Ein Job

Neuausgabe
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 158 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81187-2 (ISBN)
 
"Ein Buch wie ein Revolver!" Der Spiegel
Ein kurdischer Killer kommt nach New York, spricht kein Wort Englisch und findet die Amerikaner höchst merkwürdig. Er hat einen Auftrag, der ihn noch mehr verstört; er soll die Familie eines türkischen Geschäftsmannes erledigen, aber Frauen und Kinder tötet er nun mal nicht gern. So verliert er die Ruhe, die er allerdings für seinen Job dringend braucht. Ein Job ist ein völlig ungewöhnlicher Thriller, weil Irene Dische ihn geschrieben hat - mit der ihr eigenen Lakonik, mit bissigem Witz und pfeilscharfem Blick für die wundersame Welt New Yorks. Sie spickt ihre Erzählung mit kurdischen Redewendungen, absurden und wahren Lebensweisheiten und erprobtem Ehrverständnis. "Irene Dische lässt sich nicht festlegen. Einen Kriminalroman verspricht sie, hält sie und liefert dazu eine bissige Komödie, ein neues Märchen aus der Schwarzen Serie. Unverhohlenes Lesevergnügen." Die Zeit
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,87 MB
978-3-455-81187-2 (9783455811872)
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Irene Dische wurde in New York geboren. Heute lebt sie in Berlin und Rhinebeck. Bei Hoffmann und Campe erschienen unter anderem der Romanerfolg Großmama packt aus (2005), der Erzählungsband Lieben (2006), die Neuausgabe ihres gefeierten Debüts Fromme Lügen (2007) und zuletzt der Roman Schwarz und Weiß (2017).

1


Im Winter des kurdischen Jahres 2603, also einige Jahre vor Anbruch des dritten christlichen Jahrtausends, kam Alan mit dem Flugzeug aus Frankfurt am Main nach New York City – ein Mann, der nur sich selbst und der eigenen Erbarmungslosigkeit traute. Hoffentlich mußt du nie nach New York, denn da kribbeln und krabbeln lauter Einwohner ohne Namen herum, und keiner von denen spricht richtiges Englisch wie du und ich. Als Alan in die Halle mit den Schaltern der Einreisekontrolle kam, wurde ihm seine Erniedrigung deutlich. Sie stand an allen Wänden: Plakate, auf denen ungewöhnlich schöne Menschen die allergewöhnlichsten Dinge taten, sich die Zähne putzten oder einen Hamburger aßen. Alan empfand sofort Beschämung: So jung war er nicht mehr, und er sah auch nicht mehr so gut aus. Erschöpft und unfroh erreichte er die erste Hürde, die Paßkontrolle.

Dort schenkte ihm niemand große Beachtung. Überhaupt läßt sich von Alan sagen, daß er Leuten, die ihn nicht kannten, so gut wie nie auffiel. Mit soviel Getöse wie ein Schatten ging er seiner Wege. Alles an ihm war dunkel, der steife Wollmantel und auch seine Gesichtszüge – hila hila!: immerhin waren diese Züge außerordentlich, die Augen schwarz wie feuchte Erde, und der Zweitagebart mit seinen klaren Konturen unterteilte das Gesicht eindeutig in Hell und Dunkel, Oben und Unten. Nase, Mund und Kinn waren so fein geschnitten und so gleichmäßig angeordnet wie die Grabsteine auf einem gepflegten Friedhof. Und doch blieb niemandes Aufmerksamkeit je an ihnen hängen, weil die Zurückhaltung in seiner Miene alle Neugier abgleiten ließ.

Alan kam mit fast leeren Händen nach Amerika, hatte außer einer Stange zollfreier Zigaretten in einer Plastiktüte nichts dabei. Seine Taschen waren leer, bis auf den nagelneuen deutschen Paß. Das kostbare Dokument erregte bei dem amerikanischen Beamten keine Bewunderung – nicht mal Mißtrauen. Der prüfende Blick auf das Paßfoto und das Zuklappen des grünen Büchleins waren eine einzige Bewegung, und schon knurrte der Staatsdiener: »Willkommen in den Vereinigten Staaten.« Er sah auf seine Uhr, es war bald Mittag.

