Veränderungen über einen Deutschen oder Ein fremdes Gefühl

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 437 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81191-9 (ISBN)
 
Man nennt ihn auch den Deutschen, den Walzer von Diabelli, über den Beethoven seine
33 Variationen komponierte. Irene Dische hat ihren großen Roman "Ein fremdes Gefühl" nach dieser Komposition und ihren Stimmungen geschrieben und nun vollkommen überarbeitet.
"Veränderungen über einen Deutschen" ist die Geschichte eines Mannes, der nicht weiß, was Liebe eigentlich ist. Sein Naturell und seine Begabungen brachten ihn dazu, sich ausschließlich den Geisteswissenschaften zu verschreiben. 33 Veränderungen lassen ihn, beinahe gegen seinen Willen, all die normalen menschlichen Empfindungen erfahren, bevor er schließlich so etwas wie die fast vollkommene Liebe findet. Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund der großen Veränderungen in Deutschland nach dem Fall der Mauer.

»Ein reiches Buch. Reich an Beobachtung, Lebenserfahrung, Galle, verhaltenem Pathos. Ein ganz schwarzer Schelmenroman. Vielleicht hat Irene Dische sogar recht. >Liebe kann nur dort entstehen, wo Hass den Boden freigetrampelt hat.<« Joachim Kaiser, Süddeutsche Zeitung.
»Ein einzigartiges Werk.« Neue Zürcher Zeitung
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,30 MB
978-3-455-81191-9 (9783455811919)
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Irene Dische wurde in New York geboren. Heute lebt sie in Berlin und Rhinebeck. Bei Hoffmann und Campe erschienen unter anderem der Romanerfolg Großmama packt aus (2005), der Erzählungsband Lieben (2006), die Neuausgabe ihres gefeierten Debüts Fromme Lügen (2007) und zuletzt der Roman Schwarz und Weiß (2017).

I


1 Marcia maestoso: Benedikts Familie, ihre Geschichte, sein Platz in ihr und seine gegenwärtige Notlage


Der kranke Mann nannte sich Herr Waller und nahm damit in aller Kürze – »Herr«, »Waller« – Stellung zu seiner Familie. Er gehörte einer Minderheit an, einer belagerten Bevölkerungsgruppe, einem Stamm, dessen Angehörige über die ganze Erde verstreut leben und dennoch behaupten, sie seien miteinander verwandt, und diese Verwandtschaft auch empfinden, ein solitäres Kraut, das sich nicht leicht mit anderen kreuzt. Die Gewißheit, zu den Auserwählten zu gehören, verbindet sie. Selbst die Ärmsten unter ihnen spüren es und versuchen, sich an ihre Traditionen zu halten. Ihrer Gruppe als Ganzem hat man von Zeit zu Zeit das Ansehen geraubt, einzelne jedoch nahmen oft wichtige Positionen in der Gesellschaft ein. Durch ihre Nachnamen verraten sie sich, durch ihr Äußeres, durch ihr Verhalten, auch durch ihr sonderbares Verhältnis zum Geld und dadurch, daß sie einander mit unfehlbarer Sicherheit erkennen, sogar in der Öffentlichkeit und ohne einander zu kennen. Der kranke Mann gehörte dem Adel an.

 

Seit er zum erstenmal mit anderen Kindern zusammengekommen war, seit seinem ersten Schultag, verabscheute er seinen vollständigen Namen, Benedikt August Anton Cecil August Graf Waller von Wallerstein. Er wurde schon rot, wenn er an all diese Anhängsel, diesen schäbigen Saum, nur dachte, und weigerte sich, die Schularbeiten mit seinem Namen zu versehen. Seine Lehrerinnen, unsicher aus diffusem Neid, hänselten ihn: »Bist du denn nicht stolz auf deine Familie?« Bei dem Wort »Familie« zuckte er jedesmal zusammen. Obwohl nicht viel von ihr übrig war, zumindest nicht viele lebende Exemplare. Seine Eltern waren, bevor seine Erinnerung sie noch ergreifen konnte, bei einem Ehekrach, der sich zum Autounfall beschleunigt hatte, ums Leben gekommen. Die beiden Überlebenden, Bruder und Schwester, wurden von wechselnden Besuchern, getreuen Dienstboten und einer Großmutter aufgezogen, die man aus einem Roulettesaal in Lindau eilig herbeigerufen hatte. In kleinen Beträgen verlor sie gern, nicht in großen; er war ihr einziger Sohn gewesen. Sie gab ihre Wohnung neben dem Casino auf und kehrte heim in das unbequeme, ein paar Kilometer abseits des Sees gelegene Schloß aus dem 14. Jahrhundert, nach Biederstein. Sie würde trauern, verkündete sie mit sanfter Stimme, die in tonloses Geflüster umschlug – im Bett, wo sie ihren grünen Gotha aufbewahrte. Hinter einer Flügeltür, die sich nach dem großen vorderen Saal öffnete, ließ sie sich ein Schlafzimmer herrichten.

