Kühle Brise

Cuxland-Krimi
 
 
Prolibris Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Januar 2018
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95475-161-7 (ISBN)
 
Gerhard Övenhorst ist ein bösartiger Geizkragen. Der alte Mann mit dunkler Vergangenheit besitzt zwei Wohn- und Geschäftshäuser in Cuxhaven. Die Pächter der Ladenlokale schröpft er ohne jeglichen Skrupel mit unlauteren Methoden. 'Drecksarbeiten' übernehmen zwei Kleinkriminelle für ihn. Doch dann geht er bei der Auseinandersetzung mit einer Mieterin zu weit ... Als in der Wingst eine vom Wolf zerbissene Leiche gefunden wird, soll Kommissarin Marie Janssen die genauen Todesumstände klären. Es ist die erste Zusammenarbeit mit ihrem neuen, jungen Chef. Sein Vorgänger, Konrad Röverkamp, und der ehemalige Kriminalrat Christiansen stehen ihnen zur Seite. Sie erinnern sich an einen ungelösten Mordfall aus den Achtzigerjahren, der einen Zusammenhang zu den aktuellen Ermittlungen nahelegt.

Wolf S. Dietrich studierte Germanistik und Theologie und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Göttingen. Dann war er Lehrer und Didaktischer Leiter einer Gesamtschule. Er lebt und arbeitet heute als freier Autor in Göttingen und Cappel-Neufeld bei Cuxhaven. 'Kühle Brise' ist sein siebzehnter Krimi im Prolibris Verlag und der sechste, der im Cuxland spielt. Der Autor ist Mitglied im Syndikat, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur.
  • Deutsch
  • 2,00 MB
978-3-95475-161-7 (9783954751617)
weitere Ausgaben werden ermittelt
1 2017 Wortlos betrat der alte Mann den Verkaufsraum der kleinen Bäckerei, drängte sich an der Kundin vorbei, die gerade bedient wurde, und steuerte auf einen der Sessel zu, die zu dem Ensemble aus drei Tischen, einem Ecksofa und vier Stühlen gehörten. Am frühen Vormittag ließen sich hier selten Kunden nieder, um Kaffee zu trinken oder ein belegtes Brötchen zu verzehren. Und sollte sich doch einmal jemand an den Stammplatz des alten Övenhorsts setzen, musste Annika ihn an einen anderen Tisch bitten. Ohne hinschauen zu müssen, wusste sie, dass sich der Hauseigentümer in den Sessel fallen lassen, nach der bereitliegenden Zeitung greifen und sie geräuschvoll aufblättern würde. Sie reichte die Tüte mit den Brötchen über die Theke, nannte den Preis und nahm das Geld entgegen. »Auf Wiedersehen, Frau Icken, einen schönen Tag noch!«
Als die Kundin den Laden verlassen hatte, begann Annika, das Frühstück für den Gast vorzubereiten. Kaffee, Milch und Zucker, ein Croissant, ein Brötchen mit gekochtem Schinken, frisch belegt. Sie seufzte unhörbar. Gerhard Övenhorst nahm jeden Tag das Gleiche, schüttelte den Kopf über das, was er in der Zeitung las, die hier auslag, und verließ die Bäckerei, nachdem er alles verzehrt hatte, ohne ein Dankeswort und ohne zu bezahlen. Später, wusste Annika, würde er einige Zeit in der Spielothek bei René Müller verbringen und gegen Mittag die benachbarte Kneipe aufsuchen, um sich das Tagesgericht und ein Bier servieren zu lassen, wofür er ebenfalls nicht zahlen würde. Maksym Melnik, der Pächter, stammte aus der Ukraine und hatte denselben Fehler begangen wie René und auch Timo, Annikas Mann. Sie waren auf das scheinbar großzügige Angebot von Öve, wie er im Viertel genannt wurde, eingegangen, hatten Pachtverträge unterschrieben, die mit einem Kredit verbunden waren. Für die ersten Monate waren weder Rückzahlung noch Zinsen fällig, und die monatliche Belastung war vergleichsweise niedrig. Danach aber stiegen Zins und Pacht in die Höhe. Inzwischen waren Timo und Annika so hoch bei Öve verschuldet, dass nach Abzug ihrer Verpflichtungen ihm gegenüber kaum genug zum Leben blieb. Obwohl sich die Kundschaft zufrieden zeigte und der Umsatz stieg, gelang es ihnen nicht, die Schuldenfalle zu verlassen. Einige Zeit hatten sie sich der Illusion hingegeben, das Problem könnte auf natürliche Weise aus der Welt verschwinden. Övenhorst war gestürzt und wegen eines gebrochenen Oberschenkelhalsknochens ins Krankenhaus gekommen, wo er sich eine Infektion zugezogen hatte, die wiederum Herzprobleme zur Folge hatte. Eines Tages war eine Dame in der Bäckerei erschienen und hatte sich als seine Tochter vorgestellt. »Es sieht nicht gut aus«, hatte sie gesagt, aber nicht den Eindruck erweckt, als sei sie deswegen sonderlich besorgt. »Wir müssen mit allem rechnen.« Annika und Timo hatten ihre Anteilnahme ausgedrückt, der Frau Genesungswünsche für ihren Vater mitgegeben und sich, nachdem sie gegangen war, hoffnungsvoll angesehen. »Wenn die Tochter das Haus übernimmt, wird bestimmt alles besser«, hatte Annika gemurmelt. Timo war skeptisch geblieben. »Abwarten.«
Er hatte Recht behalten. Nach fast einem Jahr war Övenhorst mit einem Herzschrittmacher aus dem Krankenhaus zurückgekehrt und hatte seine morgendlichen Besuche in der Bäckerei wieder aufgenommen. Seine Bewegungen waren etwas schwerfälliger geworden, außerdem benutzte er eine Gehhilfe, die er demonstrativ an den Tisch lehnte, wenn er sich auf seinem Stammplatz niederließ. Annika hatte das Brötchen wie gewohnt üppig belegt, ein Croissant daneben platziert, frischen Kaffee abgefüllt und alles auf einem Tablett arrangiert. Mit angehaltenem Atem trug sie es zu ihm hinüber, murmelte »bitte sehr« und kehrte rasch hinter den Tresen zurück. Der Gast verströmte einen unangenehmen Geruch, der sie an faulende Kartoffeln in einem muffigen Keller erinnerte. Övenhorst musste im Geld schwimmen, schließlich hatte er nicht nur die Geschäftsräume im Erdgeschoss, sondern auch ein Dutzend Wohnungen in den oberen Etagen vermietet. Er selbst bewohnte die kleinste von allen. Sie befand sich auf der Rückseite des Hauses, neben der Spielothek, die ebenfalls zu seinem Imperium gehörte. Außerdem besaß er ein weiteres Geschäftshaus in der Fußgängerzone und eine Barkasse im Hafen, mit der Touristen zu den Seehundsbänken geschippert wurden. Trotz der Einnahmen daraus sowie aus Vermietung und Verpachtung, die Annika auf mindestens zwanzigtausend Euro monatlich schätzte, kam der Hausbesitzer wochenlang in derselben abgewetzten Hose und im selben verwaschenen Hemd in die Bäckerei. Seine Schuhe waren ausgetreten, und die graubraune Jacke, die er zu jeder Jahreszeit trug, hatte auch schon bessere Tage gesehen. All das hätte sie nicht gestört, wäre da nicht dieser Geruch gewesen. »Alte ungewaschene Männer riechen so«, hatte Timo ihr erklärt und mit den Schultern gezuckt, als sie sich bei ihm beklagt hatte. »Kenne ich von meinem Opa.«
Die Ladentür wurde geöffnet, eine ältere Dame aus der Nachbarschaft und ein junger Mann betraten den Verkaufsraum und unterbrachen Annikas Gedankenfluss. Weitere Kunden erschienen, Annika musste sich auf deren Wünsche konzentrieren und verschwendete keinen Gedanken mehr an Öve. Am Rande bemerkte sie, dass er sein Frühstück beendet hatte und den Laden, wiederum grußlos, verließ.