Alan ging zum Ausgang, vorbei an den Gepäckbändern. Was dort vor sich ging, erfüllte ihn mit Grausen – die Gleichbehandlung, die diese Apparatur jeglicher Habe angedeihen ließ. Wie gut, daß er gar nicht in die Versuchung hatte geraten können, seinen Ziegenlederkoffer mit dem Innenfutter aus roter Seide der Demokratie auszusetzen. Als sich die Tür zur Ankunftshalle öffnete, sah er hinter einer Absperrung eine Menschenmenge in seine Richtung starren. Doch im Unterschied zu den Menschenmengen, mit denen er es in letzter Zeit zu tun gehabt hatte, ignorierte ihn diese hier. Er ging weiter.

Ein paar Männer lösten sich aus dem Gedränge und kamen auf ihn zu. Einer sprach ihn auf Kurdisch an: »Hallo. Hier lang.« Mehrere durch die Skijacken aufgedunsen wirkende Körper umringten ihn, lotsten ihn nach draußen, in die Kälte. Keiner sagte etwas, aber schlenkernde Arme und ausholende Schritte nahmen ihn mit sich fort. Ein gelber Wagen wartete am Straßenrand. Geräumig, aber ordinär. Die hintere Tür klappte auf. Alan zwängte sich hinein, stellte seine Tüte mit den Zigaretten auf das häßliche Sitzpolster und saß nun also wieder, wie fast immer in den letzten Tagen. Er mochte diese Haltung nicht – für ihn bedeutete Sitzen Langeweile und Beengung. Einer seiner neuen Gefährten setzte sich neben ihn auf die Rückbank und hielt ihm eine türkische Zeitung vor die Nase – auf der Titelseite war ein Foto, es zeigte den »Schwarzen Stein«.

Alan war kein besonders geübter Leser. Er las den Artikel laut, mit ausdrucksloser Stimme und blickte dabei immer wieder auf das Foto. Es ging darum, daß der berüchtigte Killer »Schwarzer Stein« mit einem waghalsigen Manöver aus dem Zentralgefängnis von Istanbul ausgebrochen war, nachdem ihn kurz zuvor ein türkisches Gericht wegen Mordes an einem türkischen Geschäftsmann zu lebenslanger Haft verurteilt hatte.

»Über deine Presse kannst du dich jedenfalls nicht beklagen!« sagte sein Nachbar, während der Fahrer den Wagen anließ und losfuhr.

»Das ist ein altes Fotos, ein neueres haben sie nie bekommen«, sagte Alan und fügte säuerlich hinzu: »Damals hatte ich noch Haare auf dem Kopf!«

»Und dieser tolle Schnurrbart! Neue Haare kannst du dir hier in Amerika besorgen. Für Geld gibt es hier alles«, sagte sein Nachbar und schälte sich aus seinem Parka. Darunter kam ein zweireihiger Nadelstreifenanzug aus Dormeuil zum Vorschein. Ein Knopf am Ärmel war nicht geschlossen, so daß ein handgenähtes Knopfloch sichtbar blieb. Er wechselte mühelos zwischen Englisch, das er mit den anderen sprach, und Kurmanci – dem Kurdisch, das Alan sprach. »In Amerika kann man auch Geld verdienen, wenn man sich anstrengt. Und du hast Glück. Wir haben Arbeit für dich. Du bekommst deine Chance. Diese eine Chance. Machst du es gut, bist du ein freier Mann. Läuft was schief, gehst du zurück nach Istanbul, und da foltern sie dich zu Tode. Wir brauchten jemand Besonderen für diesen Job. Und du bist doch was Besonderes.« Der Wagen schob sich in den vorbeiflutenden Verkehr. »Ich hab den anderen gesagt, es würde Spaß machen, dir bei der Arbeit zuzusehen. Hab ich da etwa zuviel versprochen?« Alan zuckte mit den Achseln. Sein Nachbar schenkte ihm das Raubtierlächeln des Menschheitsbeglückers und sagte: »Wir lassen dir ein paar Tage Zeit, damit du dich zurechtfindest. Wenn du dich am Anfang komisch fühlst – mach dir nichts draus! Das ist der Jetlag. Und jetzt sieh dich ruhig ein bißchen um. Wir sind hier im Land der freien Menschen.« Er deutete nach draußen, wo die düsteren Straßen von Queens vorüberglitten.

