Großmama packt aus

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 364 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81189-6 (ISBN)
 
In einer rasant erzählten, ebenso komischen wie furchtlosen Familiensaga verleiht Irene Dische ihrer Großmutter eine ganz eigene Stimme. Die gute Katholikin Elisabeth Rother kennt kein Tabu, ganz egal, ob es sich um ihr Ehebett, um die Juden, um den lieben Gott oder um die Gestapo handelt. Allerdings gibt es keine Katastrophe, nicht einmal die Flucht nach Amerika oder der Zweite Weltkrieg, die sie so sehr beschäftigt wie ihr weitverzweigter Clan. Irene Dische löst auf virtuose Weise ein ewiges Problem der Literatur: das der Autobiographie. Bekanntlich verstrickt sich jeder in ein Lügenknäuel, der sein eigenes Leben beschreiben will. Aus diesem Dilemma befreit sich die Autorin, indem sie sich dem gnadenlosen Blick ihrer überlebensgroßen Großmama aussetzt.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,08 MB
978-3-455-81189-6 (9783455811896)
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Irene Dische wurde in New York geboren. Heute lebt sie in Berlin und Rhinebeck. Bei Hoffmann und Campe erschienen unter anderem der Romanerfolg Großmama packt aus (2005), der Erzählungsband Lieben (2006), die Neuausgabe ihres gefeierten Debüts Fromme Lügen (2007) und zuletzt der Roman Schwarz und Weiß (2017).

Also wünschte ich mir einen Sohn, aus dem mal ein prächtiger Mann werden würde, so blond und gutaussehend wie Otto, aber statt dessen bekam ich ein Mädchen mit dunklem Haar. Zu Anfang freute sich Carl. Er sagte, unsere Tochter sehe aus wie die Heilige Jungfrau, und wollte sie deshalb Maria nennen. Ich war für Renate, weil mir dieser Name immer – und heute mehr denn je – so voller Hoffnung zu sein schien: wiedergeboren, alles ist möglich. Wir einigten uns auf Maria Renate. Aber als dann wenig später ihre wahre Natur zum Vorschein kam und jeden Gedanken an die Muttergottes grotesk erscheinen ließ, nannten wir sie nur noch Renate.

Es stellte sich heraus, daß sie noch viel schlimmer war als ich – wegen all der tollen Talente, die sie besaß. Aber was zuviel ist, ist zuviel. Sie war kaum fünf, da blendete sie uns schon mit ihrer Intelligenz – wie sie zeichnen konnte und wie sie jedes Lied nachsingen konnte, wenn sie es nur einmal gehört hatte. War es nicht viel bezeichnender, daß sie ständig irgendwas im Schilde führte? Ich verpaßte zahllose Gelegenheiten, ihrem Charakter die richtige Richtung zu geben. Noch heute habe ich im Ohr, wie sie von draußen ins Haus geschlichen kommt. Ich konnte hören, wenn eine Tür zu langsam und zu leise geschlossen wurde und wenn jemand auf leisen Sohlen unterwegs war. Ich sprang von meinem Kanapee auf und wollte sehen, was los war. Sie versuchte, ins Badezimmer zu schleichen. Ich stellte den Fuß in die Tür und rief: »Renate, zeig mal!« Sie brach in Tränen aus und sagte, sie sei hingefallen und habe sich weh getan. Mund und Hände waren rot verschmiert. Ohne zu zögern, nahm ich ihre Hand und leckte daran. »Mein Blut ist zuckersüß!« rief sie. »Süßer als deines!« Und kreischte vor Lachen. Ich wußte, sie hatte wieder Himbeeren geklaut. Natürlich hätte ich mitlachen können. Aber diesmal besann ich mich. Ich nahm eine Schüssel mit in den Garten und sammelte unter den Sträuchern die alten, verwurmten Himbeeren vom Boden auf, und dann zwang ich sie, alles zu essen. Sie behauptete, sie würden köstlich schmecken. »Danke, Mama, vielen Dank!« Und dann erbrach sie alles auf meinen schönsten Teppich.

Ich sperrte sie auf dem Speicher ein. Es wurde dunkel. Ich wartete auf das Abendessen, hatte Kopfschmerzen, glaubte, ich würde vor lauter Unglücklichsein eine Gehirnblutung bekommen. Würde 1927 mein Todesjahr sein?

