Zoopolis

Eine politische Theorie der Tierrechte
 
 
Suhrkamp Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Oktober 2013
  • |
  • 608 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-518-73432-2 (ISBN)
 
Massentierhaltung, Fleischskandale, Tierversuche - unser Umgang mit Tieren ist längst kein Nischenthema mehr, für das sich lediglich Aktivisten oder Ethiker interessieren, sondern steht im Fokus breiter öffentlicher Debatten. Allerdings konzentrieren sich die Diskussionen zumeist auf Fragen der Moral, darauf, welche moralischen Rechte und Interessen wir Tieren aufgrund ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten - zum Beispiel Schmerzen zu empfinden - zuschreiben müssen und welche moralischen Pflichten sich daraus für uns ergeben.

Sue Donaldson und Will Kymlicka gehen weit darüber hinaus und behaupten, dass Tiere auch politische Rechte haben. Im Rückgriff auf avancierte Theorien der Staatsbürgerschaft argumentieren sie dafür, ihnen neben unverletzlichen Grundrechten einen je gruppenspezifischen politischen Status zuzusprechen. Das heißt konkret: Bürgerrechte für domestizierte Tiere, Souveränität für Gemeinschaften von Wildtieren sowie ein »Stammgastrecht« für jene, die zwar nicht domestiziert sind, aber in unmittelbarer Nachbarschaft zu uns leben.

»Zoopolis« macht auf so kluge wie eindringliche Weise ernst mit der Tatsache, dass wir mit den Tieren untrennbar verbunden sind. Elegant und keineswegs nur für Spezialisten geschrieben, entwirft es eine neue, folgenreiche Agenda für das künftige Zusammenleben mit diesen Geschöpfen, denen wir mehr schulden als unser Mitleid. Das Tier, so sagt dieses Buch, ist ein genuin politisches Wesen. Wir schulden ihm auch Gerechtigkeit.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
Suhrkamp
  • 1,86 MB
978-3-518-73432-2 (9783518734322)
3518734326 (3518734326)
weitere Ausgaben werden ermittelt
<p>Sue Donaldson lebt als freie Schriftstellerin in Kingston, Kanada. Sie ist Autorin mehrerer Essays, Theaterstücke und Bücher.<br />
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<p>Will Kymlicka ist Politikwissenschaftler und Philosoph, hat in Oxford promoviert und ist derzeit Professor für Politische Philosophie an der Queen's University in Kingston. Zudem lehrt er regelmäßig an der Central European University in Budapest und war Berater der kanadischen Regierung. Weltweit berühmt wurde er durch seine Arbeiten zum Thema »Multikulturalismus« und seine Einführung in die Politische Philosophie, die als Standardwerk gilt und in 17 Sprachen übersetzt wurde. Kymlicka ist Fellow der Royal Society of Canada, war Präsident der American Society for Political and Legal Philosophy und wurde u. a. mit dem hoch dotierten Izaak-Walton-Killam-Preis ausgezeichnet.<br />
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<p>Joachim Schulte ist Autor mehrerer Bücher über Ludwig Wittgenstein und Mitherausgeber der Kritischen Editionen von Wittgensteins Hauptwerken.</p>

1 - Cover [Seite Cover]
- 1 [Seite 1]
2 - Info zum Buch [Seite Info zum Buch]
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3 - Impressum [Seite Impressum]
- 4 [Seite 4]
4 - Inhalt [Seite 5]
5 - [Seite ]
1 Einleitung - 7 [Seite 7]
6 - Teil I Eine erweiterte Theorie der Tierrechte [Seite 45]
6.1 - [Seite ]
2 Universelle Grundrechte für Tiere - 47 [Seite 47]
6.2 - [Seite ]
3 Erweiterung der Tierrechte durch die Theorie der Staatsbürgerschaft - 118 [Seite 118]
7 - Teil II Anwendungen [Seite Teil II Anwendungen]
- 159 [Seite 159]
7.1 - [Seite ]
4 Domestizierte Tiere in der Tierrechtstheorie - 161 [Seite 161]
7.2 - [Seite ]
5 Domestizierte Tiere als Staatsbürger - 224 [Seite 224]
7.3 - [Seite ]
6 Die Souveränität wildlebender Tiere - 344 [Seite 344]
7.4 - [Seite ]
7 Tiere im Schwellenbereich als Einwohner - 467 [Seite 467]
7.5 - [Seite ]
8 Schlußbemerkungen - 557 [Seite 557]
8 - Dank [Seite Dank]
- 570 [Seite 570]
9 - Literatur [Seite 573]
10 - Register [Seite 595]

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Einleitung


Die Tierschutzbewegung steckt in einer Sackgasse. Freilich habendie vertrauten, in den letzten 180 Jahren ausgearbeiteten Strategien und Argumente zur Artikulierung von Problemen und zur Mobilisierung der öffentlichen Meinung für Tierfragen in einigen Punkten zu einem gewissen Erfolg geführt. Andererseits sind die in diesen Strategien angelegten Grenzen zunehmend klar geworden und haben es unmöglich gemacht, einige der besonders gravierenden Herausforderungen in unserem Verhältnis zu Tieren anzugehen oder auch nur als solche zu erkennen. Im vorliegenden Buch geht es uns darum, einen neuen Rahmen bereitzustellen, in dem die Tierfrage im Mittelpunkt der Diskussion darüber steht, wie man über das Wesen unserer politischen Gemeinschaft sowie über deren Vorstellungen von Staatsbürgerschaft, Gerechtigkeit und Menschenrechten theoretisieren soll. Dieser neue Rahmen eröffnet in begrifflicher wie in politischer Hinsicht beispiellose Möglichkeiten, die heutzutage dem progressiven Wandel im Weg stehenden Hindernisse zu überwinden.