Die Jahre vergingen. Über ihren Verlust sprach sie nicht mehr, aber sie blieb liegen; sie residierte jetzt zwischen den Laken. Dort machte sie sich Sorgen um ihre Gesundheit, durchstöberte die Bibel und astrologische Handbücher nach Ratschlägen und den Gotha nach Fakten, vertat Zeit, lutschte Pralinen, diktierte Einladungen an jeden, den sie kannte, flüsterte den Krankenschwestern, den Sekretären, den Chauffeuren, den Kindern Befehle zu, sparte Stunden, um sie noch einmal zu verwenden, und wetzte ihre Reizbarkeit an ihrem eisernen Lebenswillen. Im Gotha schlug sie nach, um herauszufinden, in welches der zwanzig Gästezimmer ein Besucher gehörte und welche Sorte Blumen ihm zustand; weniger erfolgreich war sie beim Gängeln der Jahreszeiten, deren Wechsel sie durch die Oberlichter ihres Schlafzimmerfensters verfolgte. Nasses Wetter machte sie wütend, weil bei nassem Wetter die hauchzarten Seiten ihrer alten Bücher zusammenklebten. Angeblich betete sie viel, aber niemand wußte Genaues, so wie auch nie jemand sie hatte essen sehen, wenngleich ihr Umgang mit der Bettpfanne von den Krankenpflegerinnen oft und ausgiebig besprochen wurde. Abends stießen die Diener die scharrenden Türflügel zu ihrem Schlafzimmer auf, und dieses für das Ohr des Hundes äußerst peinigende Geräusch löste jenes Heulen aus, das nun täglich zum Abendessen rief. Den Vorsitz über die Tafel, die man mit dem einen Ende vor ihre Tür gerückt hatte, führte sie vom Bett aus. Nie rührte sie sich von der Stelle, und doch war ihre wirksamste Einschüchterungsmethode der Überfall aus dem Hinterhalt. Sie richtete sich in ihrem Bett auf, zog die Falten ihres Gesichts bei den Ohren zu kleinen Bündeln zusammen und fragte ihre Besucher, ob sie sich liften lassen solle. Einmal fuhr sie hoch und ohrfeigte eine Amerikanerin, die den Schwarzwald mit den Catskills verglichen hatte. Ihre Spottlust war auf Besucher angewiesen. Wenn sie gegangen waren, rief sie die Kinder zu sich und fragte sie nach ihren Eindrücken. Zuerst schnaubte sie verächtlich über die geringe Beobachtungsgabe der beiden, dann zeigte sie ihnen, was sie alles übersehen hatten, indem sie die Gäste nachahmte, am grausamsten jene, denen ihrer Ansicht nach die vorzüglichste Behandlung gebührte. Nach der Vorstellung äugte sie aus ihren Kissen hervor, wartete, bis das Gelächter ihrer Enkel anschwoll und ausgelassen klang, und fiel dann über sie her, weil sie sich über Leute lustig machten, denen sie Respekt schuldeten. Verschüchtert zogen sich die Kinder zurück und wünschten, sie wäre tot. Benedikt liebte nur seine Schwester, die im Augenblick des Aufpralls bei ihm gewesen war und mit der er jeden Morgen auf dem Fahrrad unter Bögen und Toren hinausfuhr, an Rotwild und Hunden vorbei, über die Brücke, den Feldweg entlang, bergab zur Dorfschule. Anfangs verabscheute er nur seine Großmutter, dann haßte er auch das Hauspersonal, die Lehrerinnen und schließlich, sogar besonders heftig, seine Altersgenossen.