»Ihr Starrsinn muß gebrochen werden«, sagte Carl.

Da nahm ich sie in Schutz. »Mit der Zeit wird es sich geben, genau wie bei mir.«

Ich ging nach oben, um sie zu holen. Sie kam mit, still, Zufriedenheit verströmend. Sogar Triumphgefühle. Erst Jahre später erfuhr ich, warum. Sie hatte für solche Zeiten der Verbannung ihre Vorbereitungen getroffen, hatte auf dem Speicher Pralinenschachteln versteckt, Saftfläschchen, ein paar Bücher, Kissen und Opferkerzen. Das Abendessen rührte sie nicht an, so sehr hatte sie sich mit Süßigkeiten vollgestopft. Wir glaubten damals, sie sei ein bißchen durcheinander und verstockt.

»Das ist mehr als Starrsinn«, sagte Carl, als wir im Bett lagen und über unseren Sprößling sprachen. »Das ist Wille zur Macht. Sie will über uns herrschen.«

Und dann rief er: »Aber das lassen wir uns nicht gefallen!«

Vor allem wollte sie den Willen ihres Vaters brechen. Was er auch tat, sie wollte es besser machen, um ihm eins auszuwischen. Ihr fehlte ein älterer Bruder, der ihr gezeigt hätte, wo ihr Platz war. Carl spielte Klavier. In seiner Familie spielte sonst keiner. Er war auch der erste, der je über die achte Klasse hinaus zur Schule gegangen war. Notenlesen und Klavierspielen brachte er sich selbst bei, und nachdem wir geheiratet hatten, kaufte er sich ein schönes, großes, glänzendes Instrument. Sein ganzes Gefühl floß in die Art, wie er spielte, wobei er die lauten romantischen Stücke bevorzugte, besonders Wagner. Es sah seltsam aus, wenn er spielte. Er schnitt furchtbare Grimassen, schloß die Augen, warf den Kopf nach hinten und wiegte den Oberkörper im Takt. Ich mochte nicht hinsehen, aber ich hörte gern zu – mit geschlossenen Augen.

Mit acht Jahren spielte Renate dieselben Stücke wie er, und selbst ich konnte erkennen, daß sie sie besser spielte. Inzwischen bekam sie Unterricht, aber sie brauchte sich kaum anzustrengen, setzte sich einfach ans Klavier und spielte, als sei es das Natürlichste von der Welt. Ihre Lehrerin sagte, sie habe »Klavierhände« – es waren Carls Hände.

Ich bewunderte sie natürlich. Aber ich ließ es sie nie merken. Es ist nicht gut für Kinder, wenn man sie bewundert. Sie bilden sich dann zuviel ein, und das untergräbt ihren Charakter. Deshalb versuchte ich genau wie Carl, ihr klar zu machen, was uns an ihr nicht gefiel. Doch wenn ich ihre kleinen Hände in meine nahm und spürte, wie stark sie schon waren, wie beweglich, ganz anders als meine, dann überlief mich ein heimlicher Schauer, und ich dachte, sie wird Chirurgin werden wie ihr Vater. Dann seufzte ich und sagte: »Warum hast du bloß immer so schmutzige Finger?«

Carl und ich gaben uns große Mühe, unseren Sprößling zu formen, mit einem eisernen Tagesablauf zu kneten. Wir gingen früh zu Bett und standen früh auf. Um fünf beteten wir den Rosenkranz. Dann ein Bad und unser bescheidenes Frühstück – mit einem Spiegelei, das auf einem Bett aus Toast und Butter seinem Ende entgegenbibberte. Um halb sieben stand Carls Chauffeur wie aus dem Ei gepellt neben der Hintertür des blitzblanken Wagens. Er kam dann noch mal zurück und holte auch mich und Renate. Sie setzte er bei der Schule ab, und mich brachte er rechtzeitig zur ersten Operation um acht ins Krankenhaus.

