Betrunkene Bäume

Roman
 
 
Ullstein fünf (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. Februar 2017
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1472-3 (ISBN)
 

»Ein wunderschöner, ein perfekter Text.« Klaus Kastberger, Jurymitglied des Bachmann-Preises

»Kraftlos ließ er sich auf die Matratze fallen und legte den Kopf auf das Kissen. Durch die weit geöffneten Fenster drang die warme, duftende Sommerluft und bewegte die Blätter über seinem Kopf. Erich schloss die Augen und lauschte für einige Sekunden dem leisen Knistern, das die Äste an der Tapete erzeugten. Der Stamm reichte bis zur Decke und sorgte dafür, dass die Krone sich fächerförmig ausbreitete. Erich liebte den Geruch der Pflanzen, er erleichterte ihm den Schlaf. Seit die Nachbarin unter ihm gefragt hatte, ob auch er ein Problem mit feuchten Decken habe, war er noch vorsichtiger geworden. Niemand sollte ihm seinen Wald nehmen. Es war alles, was er noch hatte.«

Erich ist über achtzig und verliert Stück für Stück seine Unabhängigkeit. Außerdem trauert er um die Liebe seines Lebens. Als junger Forscher hatte Erich eine Expedition in die Taiga unternommen. In jener Zeit hat er Schuld auf sich geladen, die bis heute nachwirkt und Erich vereinsamen lässt. Dann jedoch tritt Katharina in sein Leben. Sie ist von zu Hause ausgerissen, als ihr Vater die Familie verlassen hat.

Berührend und poetisch beschreibt Ada Dorian die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, die um Schuld und Verrat, um Heimat und Entwurzelung kreist.

weitere Ausgaben werden ermittelt
Ada Dorian, geboren 1981, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie. Sie forschte in Osnabrück über Erich Maria Remarque, wo sie nach langem Aufenthalt in Hamburg lebt. Sie gewann den Literaturförderpreis der Stadt Hamburg 2009, ist Trägerin des Literaturstipendiums des Landes Niedersachsen 2016 und war nominiert für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2016.

1


In der Ferne lagen die Berge wie unter einer weichen Bettdecke. Der farblose Himmel über ihnen verriet weder Tages- noch Jahreszeit. Einzig der Geruch, ähnlich einem warmen Moor, verriet, dass der Winter sich bald von der Landschaft trennen, sie für einen kurzen Augenblick aufgedeckt zurücklassen würde, um dann blitzschnell mit noch dichterer Decke zurückzukehren.

Es gab wenig Spielraum für Spekulationen. Ein kalter Frühling ganz in Gelb, dann ein heißer kurzer Sommer, wie ein Traum, aus dem man zu früh erwacht. Die Abstufungen zwischen den Jahren waren gering. Wie groß die Eisbrocken im Fluss, wie hoch die Wälder verschneit, wie tief die Seen gefroren, es war gegeben und machte in Zentimetern keinen Unterschied für die, die hier lebten. Niemand zählte die erfrorenen Hunde auf der Straße, niemand die toten Bettler. Man konnte froh sein, wenn jemand sich erbarmte und ihre Körper wegräumte. Nicht einfach wartete, bis der nächste Schnee sie zudecken würde. Das Wetter zu dieser Zeit an diesem Ort bestimmte Tagesabläufe, verhinderte oder bedingte Reisen, hielt auf oder beschleunigte, ja es entschied Schicksale. Jeder hier wusste das, wirklich jeder. Und keiner, wirklich keiner, konnte sich ein Leben andernorts vorstellen. Es ging nicht darum, dass man diesen Ort nicht verlassen, sich nicht nach Besserem sehnen wollte. Der Rest der Welt existierte einfach nicht.