 

Sadistische Phantasien erfüllten den Jungen. Nach der Schule stapfte er die enge Treppe zu seinem kärglichen, runden Zimmer in einem der Türme hinauf – schon als Kind hatte er einen schleppenden, bedächtigen Gang. Er zog den weißen Musselinvorhang vor das kleine Fenster, öffnete eine hölzerne Truhe voller farbiger Schulhefte, wählte eines aus, dazu einen Stift vom Tisch, legte sich auf sein Bett, ein hartes, historisches Möbel, das er mit unzähligen Vorfahren teilte, und fing an zu zeichnen. Er zeichnete immer das gleiche: Strichmännchen, die sich mit Schwertern, Speeren, Knüppeln, Peitschen bekriegten. Den Stift nahm er in die Faust und drückte so fest zu, daß die Spitze das Papier durchstieß. Er biß sich auf die Zunge und schmeckte manchmal Blut auf den Lippen. Seiner Lehrerin war schon aufgefallen, daß er ungeschickte Hände hatte. Realistisch zeichnen konnte er nicht. Dafür war er ein Meister des breiten Krakelstrichs und des platzenden Kreises. Seine Figuren stürmten voran, wirbelten herum, schrien. Von diesem Steckenpferd abgesehen, war er der sanftmütigste Knabe, den man sich vorstellen kann. In der Schule stritt er sich nie, lehnte höflich ab, Partei zu ergreifen, und mochten die anderen ihn auch noch so sehr hänseln oder ihm sogar weh tun – nie schlug er zurück. Er lief auch nicht weg. Er wußte, was Ehrgefühl war, und hielt die andere Wange hin. Seine Onkel machten ein erstauntes Gesicht, wenn er sich weigerte, mit ihnen auf die Jagd zu gehen, und nie setzte er einen Fuß in die Schloßkapelle, weil die Kreuzigung einen unbändigen Widerwillen in ihm erregte. Sein würdevoller Gang war eine Vorsichtsmaßnahme. Er wollte keine Insekten zertreten. Seine Angehörigen nannten ihn Lämmchen.

 

Mit dreizehn oder vierzehn hörte er auf, kämpfende Männer zu zeichnen. Statt der farbigen Schulhefte kaufte er Zeitungen. Jetzt fesselte ihn die soziale Ungerechtigkeit, die in den Meldungen zur Sprache kam, und im Laufe der Zeit entdeckte er diese Ungerechtigkeit auch zu Hause. Er wurde Sozialist. Seine Anschauungen trudelten an den schlammigen Ufern der Linken entlang. Aber diese Ufer waren so glitschig, daß er nicht Fuß fassen konnte. Das bißchen Geld, das er bekam, gab er für verschiedene gute Zwecke aus. Er konnte nicht nein sagen. Dieses Wort stand ihm einfach nicht zu Gebote. Jedem, der ihn darum bat, schenkte er Geld, und niemand schenkte ihm deshalb Achtung. Seine Freigebigkeit war frei von Hintergedanken, er teilte einfach mit anderen, was er selbst nicht brauchte, sein Verlangen nach Geld oder leiblichen Genüssen war gering. Es lag ihm auch nichts an Erfolg oder Beifall, und seine Begabungen hielt er für eine Selbstverständlichkeit; die Natur war großzügig mit ihm gewesen. Benedikt Waller wuchs zu einem stattlichen jungen Mann heran. Er war groß und ebenmäßig wie ein Schrank, mit goldenem Haar und großen blauen Augen, denen jede Wärme fehlte – er hatte also etwas Nobles an sich. Er war nicht stolz auf sein Aussehen; sowenig er sich um andere kümmerte, so gleichgültig war ihm, was sie über ihn dachten. Schönheit indessen beschäftigte ihn sehr. Hier war die Kraft seiner Wünsche vor Anker gegangen. Er liebte abstrakte Spekulationen, Mathematik und alle Arten von technischen Leistungen. Fairneß war eine Art von Symmetrie, und deshalb war ihm ein kommunistischer Staat lieber als ein anderer, deshalb verurteilte er die deutsche Vergangenheit, und schon der Gedanke, ein Deutscher zu sein, mißfiel ihm. Mit sechzehn gab er zum erstenmal Geld für sich selbst aus. Er kaufte aus einem amerikanischen Versandhauskatalog ein Jena-Teleskop und stellte es im obersten Raum des höchsten Turms auf, unter der Dachluke des sogenannten Angstzimmers, wo sich die Kinder, die Frauen und andere schwache Vorfahren einst versteckt hatten, wenn das Schloß angegriffen wurde, und wo spätere Verwandte die Turmuhr eingebaut hatten, einen gewaltigen Mechanismus, der die Zeit durch das ganze Haus pochte. Hinter seinem Teleskop neben dem düsteren, knirschenden Uhrwerk hockend, entdeckte er Einfalt und Größe des Universums....

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