Die Geschichte der Tierschutzbewegung ist lang und ehrenvoll. Die erste Society for the Prevention of Cruelty to Animals wurde 1824 in Großbritannien gegründet, und zwar in erster Linie zur Verhinderung der Quälerei von Kutschpferden.1 Seit diesen be8scheidenen Anfängen hat sich die Bewegung zu einer dynamischen gesellschaftlichen Kraft entwickelt, die zahllose Tierschutzorganisationen in der ganzen Welt umfaßt sowie eine reichhaltige Tradition von öffentlichen Debatten und akademischen Theorien über die ethische Behandlung von Tieren. Außerdem hat die Bewegung einige politische Siege zu verzeichnen, die vom Verbot bestimmter Formen der Jagd bis zu Gesetzen reichen, die Tierquälerei in den Bereichen Forschung, Landwirtschaft, Jagd, Zoo- und Zirkushaltung untersagen. Das 2008 in Kalifornien abgehaltene Referendum zur Gesetzesinitiative 2, bei dem 63 Prozent für ein Verbot von engen Mastställen für Schweine und Kälber sowie von Legebatterien stimmten, ist nur eines von vielen neueren Beispielen dafür, daß es Aktivisten gelungen ist, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Frage des Tierwohls zu lenken und zur Herausbildung eines umfassenden politischen Konsenses zugunsten der Einschränkung von extrem brutalen Praktiken der Tierhaltung beizutragen. Wenn man die gesamten Vereinigten Staaten heranzieht, wurden in den letzten zwanzig Jahren 28 von 41 Referenden zugunsten von Maßnahmen zur Verbesserung des Tierwohls angenommen. Das ist, verglichen mit der Geschichte beinahe ausnahmsloser Mißerfolge solcher Initiativen zwischen 1940 und 1990, ein imponierender Fortschritt.2 Und es legt den Gedanken nahe, daß die Anliegen der Tierschutzbewegung im öffentlichen Bewußtsein zunehmend Wurzeln geschlagen haben, und zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Europa, wo 9die Gesetzgebung zugunsten des Tierwohls ohnehin weiter fortgeschritten ist (Singer 2003; Garner 1998).3

So betrachtet, läßt sich die Bewegung als großer Erfolg betrachten, der auf den bisher errungenen Siegen aufbaut und sich nach und nach immer höhere Ziele setzt. Diese Geschichte hat aber noch eine andere, eher finstere Seite. Aus einer stärker aufs Globale gehenden Perspektive möchten wir geltend machen, daß die Bewegung weitgehend erfolglos geblieben ist. Die Zahlen erzählen ihre eigene Geschichte. Die unaufhörliche Expansion der menschlichen Bevölkerung und Entwicklung nimmt den wildlebenden Tieren immer mehr von ihrem Habitat. Unsere Bevölkerung hat sich seit den 1960er Jahren verdoppelt, während die Populationen freilebender Tiere um ein Drittel zurückgegangen sind.4 Außerdem wächst die Massentierhaltung immer weiter, um der Nachfrage nach Fleisch zu entsprechen (bzw. um sie zu schüren). Weltweit hat sich die Fleischproduktion seit 1980 verdreifacht, so daß die Menschen heute 56 Milliarden Tiere pro Jahr zu Nahrungszwecken töten (wobei im Wasser lebende Tiere nicht mitgezählt sind). Laut dem UN-Bericht Livestock’s Long Shadow (UN 2006) wird damit gerechnet, daß sich die Fleischproduktion bis 2050 nochmals 10verdoppelt. Überdies suchen die Firmen, die ja stets auf Kostenminderung bzw. neue Produkte bedacht sind, ständig nach neuen Möglichkeiten, Tiere in verschiedenen Bereichen der Produktion, der Landwirtschaft, der Forschung und der Unterhaltung effizienter auszubeuten.