Wolodja erwachte mit schmerzendem Rücken. Mühsam richtete er sich auf der schmalen Holzbank zum Sitzen auf. In der Bahnhofshalle liefen die ersten Soldaten auf und ab. Mit denen wollte er nichts zu tun haben, nicht mit den jungen Männern, die im Gegensatz zu ihm unverbraucht und kräftig wirkten, obwohl sie sein Jahrgang hätten sein können, und nicht mit ihren Uniformen, weil sie ihm Alpträume verursachten. Wolodja verdichtete das Ausatmen zwischen Schneidezähnen und Unterlippe zu einem kurzen, klaren Pfiff, woraufhin ein Hundekopf mit wachen Augen unter der Bank hervorlugte. Klackernd öffnete sich der Rollladen vom Busschalter. Ein kleiner dicker Mann lehnte ein handgeschriebenes Schild von innen an die Scheibe. Der Bus nach Syrjanka fällt heute aus. Nach Syrjanka, so schien es Wolodja, war es ein weiter Weg. Und obwohl er nicht vorgehabt hatte, dorthin zu reisen, malte er sich aus, wie es dort sein musste. Im Sommer konnte man von Srednekolymsk einfach mit dem Boot die Kolyma bis Syrjanka hinauffahren. Doch jetzt führte der Fluss noch große Brocken Eis mit sich. Wolodja las das Schild erneut, als hätte sich dadurch eine soeben erst entdeckte Möglichkeit im selben Augenblick zerschlagen. Der Mann hinter der Scheibe rückte das Schild noch einmal zurecht und hob den Arm zum Gruß, als er Wolodja entdeckte. Dieser nickte bloß und machte sich davon. Der Hund folgte ihm in leicht federndem Trab.

Auf den Straßen überdeckte der Gestank der Kohleöfen den Geruch des nahenden Frühlings. Es war bereits Mai und mit zwei Grad am Morgen erstaunlich warm.

Wolodja öffnete seine Jacke. Aus den drei Schichten darunter stieg ein talgiger Geruch auf. Er atmete tief ein. In den nächsten Tagen würde er ein Bad brauchen. Körpergeruch machte ihm nichts aus, solange es nur sein eigener war. Auf seinem Weg wich er den Holzkarren aus, auf denen die Leute Lumpen, Kohlen oder Schutt transportierten. Der Hund spiegelte jede seiner Bewegungen und folgte ihm mäandernd durch das Viertel. Wenn Wolodja einen Soldaten sah, wechselte er die Straßenseite und bog in die nächste Gasse ab. Seit zwei Jahren hielt er sich in der Stadt auf. Mehr war es nicht, kein Wohnen, kein Leben, nur ein Aufhalten und Warten. Er kannte alle Straßen und noch so kleinen Gassen, hatte in vielen Winkeln schon geschlafen. Wenn im Winter die Temperatur unter minus vierzig Grad gefallen war, dann war er die Nächte wach geblieben und herumgelaufen. Im Wald hätte er sich eine Behausung bauen können, um nicht bei der erstbesten Gelegenheit zu erfrieren. Doch hier in der Stadt wurde er weggescheucht, sobald er ein paar Lumpen in einem Hauseingang ausbreitete. Dann drohten die Leute gleich mit der Armee. Und Wolodja wollte um keinen Preis einem von denen auffallen. Was er brauchte, war ein Ort, an dem er ungestört sein konnte, um zu überlegen, wie es mit ihm und seinem Leben weitergehen konnte. Er brauchte eine Bleibe, einen Platz zum Schlafen zumindest für einige Wochen, bis er entschieden hatte, was immer es nun zu entscheiden gab. Von Dmitri, einem Landstreicher aus den Bergen, hatte er gehört, dass es einen alten Bäcker am Rande der Stadt geben sollte, der sich über die staatlichen Zuteilungen hinwegsetzte und über seiner Backstube ein Zimmer vermietete.

»Kostet ein halbes Vermögen, aber den Duft von frisch gebackenem Brot gibt es umsonst«, hatte Dmitri gesagt und zahnlos gelächelt.

Wolodja hatte sich gewundert, warum Dmitri, der ansonsten nicht gerne teilte, diese Information an ihn abtrat.

»Ich bin schon auf halbem Weg nach Jakutsk«, hatte dieser geprahlt. Aus seinem Mund hatte es wie eine Verheißung geklungen.

»Was willst du da?«

Dmitri hob die Schultern und schürzte die Oberlippe, so dass sein nacktes Zahnfleisch zum Vorschein kam. »Was willst du hier in Srednekolymsk?«

Wolodja klopfte an die Hintertür der Backstube. Und obwohl das weiße Brot hier den Gerüchten nach mit Sägespänen gestreckt wurde und deshalb schwer im Magen lag, betörte ihn der Duft, und sein Bauch verkrampfte sich, als die Tür geöffnet wurde.

»Wer stört?«, fauchte der alte Bäckermeister.

Wolodja erklärte sein Anliegen und sah dabei zu Boden. Sein Gegenüber musterte ihn.

»Und der Hund?«

»Kann draußen schlafen.«

Der Bäcker nickte.

