Die Reise ins Licht

METRO 2033-Universum-Roman
 
 
Heyne Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Dezember 2011
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07905-5 (ISBN)
 
Wie weit würdest du gehen, um das zu retten, was von der Menschheit übrig ist?

Wir schreiben das Jahr 2033. Nach einem verheerenden Atomkrieg vor 25 Jahren ist die Erde unbewohnbar geworden. Die wenigen Überlebenden haben sich in die Tunnel der U-Bahnen zurückgezogen. Dort tragen sie einen ewigen Kampf gegen sich selbst und gegen ihre mutierte Umwelt aus.

Der zwölfjährige Waisenjunge Gleb fristet sein Dasein in der Petersburger Metro, doch sein Leben ändert sich schlagartig, als er den Stalker Taran trifft. Gemeinsam mit einer Gruppe Söldner und einem Priester der neuen Religion "Exodus" begeben sie sich auf eine gefährliche Mission an die Oberfläche. Durch die Trümmer St. Petersburgs müssen sie sich nach Kronstadt durchkämpfen, denn dort wurden von Erkundungstrupps Lichtsignale gesehen. Doch von wem stammen die Signale?

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,53 MB
978-3-641-07905-5 (9783641079055)
3641079055 (3641079055)
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2


JAGDUNTERRICHT


Die Weggefährten passierten die Patrouille und betraten den schwarzen Schlund des Tunnels. Das behagliche Halbdunkel der Station blieb hinter ihnen zurück. Taran knipste die Lampe an, und ein heller Lichtstrahl durchschnitt die Finsternis. Gleb musste unwillkürlich blinzeln. Dieses Licht war wesentlich heller als das der Lampen von der Moskowskaja. Mit sicheren Schritten begann der Stalker die Bahnschwellen entlangzugehen. Gleb trippelte hinterher und musterte vorsichtig die Einzelheiten der Umgebung, die in den Lichtkegel gerieten: die Rohrleitungen, aus denen Feuchtigkeit sickerte, das verschimmelnde Kabelgeflecht, die rostige Bewehrung der rissigen Wände. Die Weggefährten sprachen kein Wort, doch die Stille war trügerisch. Durch das gleichmäßige Fallen der Wassertropfen und das kaum vernehmbare Heulen des Luftzugs im Tunnel drangen bisweilen entfernte Geräusche, deren Natur Gleb nicht bestimmen konnte. Ihm wurde unheimlich. Er war zum ersten Mal im Tunnel, und das war kein angenehmes Gefühl.

Weiter vorn war eine niedrige Seitenstrecke zu erkennen, mit kleinen Stufen, die irgendwohin in die Dunkelheit führten. Gleb wäre gern so schnell wie möglich daran vorbeigelaufen, doch der Stalker führte ihn geradewegs dort hinein. Die Stufen waren unerwartet schnell zu Ende. Sie liefen einige Meter durch einen engen Gang und betraten dann eine schmale Kammer, die mit allerlei Gerümpel vollgestopft war. Taran wühlte Trödel und Kabelrollen zur Seite, legte einen schweren Bügel frei und zog daran. Scheppernd öffnete sich eine Luke. Ein kurzer Abstieg durch einen vertikalen Schacht führte zu einem weiteren Korridor, dessen Ende sich irgendwo in der Ferne verlor.

»Schneller.« Der Stalker begann energischer auszuschreiten, seine Atmung beschleunigte sich.

Sie passierten eine Weggabelung, und plötzlich ging Taran in Laufschritt über. Vor ihnen tauchte ein weiterer vertikaler Schacht auf, der nach oben führte.

»Schneller!«

Panisch starrte der Junge in die Finsternis des Tunnels hinter ihnen. Vor wem liefen sie weg? Warum floh der bewaffnete Stalker vor diesem Jemand - oder Etwas - wie der Teufel vor dem Weihwasser? Ein paar Meter vor der Treppe taumelte Taran plötzlich und fiel zu Boden. Sein Gesicht verzerrte sich und sein Körper wurde von heftigen Krämpfen geschüttelt.

