Ich denke, aber ich bin mehr

Identität zwischen Neurowissenschaft und Schöpfungsglaube
 
 
SCM R. Brockhaus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-417-26998-7 (ISBN)
 
Die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaft stellen den Menschen vor die Frage: Bin ich mehr als die biologischen Prozesse in meinem Gehirn? Habe ich überhaupt einen freien Willen? Gibt es eine Seele und woher kommt meine letzte Identität?
Sharon Dirckx stellt verschiedene Antwortmöglichkeiten vor und kommt zu dem Ergebnis: Das Menschenbild des christlichen Glaubens verleiht dem Menschen Würde und Identität, die jenseits der rein biologischen Prozesse des Gehirns stehen und aus der Beziehung zum lebendigen Schöpfergott erwachsen.
Ein fundierter und gut verständlicher Beitrag zu einem aktuellen Thema.
  • Deutsch
  • Witten
  • |
  • Deutschland
  • 1,96 MB
978-3-417-26998-7 (9783417269987)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sharon Dirckx ist Wissentschaftlerin an der Universität Oxford und Tutorin für christliche Apologetik. Sie hat in Cambridge auf dem Gebiet der Hirnforschung promoviert und hält regelmäßig Vorträge an Universitäten, auf Konferenzen und anderen Veranstaltungen.
  • Umschlag
  • Haupttitel
  • Impressum
  • Stimmen zu diesem Buch
  • Widmung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Über die Autorin
  • Einleitung
  • Glossar
  • 1 Bin ich wirklich nur mein Gehirn?
  • 2 Ist der Glaube an die Seele veraltet?
  • 3 Sind wir nur Maschinen?
  • 4 Sind wir mehr als Maschinen?
  • 5 Ist Willensfreiheit eine lllusion?
  • 6 Vom Gehirn zum Glauben bestimmt?
  • 7 Ist religiöse Erfahrung nur Hirnaktivität?
  • 8 Warum kann ich denken?
  • Weiterführende Literatur (deutsch)
  • Weiterführende Literatur (englisch)
  • Von derselben Verfasserin
  • Danksagung
  • Anmerkungen
  • Leseempfehlungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

2


IST DER GLAUBE AN DIE SEELE VERALTET?


Den amerikanischen Arzt Dr. Duncan MacDougall (1866-1920) kennt man als den »Mann, der versuchte, die menschliche Seele zu wiegen«11. Tuberkulosepatienten, deren Leben auf der Waagschale lag, wurden im Augenblick ihres Todes selbst auf die Waage gestellt. Wenn sie ihren letzten Atemzug getan hatten, stand MacDougall gelassen bereit. Später schrieb die New York Times:

In dem Augenblick, als das Leben aufhörte, senkte sich die gegenüberliegende Waagschale mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit - als wäre plötzlich etwas aus dem Körper entwichen. Sofort wurden alle typischen Schlussfolgerungen gezogen, die den physischen Gewichtsverlust erklären könnten, und man machte die Entdeckung, dass eine volle Unze an Gewicht fehlte, die sich nicht erklären ließ.12

MacDougall schloss daraus, dass seine Patienten nach dem Tod 21 Gramm oder eine drei viertel Unze (anders als in der New York Times dargestellt) leichter waren und dass es sich hierbei um das Gewicht der Seele handeln müsse. Die Theorie wurde später widerlegt13, auch wenn die Vorstellung durch Dan Browns Roman Das verlorene Symbol (2009) und den Film 21 Gramm (2003) weiterlebte.14

Die Seele wird in ganz alltäglichen Gesprächen immer wieder aufgegriffen. Wir genießen unser »Soul Food«, wir haben »Seelenverwandte«, und Restaurants oder Konzerte, denen die Atmosphäre fehlt, beschreiben wir als »seelenlos«. Manche Menschen sind »ein Herz und eine Seele«. Im Bereich der Musik wird Aretha Franklin für immer die »Queen des Soul« bleiben. Auf dieser Ebene reden wir jeden Tag über die Seele. Sie hat aber auch eine historische Bedeutung. Jahrhundertelang spielte der Glauben an die Existenz der Seele - das Wesen einer Person - eine entscheidende Rolle für die Entwicklung ethischer Grundsätze und die Diskussion um Rechte und Würde des Menschen. Viele Gesetze, die wir heute für selbstverständlich halten, wie die Gleichberechtigung oder das Verbot der Sklaverei und der Misshandlung von Häftlingen, erwuchsen aus der Überzeugung, dass alle Menschen eine Seele besitzen.