Diese globalen Trends sind wirklich katastrophal. Sie stellen die bescheidenen Siege durch Reformen im Bereich des Tierwohls völlig in den Schatten, und es gibt keine Anzeichen dafür, daß sich an diesen Trends etwas ändern wird. Wir können damit rechnen, daß in der vorhersehbaren Zukunft Jahr für Jahr immer mehr Tiere herangezüchtet, eingesperrt, gequält, ausgebeutet und getötet werden, um den Wünschen der Menschen entgegenzukommen. Man darf wohl die provokativen Worte Charles Pattersons gebrauchen und sagen: Der allgemeine Zustand des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier läßt sich am besten als ein »Ewiges Treblinka« kennzeichnen,5 und nichts spricht dafür, daß sich an diesem Grundverhältnis etwas ändert. Die Wirklichkeit ist derart, daß die 11Ausbeutung der Tiere der Art und Weise, in der wir uns ernähren und kleiden, ebenso zugrunde liegt wie gewissen Formen der Unterhaltung und der Freizeitgestaltung sowie unseren Strukturen der industriellen Fertigung und der wissenschaftlichen Forschung. Die Tierschutzbewegung hat zwar an den Rändern dieses Systems der Tierausbeutung genagt, aber das System selbst bleibt bestehen, ja, es wächst und verwurzelt sich ständig, wobei es erstaun­lich ­selten zu öffentlichen Diskussionen darüber kommt. Manche Kritiker behaupten, die sogenannten Siege der Tierschutzbewegung – wie etwa die kalifornische Gesetzesinitiative 2 – seien eigentlich strategische Mißerfolge: Bestenfalls lenken sie die Aufmerksamkeit vom zugrundeliegenden System der Tierausbeutung ab, schlimmstenfalls beschwichtigen sie die moralischen Sorgen der Bürger und täuschen ihnen die trügerische Gewißheit vor, die Dinge besserten sich, während sie in Wirklichkeit schlimmer werden. Gary Francione meint sogar, diese reformistischen Bestrebungen dienten nicht der Bekämpfung, sondern der Legitimierung des Systems der Tierversklavung, indem sie einer sonst womöglich radikaleren Bewegung zugunsten echter Reformen die Spitze nehmen (Francione 2000, 2008).

Franciones These, reformistische Bestrebungen seien kontraproduktiv, ist in diesem Rahmen äußerst umstritten. Auch unter Tierschützern, die sich über das Ziel der letztlichen Abschaffung aller Formen von Tierausbeutung einig sind, gibt es Meinungs­verschiedenheiten über strategische Fragen im Bereich der Zuwachsbeschneidung, der relativen Vorzüge von Reformen des Bildungssystems, der direkten Aktion, des Pazifismus und des eher militanten Protests im Namen der Tiere.6 Nach 180 Jahren organi12sierten Tierschutzes dürfte jedoch klar sein, daß wir auf dem Weg zur Demontage des Systems der Tierausbeutung keine nachweisbaren Fortschritte erzielt haben. Kampagnen wie jene, die von den allerersten, im neunzehnten Jahrhundert beschlossenen Gesetzen gegen Tierquälerei bis hin zur Gesetzesinitiative 2 von 2008 reichen, können an den Rändern etwas voranbringen oder verhindern, aber gegen die sozialen, rechtlichen und politischen Grundlagen des »Ewigen Treblinka« richten sie nichts aus – ja, sie gehen nicht einmal darauf ein.

Nach unserer Auffassung ist dieser Mißerfolg ein vorhersagbares Resultat der Unzulänglichkeit des begrifflichen Rahmens, in dem die öffentliche Diskussion über Tierfragen geführt wird. Allzu vereinfacht gesprochen, wird die Debatte großenteils im Rahmen eines der drei folgenden moralischen Grundsysteme ausgetragen: Man orientiert sich an Fürsorge-Begriffen, an ökologischen Begriffen oder an einem Ansatz der Grundrechte. In den derzeit existierenden Formen hat sich keiner dieser Ansätze als fähig erwiesen, grundlegende Veränderungen des Systems der Tierausbeutung herbeizuführen. Nach unserer Überzeugung wird ein derartiger Wandel nur möglich sein, wenn es gelingt, einen neuartigen mo­ralischen Rahmen zu konstruieren, der die Behandlung der Tiere in direkterer Form mit liberal-demokratischen Fundamentalprinzipien der Gerechtigkeit und der Menschenrechte verknüpft. Das ist im Grunde das Ziel, um das es uns im vorliegenden Buch geht.

Die Erörterung der Grenzen der existierenden Ansätze, die sich auf Fürsorge-, ökologische oder Rechtsbegriffe stützen, wird zwar 13das ganze Buch durchziehen, aber vielleicht ist es nützlich, einen knappen Überblick über unsere Sicht auf dieses Gebiet zu geben. Unter »Fürsorge« verstehen wir eine Auffassung, die es akzeptiert, daß das Wohl der Tiere in moralischer Hinsicht eine gewisse Rolle spielt, den Interessen der Menschen jedoch untergeordnet ist. Dieser Anschauung zufolge sind Tiere keine Maschinen, sondern Lebewesen, die leidensfähig sind und deren Leid daher moralisch gesehen von Bedeutung ist. Laut einer Meinungsumfrage von 2003 sind nicht weniger als 96 Prozent der Amerikaner dafür, der Ausbeutung von Tieren gewisse Grenzen zu setzen.7 Diese Sorge um das Wohl der Tiere bleibt aber in einem Rahmen, der – in weitgehend unproblematisierter Form – davon ausgeht, daß Tiere innerhalb bestimmter Grenzen zum Vorteil der Menschen benutzt werden können. In...

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