Gleb erstarrte ratlos. Da hatte er den Salat! Der furchterregende Kämpfer lag gekrümmt wie ein Embryo zu seinen Füßen, winselte leise und zitterte am ganzen Körper. Taran biss sich auf die Lippen und öffnete ungelenk seine Patronentasche. Ein unansehnliches Futteral fiel heraus und kippte seinen Inhalt auf den Beton. Ein paar Spritzen mit einer trüben Flüssigkeit . Der Junge ergriff eine von ihnen und reichte sie hastig dem Stalker. Mit zitternden Händen entriss der ihm die Spritze und versetzte seinem Sturmgewehr einen Fußtritt, dass es über den Boden schlitterte und gegen Glebs Schuhe prallte.

»Halte . den Durchgang .«, presste der Stalker heraus und rammte sich mit steifen Fingern die Spritze in den Oberarm.

Gleb hob das Gewehr vorsichtig auf und zielte in die Tiefe des Korridors. Mann, war das ein schweres Teil. Sein Finger ertastete den Abzug. Mit der Waffe in der Hand wurde er etwas ruhiger.

Der Stalker lag reglos da. Der Junge blickte sich um.

Tarans Atem ging nun gleichmäßiger und die verkrampften Muskeln lockerten sich allmählich. Nach fünf Minuten gespannten Wartens stand der Stalker auf, nahm Gleb das Gewehr aus der Hand und schob ihn zur Treppe.

Die Weggefährten kletterten an den rostigen Metallbügeln des Schachts nach oben und stiegen durch eine weitere Luke. Gleb wagte es nicht, den Stalker nach dem plötzlichen Anfall zu fragen, und später sollte er dazu keine Gelegenheit mehr haben. Ein Kippschalter klickte und ringsherum gingen Lampen an. Vor seinen Augen lag ein Raum von beeindruckender Größe. Was es hier nicht alles gab!

Die eine Wand war mit Doppelstockbetten zugestellt, auf denen sich allerlei Trödel stapelte. Entlang der anderen standen Fässer, Kanister, ein paar schwere Maschinen sowie eine lange Werkbank mit einem Berg von Werkzeug. Weiter hinten erblickte Gleb gleichmäßige Reihen von Konservendosen unterschiedlichster Art. Bis jetzt hatte er gedacht, das Wort »Konserven« bedeute Dosenfleisch. Umso größer war seine Verwunderung, als er die Bezeichnungen auf den Etiketten entzifferte.

»Such dir was aus . zum Futtern«, bemerkte Taran kurz angebunden und verschwand im Inneren der Behausung. »Und mir auch was.«

»Pfir-si-che«, las Gleb langsam. Auf dem ausgeblichenen Etikett schimmerte etwas Unbekanntes, Gelbes. Der Junge nahm sich eines dieser Wunderdinger und dazu noch ein paar Dosen mit der vertrauten Abbildung eines Rinderkopfs. Dann betrat er den nächsten Raum. Der Stalker hatte hier seine Küche.

Bald schon knisterten Holzscheite im Ofen und in einem gusseisernen Topf brodelte heißes Wasser.

Gleb setzte sich vorsichtig auf den wackeligen Hocker in der Ecke und lehnte sich an die raue Wand. Die Anspannung des Tages machte sich nun bemerkbar. Er nickte ein.

Dieses Mal träumte er von seinem Vater. Groß, schlank und immer frisch rasiert. Selbst wenn er von der Nachtschicht kam, nahm er sich als Allererstes eine Spiegelscherbe und das Rasiermesser und ging zu den Waschbecken. So war er Gleb in Erinnerung geblieben.

Als sich Vater und Mutter an jenem denkwürdigen Tag mit dem Treck zur Sennaja aufmachten, hätte es sich der Junge nicht träumen lassen, dass er seine Eltern das letzte Mal sah. An diesem Tag kehrte niemand zur Moskowskaja zurück. Erst einige Tage später erreichte die Station die Nachricht: Banditen aus dem Imperium der Veganer hatten die Marktstände an der Sennaja überfallen. Die Kolonisten von Vegan, die die grüne Linie der Metro besiedelten, hatten ursprünglich ein neues ökologisches System in der Metro einführen wollen, um eins zu werden mit der Natur. Man erzählte sich sogar, sie seien gar keine richtigen Menschen mehr. Vor allem aber waren sie für ihre Grausamkeit berüchtigt. Palytsch war der Einzige, der es zur Station zurückschaffte und von dem furchtbaren Gemetzel berichtete.

Ein scharfes, metallisches Geräusch riss Gleb aus seinen Träumen. Taran war gerade dabei, mit einem Fallschirmjägermesser geschickt die beiden Fleischdosen zu öffnen. Dann schüttete er ihren Inhalt in den Topf mit dem dampfenden Brei. Sorgfältig rührte er das einfache Gericht mit dem riesigen Messer um, warf zwei Aluminiumlöffel hinein und schob den Topf zu dem Jungen hin.

»Hau rein. Buchweizengrütze kennst du wohl nicht? Vor der Katastrophe waren die Läden voll damit.«

Der Junge schaute den Stalker vorsichtig von der Seite an. Taran nahm einen Löffel Brei und begann ungerührt zu kauen. Von dem Duft des einfachen, kräftigen Essens angeregt, schloss sich Gleb dem Mahl unverzüglich an. Er hatte früher schon einmal Grütze gegessen. Allerdings waren die Buchweizengraupen, die sie bei den »Stummeln« gegen Holz getauscht hatten, nicht annähernd so gut gewesen wie dieses herrliche Gericht.

Danach kamen die rätselhaften »Pfir-si-che« an die Reihe. Gleb begriff auf einmal, dass Essen nicht nur den Hunger stillen, sondern auch unbeschreiblichen Genuss bereiten konnte. Der Junge kniff lustvoll die Augen zusammen und verschlang den Inhalt der Dose auf einen Sitz. Dafür hatten sich die Mühen des vergangenen Tages gelohnt.

Gleb überwand seine Schüchternheit und brachte ein »Danke« über seine Lippen.

»Räum das hier auf, aber fass sonst nichts an.« Der Stalker ergriff sein Gewehr. »Ich muss nochmal kurz weg.«

Satt und müde entschloss sich Gleb zu fragen: »Geht es Ihnen wieder besser?«

Taran blieb im Gang stehen und blickte den Jungen erbost an.

»Stell keine unnützen Fragen, Junge. Jag mir den Mist einfach rein, wenn es mich wieder erwischt. Betrachte das als deine wichtigste Pflicht, von der dein nichtsnutziges Leben abhängt.«

Der Stalker verschwand hinter der Tür. Die Lukenklappe schlug zu.

Gleb blieb allein zurück mit seinen Fragen und seinen Eindrücken.

 

 

Der nächste Tag verlief im Wesentlichen ereignislos. Gleb streifte durch Tarans »Appartement« und betrachtete mit Interesse die seltsamen Vorrichtungen, das Gewirr von Röhren und die Regale, die vollgestopft waren mit Waffen jeglichen Kalibers und für jeglichen Geschmack. Hier und da blieb sein Blick an kleinen Tafeln mit rätselhaften Aufschriften hängen: »Umwälzgebläse«. »Generatorraum«. »Heizventil«. Sobald sein Magen zu knurren begann, machte sich der Junge daran, die weiteren Geheimnisse des Lebensmittellagers zu erforschen und beendete jede seiner Mahlzeiten mit dem Verzehr einer weiteren Portion göttlicher »Pfir-si-che«.

Auch den Hauptausgang aus dieser verborgenen Schatzkammer fand er schließlich: Eine Reihe von Stufen führte nach oben bis zu einer schweren, hermetischen Tür. Der rostigen Verriegelung nach zu urteilen, benutzte der Stalker diesen Ausgang nicht. Dafür entdeckte Gleb am hinteren Ende der Vorratskammer gleich neben den Brennstofffässern eine kleinere Tür. Hinter dem trüben Glas des vergitterten Fensterchens herrschte absolute Dunkelheit. Auf dem Boden neben der Tür erblickte er eine Tafel mit einem Text in akkurater Schablonenschrift. Mit den Fingern fuhr der Junge über die abgeblätterte Farbe und las: »Bunker Nr. .« Die Nummer war unleserlich. Darunter: »Verantw. Sasonow, W.P. Schlüssel beim diensthabenden Arzt des Krankenhauses Nr. 20, Tel. 371.« Das Folgende war wieder unleserlich.

Der Junge betrachtete die Tafel eingehend...

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