Trotzdem glauben manche Naturwissenschaftler und Philosophen, dass die Seele heute ein veraltetes Konzept ist. Der Philosoph Daniel Dennett schreibt, dass die Seele »dank der Fortschritte in den Naturwissenschaften ihre Glaubwürdigkeit verloren hat«.15 Dieser Auffassung zufolge hat die Seele historisch gesehen eine Lücke in unserem Wissen ausgefüllt, die mittlerweile von der Naturwissenschaft gefüllt wurde. Die Seele, wenn sie denn existiert, gehört ins Reich der Materie. Wie es Dr. MacDougall in seinen Experimenten zu zeigen versuchte, besitzt sie eine Masse und kann gewogen werden. Steven Pinker, Psychologe an der Harvard-Universität, sagt es noch deutlicher. Seiner Auffassung nach ist die Seele mit dem Gehirn gleichzusetzen:

Wie wir heute wissen, kann man die angeblich immaterielle Seele mit einem Messer zerlegen, mit Chemikalien verändern, mit elektrischem Strom an- und abschalten und mit einem kräftigen Schlag oder durch Sauerstoffmangel auslöschen.16

Wir sehen also, dass dieselben Argumente, die man gegen den Geist geltend gemacht hat, auch gegen die Seele eingesetzt werden: dass die Neurowissenschaften nicht nur Geist und Seele erklären, sondern auch wegerklären. »Ich bin mein Gehirn« - diese Auffassung taucht hier wieder auf. Wie sollen wir sie einordnen? Bevor wir darauf eine Antwort geben können, müssen wir zunächst einmal die Frage stellen, was genau die Seele eigentlich ist.

DIE SEELE IN DER ANTIKE


Schon viele Jahrtausende glauben Menschen an die Existenz der Seele, und ihre Geschichte beginnt, wie viele glauben, im antiken Griechenland. Was der Philosoph Platon (um 428-347 v.Chr.), der von seinem Lehrer Sokrates entscheidend beeinflusst wurde, darüber dachte, weiß man. Der griechische Begriff für die Seele lautet psyche. Er ist vom Verb psychein abgeleitet, das »atmen« bedeutet. Darunter verstand man auch »das eigentliche Leben eines Wesens«17. Nach Plato war die Seele die entscheidende Quelle des Lebens für alle Wesen. Für Menschen bedeutet das, dass die Seele die eigentliche Person ist. Platon argumentierte, dass die Seele im Körper wohne und ihm Leben verleihe, jedoch nicht auf den Körper angewiesen sei und ohne ihn existieren könne. Wenn der Körper sterbe, lebe die Seele weiter. Im besten Fall sei die Seele sozusagen ein Träger oder ein Gefäß für die Seele, im schlimmsten Fall ein Gefängnis, das negative Auswirkungen auf die Seele hat.

Andere griechische Philosophen wie etwa Pythagoras (um 570-495 v.Chr.) - nach dem ein mathematischer Satz benannt ist, den wir alle in der Schule lernen mussten - hatte dagegen eine andere Sichtweise. Pythagoras glaubte an die Reinkarnation: dass die Seele nämlich nicht unbedingt an einen bestimmten Körper gebunden sei, sondern auch in anderen Körpern wohnen könne. Der Glaube an die Reinkarnation prägte das östliche Denken, und heute zählen Milliarden von Hindus, Buddhisten und Sikhs zu ihren Anhängern.

Der preisgekrönte Animationsfilm Kubo - der tapfere Samurai von 2016 illustriert diese Vorstellung. Als Kubos Mutter plötzlich stirbt, schließt sich ihr zwölfjähriger Sohn Monkey und Beetle an, um dem Geheimnis seiner Familie auf die Spur zu kommen. Später entdeckt er (Spoileralarm!), dass die Seele seiner Mutter auf Monkey übergegangen ist. Der sprechende Primat, der ihn begleitet, ist in Wirklichkeit die ganze Zeit seine Mutter gewesen. Eine Seele kann abwechselnd in verschiedenen Körpern wohnen.