Am wohlsten fühlte sich Carl immer im Operationssaal. Er glaubte an seine Hände, an altmodische, gediegene Handarbeit. Aber Neuerungen faszinierten ihn. Und so verliebte er sich in den Röntgenapparat. Er ließ niemand sonst an ihn heran, behauptete, die anderen hätten kein Gefühl für das neue Gerät, sie hampelten zuviel herum und hielten die Platte nicht still. Bei Röntgenbildern vertraute er niemandem außer sich selbst, hielt die Platte fest umklammert und krümmte einen Daumen um die Kante, so daß jede Aufnahme auch ein Röntgenbild seines kräftigen Fingers zeigte – und Carl wurde nicht müde, ihn sich immer wieder anzusehen. Aber Gott mag keine eitlen Männer! In dem geröntgten Daumen wuchs der Krebs, wanderte den Arm hinauf und dann hinunter in seine Hoden.

Die Kollegen rieten ihm, er solle sich die ganze Hand abnehmen lassen. Er dachte darüber nach und kam zu dem Schluß, daß er lieber sterben würde. Mit dem Verlust des Daumens fand er sich ab. Aber er verlor mehr. Nachdem wir uns mehrere Jahre an einem zweiten Kind versucht hatten, sagte ich ihm, er solle sich seine kleinen Männer mal unter dem Mikroskop ansehen. Ich saß zu Hause und wartete, daß in dieser Instanz die Schuldfrage nun endlich ein für allemal geklärt werden würde. Ich konnte den Gesichtsausdruck nicht ergründen, als er zurückkam – seine Miene, seine Haltung, alles war steif, erstarrt. Noch in der Diele erklärte er: »Wir sind einfruchtig«, und schon dabei ertrank seine Stimme in Bitterkeit.

Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben hatte er ein Wort benutzt, das ich nicht kannte. Sonst bemühte er sich immer darum, mich nicht zu beschämen. Ich verstand trotzdem, was er sagen wollte: Keine weiteren Kinder! Eine Last weniger in unserem Tagesablauf. Der mittags mit dem Mittagessen seinen Fortgang nahm. Dazu kamen wir nach Hause.

Der Tisch war für drei gedeckt, mit Serviettenringen und Messerbänkchen für das Silberbesteck. Kurz vor eins setzten wir uns. Renate sprach das Tischgebet. Wir verharrten in gespanntem Schweigen. Die Uhr tickte. Wenn dann der große Zeiger auf die Zwölf glitt, versank das Ticken im Geräusch von Schritten. Die Köchin schob den Servierwagen herein. Der Höhepunkt des Tages begann mit Suppe – dicker, dampfender Fleisch- und Kartoffeleintopf im Winter, köstliche Brühen im Frühling und Herbst, kalte Suppen im Sommer. Die Spannung ließ nicht nach. Viele Gänge folgten. Ich will hier nicht in die Einzelheiten gehen, denn bis heute weckt die Erinnerung daran in mir die Sehnsucht, mich noch einmal an diesen Tisch zu setzen. Aber Carl war nie so recht einverstanden. Er hatte etwas gegen meine Freude. Er versuchte mich abzulenken und in ein Gespräch über die morgendlichen Abenteuer im Krankenhaus zu verwickeln. Kaum hatte ich den Löffel an den Mund gehoben, da wollte er von mir wissen, wie ich über diesen Patienten oder jene Entscheidung dachte. Ich war immer ein wenig traurig, wenn das Essen vorbei war.

Carl kehrte gleich nachher ins Krankenhaus zurück, kümmerte sich um die frisch operierten Patienten und die laufenden Angelegenheiten. Ich dagegen – es stimmt, ich machte mir oft einen gemütlichen Nachmittag. Ich spielte mit den Hunden im Garten. Renate und ich, wir ließen es uns gutgehen. Ich brachte ihr ein paar Fertigkeiten bei, die einem im Leben nützlich sein können – zum Beispiel blöd kucken. Wenn man nicht wirklich strohdumm ist, erfordert es einige Phantasie und Übung. Leicht schielen, so daß es kaum auffällt, funktioniert ganz gut. Ich erklärte ihr auch, wie man jemandem klarmacht, daß man über ihm steht: dem Quälgeist in die Magengrube starren – die meisten Leute finden das ziemlich beunruhigend. Und ich zeigte ihr das Wichtigste: wie man vollkommen ernst bleibt, wenn man am liebsten loslachen würde. Man muß sein Gesicht entspannen, vom Mund aus anfangen und dann aufwärts – einfach entspannen. Entspannung signalisiert Anstand, und es ist komisch, wie schnell die eigene Stimmung dem Gesicht gehorcht. Wenn wir das geübt hatten, lachten wir...

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