Sommer in Edenbrooke

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Oktober 2021
  • |
  • 350 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-98897-1 (ISBN)
 
Ein romantischer Regency-Roman, um eine Heldin, die der Liebe über Umwege begegnet. Für alle LeserInnen, die nicht genug von viktorianischen Romanzen à la »Bridgerton« kriegen können »Ich sah ihr in die Augen und entdeckte darin mehr Kraft, Nervenstärke und Moral als je bei einer anderen Frau. Eine Falle schloss sich um mein Herz und in diesem Augenblick war ich hilflos.« Marianne Daventry würde alles dafür geben, der Langweile in Bath zu entkommen, wo ein lästiger Verehrer immer wieder versucht, sie für sich zu gewinnen. Deswegen zögert sie nicht, als sie eines Tages eine Einladung von ihrer Zwillingsschwester Cecily erhält, sie auf dem großen Landsitz Edenbrooke zu besuchen. Marianne hofft, dort in aller Ruhe entspannen und die schöne Landschaft erkunden zu können, während ihre Schwester damit beschäftigt ist, den attraktiven Erben von Edenbrooke zu umwerben - doch spätestens, als sie dem sehr unfreundlichen, aber sehr gut aussehenden Sir Philip in die Arme läuft, wird Marianne allmählich klar, dass man manche Dinge einfach nicht planen kann. Denn der geheimnisvolle Mann wird nicht nur ihr Herz in Aufruhr versetzen, sondern auch ihr ganzes Leben durcheinanderwirbeln ...
weitere Ausgaben werden ermittelt
Julianne Donaldson ist eine hoffnungslose Romantikerin. Sie hat Englische Literatur studiert, was ihre Leidenschaft fürs Schreiben nur noch verstärkt hat. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Salt Lake City, reist aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach England.

1. Kapitel


Bath, England, 1816

Letztlich war es die Eiche, durch die ich gedanklich auf Abwege geriet. Denn während ich unter ihrer ausladenden, grünen Baumkrone entlangschritt, sah ich zufällig empor. Der Wind fuhr in ihre Blätter und ließ sie auf ihren Stielen herumwirbeln, und da ging mir jäh auf, wie lange ich selbst nicht mehr vor Freude herumgewirbelt war. Ich blieb stehen und sann darüber nach, wann mir das letzte Mal auch nur im Geringsten danach zumute gewesen war.

Just in diesem Augenblick pirschte sich Mr Whittles heran.

»Miss Daventry! Was für eine unerwartete Freude!«

Erschrocken fuhr ich zusammen und sah mich verzweifelt nach Tante Amelia um, die auf dem Kiesweg weitergegangen sein musste, während ich im Schatten des Baumes verweilt hatte.

»Mr Whittles! Ich . ich habe Sie gar nicht kommen hören.« Gewöhnlich horchte ich immer mit zumindest einem Ohr, ob er mir nachstellte. Doch die Eiche hatte mich vollkommen in Anspruch genommen.

Er strahlte mich an und verbeugte sich so tief, dass sein Korsett knarzte. Mein Blick fiel auf sein schütteres Haar, das er sich mit Pomade über den Schädel drapiert hatte, und auf sein breites, schweißglänzendes Gesicht. Dieser Mann war mindestens doppelt so alt wie ich und von unerträglicher Lächerlichkeit. Aber keine von all seinen abstoßenden Eigenschaften löste ein solch fasziniertes Entsetzen in mir aus wie sein Mund. Wenn er sprach, flatterten seine Lippen derart, dass sich darauf ein Speichelfilm bildete, der sich sodann in seinen Mundwinkeln sammelte. Ich bemühte mich, diese Stelle nicht ungebührlich anzustarren.

»Ein prachtvoller Morgen, nicht wahr? Eigentlich fühle ich mich sogar bewogen zu sagen: >Oh, welch prachtvoller Morgen, oh, welch prachtvoller Tag, und welch prachtvolle Lady habe ich vor mir, ganz ohne Frag!<« Er verbeugte sich, als würde er Applaus erwarten. »Aber heute kann ich mit etwas Besserem als diesem Verslein aufwarten. Ich habe ein neues Gedicht geschrieben, eigens für Sie.«

Ich ging einen Schritt in die Richtung, in der ich Tante Amelia vermutete. »Meine Tante wäre entzückt, sich Ihr Gedicht anhören zu dürfen, Mr Whittles. Sie ist uns bestimmt nur ein paar Schritte voraus.«

