Fromme Lügen

Erzählungen
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 303 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81188-9 (ISBN)
 
Irene Disches legendäres Debüt!
Die sieben Erzählungen dieses Buchs handeln allesamt von Außenseitern, von Emigranten, Gestrandeten, Umsiedlern, Flüchtlingen und nicht zuletzt vom alltäglichen Exil des Greisenalters. Irene Disches Helden sind: der alte Mann in New Jersey, den seine eigenen Enkelkinder für Adolf Hitler halten; der verwahrloste Nobelpreisträger, der von Tütennahrung lebt, der verwirrte Pathologe im Beichtstuhl; die jüdische Schwarzhändlerin in Berlin. Und die bevorzugten Schauplätze der Geschichten sind New York und Berlin, zwei Pole, zwischen denen sich Irene Dische biografisch, sprachlich und literarisch bewegt.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,98 MB
978-3-455-81188-9 (9783455811889)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Irene Dische wurde in New York geboren. Heute lebt sie in Berlin und Rhinebeck. Bei Hoffmann und Campe erschienen unter anderem der Romanerfolg Großmama packt aus (2005), der Erzählungsband Lieben (2006), die Neuausgabe ihres gefeierten Debüts Fromme Lügen (2007) und zuletzt der Roman Schwarz und Weiß (2017).

Esther erklärt


»Büroartikel sind nützlich, wenn man Papiere fälschen will. Nicht nur Besitzurkunden, Quittungen, Verkaufsbelege und Beglaubigungen, sondern auch Visa und Reisedokumente für Leute, die so etwas brauchen. Können wir jetzt zu der Party gehen? Ich möchte gern zu meinen Freunden.«

Charles haßte Freunde. Aber Esther liebte sie offensichtlich. Der Gastgeber war eindeutig ein Freund. »Mach mir keine Schande, Schätzchen«, flüsterte er Esther zu, als sie seine protzige Villa betraten.

Henry Rosen feierte die Bar Mizwa seines Sohnes mit den anderen Rosens aus Tel Aviv, Caracas, Cincinnati und Johannesburg. Zu Ehren seines Sohnes hatte er auch all seine Geschäftskollegen eingeladen, darunter fast alle Christen, die er kannte. Als der alte Vater den Jungen fragte, welche Schulkameraden er zur Bar Mizwa einladen wolle, hatte dieser geantwortet: »Keinen, bitte.«

Rosen hatte vor, den ganzen Abend neben seinem Jungen in der Diele zu stehen und ihn mit den Worten vorzustellen: »Mein Sohn Lenny. Seine Lehrer halten nicht viel von ihm, aber das kommt daher, daß er sich keine Mühe gibt.« Lenny hielt den Kopf gesenkt. Er hörte seit Jahren nicht mehr zu, wenn sein Vater etwas sagte, aber die Diamanten, mit denen sein blaues Samtkäppi besetzt war, konnte man unmöglich ignorieren.

»Schande machen? Wenn du nicht willst, daß ich dir Schande mache, darfst du mich nicht einladen«, sagte Esther zu ihrem Gastgeber. »Aber du willst ja, daß ich dir Schande mache.«

Sie gingen zur Garderobe und warfen ihre Mäntel auf die Pelzberge. Charles hatte nicht gesehen, wie Esther sich umgezogen hatte. Er hielt ihren Aufzug zuerst für ein Kaninchenkostüm; weißes Kleid mit schwarzen Flecken, an den Aufschlägen so etwas wie Pfotenabdrücke und hinten ein Puschel, wie ein Kaninchenschwanz. Rosen erwartete offensichtlich etwas Ungewöhnliches. Er folgte Esther in die Garderobe, wartete, bis sie den Mantel abgelegt hatte, und seufzte erleichtert: »Schön, Esther, richtige Abendgarderobe.«

Sie fuhr ihn an: »Kritisier mich nicht.«

»Habe ich kritisiert?«

»Die Leute müssen mich so nehmen, wie ich bin. Oder sie sind es sowieso nicht wert, daß man sich mit ihnen abgibt.«

»Gehen wir Baruch suchen«, sagte sie zu Charles. »Das hier sind nicht meine Freunde.« Rosen lächelte und kehrte auf seinen Posten zurück. Die Menge teilte sich für Esther, und Charles hatte den Eindruck, daß die anderen Gäste sie kritisch musterten. Das muß ihr merkwürdiger Aufzug sein, dachte er, oder ihre wilde schwarze Mähne – oder daß sie mich an der Hand hinter sich herschleift.