Aristoteles lernte bei Platon und auch er war von der Existenz der Seele überzeugt und von ihrer entscheidenden Bedeutung für das Leben eines Körpers. Aber er kam zu einer unterschiedlichen Auffassung darüber, wie sie mit dem Körper interagiert. Für Aristoteles bilden Seele und Körper eine Einheit und machen zusammen den ganzen Menschen aus. Jede Seele wohne in einem bestimmten Körper. Der Körper sei mehr als nur das Gefäß für die Seele, und beide, Körper und Seele, brauchen einander, um existieren zu können. Nach seiner Auffassung verschmelzen in einem Menschen Körper und Seele oder auch »Materie« und »Form«. Genau wie der vierbeinige Gegenstand in Ihrer Küche aus Holz gefertigt ist und außerdem die Form eines Tisches hat, so bestehe ein Mensch aus Materie und habe die Form einer Seele. Diesen Standpunkt bezeichnet man als Hylomorphismus, nach den griechischen Begriffen »hyle« (Materie) und »morphe« (Form).

DIE SEELE IN DER MODERNE


Heute begegnen wir ganz verschiedenen Vorstellungen über die Seele. Wenn man »Geist, Körper, Seele« googelt, taucht man in die Welt der Kurorte, Yogakurse, Proteinshakes, Detox und überhaupt in allem ein, was man heute mit allgemeinem Wohlergehen in Verbindung bringt. Vielleicht stimmen Sie mir zu, dass ein Urlaubstag mit Algenpackungen und Thermalbädern etwas bewirkt, das über Peeling und Fitness hinausgeht. Im Subtext versprechen all diese Produkte, Erfahrungen und Botschaften, dass wir uns erst dann wirklich wohlfühlen, wenn wir uns um diese Entität kümmern, die wir Seele nennen.

Der christliche Glaube hat ebenfalls viel über die Seele zu sagen. Sie ist das, was uns über die Materie erhebt, uns zu mehr macht als höhere Primaten, zu mehr als einfach unserem Gehirn. Die Seele macht den undurchdringlichen Kern unseres Menschseins aus und wurde uns von Gott geschenkt. Wir können sie nähren oder verhungern lassen. In der Bibel wird der Begriff »Seele« unterschiedlich gebraucht. Manchmal bezeichnet sie den ganzen Menschen, zum Beispiel, wenn der Psalmist sagt: »Lobe den HERRN, meine Seele!« (Psalm 104,1). An anderen Stellen bezieht sich »Seele« auf einen bestimmten Teil des Menschen, der von Körper und Geist unterschieden wird, so wie im Schlusswort eines Briefs des Apostels Paulus:

Er [Gott] schütze euern Geist, eure Seele und euern Körper, damit sie unversehrt sind, wenn Jesus Christus, unser Herr, wiederkommt.

- 1. Thessalonicher 5,23

Als Jesus mit seinen Jüngern darüber nachdenkt, welche Gefahren sie durch ihre Nachfolge eingehen, lehrt er sie auch über die Seele. Er erklärt ihnen, dass man zwar ihren Körper töten, ihre Seelen aber in diesem Leben niemand anrühren könne. Im Hinblick auf das kommende Leben seien sie in ihrer Weiterexistenz jedoch auf Gott angewiesen. Jesus sagt:

Habt keine Angst vor denen, die euch umbringen wollen. Sie können nur euren Körper töten; eure Seele ist für sie unerreichbar. Fürchtet allein Gott, der Leib und Seele in der Hölle vernichten kann.

- Matthäus 10,28

Die Seele ist in den Schriften des Neuen Testaments ein komplexes Phänomen, und man kann die betreffenden Stellen nicht in einem einzigen Konzept zusammenfassen. Darum überrascht es nicht, wenn es innerhalb der christlichen Tradition unterschiedliche Meinungen über die Seele gibt. Darüber später mehr. Doch wie immer die Standpunkte innerhalb des Christentums genau aussehen, alle sind sich darüber einig, dass Menschen mehr sind als materielle Wesen.

Platons Redeweise von der »unsterblichen und ewigen Seele« wurde vom Kirchenvater Augustinus von Hippo (354-430 n.Chr.) ins Christentum übernommen. Im Folgenden stellte man sich Menschen als immaterielle Seelen vor, die eine bestimmte Zeit in materiellen Körpern verweilen, den sie schließlich verlassen, um...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

11,99 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen