Das Weiße Schloss

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7975-6 (ISBN)
 

Sie sind ein glückliches Paar. Ada und Yves haben sich für ein Kind entschieden, doch fürchten sie die Unvereinbarkeit von Liebe, Karriere und Erziehung. Deshalb nehmen sie am Prestigeprojekt des Weißen Schlosses teil, wo Leihmütter Kinder fremder Eltern austragen und aufziehen, alles sozusagen Bio und Fair Trade. Elternschaft ist hier Beruf, überwacht und gelenkt von einem alles kontrollierenden Apparat. Der Nachwuchs kann jederzeit besucht werden. Über neun Monate zeigt der Roman die beiden auf dem Weg zum eigenen Kind, folgt den Veränderungen ihres Selbstbilds und ihrer Beziehung. Im Stile von Kazuo Ishiguros »Alles, was wir geben mussten« stellen sich wichtige Fragen unserer Zeit in eigener Versuchsanordnung: Ab wann ist Bindung ein Verlust von Freiheit? Was ist Familie? Sind die tradierten Rollenbilder von Mutter und Vater verhandelbar? Spielerisch erreicht »Das Weiße Schloss« eine stilistische Größe sowie eine gedankliche Tiefe voller literarischer Verweise und Fragestellungen und wird so zu einem fulminanten Gewebe von transzendenter Leuchtkraft.

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Christian Dittloff, geboren 1983 in Hamburg, studierte Germanistik und Anglistik in Hamburg. Während des Studiums arbeitete er in einer Psychiatrie sowie als Kulturjournalist in allen Formaten von Print bis Podcast. Anschließend studierte er Literarisches Schreiben in Hildesheim. Seit 2014 ist er Social Media Manager für die Komische Oper Berlin. Christian Dittloff lebt, arbeitet und schreibt in Berlin. »Das Weiße Schloss« ist sein erster Roman.

 

5.

Das Werkzeug lag verstreut um den Marmorblock, an dem Yves arbeiten wollte. Bisher waren noch keine Spuren zu sehen, das Material schien unberührt. Yves stand in der Nähe des Fensters zum Garten. Seine Hand ruhte auf dem gläsernen Schädel, einem, auf dem man früher in Hi-Fi-Geschäften besonders hochwertige Kopfhörer ausgestellt hatte. Darin ein schwarzes Objekt, sich bewegend. Ada kam näher und hörte ein Brummen.

Der Glaskopf hatte sie bereits als junges Mädchen fasziniert, und sie hatte oft im Kellerraum ihres Vaters gesessen, dort, wo er seine Schallplatten in einem orangefarbenen Plastikschuber unter der Stereoanlage aufbewahrt hatte. Auf dem rauen Teppich sitzend hatte sie den Schädel angestarrt, auf dem fest der schwarze Kopfhörer klemmte, von dessen Ohrmuscheln das Leder abblätterte. Sie hatte die Anlage eingeschaltet und den Glaskopf Musik hören lassen. Hatte darauf gewartet, die Musik in seinem Inneren sehen zu können oder dass sie dessen innere Windungen sichtbar machen würde wie ein Kontrastmittel. Doch nur eine der Schallplatten hatte den gewünschten Effekt für sie erzielt. Sie erinnerte sich nicht mehr an die Band, nur wie das Plattencover aussah: Die Grundfarbe war Gelb, darauf eine gemalte springende Figur in roter Hose, abgebildet aus der Froschperspektive. In der Hand hielt die Figur eine leuchtende Gitarre, blau oder grün. In derselben Farbe große, leuchtende Buchstaben, von leuchtenden Sternen flankiert. Eines der Worte: Hits. Die Musik hatte einen zackigen Gitarrenrhythmus, und die Lieder waren kurz und bebend, so sehr, dass sie förmlich sah, wie die Sterne vom Cover den Weg in den Glasschädel fanden und dort herumflogen im Takt. Für Ada blieb der Klang dumpf, weil der Kopfhörer den Glasschädel fest umschloss, aber sie hatte die Stelle trotzdem immer erkannt. Wenn die Sterne besonders schnell gegen die Schädeldecke sprangen, hatte sie sich den Kopfhörer aufgesetzt, um sie auch in sich zu spüren. Ada hatte den Kopf aus dem Keller ihrer Eltern mitgenommen, als sie deren Haus ausgeräumt hatten, kurz nach deren Tod, in den der Vater der Mutter folgte wie von einem unsichtbaren Band gezogen.

Lea und sie hatten sich um nichts streiten müssen, die Schwestern wollten ohnehin nur wenig von dem behalten, was ihre Eltern hinterlassen hatten. Nur in einigen Dingen hatten sich die Erinnerungen stellvertretend eingenistet. Ada hatte sich ein paar Tropfen des Aftershaves von ihrem Vater aufs Handgelenk geträufelt und hin und wieder daran gerochen, hatte unmittelbar Bilder aus der Kindheit vor Augen, ihren Besuch auf der Insel, die gelben Gummistiefel, die große dunkle Couch vor dem Kamin. Zu dieser Zeit war in ihr eine Gefühlsschleuse entstanden. Alle Worte, die an sie gerichtet wurden, befanden sich zunächst in diesem Zwischenraum in Ada und wurden von ihr gründlich beleuchtet, bereinigt und von scharfen Kanten befreit, bevor sie tiefer in sie eindrangen.

Lea und Ada standen im Wohnzimmer des Hauses, als Yves und Leas Mann Jonas durch die Terrassentür hinzukamen. Die Männer hatten im Garten des Einfamilienhauses eine Zigarette geraucht und sich über den Wert der Immobilie ausgetauscht. Die Preise waren in dieser Gegend in den letzten Jahren stark gestiegen, da sich immer mehr wohlhabende Paare mit Kindern in Stadtnähe ansiedelten, um die Vorzüge von Ruhe und gleichzeitiger Nähe zum Wirtschaftszentrum miteinander zu verbinden. Die Männer einigten sich darauf, dass die kleine Stadtvilla über eine Million Euro wert sei, obwohl keiner der beiden eine Ahnung von diesen Dingen hatte, und schnippten ihre Zigaretten in das feuchte Oktobergras.

Die Schwestern hatten das Testament des Vaters wie erwartet in dem Schreibtisch gefunden, an dem auch schon ihr Großvater sein Testament verfasst hatte, bevor er in den Krieg gezogen war. So machen das die alten Männer, dachte Ada, sie glauben, der Schreibtisch sei der Mittelpunkt ihrer Welt. Die oberste Schublade war verschlossen gewesen, doch sie waren längst von ihrem Vater in das Schlüsselversteck eingeweiht worden und auch, dass er den gemeinsamen Letzten Willen dort deponiert hatte. Das Dokument besagte, dass Ada und Lea von einhundert Prozent des Gesamtvermögens eine Hälfte sofort unter sich aufteilen sollten. Die andere Hälfte sei anteilig der Ausbildung der Enkelkinder zugedacht. Sollten die Schwestern weitere Kinder zeugen, als zum Zeitpunkt seines Todes geboren seien, würden sich die Anteile nachträglich verschieben. Auf diese Weise blieben Lea und Ada immer miteinander in Kontakt, und die Ausbildung der Enkelkinder sei abgesichert.

Im Keller wühlten die Schwestern durch die Fotoalben, ihre Männer im Rücken. Jonas sagte: »Das wäre eine fantastische Filmszene - die zweieiigen Zwillingsschwestern zeigen sich die Fotos ihrer Mutter und Großmutter.« Leas Mann war ein erfolgreicher Spielfilmregisseur, den die Kritik für seine besonders dichten Szenen lobte. Jonas und Lea hatten sich kennengelernt, weil sie sich umfassend mit seinem Werk auseinandergesetzt und nach erfolgreicher Promotion auch ihre Habilitation dazu vorbereitet hatte. Nach einem ersten professionellen Treffen fühlte sich der Regisseur so wertgeschätzt, dass er um ein zweites Treffen bat, das er jedoch Verabredung nannte. Die beiden verbrachten die Nacht miteinander, bekamen neun Monate darauf ihre erste Tochter. So wurde die weitere wissenschaftliche Arbeit zum Frühwerk von Jonas Lehmann nie fertiggestellt. Als er sich im Keller ihrer toten Eltern sie selbst vor die Linse dachte, sagte Lea: »Die Szene wäre sicher in Schwarz-Weiß gedreht. Die Schwestern würden rauchen und ein Loch in den Teppich brennen, um zu zeigen, dass sie das Leben des Patriarchen immer kritisch betrachtet haben. Der Blick der Kamera würde sich darin gefallen, in seinem Untergang das Aufkommen einer Ordnung zu sehen, dabei aber vergessen, dass sie die Schwestern auf eine Art und Weise in ihrer Umarmung, in ihrem Rauchen und Weinen zeigen würde, die doch die Rollenbilder des toten Patriarchen wiederholt.« Ada und Yves, Lea und Jonas, die vier schauten damals einander an und dachten dasselbe: ob die Rechnung des Vaters zur Aufteilung des Erbes aufgehen würde.

Das Foto in Adas Hand zeigte ihre Großmutter, ihre Mutter und die beiden Schwestern kurz vor dem Abitur. Ihre Großmutter war noch im selben Monat, über fünfzig Jahre nach ihrem Mann, gestorben, ihre Mutter in Pension gegangen und Lea und Ada im Laufe des folgenden Jahres ausgezogen.

Nach dem Krieg war ihre Großmutter Elfi gläubig geworden, weil sie einen Adressaten für ihre Scham brauchte. Sie schämte sich vor Gott für das, was sie getan hatte. Jeden Abend betete sie wie ein Kind an ihrem Bett und ging zu jedem Anlass in die Kirche, weil sie glaubte, so das Paradies denken zu dürfen, während die Gegenwart in Trümmern lag. Als die eine Tochter, Adas Tante, ein Kind gebar, ohne einen Mann dazu zu haben, schwor sie, alles zu tun, damit es nicht zur Familie gehörte. »Der Bastard nimmt mir nicht mein Himmelreich!«, hatte sie gesagt. Adas Mutter wollte niemals in der Armut ihrer eigenen Mutter und außerdem in Frieden leben. Dafür war sie bereit, ein Leben lang hart zu arbeiten in einem Job, der ihr keine Freude bereitete, in einem Büro, dessen Teppich ihr nicht gefiel, mit einer Kollegin, die sie freundlich verachtete. Nach der Pensionierung kam erst der Krebs, dann die Heilung und dann ein kurz aufleuchtendes Glück auf einer Kreuzfahrt, bei der sie und ihr Mann zur Sicherheit an Deck blieben, als das Schiff bei Barbados anlegte. Das Foto, das sie von Bord aus gemacht hatte, zeigte hinter dem weißen Strand die Silhouette der Insel, eine grüne Skyline, unterbrochen von beigefarbenen Hotels, und hing bis zu ihrem Tod im gemeinsamen Schlafzimmer in einem Wechselrahmen. »Diesen Blick auf die Insel haben nur wir«, hatten ihre Eltern lachend gesagt und die Gardine ihrer Außenkabine zugezogen, wenn die Sonne im Fenster gestanden hatte.

Die Großmutter hatte für das Jenseits gelebt. Die Mutter für ein Leben nach der Rente. Und Ada wollte in der Gegenwart leben.

Yves' Hand ruhte also auf dem Glasschädel, darin das Brummen so dumpf wie damals die Musik, ein fliegender schwarzer Fleck, der immer wieder an das Glas stieß. Yves winkte Ada mit einer schnellen Handbewegung näher, und sie sah, dass er stolz war. Und dann sagte er, dass es ihm gelungen sei, die Gedanken eines Menschen sichtbar zu machen, die ihm im Schädel brummten und herauswollten. All die Gedanken, die man nicht sagen könne. Zum Beispiel, weil man in einem Land sei, dessen Sprache man nicht spreche. Dass die Hummel die wirre Richtung der Gedanken aufzeige, die einander überwarfen, miteinander konkurrierten und immer lauter würden, je näher sie der Schädelwand kamen, und manchmal eben wieder verloren gingen und tief in den Schädel zurückfielen, bis in den Hals hinein. Und während er mit den Händen durch die Luft fuhr und bei dem Wort Gedanken in seine Locken griff, trat Ada näher an ihn heran, griff seinen Hosenbund, lüpfte das weiße T-Shirt, um an seine Haut zu gelangen, die warm war, und fragte, ob es legitim sei, die tatsächliche Angst eines Lebewesens als Sinnbild für ein menschliches Problem auszustellen, und näherte sich seinem Hals mit halb geöffneten Lippen. Yves schob Ada zurück, denn er mochte es nicht, wenn sie die körperliche Ebene zwischen ihnen ins Spiel brachte, während er über seine Kunst sprach. Er halte es für ein duldbares Opfer, dem Leiden eines Lebewesens einen Sinn zu geben, der größer sei als das Lebewesen. Die Hummel wäre so zu einem höheren Zweck erhoben, den sie zwar nicht verstehe, aber das sei eben der Unterschied zwischen Insekt und Mensch. Ein Mensch könne keine Metapher sein.

»Weißt du,...

»Voller Fragen ohne einfache Antworten, beklemmend und faszinierend zugleich.«, NDR Kultur "Neue Bücher", 01.08.2018
 
»Ein hochinteressanter - ein reifer erster Roman.«, Hamburger Abendblatt, 24.08.2018
 
»Christian Dittloff ist es einfach gelungen ein großartiges Bild einer zukünftigen Beziehung und heranreifenden Familie in einer fortschreitenden Gesellschaft darzustellen.«, booksandnotes.de, 20.08.2018
 
»Wahnsinnig provokant und das mit Absicht.«, Radio Eins "Schöner Lesen", 27.08.2018
 
»Ein packender und sprachlich hervorragender Zukunfts-Roman, der uns alle angeht.«, kianu.lichtscheu.org, 31.08.2018
 
»Ein äußerst interessantes sozialutopisches Gedankenexperiment, für Leser/innen, die sich an den detaillierten Sexszenen nicht stören, zu empfehlen!«, michaelisbund.de
 
»>Das Weiße Schloss< ist ein radikales wie rätselhaftes und vor allem starkes Debüt, das für mich ohne Frage zu den Highlights des Herbstprogramms gehört!«, fraeuleinjulia.de, 21.09.2018
 
»Eine Dystopie, die irgendwie keine ist. Denn dafür sind die Überschneidungen zu unserer Gegenwart zu gravierend. Ein hochinteressantes Thema!«, renies-lesetagebuch.blogspot.com, 10.10.2018
 
»Beachtliches Debüt«, Deutschlandfunk "Büchermarkt", 17.12.2018
 
»Ein bedrückender Roman in kühlem Ton geschrieben, der viele Fragen zu Gesellschaft, Familie und Elternliebe aufwirft.«, Westdeutsche Allgemeine, 24.01.2019

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