Der Anfang von etwas Schönem

Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. April 2018
  • |
  • 264 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43391-4 (ISBN)
 

Jules und Jim in Tel Aviv

Dass am Ende einer israelischen Radiosendung plötzlich »ein Schlager aus dem Lager« gespielt wird, hat Folgen. Und eine Vorgeschichte: Die Moderatorin Amalia Ben Ami ist mit diesem Lied aufgewachsen, ebenso Chesi und Gadi, die beiden Männer, die sie während der gemeinsamen Jugend in einem Tel Aviver Viertel liebten. Alle drei sind Kinder von Überlebendender Shoah. Jetzt, vierzig Jahre später, führt das Lied das Trio von damals wieder zusammen. Hinreißend komisch und tief erschütternd ist Lizzie Dorons Roman. Mit abgründigem Humor erzählt sie von Amalia, Chesi und Gadi, die, egal, wo und wie sie ihr Glück suchen, sich den Schatten der Geschichte noch immer stellen müssen.

weitere Ausgaben werden ermittelt

Lizzie Doron, geboren 1953 in Tel Aviv, studierte Linguistik, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr Roman >Ruhige Zeiten< wurde mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman Preis ausgezeichnet. 2007 erhielt sie den Jeannette Schocken Preis. In der Begründung der Jury heißt es: »Lizzie Doron schreibt über Menschen, die von >dort< kommen, die den Holocaust überlebten und nun zu leben versuchen. In Israel. Fremd, schweigend, versehrt - und stets ihre Würde wahrend. Mit großer Behutsamkeit nähert die Autorin sich ihren Figuren und mit großem Respekt wahrt sie Distanz.« 2018 wurde sie mit dem Friedenspreis der Geschwister Korn und Gerstenmeier-Stiftung ausgezeichnet.

5


Als Vater und ich zur Feier meines vierzehnten Geburtstags Ballons aufbliesen, klopfte es. Vor der Haustür standen zwei Fremde, die mit Vater sprechen wollten. Ich blieb im Zimmer mit acht Ballons, die an einer Schnur hingen, und wartete. Nachdem die beiden gegangen waren, lief ich in die Küche. Vater saß auf dem Stuhl und sah aus wie eine Mumie.

»Sie sollte schon längst im Bett sein«, murmelte Mutter. Sie öffnete und schloss Schranktüren, holte Mehl, Zucker und Kakaopulver für meinen Geburtstagskuchen heraus. »Wo ist das Backpulver?« Mit zitternden Händen suchte sie in den Schubladen. »Geh schlafen, morgen hast du Geburtstag«, sagte sie zu mir und schickte mich aus der Küche.

Vater schwieg. Sein glasiger Blick erschreckte mich. Ich ging in mein Zimmer und konnte nicht einschlafen.

Am Morgen fragte ich Mutter, was diese beiden Leute gewollt hatten. Sie antwortete nicht, sie knetete mit schnellen Bewegungen den Kuchenteig und schaute mich nicht an.

Ich ließ nicht locker. »Mutter, was haben sie zu Vater gesagt?«

Sie drückte mir den Kochlöffel, mit dem sie den Schokoladenteig gerührt hatte, in die Hand. »Ist das süß genug?«

»Werden sie noch mal kommen?«, fragte ich. Mutters Gesicht war ausdruckslos und noch starrer als sonst. Ich bestand auf einer Antwort. »Nicht wahr, sie werden noch mal kommen?«

Vater trat in die Küche. Er sah anders aus.

»Nimm sie weg«, bat Mutter.

Ich lief hinaus.

Als ich aus der Schule kam, stand der Geburtstagskuchen auf dem Tisch. Mutter und Sarke füllten Tütchen mit Süßigkeiten. Der lahme Gadischke saß in meinem Zimmer und malte mir eine Geburtstagskarte mit einem roten Herzen. Aber ich suchte Vater.

»Dein Vater schläft«, teilte Sarke mir mit, und Mutter versprach: »Er wird rechtzeitig zur Feier aufwachen.«

Als Vater aufwachte, rief Sarke ihn in die Küche, wo sie mit Mutter saß. »Wann hörst du endlich auf, dir um deine Kommunisten Sorgen zu machen?«, schimpfte sie ihn. »So geht es doch nicht weiter.«

Die Kinder aus meiner Klasse kamen. Im Wohnzimmer türmten sich die Geschenke.

Sarke schrie weiter: »Was hast du bei denen verloren, ihr Name sei ausgelöscht! Ich kenne Etka besser als du, ich kenne sie von Auschwitz. Unsere Etka wird dort sterben! Du und deine Freunde von der kommunistischen Partei, ihr träumt doch nur!«

Ich hörte, wie Vater ihr ruhig und mit seinem korrekten Hebräisch antwortete: »Sarke, dein Geschrei nützt überhaupt nichts.«

»Bist du verrückt geworden«, schrie Sarke weiter, »es gibt kein anderes Leipzig!«

Sie stand in der Küchentür, hob die Arme zum Himmel und rief laut: »Etka, es ist nicht zu ändern, dein Arthur liebt die Nazis, es sind die Nazis, die er liebt.«

Im Haus breitete sich Stille aus.

»Der Geburtstag ist vorbei, geht nach Hause!«, schrie ich die Kinder an.

Dann verkroch ich mich in meinem Zimmer, schloss die Tür zu und zerbrach alles, was sich zerbrechen ließ. Gadi drückte sich draußen an die Tür und flehte, ich solle ihn doch einlassen.

»Gadischke, komm nach Hause«, hörte ich Sarke rufen. »Du weißt doch, was für einen Dickkopf dieses wilde Ding hat.«

Ich verließ mein Zimmer erst, als alle Gäste gegangen waren. Vater hatte sich wieder schlafen gelegt, Michaela packte die Geschenke aus, die ich bekommen hatte, und Mutter putzte mit roten Augen und zusammengepressten Lippen das Haus.

»Warum schläft Vater die ganze Zeit?«, fragte ich sie.

Sie rückte die Stühle zurecht, die um den Tisch standen.

»Was will Sarke von Vater?«

Mutter fegte den Schmutz auf die Schippe.

»Warum hat Sarke gesagt, dass Vater die Nazis liebt?«

Mutter warf den Schmutz in den Mülleimer.

 

Warum hatte sie mir damals nicht geantwortet? Ich war wütend auf meine stumme Mutter. Warum hast du nie etwas gesagt? Bis heute streite ich noch mit den Toten.

»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.« Wieder kam mir das Gedicht in den Sinn. Es gelingt mir nicht, es zu vergessen, und dabei hasse ich Erinnerungen.

»Die schönste Jungfrau sitzet

Dort oben wunderbar,

Ihr goldnes Geschmeide blitzet,

Sie kämmt ihr goldenes Haar.

 

Sie kämmt es mit goldenem Kamme,

Und singt ein Lied dabei;

Das hat eine wundersame,

Gewaltige Melodei.«

Dieses Gedicht quälte mich, meine Toten wurden lebendig.

Ich ging in mein Zimmer zurück und rollte mich auf dem Bett zusammen. Früher, vor vielen Nächten, fühlte ich mich nur hier geborgen. Hier war vor vielen Jahren mein Vater gegenwärtig, sein Duft hing noch im Bettzeug, hier stellte ich mir seine Bewegungen vor, die Züge seines Gesichts. Jahrelang erwähnte ihn keiner, sogar seine Alben und seine Bücher waren aus den Regalen entfernt worden. Plötzlich sah ich sein Gesicht genau vor mir: Wenn er mich anlächelte, wurden seine Augen zu Strichen.

 

»Malinka, dein Vater ist nicht da«, verkündete mir Sarke, als ich von der Schule nach Hause kam.

»Wo ist er?« Ich verstand nicht, was los war. Alle Nachbarn und die Schulkrankenschwester saßen in unserem Wohnzimmer und schwiegen. In der Küche spielte Michaelas Kindergärtnerin mit ihr und brachte sie zum Lachen. Meine empfindsame Schwester durfte sich nicht aufregen oder traurig sein.

»Wo ist mein Vater?« Ich suchte ihn im anderen Zimmer.

»Er ist weit weg gefahren«, zischte Sarke mit zusammengepressten Lippen.

Ich zitterte am ganzen Körper. »Wann kommt er wieder?«

»Er wird nicht wiederkommen«, sagte Sarke.

Meine Mutter weinte. Auch die Nachbarn sagten kein Wort.

»Warum sagt mir niemand, wann er zurückkommt?«, rief ich.

»Weißt du, du solltest sie vielleicht in einen Kibbuz schicken«, schlug die Schulschwester meiner Mutter vor. »Mit zweien wirst du es schwerhaben, und Malinka ist kein einfaches Mädchen.«

»Sie wird nicht in einen Kibbuz gehen«, entschied Sarke für mich. »Sie bleibt zu Hause.« Sarke packte mich am Arm und schob mich ins Schlafzimmer. »Setz dich«, befahl sie mir.

Ich setzte mich. Sarke machte die Tür zu.

»Malinka«, sagte sie, »ich kenne deine Mutter, sie ist eine gute Frau. Aber die Deutschen haben sie fertiggemacht, sie versteht nichts von diesem Leben.«

»Sag mir, wo Vater ist«, bettelte ich.

Sarke breitete die Arme aus. »Malinka, du musst auf deine Mutter aufpassen.«

Ich hatte das Gefühl, als drehe sich das Zimmer um mich, als öffne sich der Boden, als stürze ich in ein schwarzes Loch. Ich brach in Tränen aus.

Sarke hob die Stimme: »Du musst stark sein, nun, da dein Vater nicht mehr da ist, musst du deiner Mutter helfen.«

Ich erbrach mich auf ihre Hausschuhe.

»Verdammter Mist!«, brüllte sie.

Ich floh in den Garten. Ich setzte mich unter den Mispelbaum und fragte mich, wie es geschehen könne, dass Menschen einfach plötzlich verschwinden. Ich dachte, auch ich könne eines Tages plötzlich nicht mehr da sein, und wunderte mich, dass mir dieser Gedanke keine Angst machte. Ich saß im Gras, in Gedanken versunken, und rupfte Halme heraus, Sauerklee und Malve, bis Michaela kam und mich ins Haus rief. Plötzlich erinnerte ich mich an Mimi, die Puppe, die Vater mir geschenkt hatte.

»Ich hole dir eine Puppe aus der Erde«, versprach ich Michaela.

»Ein Zaubertrick!« Michaela machte einen Luftsprung und strahlte. »Du machst für mich einen Zaubertrick!«

»Ja, einen Zaubertrick«, sagte ich.

Ich machte die Erde mit einem Schlauch nass, damit sie weicher wurde, und wir fingen ohne Schippe an zu graben, mit den Händen. Michaela war begeistert, aber nach drei Minuten hatte ich keine Kraft mehr. Ich streckte mich auf dem schlammigen Boden aus und drückte mein Gesicht in die feuchte Erde.

»Malinka, warum legst du deinen Kopf in den Schlamm?«, fragte Michaela.

Ich antwortete ihr nicht.

Michaela erschrak. »Malinka, was ist mit dir?«

»Der Zaubertrick hat nicht geklappt«, sagte ich. »Meine Puppe ist für immer gestorben.«

Michaela wischte sich noch nicht mal den Schlamm ab. So wie sie war, rannte sie heulend zu Mutter.

»Was ist mit dir?«, fragte Sarke, angewidert vom Schmutz.

»Malinka hat mich dreckig gemacht«, beklagte sich Michaela, das Porzellanpüppchen, unter Tränen.

Die Nachbarn, die gekommen waren, um Mutter Mut zuzusprechen, fanden keine Worte zu ihrem Trost. Alle schauten mich an. Plötzlich fiel mir auf, dass auch mein Gesicht und meine Kleider voller Schlamm waren.

»Was hast du gemacht?«, schrie Sarke mich an.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. »Morgen gehe ich in den Kibbuz«, rief ich verzweifelt.

Alle schauten meine Mutter an, um zu sehen, wie sie reagierte.

»Er wird zurückkommen«, murmelte sie. »Malinka, er hat versprochen, dass er zurückkommt.«

 

Ach, Mutter, was für ein Vorbild warst du für mich, genau wie du sitze ich heute im Haus und warte auf den Träumer, den ich liebe.

 

In jener dunklen Nacht konnte ich nicht einschlafen. Ich ging hinaus in den Garten, ich weckte Gadi, ich stand unter dem Fenster seines Zimmers und überredete ihn, am nächsten Tag mit mir in den Kibbuz zu gehen. Aber am Morgen verkündete Sarke, ihr Gadi würde in keinen Kibbuz gehen.

»Dort herrscht Gesetzlosigkeit«, erklärte sie. »Nur Banditen wohnen dort.«

Ich war vierzehn Jahre und drei Monate alt, als ich das Haus verließ. Ich verabschiedete mich von niemandem, nicht von meinen Klassenkameraden, nicht von meinen Lehrern,...

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