»Aber Miss Daventry, ich hoffte doch, Sie mit meiner Dichtung zu erfreuen.« Er bewegte sich immer weiter auf mich zu. »Die Verse gefallen Ihnen doch, nicht wahr?«

Für den Fall, dass er meine Hand ergreifen wollte, verbarg ich sie hinter meinem Rücken. Eine unerfreuliche Erfahrung dieser Art reichte vollauf. »Ich fürchte, ich habe nicht dasselbe Verständnis für Dichtung wie meine Tante .« Ich sah mich um und atmete beim Anblick von Tante Amelia erleichtert auf, die auf der Suche nach mir den Weg entlangeilte. Meine unverheiratete Tante war eine ausgezeichnete Anstandsdame - eine Tatsache, die ich bis zu diesem Augenblick nie so recht zu schätzen gewusst hatte.

»Marianne! Da bist du ja! Ach, Mr Whittles, aus der Ferne habe ich Sie gar nicht erkannt. Wissen Sie, mein schlechtes Augenlicht .« Sie lächelte ihn glückstrahlend an. »Wollen Sie ein weiteres Gedicht zum Besten geben? Ich schätze Ihre Dichtung wirklich sehr. Sie sind so überaus wortgewandt!«

Meine Tante war das perfekte Gegenstück zu Mr Whittles. Durch ihr schlechtes Sehvermögen wurde die abstoßende Natur seiner Gesichtszüge abgemildert. Und da sie mehr Haare hatte als Verstand, entsetzten sie seine Abgeschmacktheiten im Gegensatz zu mir nicht. Tatsächlich hatte ich schon seit einiger Zeit versucht, Mr Whittles' Aufmerksamkeit von mir auf sie umzulenken, wenn auch bislang vergebens.

»Ein neues Gedicht habe ich tatsächlich.« Er zog ein Schriftstück aus seiner Rocktasche, strich zärtlich darüber und leckte sich die Lippen. Dabei blieb ein großer Speicheltropfen an der Unterlippe hängen. Unwillkürlich starrte ich darauf. Als Mr Whittles zu lesen anfing, wackelte der Tropfen, fiel aber nicht ab.

»Gar schmuck ist Miss Daventry anzuschaun, die Augenfarbe ziert sie sehr! Nicht ganz grün, durchaus nicht braun, sind sie vom Tone wie das Meer, äh, und sie sind rund.«

Ich riss meinen Blick von dem zitternden Speicheltropfen los. »Was für eine entzückende Idee - vom Ton des Meeres! Allerdings wirken meine Augen oft eher grau als blau. Daher würde mir ein Gedicht zusagen, in dem meine Augen grau sind.« Ich lächelte unschuldig.

»J-ja, natürlich. Ich habe mir selbst schon viele Male gedacht, dass Ihre Augen eher grau wirken.« Er legte seine Stirn in Falten. »Ah, ich hab's!«, rief er. »Ich werde sagen, dass sie den Ton eines stürmischen Meeres haben, da ein stürmisches Meer oft grau wirkt, wie Sie wissen. Das lässt sich leicht abändern, und ich muss das Gedicht deswegen nicht völlig umschreiben wie die letzten fünf Male.«

»Wie klug von Ihnen«, murmelte ich.

»Allerdings!«, bekräftigte Tante Amelia.

»Es geht noch weiter: Gar schmuck ist Miss Daventry anzuschaun, das gilt durchaus auch für ihr Haar! Von einem warmen, goldnen Braun, schimmert's im Kerzenschein gar wunderbar.«

»Bravo!«, lobte ich ihn. »Nur war mir bisher nicht bewusst, dass meine Haare einen goldenen Braunton haben.« Ich sah zu meiner Tante. »Ist dir dieser Gedanke schon einmal gekommen, Tante Amelia?«

Sie legte den Kopf schräg. »Nein. Noch nie.«

»Sehen Sie? Verzeihen Sie, dass ich Ihre Meinung nicht teile, Mr Whittles, aber ich möchte Sie gern zu Bestleistungen anspornen.«

Er nickte. »Fanden Sie es besser, als ich die Farbe Ihres Haares mit der meines Pferdes verglichen habe?«

»Ja«, seufzte ich. »Das war unendlich viel besser.« Allmählich hatte ich von meinem Spielchen genug. »Vielleicht sollten Sie sich schnurstracks auf den Heimweg begeben und das Gedicht umschreiben.«

Meine Tante hob einen Finger. »Aber ich habe schon oft gedacht, dass deine Haare dieselbe Farbe wie Honig haben.«

»Honig! Ja, das trifft es genau.« Mr Whittles räusperte sich. »Von einem warmen Honigbraun, schimmert's im Kerzenschein gar wunderbar.« Sein Grinsen lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf seinen feuchten Mund.

Ich schluckte krampfartig. Wie in aller Welt konnte eine einzelne Person so viel Speichel erzeugen?

»Nun ist es perfekt. Am Freitag werde ich es auf der Dinnerparty der Smith' vortragen.«

Mich schauderte. »Oh, Mr Whittles, das würde die Sache gänzlich verderben. Als Herzensangelegenheit behält man ein so schönes Gedicht doch für sich!« Ich griff nach dem Schriftstück. »Dürfte ich es bitte haben?« Nach kurzem Zögern reichte er es mir. »Vielen Dank!« Die Worte kamen aus tiefstem Herzen.

Nun erkundigte sich Tante Amelia nach dem Befinden seiner Mutter. Sobald Mr Whittles sich an die Schilderung der schwärenden Wunde am Fuß seiner Mutter machte, drehte sich mir der Magen um. Wie abstoßend! Um mich abzulenken, entfernte ich mich ein Stück von den beiden und sah in die Krone der Eiche hinauf, die schon zuvor meine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Es war ein herrlicher Baum, und mich packte eine frische Sehnsucht nach dem Land. Noch immer wirbelten die Blätter im Wind, und ich stellte mir die Frage, die mich vorhin hatte innehalten lassen: Wann war ich denn das letzte Mal richtig herumgewirbelt?

Einst war das Herumwirbeln eine Gewohnheit von mir gewesen, auch wenn Großmutter es als eine schlechte Angewohnheit bezeichnet hätte. Das wilde Herumwirbeln hatte sich zu meinen anderen schlechten Neigungen gesellt, wie stundenlang mit einem Buch im Obstgarten zu sitzen oder auf dem Rücken meiner Stute durch die Landschaft zu streifen.

Es musste über vierzehn Monate her sein, seit ich das letzte Mal vor Freude herumgewirbelt war. Vor vierzehn Monaten hatte ich, noch in unmittelbarer Trauer, mein Zuhause verlassen müssen. Ich war an der Türschwelle meiner Großmutter in Bath abgesetzt worden, während sich mein Vater für seine eigene Art der Trauerbewältigung nach Frankreich aufgemacht hatte.

Vierzehn Monate - das waren zwei Monate länger, als ich anfänglich befürchtet hatte, in dieser stickigen Stadt bleiben zu müssen. Ich hatte gehofft, ein Jahr der getrennten Trauer sei Strafe genug, auch wenn man mir nie einen Anlass zu dieser Annahme gegeben hatte. Daher hatte ich vor zwei Monaten, als sich der Todestag meiner Mutter zum ersten Mal jährte, den ganzen Tag die Rückkehr meines Vaters erwartet. Immer und immer wieder hatte ich mir vorgestellt, wie ich sein Klopfen an der Tür vernehmen und mein Herz vor Freude hüpfen würde. Ich hatte mir ausgemalt, wie ich zur Tür laufen und sie aufreißen würde. Hatte schon vor mir gesehen, wie Vater mir mit einem Lächeln verkünden würde, dass er gekommen sei, um mich wieder mit nach Hause zu nehmen.

Und doch war er an jenem Tag vor zwei Monaten nicht erschienen. Ich hatte die Nacht bei Kerzenschein aufrecht sitzend in meinem Bett verbracht und auf das Klopfen an der Tür gewartet, das mich aus meinem goldenen Käfig befreien würde. Doch der Morgen dämmerte, und noch immer war nichts dergleichen geschehen.

Seufzend sah ich wieder zu den im Wind tanzenden grünen Blättern empor. Schon seit geraumer Zeit hatte ich keinen Grund mehr zum Herumwirbeln gehabt - und das im Alter von siebzehn! Das war in der Tat ein Problem.

»Es sickert«, forderte Mr Whittles meine Aufmerksamkeit zurück. »Es sickert richtiggehend heraus.«

Tante Amelia, die ein bisschen grün um die Nase wirkte, hielt sich die behandschuhte Hand vor den Mund. Ich beschloss einzuschreiten. »Meine Großmutter wartet. Bitte entschuldigen Sie uns.«

»Selbstverständlich.« Wieder verbeugte er sich unter dem unvermeidlichen Knarzen des Korsetts. »Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen, Miss...

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