»Da sind meine Freunde«, sagte sie, als sie die hinterste Ecke des Zimmers erreichten. Charles erkannte Baruchs dickes Gesicht hinter einem Couchtisch. Esther schob ihn ins Rampenlicht. »Darf ich vorstellen? Charles. Johannes’ kleiner Sohn!«

»Hans’ Sohn?« wurde gefragt. »Er hatte einen Sohn?«

»Einen Konvertiten!« Esther drückte ihn in einen Sessel. Sie rückte den Kaninchenpuschel zurecht und quetschte sich neben ihn. Ihre Oberschenkel vibrierten, wenn sie sprach. »Charles muß euch von seiner Taufe erzählen … nein, ist das komisch! … Ich darf nicht zu lachen anfangen … Ganz von vorn, Charles, wie es dem Priester so langweilig wurde, immer kleine Kinder zu taufen, und wie aufgekratzt er war, als er eine ganze Herde von jüdischen Lämmlein vor sich hatte …«

Ein paar Gesichter musterten Charles Allen, und er antwortete tonlos: »Das war nichts weiter. Der Meßdiener sagte ›Auweia!‹, als er uns sah, und der Priester ging mit ihm hinaus, und ich hörte ihn schimpfen: ›Man sagt bei einer Taufe nicht Auweia!‹«

»Seitdem geniert er sich, daß er Jude ist«, sagte Esther. »Ich bin einmal deswegen beim Lügen erwischt worden. Das war bei so einem Klatschspiel im Hof – kennt ihr das Spiel? Man bildet einen Kreis, und ein Kind steht in der Mitte. Dann klatschen alle im Kreis in die Hände und bestürmen das Kind in der Mitte mit Fragen, und es muß darauf im Takt des Händeklatschens mit ›Ja‹ oder ›Nein‹ antworten. ›Liebst du die Farbe Rot?‹ – ›Nimmt deine Mutter Parfüm?‹ – klapp, klapp. Der Witz dabei ist, daß man ganz banale Fragen stellt, und dann plötzlich so eine: ›Bist du verliebt in den und den?‹ – und das Kind in der Mitte wird rot. Leugnen ist zwecklos.«

»Spielen wir das doch jetzt mal!« rief einer. »Ja, Henrys Partys sind immer so langweilig«, meinte ein anderer. »Ich finde Spiele mit Lügen herrlich!« Man einigte sich: Baruch sollte in die Mitte.

Baruch sträubte sich. »Inge mag das nicht, oder?« Eine rundliche, aufreizende Fünfzigerin neben ihm erwiderte: »Inge mag das sogar sehr!«

»Baruch in die Mitte! Ich erzähle meine Geschichte nachher zu Ende«, sagte Esther. Charles fühlte, wie sie sich an ihn drückte, während sie ihm zuflüsterte: »Inge ist Protestantin!«

Baruch ließ sich auf dem gläsernen Couchtisch nieder. »Daß du mir aber ehrlich antwortest!« ermahnte ihn Inge; sie legte einen rasanten Rhythmus vor.

Die anderen beugten sich sensationslüstern in ihren Sesseln vor. Zwei eineiige Zwillinge aus der Sowjetunion klatschten wie wild am Takt vorbei. Sie verstehen noch kaum Deutsch, sagte Esther zu Charles. Sie seien die Ableger einer Litauerin, die von einem deutschen Soldaten vergewaltigt worden sei. In Erinnerung an ihren Vater habe sie ihnen nordische Namen gegeben: Volker und Frieder. Die beiden Bankerte waren in der Provinz aufgewachsen, unzertrennlich in Gedanken, Worten und Werken. Bei ihrer fünften Festnahme wegen Ladendiebstahls in einem Devisenladen diagnostizierte ein Psychiater Kleptomanie, und die sowjetischen Beamten fragten sie, ob sie nicht Lust hätten, nach Israel auszuwandern. In Westberlin verpaßten sie ihren Anschlußflug nach Tel Aviv und blieben. Nach ihrer fünften Festnahme wegen Ladendiebstahls bei Karstadt wurden die Zwillinge dem Wohlfahrtsamt der jüdischen Gemeinde gemeldet. Dort fanden sie einen Halt in Gestalt von Herrn Rosen, der ihnen in seinem Immobilienbüro Arbeit gab. Seitdem waren sie nicht mehr in die Klemme geraten.

Klapp, klapp!

»Warst du schon in Wilna?« fragte der erste Zwilling.

»Nein«, sagte Baruch.

»Warst du schon in Riga?« fragte der zweite.

»Blöde Frage«, antwortete Baruch.

»Heißt du wirklich Baruch?« rief Esther.

»Wenn man meiner Mutter glauben darf, ja«, antwortete das Opfer.

»Wirst du von der Polizei gesucht?« fragte ihr Nachbar, ein junger Mann namens Leon.

»Die hat mich noch nie gesucht!« versicherte Baruch.

»Liebst du Inge?« fragte Inge.

»Wenn nötig, ja«, sagte Baruch und wuchtete sich vom Couchtisch. »Das ist ein Spiel für die schlechten Lügner unter uns. Und für Leute, die keinen Appetit haben. Wie ich höre, ist das Buffet eröffnet. Entschuldigt mich.«

Die Zwillinge folgten ihm. »Sie folgen ihm überallhin. Er kann nicht mal allein zur Toilette gehen«, klagte Inge. »Was ist mit dir, Leon? Hast du keinen Hunger?«

Leon betrachtete seinen Bizeps, während er mit seinem Arm Pumpbewegungen machte. »Ohne Händeklatschen wüßte ich gern, was unser Konvertit hier bei uns zu suchen hat. Was er von Beruf ist. Und so weiter. Er sieht aus wie Jesus.«

»Ich bin Buchhalter«, sagte Charles Allen. Inge jubelte: »Ein Buchhalter! Wie ungewöhnlich! Und du, Leon, was bist du?«

»Ich bin Verbrecher«, antwortete der höfliche junge Mann.

So ging das Gespräch weiter, bis Baruch rot und zerzaust wiederkam. »Das ist mir eine schöne Feier«, sagte er. »Esther, du und dein Erbe, beeilt euch lieber, bevor das Buffet kahlgefressen ist.«

Charles wurde von Esthers drückendem Schenkel erlöst, nur um jetzt in aller Öffentlichkeit essen zu müssen, ein Tun, das ihn erröten machte, weniger von der Anstrengung als aus Peinlichkeit: öffentlich den Mund aufzumachen, öffentlich zu schmatzen und zu kauen und zu schlucken, mit nassen Lippen, hüpfendem Adamsapfel, und vor Esther und Leon, die ihm zuschauten.

»Und wie ging dein Klatschspiel zu Ende?« fragte Leon und versuchte in den Gesichtern der umstehenden Frauen zu lesen, wie er auf sie wirkte.

»Eine Rede, eine Rede!« rief Henry Rosen. »Ich will euch erzählen, wie ich von Israel nach Deutschland gekommen bin. Um euch zu erklären, warum ich auf diese Bar Mizwa so stolz bin. Ich bin nicht als Jude nach Deutschland zurückgekommen, sondern als Israeli. In Israel war ich bei der Luftwaffe als Kampfpilot. Ich war stark. Ich bin hergekommen, um mich umzusehen, und was ich sah, hat mir gefallen. Deutschland ist das Land der Möglichkeiten, das freieste Land Europas! Also beschloß ich zu bleiben. Als Gast aus Israel. Ich war immer bemüht, mich hier korrekt zu verhalten. Ich bin hundertfünfzig Prozent korrekt! Und dennoch war ich hier sehr erfolgreich und habe genug Geld verdient, um diese große Bar Mizwa auszurichten. Und ich wollte eine teure Party geben, weil man bei Geld nie weiß: Wie gewonnen, so zerronnen! Und zumindest wird Lenny sich immer daran erinnern können. Ich bin diesem Land dankbar, weil es mir die Möglichkeit gibt, Lenny eine so kostbare Erinnerung mitzugeben! So möchte ich heute abend diese Gelegenheit ergreifen, Deutschland zu danken!«

Er wirbelte herum und machte ein Zeichen in die Ecke, wo eine Band darauf wartete, das Deutschlandlied anzustimmen.

Henry Rosen drängte durch die Menge, schüttelte Hände, plusterte sich unter den Glückwünschen immer mehr auf und ließ seinen Sohn weiter in der Diele stehen, den Kopf gebeugt unter der tonnenschweren Last seines ganz besonderen blauen Samtkäppis.

»Esther! Mein Schatz! Ist das nicht wunderbar?«...

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