»Gehört alles dir«, fuhr er fort. »Dazu ein Apartment in einem angenehmen Viertel. Ein amerikanischer Paß. Und jede Menge Freiheit. Später kannst du machen, was du willst. Kommt dich nicht teuer zu stehen. Übrigens, ich heiße Mr. Ballinger. Freut mich, dich endlich kennenzulernen. Darf ich dir den Fahrer vorstellen und meinen anderen Freund hier vorn – mit ihren Namen will ich dich nicht behelligen. Mit diesen beiden wirst du ohnehin nicht viel zu tun haben, jedenfalls nicht so viel wie mit mir.«

»Worum geht es?« fragte Alan und warf Mr. Ballinger einen messerspitzen Blick zu. Den Amerikaner brachte das nicht aus der Ruhe.

»Ein Auftrag, reine Routine. Nichts, was du nicht schon gemacht hast.«

»Ich spreche kein Wort Englisch, das wissen Sie doch, oder?«

»Aber selbstverständlich. Wir wissen alles über dich – canê

Canê bedeutet auf kurdisch »Liebling«. Alan fühlte sich durch diese vertrauliche Art beleidigt. Aber er war unbewaffnet und durfte sich deshalb nichts anmerken lassen.

»Wie soll ich eigentlich heißen?« fragte er und fand seine Fassung in der Geduld wieder, die sein kaltes Herz umwucherte.

Auf der Straße bemerkte er ähnliche gelbe Wagen, in denen hinten Fahrgäste saßen.

»So wie jetzt«, antwortete Mr. Ballinger. »Alan. Mem Alan war der König der Kurden, nicht wahr? Aber Alan ist auch ein guter amerikanischer Name. Mit Nachnamen heißt du Korkunç. Geboren in Ankara. Du hast einen Abschluß in Verwaltungswissenschaft an der Universität Ankara gemacht und arbeitest in der Textilindustrie. Deinen deutschen Paß gibst du besser mir, der kann dich nur in Schwierigkeiten bringen.«

Alan rückte ihn widerstrebend heraus.

»Wir bringen dich jetzt zu einem Apartment. Es liegt von deinem Job ziemlich weit entfernt, aber du wirst das mit dem Autofahren hier schon hinkriegen. Ich habe eine Schwäche für das Viertel, und die Aussicht von diesem Apartment ist einfach herrlich. Der Wagen hier gehört dir, bis du die Sache erledigt hast.«

»Dieser Wagen …?« protestierte Alan. »Das ist ein Taxi!« Ein Chevy – mit billigen Bezügen auf den Sitzen und einem Armaturenbrett aus Plastik. Er hatte immer nur Mercedes gefahren.

»Na klar«, sagte Mr. Ballinger. »In New York fahren Leute, die kein Englisch können, Taxi.«

Er beugte sich nach vorn zu den anderen und sagte etwas. Alan hörte ihr schallendes Gelächter. Dieses Gefühl der Isolation, wenn andere lachen und man selbst nicht versteht worüber. »Ich habe ihnen gesagt, daß zumindest dein Führerschein echt ist«, erklärte Mr. Ballinger. »Was unser Fahrer hier von seinem nicht behaupten kann. Und daß du drei Mercedes gehabt hast, einer davon ein Jeep.«

»Ihr Kurdisch ist ausgezeichnet«, sagte Alan. »Aber Kurde sind Sie nicht.«

»Absolut nicht. Ein bißchen jüdisches Blut«, sagte Mr. Ballinger, öffnete die Augen weit – streunende Pupillen vor blauem Hintergrund – und schob die Lippen nach vorn: Stolz. New York ist voll von Typen, deren Gesichter nur dazu da sind, die verschiedensten Gefühle auszustellen, die den Betrachter beeindrucken sollen. Dieser Mr. Ballinger war daran gewöhnt, anderen Leuten zu sagen, wo es langgeht. Sogar die Sachen, die er anhatte, gehorchten ihm. Normalerweise ist es ja umgekehrt: die Leute lassen zu, daß die Kleider mit ihnen machen, was sie – die Kleider – wollen. Mr. Ballingers Anzug dagegen zierte den Körper seines Herrn mit größter Ehrerbietung und war ganz darauf bedacht, sich nützlich zu machen. Selbst sein blondes Haar hatte ihn nicht im Stich gelassen; es war zwar verblaßt, aber immer noch unverschämt dicht. Mr. Ballinger mischte dem Stolz, den er ausstrahlte, einen Anflug von Traurigkeit bei, als er jetzt seinen dröhnenden Bariton senkte: »Homosexuell. Außenseiter. Und meine Großtante ist...

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