Gerhard Övenhorst humpelte durch die Fußgängerzone. Sein Ziel war ein Wohn- und Geschäftshaus an der Nordersteinstraße. Er hatte es vor Jahren günstig erworben. Nach dem Abriss des Karstadt-Kaufhauses war auf dem Weg zum Kaemmererplatz eine hässliche Brachfläche entstanden, die den Eindruck vermittelt hatte, die Geschäftszeile sei hier zu Ende. In der Folge waren einige Betriebe aus der Nachbarschaft in die Insolvenz und die Immobilienpreise in den Keller gegangen. Eins der leer stehenden Gebäude hatte er gekauft, die Geschäftsräume ungenutzt gelassen und die übrigen Räume hauptsächlich an osteuropäische Arbeiter vermietet. Innerhalb von drei Jahren waren die Ausgaben für den Kauf wieder hereingekommen. Unter den Bewohnern hatte er ein Brüderpaar gefunden, das bereit war, gegen ein entsprechendes Entgelt zahlungsunwillige Mieter zur Räson zu bringen oder hinauszuwerfen. Außerdem halfen sie bei Bedarf auf der Kühlen Brise aus, der Ausflugs-Barkasse, mit der er an Touristen verdiente.Die beiden ehemaligen Hafenarbeiter hatten wegen gemeinsamer Eigentumsdelikte eingesessen und waren auf Bewährung. Ihre Freiheit hing davon ab, dass er ihnen einen festen Wohnsitz und ein Arbeitsverhältnis bescheinigte. Sie hatten die Bewohner, die ohnehin keinen Mietvertrag besaßen, an die Luft gesetzt. Nachdem das Haus vollständig entmietet war, hatte er es saniert und modernisiert. Inzwischen war die Baulücke an der Nordersteinstraße durch eine moderne Geschäftszeile geschlossen worden und Övenhorst hatte begonnen, Läden und Wohnungen seines Gebäudes zu vermieten. Mit ordentlichen Verträgen, aber zum höchstmöglichen Mietzins. Und mit bewährter Steigerungsklausel. Niemand war gezwungen, das zu akzeptieren, doch er hatte immer Menschen gefunden, die dazu bereit waren. Das würde auch für dieses Haus gelten. Noch standen die Räume leer, aber für die Geschäftsräume im Erdgeschoss hatte er bereits einen Vertragspartner, und es gab Interessenten für die freien Wohnungen, bevor er sie überhaupt inserieren konnte. Heute würde er das erste Apartment im Dachgeschoss übergeben, obwohl in den Läden die Handwerkerarbeiten nicht abgeschlossen waren. An eine offensichtlich gut situierte alleinstehende Dame. Sie dürfte keine Probleme mit der steigenden Miete haben. Eine Stunde vor dem verabredeten Termin für die Aushändigung der Schlüssel stieg er die Treppe aus hellgrauem Naturstein zu den Wohnungen hinauf. Unterhalb der Dachgeschosswohnungen begegnete ihm eine junge Frau, die höflich grüßte und an ihm vorbei die Treppe hinabeilte. Er hatte sie noch nie gesehen. »Wer sind Sie?«, rief er ihr nach. »Was machen Sie hier? Wie sind Sie hier reingekommen?«
Sie blieb stehen, wandte sich um, stieg einige Stufen wieder hinauf und musterte ihn kritisch. »Wer will das wissen?«
»Ich bin der Eigentümer«, knurrte Övenhorst. »Und mich interessiert, wer in meinem Haus herumläuft.«
Ihre Miene entspannte sich. »Dann sind Sie der Vermieter von Frau Doktor Anderson! Ich werde bei ihr zur Untermiete wohnen. Ein Handwerker, ich glaube ein Maler, hat mich reingelassen, als er ging.« Sie nahm eine weitere Stufe und streckte die Hand aus. »Mein Name ist Solveig Vollmer. Ich wollte nur mal sehen, wo genau die Wohnung liegt.«
Övenhorst achtete nicht darauf. Er schüttelte den Kopf. »Untermiete ist nicht erlaubt. Suchen Sie sich etwas anderes!«
»Frau Anderson bittet selbstverständlich um Ihre Zustimmung und hat eine entsprechende Erklärung vorbereitet. Sie brauchen nur zu unterschreiben.«
»Das wäre ja noch schöner!« Övenhorst hob die Stimme. »Ich unterschreibe nichts, was nicht von mir oder meinem Anwalt stammt. Untervermietung kommt nicht infrage. Basta!« Er wandte sich zum Gehen. »Und Sie...

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