf der Eins. Der Minutenzeiger ruht zwischen acht und neun. Diese Anordnung hat dreißig Minuten lang Bestand. Die Uhr ist ein vergängliches Relikt aus einer anderen Zeit, kaputtgegangen, nie...

»Eine einfühlsame, berührende Geschichte über eine komplizierte Beziehung.«
 
»...klug konstruiert... Und da sind die großen Fragen, die dieses packende und verstörende Buch aufwirft: Wer sind wir, wenn unsere Erinnerungen schwinden?«
 
»Bewegende Mutter-Tochter-Story.«

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