»Ein reinrassiger Laika?«

Wolodja betrachtete den Hund, der aufmerksam neben ihm saß.

»Ja.«

Das Zimmer hatte ein winziges Fenster, das mit einer Holzplatte verrammelt war. Durch die Ritzen drang der süßliche Geruch des frischen Brotes. Im Halbdunkel lag eine nackte Matratze, an der Wand hing ein Waschbecken.

Der Bäcker zeigte darauf. »Funktioniert nicht.«

Für einen kurzen Augenblick unterdrückte Wolodja einen tiefen stechenden Schmerz. Eine Matratze und ein Dach für ihn allein, das war mehr, als er seit langer Zeit hatte erhoffen können.

»Wie viel?«, fragte er.

Der Bäcker sagte eine Summe, die Wolodja nicht hatte.

»Monatlich im Voraus.«

Wolodja versuchte sich den Raum einzuprägen, um auf der Bank am Busbahnhof davon träumen zu können. Er musste sparen, doch erst einmal musste er Geld verdienen. Außer ein paar Stunden als Packer für die Fernbusse, die die Stadt einmal wöchentlich verließen, hatte niemand ihm Arbeit gegeben.

»Ich komme wieder.«

»Du kannst den Hund als Anzahlung dalassen«, sagte der Bäcker und griff dem Tier in den Nacken. Der Hund gab keinen Laut von sich.

Wolodja schüttelte den Kopf. »Ich komme wieder, wenn ich genug Geld habe.«

Der Bäcker lachte gehässig. »Na, dann viel Glück. Wie im Gold ist es hier nicht gerade.«

Anatoli von der Busstation hatte ihm etwas vermittelt.

»Da kannst du mit einer goldenen Nase wieder rauskommen«, prahlte er.

Wolodja war misstrauisch. Zwar kannte er Anatoli als zuverlässigen Arbeiter für die Busbetriebe, aber ebenso als Glücksspieler, der seine Schulden nicht beglich.

»Was springt für dich dabei raus?«

»Nur eine kleine Vermittlungspauschale.« Anatoli hielt die Hand vor die Augen und zeigte eine erbsengroße Lücke zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Und für mich?«

»Genug, damit du dein kleines Schlösschen für ein paar Monate bezahlen kannst und dir der Bäcker nicht in die Quere kommt.«

Wolodja nickte und sah hinunter zu dem Hund, der entspannt auf der Seite lag, als hätte er mit alldem nichts zu tun.

»Gut«, sagte er und verzog keine Miene.

Anatoli klatschte in die dicken Hände. »Nach Feierabend bringe ich dich zu ihm.«

Anatoli zerrte Wolodja in das Gasthaus. Der Eingangsbereich war so vornehm eingerichtet, dass er sich seiner selbst schämte. Die Sessel, die zu einer kleinen Gruppe um einen flachen Teetisch standen, schienen den Gästen einzig zum Verweilen zu dienen. Wolodja überlegte, wie wunderbar man auf den weichen Polstern schlafen musste. An der Decke hing ein Lüster, der wirkte, als wäre er ein Überbleibsel aus der Zarenzeit. Der Gastwirt schüttelte den Kopf, als er den Hund sah. Ohne Zögern ließ Wolodja ihn vor der Tür sitzen.

»Willst du ihn nicht anbinden?«, hatte Anatoli gefragt.

»Nicht nötig.«

Nun stand Anatoli am Tresen und gestikulierte wie sonst nur am Kartentisch. Als wäre er selbst Gast des Hauses, drehte er sich um und schlenderte auf Wolodja zu, der noch immer am Eingang stand.

»Er kommt gleich.«

Wolodja nickte und rieb vorsorglich die Handinnenflächen an seiner Hose ab. Es bildeten sich kleine Röllchen vom Schmutz der letzten Nächte im Freien. Als Anatoli ihn anstupste, sah er auf.

Der Mann, der die Treppe herunterkam, war groß und hager und viel zu dünn angezogen. Er trug ein sauberes helles Hemd, darüber einen Pullover, der nicht vermuten ließ, dass er vorhatte, das Hotel am Abend noch einmal zu verlassen. Auf langen, dünnen Beinen machte er selbstsichere Schritte auf sie zu.

»Privet.« Sein Russisch klang geborgt.

Anatoli begrüßte ihn per Handschlag.

»Guten Tag.« Er machte eine Verbeugung, als wäre ihm ein Kunststück gelungen. »Herr Warendorf ist aus Deutschland, musst du wissen«,...

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